‘The Rocky Horror (Picture) Show’ oder: Wie ich damals in der Schule queeres Begehren lernte

Der Butch-Liebste und ich sind gerade schwer im Glee-Wahn und gucken uns alle alten Folgen nochmal an, während wir auf die jeweils neueste Folge des Glee Projects und natürlich die Fortsetzung der Serie im Herbst warten. Außerdem habe ich vor ein paar Tagen endlich ein paar Blogs gefunden, die sich intelligent, detailliert und kritisch (u.a.) mit Glee und dem eigenen Glee-Fandom befassen (z.B. Letters from Titan, Deconstructing Glee oder Biyuti) und könnte mir daraus problemlos ausreichend Hirnkicks für mehrere Wochen holen. Ich könnte auch vieles zu meiner eigenen Sicht auf Glee schreiben, z.B. darüber wieso ausgerechnet diese Show mich nach über zwanzig Jahren erstmals wieder zu einem ziemlich obsessiven Fan gemacht hat und was an ihr trotzdem problematisch ist. Aber: ein andernmal. Vielleicht. Hoffentlich.

Mit Glee hat meine Idee für diesen Text nur insofern zu tun, als dass jede amerikanische High-School-Darstellung in den populären Medien mir stets aufs Neue klarmacht, dass mein Leben in einer mitteldeutschen Großstadt in Westdeutschland zwischen sechzehn und achtzehn definitiv anders aussah als in diesen Filmen/Serien.

Case in point: The Rocky Horror (Picture) Show.

Als ich sechzehn war, haben wir die Rocky Horror Show mit der Schultheater-AG meines Gymnasiums aufgeführt. Das war 1989. Und abgesehen davon, dass unser Rektor kurz vor der Premiere ein peinliches Interview im lokalen Radio gegeben hat, in dem er wirres Zeug von “humanistischen Werten” geredet hat, war das Ganze für die Erwachsenen um uns herum im Grunde kein großes Ding. In anderen Worten: im Unterschied zur Inszenierung in The Rocky Horror Glee Show (02×05) trauten uns offenbar fast alle Erwachsenen zu, dass wir mit den Themen dieses Musicals ohne moralisch-psychologische Betreuung und erotische Entschärfung zurechtkommen würden (und im Gegensatz zu amerikanischen High Schools waren die Schüler*innen dieses Gymnasiums – und damit ein Teil unserer  Zuschauer*innen – immerhin teilweise erst zwölf!).

Und je unaufgeregter die Erwachsenen mit der Sache umgingen, desto einfacher war es für uns, uns halbwegs entspannt mit all den sexuell grenzüberschreitenden Elementen von Rocky Horror auseinanderzusetzen (was natürlich genau das ist, was die besorgten Lehrer*innen und Eltern in Glee und ihre realen Gegenstücke nicht wollen). Und genau das haben wir dann auch getan.

Als erstes haben alle Theater-AG-Interessierten den Film (d.h. einen Mitschnitt aus dem Fernsehen, denn das erste RHPS-Kaufvideo erschien erst ein Jahr später) gemeinsam mit unserem Lehrer angeschaut. In einem Klassenraum. Auf einem dieser Fernsehwagen, auf denen wir sonst im Religionsunterricht Problemfilme wie “Wir Kinder vom Bahnhof Zoo” angeguckt haben. Auf englisch mit deutschen Untertiteln, die man bestimmt nicht von überall im Raum lesen konnte. Es war also definitiv kein Setting, das irgendwie offensichtlich erotisch konnotiert gewesen wäre – abgesehen natürlich von der Erotik der Grenzüberschreitung, genau diesen Film in genau diesem Setting mit einem Haufen praktisch fremder Menschen zu gucken. Natürlich konnte niemand von uns offen zeigen, dass irgendetwas an dieser Erfahrung erotisch aufgeladen war, egal, wie groß dieser Elefant im Zimmer herumstand. Dabei will ich nicht behaupten, dass ich den Film und alle seine Referenzen damals auch nur annähernd verstanden hätte, aber dass irgendwas daran sensationell war, transportierte sich trotzdem. Und ich bin mir trotz meiner etwas nebligen Erinnerung an diesen Teil ziemlich sicher, dass ich Frank N. Furter spontan verdammt spannend fand. Zu einem Zeitpunkt, zu dem ich in meiner eigenen sexuellen Erfahrung gerade mal beim gelegentlichen Partygeknutsche mit diversen Jungs und unerwiderten Crushs auf andere Jungs angekommen war und mich selbst für zweifellos unterdurchschnittlich erotisch hielt.

