Über die Entwicklung von FLIT/FLINT Räumen

(Weil der letzte Beitrag hier über 3,5 Jahre alt ist: Meine Meinungen und mein Sprachgebrauch haben sich höchstwahrscheinlich seit dem letzten Eintrag geändert. Sollte es diesbezüglich Klärungsbedarf geben, bitte nachfragen.)

Vorbemerkungen zu diesem Beitrag

Dieser Beitrag ist eine Kopie meines sehr langen Twitter-Threads von gestern. Ich habe den Text selbst hier nicht weiter editiert, habe aber einige Zwischenüberschriften eingefügt, um etwas Struktur und Überblick zu schaffen. Da ich den Thread vorher nicht geplant hatte und ihn spontan nach und nach geschrieben habe, ist die Struktur trotzdem nicht immer komplett übersichtlich.

Außerdem hatte ich pro Tweet natürlich nur 280 Zeichen Platz, weshalb – trotz aller Detailtiefe – einiges immer noch verkürzt beschrieben ist (v.a. komplexe Identitäten und deren Beschreibungen, die ich hier oft ziemlich ahistorisch als “trans masc/male” oder “nonbinary” zusammengefasst habe). Beim nochmal Durchlesen heute sind mir zudem viele Punkte auf- und eingefallen, die ich nur sehr grob angerissen, aber dann doch nicht vertieft habe – aber vielleicht ist es auch einfach kein realistischer Anspruch an einen einzelnen Twitter-Thread, ca. 40 Jahre queere Geschichte vollständig und ausgewogen zu repräsentieren? ;)

Auch wichtig: Ich rede hier v.a. über den (west)deutschen bzw. deutschsprachigen Kontext. Dieser wurde durchaus durch Diskussionen in Nordamerika beeinflusst (nicht zuletzt durch das Ende der 1990er immer zugänglich werdendere Internet), hatte aber auch seine spezifischen Eigenheiten.

Der Thread zitiert sehr viele Begriffe (v.a. für trans Menschen), die wir heute so nicht mehr verwenden würden, schon gar nicht für andere Menschen. Ich finde es aber wichtig, im historischen Kontext auch die damals verwendeten Begriffe zu nennen, und sei es nur, weil es eventuell beim Lesen und Verstehen älterer Quellen hilft.

Hier noch ein ganz kurzes Abkürzungsglossar für die Begriffe, die nicht im Thread selbst erklärt sind. Andere Leute verwenden diese Begriffe ggf. anders, diese Erläuterungen gelten also erstmal nur für diesen Beitrag:

  • afab: assigned female at birth (bei der Geburt weiblich zugewiesen)
  • amab: assigned male at birth (bei der Geburt männlich zugewiesen)
  • trans masc: trans masculine = transmaskulin, oft irgendwie nicht-binärgeschlechtlich; manchmal Oberbegriff für alle trans Männer und transmaskulinen Personen
  • trans male: trans männlich, oft (aber nicht immer) binärgeschlechtlich
  • trans fem: trans feminin, oft irgendwie nicht-binärgeschlechtlich; manchmal Oberbegriff für alle trans Frauen und transfemininen Personen
  • nonbinary: nicht-binär(geschlechtlich)
  • ID: Identität, identitäts-
  • Bio-Queen: veralteter Begriff für eine cis weibliche Drag Queen

Ab hier: Unveränderte Kopie des Twitter-Threads mit eingefügten Zwischenüberschriften

Einleitung

Falls jemand das Akronym noch nicht kennt: FLINT = Frauen Lesben Inter Nonbinary und/oder Trans.

Manchmal wird auch nur FLIT genutzt, aber dann sind in der Praxis zumindest afab nonbinary Menschen immer mitgemeint.

Aktuelle Sprache/Anwesenheit sind auch nicht immer synchron.

Von “Frauen” zu “FrauenLesben”

Entwickelt hat sich das Ganze übrigens aus “Frauen”. Erst kamen (ich glaube, in den 80ern?) die Lesben explizit dazu, um sichtbar zu machen, dass nicht alle Frauen hetera sind. Das verschob sich dann zu “FrauenLesben” als quasi-Code für “Lesben und ein paar andere Frauen”.

Trans und nonbinary Menschen/Identitäten in FrauenLesben-Kontexten (1990er)

Ab den 90ern hatten immer mehr trans und inter Menschen ihr Coming-Out als solche und forderten Mitbenennung/explizite Einladung in den Räumen, in denen sie eh schon die ganze Zeit anwesend gewesen waren bzw. von denen sie wissen wollten, ob sie willkommen sind.

Wichtig zu wissen: “Trans” war damals der Oberbegriff für “transsexuell” (heute etwa: “binär trans”) und “transgender” (heute etwa: “nonbinary (trans)”). Als “genderqueer”, “genderfluid” o.ä. identifizierte Leute waren in der Praxis definitiv mitgemeint.

Eine wichtige Identität, deren Label heute kaum noch so verstanden wird wie damals, ist “Transgender Butch” für eine afab Butch, die sich weder als Frau noch als Mann identifiziert hat. (Meist war es “die Butch”, auch wenn die Person er-Pronomen hatte, seltener auch “der Butch”.)

(Sprachlicher) Umgang mit trans/nonbinary Menschen in (ehemaligen) FrauenLesben-Kontexten (ca. Mitte 1990er)

Da viele Leute/Gruppen/Orte enge persönliche und politische Verbindungen mit afab Menschen hatten, die dann ein Trans-Coming Out hatten, stand in den meisten Räumen ziemlich schnell fest, dass wir diese Menschen jetzt nicht einfach “rausschmeißen” wollen und können.