Im Gegensatz zu allen anderen “Männern in Frauenkleidung”, die ich bis dahin gesehen hatte (z.B. Peter Alexander in Charleys Tante) war Frank N. Furter nämlich ganz klar keine Witzfigur und trug weder aus Not und Sachzwang, noch zu irgendjemandes Gefallen (außer seinem eigenen) seine Outfits. Er war nie komödiantisch “effeminiert”, nie unsicher in seinem geschlechtlichen Auftreten, nie entschuldigend (außer als es am Schluss um sein Überleben geht, und auch da blieb unklar, wieviel davon nur eine manipulative Show für seine Widersacher war) sondern immer eine Mad-Scientist-Boss-Diva, die ganz genau wusste, was sie wollte und wie sie es bekommt. Und auch heute lese ich Frank nicht als Transfrau oder als cross-transgender im “alltäglichen” Sinn. Womit ich eigentlich meine, dass ich bei Frank absolut nicht die geringste Passing-Absicht als Frau (oder Mann!) erkenne (die, Disclaimer, natürlich auch nicht alle alltäglichen Transfrauen/Cross-Transgender-Leute haben), sondern vor allem eine geschlechtliche Existenz komplett jenseits dieser Kategorien und auch jenseits jeden Alltags. Ich finde seine Attitüde (wenn auch nicht sein Geschlecht!) in diesem Zitat aus einer Rezension der Rocky Horror Glee Show ziemlich treffend beschrieben:

In the movie, [Sweet Transvestite] is our introduction to Frank, and it’s about celebrating who you are even though others might think it’s strange. Frank doesn’t say, “Oh, by the way, I’m a transsexual.” He says, “I’m a transsexual and I am fucking fierce, bitches!” [von hier]

In meinem beschränkten Vokabular von 1989 war Frank für mich jedoch ein “Mann”, der in Netzstrümpfen, Strapsen und Lippenstift schlicht und ergreifend verdammt sexy und wunderbar polymorph pervers war (um nun doch wieder in meinen jetzigen Sprachgebrauch zu wechseln). Was insbesondere für Tim Currys Verkörperung galt, aber nicht auf ihn beschränkt blieb.

Jedenfalls wurde ich kurz darauf eine von den Transsylvanians, die in unserer Version des Stücks allesamt weiblich waren und als eine Art griechischer Chor in aufreizender, spärlicher Bekleidung fungierten. Es war unsere Aufgabe, Frank N. Furter und diverse andere Charaktere anzuhimmeln, ein bisschen Backgroundgesang zu betreiben, sexy am Bühnenrand herumzulungern und zwischendurch das zu simulieren, was unser Theater-AG-Leiter für lesbische Erotik hielt. Unter anderem lernten wir die offenbar fundamental wichtige “Blauer-Engel“-Pose und übten uns in groupie-eskem Begehren insbesondere von Männlichkeit mit Strapsen, Netzstrümpfen und Lippenstift (Frank), aber auch von Männlichkeit ohne jeden Verstand, aber mit dicken Muskeln (Rocky), Männlichkeit in punkiger Lederjacke und Springerstiefeln (Eddie) und diversen Weiblichkeiten in Strapsen, Korsetts und High Heels (die anderen Transsylvanians). In ungefähr dieser Priorität. Außerdem sollten wir eine Art Spiegel und Verstärker der lesbischen Seite von Magenta und Columbia sein, insbesondere während des Lieds Touch-a, Touch-a, Touch-a, Touch me. In anderen Worten: wir bekamen Unterricht im Ausdruck mehrerer Arten queeren Begehrens und in femininer, erotischer Selbstdarstellung. Und all das war offensichtlich vollkommen in Ordnung und überhaupt kein Problem.

Obendrein fand all das im geschützten Rahmen der Öffentlichkeit der Theater-AG statt, mit der stets präsenten Möglichkeit, sich auf die verkörperte Rolle zu berufen und sich von eben jener zu distanzieren, wenn sich plötzlich etwas ein bisschen zu “echt” anfühlte. Was nicht heißt, dass wir Darsteller*innen nicht ausgiebig das Verschwimmen zwischen Rollen und Personen ausgekostet hätten. Im Gegenteil, ich erinnere mich an eine allgemein experimentierfreudige Atmosphäre, in der eine erstaunliche Bandbreite von Erotik und Sex grundsätzlich positiv besetzt waren (auch wenn ganz bestimmt nicht jeder Witz und jede Anspielung immer nur respektvoll und wertschätzend waren). Mit meinem heutigen Vokabular würde ich übrigens viele der Begegnungen am Rande der Proben und später der Aufführungen als “Fanfiction meets Improvisationstheater” bezeichnen. Das einzige, das ich in all dem ein bisschen unangenehm fand, war die etwas sehr überschwenglich-“lesbische” Darstellung von einer der Transsylvanians (im Nachhinein würde ich sagen, sie hatte aus mir unbekannten Gründen ein Problem damit, anderer Leute Grenzen und die Grenzen des gegebenen Rahmens wahrzunehmen). Aber grundsätzlich kann ich mir kaum einen besseren Rahmen für mich in dieser Zeit vorstellen, um Erotik und Begehren außerhalb und unabhängig von “Beziehungen” zu erkunden.

Wir alle fühlten uns trotz der relativ entspannten Erwachsenen um uns herum dennoch sehr rebellisch und cool mit dem, was wir da taten. Schließlich ging es immer noch um Sex, und um devianten, grenzüberschreitenden Sex noch dazu (nicht, dass wir das damals so hätten benennen können, aber klar war es uns trotzdem). Und außerhalb der Theater-AG-Stunden ging das “normale” Leben ja trotzdem erstmal weiter. So war allein die Tatsache, dass wir uns für die Show Strapse anschaffen mussten, praktisch eine Art Initiationsritus. Zur Erinnerung: es gab damals weder einen H&M, in dem Strapse und Korsetts für jeden Teenie unproblematisch und preisgünstig zu finden gewesen wären, noch das Internet, in dem wir solche Dinge bequem von zuhause aus hätten bestellen können. Nein, wir mussten uns persönlich in das örtliche Miederwarenspezialgeschäft begeben und mit verlegenheitsglühenden Wangen äußerst anständige Verkäuferinnen mittleren Alters fragen, ob sie Strapse führen, woraufhin wir ein sachlich-kompetentes Beratungsgespräch zum Thema “Strumpfgürtel” bekamen, bevor wir dann zwischen den exakt zwei vorrätigen Modellen wählen konnten. Ähnliches galt für die dazugehörigen halterlosen Strümpfe. Ich persönlich habe für Rocky Horror auch meine ersten Pumps überhaupt gekauft (sie waren nicht besonders schick, aber immerhin schwarz und bezahlbar) und gelernt, darin zu laufen und zu tanzen. Besonders hübsch und in ihrer Seltsamkeit äußerst stimmig finde ich auch die Tatsache, dass meine Mutter mir ihre weißen Satin-Hochzeitshandschuhe als Teil meines Bühnenoutfits überlassen hat. Ich nehme das im Nachhinein mal als weitere Initiationshandlung in mein Dasein als sexuelles Wesen.

Das Stück wurde nach Abschluss unserer Proben (selbstverständlich, und anders als über zwanzig Jahre später bei Glee) vollständig aufgeführt, auch wenn es vom Theater-AG-Leiter eine weitere Rahmenhandlung drumherumgeschrieben bekam, in der wir alle die Insassen einer psychiatrischen Klinik waren, die angeblich an einer “Gruppenpsychose” litten und vom Klinikleiter nun dem geschätzten Publikum im Stile einer wissenschaftlichen Freakshow vorgeführt wurden. Ganz wie damals zur Zeit des Hays-Code also, als Manche mögen’s heiß seine eigene Rahmenhandlung bekam, innerhalb derer dann unglaublich subversive Geschichten über Gender und Sexualität erzählt werden konnten (und der Hays-Code letztlich als solcher ad absurdum geführt wurde). Nicht die schlechteste Tradition, in der wir hätten verortet werden können, auch wenn die Sache mit den zur Schau gestellten “Geisteskranken” leider nicht eindeutig als Kritik an historischen akademischen Praxen gelesen werden musste, sondern auch einfach als stereotyper “Witz” über die “lustigen Irren” rezipiert werden konnte. Und abgesehen davon, dass ja der Erzähler/Kriminologe im Stück selbst bereits einen ähnlichen Rahmen schafft. Aber offenbar hielt unser Lehrer es für nötig, hier noch etwas dicker aufzutragen. Uns war es egal, denn es war sowieso klar, dass kein Mensch die Rahmenhandlung ernst nehmen würde. Uns interessierte nur, was im Mittelteil passierte.

Ich verdanke also einen enorm wichtigen Teil meiner erotischen Sozialisation der Rocky Horror Picture Show und unserer Inszenierung davon. Bis heute bin ich fest davon überzeugt, dass ich später im Leben mit den verschiedenen Aspekten meiner Queerness deutlich mehr Probleme gehabt hätte, wenn ich nicht so früh dieses grundsätzliche Okay für alle möglichen geschlechtlichen und sexuellen Normabweichungen von der Rocky Horror Picture Show bekommen und nie wieder vergessen hätte. Unsere Schulinszenierung verschaffte mir dann auch meine erste persönliche Bekanntschaft mit einer richtigen, echten Lesbe, die einige Jahre später dann ein ungemein wichtiger Kontakt für meine ersten Schritte in die örtliche FrauenLesbenszene war und für die ersten Bausteine meiner Grundbildung in lesbischer Kultur von k.d. lang über Desert Hearts bis zu Susie ‘Sexpert’ Bright und ihren Informationen zur großen weiten Welt von real-existierendem lesbischem Sex war. Wer hätte das damals ahnen können?

Vermutlich war die Rocky Horror (Picture) Show dann auch nicht zufällig meine erste, richtige Fan-Obsession, auch wenn ich nie Teil eines Fanclubs oder eines Shadowcasts (das sind die Leute, die die Handlung des Films vor der Leinwand parallel mitspielen) gewesen bin. Und so besitze ich bis heute eine Sammlung von Rocky-Horror-Devotionalien aus dieser Zeit. Sie enthält zum Beispiel Dutzende klitzekleiner Ausschnitte aus Fernsehzeitungen, in denen die Ausstrahlung des Films angekündigt wurde, einen dreibändigen, schnell dahingeklatschten Rocky-Horror-Comic, den ich mal irgendwie zufällig im Comicladen entdeckt hatte, Auszüge aus Musical-Fachzeitschriften mit Rocky-Horror-Kritiken, die ich per Fernleihkopie in der örtlichen Stadtbibliothek bestellt und wochenlang ersehnt hatte, nur um am Ende enttäuscht festzustellen, dass noch nichtmal ein Bild dabei war, und natürlich den Zeitungsauschnitt aus der Lokalpresse mit dem Foto, auf dem auch ich ganz am Rand in unvorteilhafter Tanzhaltung zu erkennen bin (ich weiß es noch genau: ich kam in dieser Szene als letzte auf die Bühne und meine Co-Transsylvanians hatten mir leider nicht genug Platz gelassen, um “richtig” zu tanzen). Das Herzstück meiner Sammlung war lange die Doppel-LP mit dem Soundtrack des kompletten Films mitsamt Zuschauerkommentaren, die ich rauf und runter gehört habe und bis heute (vermutlich) komplett mitsprechen kann. Besondere Erwähnung möge hier außerdem das Elektromesser finden, dass mir eine frühere beste Freundin auf dem Flohmarkt gekauft hatte und es mir in ein Metal-Hammer-Poster zum Soundtrack der Dinner-Szene aus dem Film überreichte. Zusammen mit selbstgebackenen Rocky-Horror-Keksen. <3

Aber das war ja erst der Anfang meines Lebens mit Rocky-Horror. Etwa zweieinhalb Jahre später war ich dann Columbia in einer Rocky-Horror-Inszenierung an einem semi-professionellen Theater in einer anderen Stadt (und war erneut sehr schlimm und unerwidert in einen der Frank-Darsteller verknallt und dachte außerdem so langsam ernsthaft über das Küssen von Frauen nach). Weitere zwei Jahre später gab es ein Revival der ursprünglichen Schultheateraufführung mit fast vollständiger Originalbesetzung. Das war relativ kurz nach meinem lesbischen Coming-Out und während meiner separatistischsten Lebensphase, was eine komplett neue Auseinandersetzung mit dem passenden Bühnenoutfit, der Simulation von lesbischer Erotik und der Präsenz einer weiteren Lesbe im Ensemble (die mich aber nicht weiter zur Kenntnis nahm) mit sich brachte. Sogar in der Uni habe ich (nochmal zehn Jahre später) Platz für meine Rocky Horror-Leidenschaft gefunden und einen fan-akademischen Blick auf das Phänomen der Zuschauerbeteiligung werfen können.

Zwischenzeitlich tendierte meine aktive Fan-Praxis zwar immer mal wieder gen Null, aber Rocky Horror hat wegen all dieser biographischen Verknüpfungen und des schieren, unbeabsichtigten Genies dieses Films noch immer einen ganz speziellen Platz in meinem Herzen und meinem Hirn. Und in den letzten Jahren entzücke ich mich weiterhin über immer neue multimediale RHPS-CrossoverKreationen

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Es gibt etwa 33 bis 454 Geschlechter…

Bei einer meiner Erkundungstouren durch Teile des Internets bin ich irgendwann auch auf der Website der Antidiskriminierungsstelle des Bundes gelandet. Dort findet sich eine Meldung zu einer aktuellen Plakatkampagne mit dem Slogan “Kein Mensch passt in eine Schublade!” (die ganze Reihe der Motive findet sich hier zum Anschauen). Illustriert mit dem stets gleichen Foto eines nostalgischen Kartenkatalog-Schubladenschranks (für die jüngeren Lesenden: sowas Schickes gab’s in jeder schnöden Stadtteilbibliothek bevor die Büchersuche digitalisiert wurde) werden hier die unterschiedlichen Diskriminierungsthemen des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) thematisiert: Herkunft, Geschlecht, Religion, Behinderung, Alter und sexuelle Identität.

Es finden sich daher auf den Schubladen lauter kleine Label mit Bezeichnungen wie: uralt, jung, alt; blind, gehörlos, lernbehindert, chronisch krank; Türken, Roma, Russen, Italiener; Muslime, Christen, Juden. Weitere Schubladenschilder sind zwar beschriftet, aber zu verschwommen um lesbar zu sein (jedenfalls auf der online verfügbaren Größe des Plakats). Ich könnte jetzt noch weiter fragen, warum die jeweils erstgenannten Begriffe jeweils auf der halb offenen Schublade im Mittelpunkt des Bildes stehen (handelt es sich dabei um besonders beliebte Diskriminierungsziele? besonders große “Minderheiten”?), warum es bei “Herkunft” keine Deutschen gibt (weil Deutschsein hierzulande die Norm und daher unsichtbar ist?), warum nichtbehindert auf keinem der Label steht (weil Schubladisierung nur dann ein Problem ist, wenn man deshalb diskriminiert wird?), und so weiter. Aber das alles soll heute nicht mein Thema sein. Halten wir für heute fest, dass eine Anzahl von mehr als drei Ausprägungen bei Kategorien wie “Herkunft” oder “Religion” vermutlich den meisten Menschen nicht ungewöhnlich erscheint.

Plakatkampagne "Kein Mensch passt in eine Schublade" - Motiv Sexuelle IdentitätAber dann gibt es da auch die Plakate zu Geschlecht und Sexualität. Lesen kann man: lesbisch, schwul, hetero, bisexuell bzw. Frau, Mann, Trans, intersexuell. Normalerweise ist ja allerspätestens nach diesen vier Begriffen Schluss mit dem vorhandenem Vokabular und Gedankenmodell. Nicht so auf diesem Plakat. Der Schubladenschrank hat nämlich ungefähr 33 sichtbare Schubladen. Und die Nummerierung derselben spricht gar von Zahlen im Bereich von 283 (Sexualität) und 454 (Geschlecht). Selbst wenn wir annehmen, dass jede Diskriminierungskategorie schön ordentlich ihren eigenen 100er-Nummernblock hat (die Fotos legen es nahe), so lässt das doch auf eine ungewohnt große Menge an möglichen und eigentlich sogar vorgesehenen Schubladen bzw. Identitätsbezeichnungen schließen – Platz dafür ist ja.

Plakatkampagne "Kein Mensch passt in eine Schublade!" - Motiv GeschlechtUnd ich muss schon sagen, es erfreut mein subversives Herz wirklich sehr, dass die Botschaft von den vielen, vielen Schubladen pro Kategorie jetzt so ganz unterschwellig und mit offiziell-behördlichem Stempel in die Öffentlichkeit getragen wird. Am allerschönsten finde ich aber die leeren Schilder (links im Bild) zum Selbstbeschriften, falls die vorgeschlagenen Label für die zufriedenstellende Selbstdefinition nicht ausreichen. Falls auch das nicht genug ist, können wir uns ja auf den guten alten analogen Verweis besinnen und auf unseren Karten in den Schubladen unserer Wahl kleine Hinweisnotizen zu unseren anderen Karten in den anderen Schubladen eintragen. Das ist dann auch schon fast wie Internet, wenn nicht (wegen des Mitmachfaktors) gar wie Web 2.0.

Weiterhin erfreue ich mich an Phantasien von kreativ ergänzten Plakaten dieser Kampagne im öffentlichen Raum (Tipp für die legale Variante dessen: man kann die Plakate demnächst kostenlos bestellen). Hach, so machen mir Identitätsschubladen wirklich Freude! Das war zwar jetzt nicht direkt die Botschaft der Plakatkampagne, aber da nehme ich mir doch gerne die Freiheit der eigenen Lesart.

Der Plan.

Also, Bloggen will ich ja schon lange. Ich habe in den letzten Jahren bestimmt auch schon zehn Blogs eingerichtet und begonnen, sie mit Inhalt zu füllen. Und fast genauso viele habe ich nach einer Weile wieder gelöscht, gesperrt oder einfach einschlafen lassen.

Es gibt natürlich diverse Gründe, weshalb ich immer wieder mit den Blogs aufgehört habe.

Nachdem ich einen thematischen Blog begonnen hatte, folgte über kurz oder lang eine Phase, in der das Thema des Blogs einen extremen Randplatz in meinem Leben eingenommen hat (so dass ich nichts dazu zu sagen hatte und der Blog ewig lang unaktualisiert brach lag). So ist das bei mir eben manchmal mit den Themen: sie beschäftigen mich eine Weile sehr intensiv (und manchmal auch etwas obsessiv), dann entdecke ich ein neues Interesse oder grabe ein altes Thema wieder aus und wende meine Aufmerksamkeit anderswo hin. Und wer folgt schon einem Blog, der manchmal monatelang nicht aktualisiert wird, weil seine Inhaberin gerade in einem anderen Projekt steckt und dort eifrig Texte, Veranstaltungen oder Kleidungsstücke produziert?

Bei Blogs, die thematisch offen waren, stieß ich immer wieder an die Grenzen dessen, was ich über mich, meine Leben, meine Interessen und meine Netzwerke frei zugänglich ins Internet stellen wollte. Ich bin nämlich alt genug, um das Verschwinden privater Räume on- und offline nicht vollkommen selbstverständlich und ganz großartig zu finden. Und seit ich nicht mehr studiere, sondern “hauptberuflich” in einem doch sehr mainstreamigen Umfeld arbeite, ist mir zugegebenerweise auch nicht mehr ganz so egal, wer was über mich erfährt. Die engeren Freund*innen und die ganz Fremden sind dabei ja nie so das Problem. Bloß diese ganzen Menschen, die man so ein bisschen kennt. Und es auch gern dabei belassen möchte. Will ich wirklich riskieren, dass all die sorgfältig getrennt gehaltenen Teile des Ganzen hier einfach unkontrolliert ineinander fließen?

Und schließlich wusste ich nie so richtig, ob ich nun auf deutsch (die Sprache des Landes, in dem ich lebe) oder auf englisch (die Sprache der meisten Blogs, die ich lese und in deren Netzwerk ich mich gern einknüpfen wollte) schreiben sollte. Oder gleich zweisprachig? Aber dann müsste ich ja jeden Beitrag zweimal schreiben – lohnt das denn? Und hätte ich da im Ernst Lust drauf?

Was ist diesmal also anders als sonst?

Ich habe vor, über alles mögliche zu schreiben, was mir gerade interessant erscheint. Vermutlich wird es einige Themen geben, die öfter mal vorkommen, weil sie mich recht zuverlässig immer mal wieder beschäftigen. Zum Beispiel: Geschlecht/Gender, Sexualität, Transgender, queer, Butch/Femme, Medien, Hochbegabung, Arbeit…

Irgendwas davon ist eigentlich immer irgendwie Thema, so dass eventuelle längere Veröffentlichungspausen vermutlich eher mit Zeitmangel als mit Inspirationslosigkeit begründet sein werden. Und vielleicht interessieren sich ja auch andere Leute für mehr als eins dieser Themen und freuen sich, damit nicht die einzigen zu sein. Und andere freuen sich vielleicht über Blicke über den eigenen thematischen Tellerrand. Das hat ja mit den analogen Kopier- und Schnibbel-Zines, die ich früher produziert habe, auch immer wieder ganz hervorragend geklappt. Und nicht zuletzt lese ich solche wild gemischten Blogs selbst auch ziemlich gerne.

Ich lasse es mal drauf ankommen, ob sich jemand zusammenreimt, wer ich bin, und was daraus für Schlüsse gezogen werden. Meine Teile des Ganzen sind ja sowieso immer alle da, auch wenn ich einige davon an dem einen oder anderen Ort eher bedeckt halte. Aber das ist ja auf Dauer auch nix, jedenfalls nicht für mich. Also riskiere ich jetzt einfach mal, wieder etwas öffentlicher etwas weniger einseitig wahrnehmbar zu werden. Ich bin überzeugt, das wird insgesamt zu meinem Wohlbefinden beitragen.

Offensichtlich habe ich mich erstmal für deutsch als Hauptsprache des Blogs entschieden. Ich glaube, es wird Zeit, ein bisschen mehr in meiner Nähe zu gucken und zu denken und zu schreiben (und hoffentlich auch gelesen zu werden). Wenn ich aber nun eines Tages feststelle, dass ein bestimmter Text gern auf englisch geschrieben werden möchte, dann ist das eben so.

Ich bin jedenfalls sehr gespannt, wie es hier weitergeht.