Die meisten bisherigen “FrauenLesben”-Räume entschieden sich daher für eine sprachliche Erweiterung ihrer “Zielgruppe”. Manche nannten sich nun kategorisch “männerfrei” (was i.d.R. als “cismännerfrei” gedacht war, weil “cis” als Begriff noch kaum bekannt war).

Manche Räume ließen in der Überschrift das “FrauenLesben” drin und schrieben untendrunter eine Liste mit den eingeladenen Identitäten, die “mitgemeint” waren. Manche Räume hatten nur noch solche Listen.

Es kamen aber mehr oder weniger die gleichen Leute wie vorher zu den Events.

Die Listen waren uneinheitlich und oft irgendwie unvollständig. Manche nannten z.B. explizit Butches und Femmes mit, oder Drag Kings, etc.

Es machte für viele von uns aber einen deutlichen positiven Unterschied, wirklich ausdrücklich EINGELADEN zu sein statt nur mitgemeint.

Parallel kamen auch immer mehr “all genders welcome” Events auf, v.a. im Kontext von Drag Kings.

Butches, Drag Kings, trans Männer, transgender Leute (ca. späte 1990er)

Dazu ist wichtig, dass die Grenze zwischen Butch, Drag King und trans Männern/transgender Leuten damals oft fließend war. Nicht alle Drag Kings haben auch auf Bühnen performt!

Es gab teils heftige “Grabenkämpfe” (border wars) zwischen diesen 3 IDs und ihren Schnittmengen. Und zwar ziemlich kreuz und quer. “Butch” verschob sich dabei immer mehr zu etwas, womit die meisten “Frau” assoziierten. Damit verschwand leider sehr viel Geschichte aus dem Blick.

Was wiederum dazu führte, dass immer weniger Nicht-(Nur)-Frauen sich als “Butch” identifizierten und eher andere Labels wählten. Daher kommt übrigens die Geschichte mit dem “Butch Flight” (dt. oft “Aussterben der Butches” o.ä.).

Weil es oft eben Leute waren, die als Butch vorher Teil der “FrauenLesben”-Community waren (oder geworden wären), die sich nun primär anderen IDs/Communitys zuordneten. Und das WAR emotional tatsächlich ein schwerer Verlust für viele, die so ihre engen Weggefährt*innen verloren.

Femmes (nicht nur) als Partnerinnen von Butches und trans masc/male Menschen (ca. später 1990er)

Kurzer Einschub zu Femmes: Viele Femmes aus Butch/Femme-Kontexten wurden mit dieser Verschiebung plötzlich auch mit aus “lesbischen” Räumen ausgeschlossen, wenn unsere Partner*innen aufhörten, sich als Frauen und/oder Lesben zu verstehen bzw. anfingen, er-Pronomen zu nutzen.

Egal, ob unsere Partner*innen sich nun als “100% Mann” identifizierten oder eine differenziertere Geschlechts-ID hatten: Wir waren nun endgültig nicht mehr “lesbisch genug”, und all das ohnehin vorhandene Misstrauen gegenüber unserer Femininität schien endlich gerechtfertigt.

Viele Butch/Femme-Kontexte, die im deutschspr. Raum ohnehin sehr klein waren, zerfielen entweder komplett oder verschoben sich in die “lesbische” oder die “trans” Richtung. Da B/F in der größeren Lesbencommunity eh Randfiguren waren, ließ uns das teils ohne jedes Zuhause zurück.

Erst recht, wenn wir unsere eigene Identität im Zuge der Transition unserer Partner*innen auch noch von “lesbisch” zu “queer” oder “bi/pan” änderten.

Auch sonst bekamen viele Femmes mit trans masc Partner*innen ziemlich viel Bi-Feindlichkeit ab, egal, was unsere ID war.

Aufkommen von Kontexten nur für trans masc/male Menschen; Partner*innen als “Angehörige” (ca. frühe 2000er)

Zeitgleich entstanden immer mehr Kontexte für trans Männer (die mehr oder weniger offen auch für nicht-binäre trans masc Menschen waren).

Dort wurden Partner*innen kategorisch als “Angehörige” definiert, zusammen mit Eltern und ggf. Freund*innen.

Daher kommt im englischsprachigen Raum das Akronym “SOFFAS” (Significant Others, Friends, Family and Allies).

Alle Angehörigen wurden dabei als ahnungslose, potenziell transfeindliche Personen konstruiert, die man als trans Mensch “aufklären” muss.

Was ziemlich absurd war, da es schon fast stereotyp war, dass Femmes oft diejenigen waren, die ihre trans masc/male Partner*innen überhaupt erst auf das Thema trans brachten und teils längst erheblich mehr Wissen über Transitionsmöglichkeiten und das politische Drumherum hatten.

Dass Femmes sich oft explizit und mehrfach für nicht-als-Frau-identifizierte Partner*innen entschieden (oder das sogar als ihre sex./rom. Orientierung empfanden), wurde mehr und mehr als “Fetischisierung” von trans masc/male Menschen und als implizit transfeindlich konstruiert.

Umso mehr, wenn die Femme sich trotzdem aus politischen Gründen weiter als Lesbe statt als Bi-Frau identifizierte.

(Ihr seht, das ist alles absolut keine neue Diskussion!)

Die Realität war natürlich differenzierter: Manche Lesbe/trans masc/male Paare trennten sich. Andere passten ihre Label aneinander bzw einseitig an. Manche akzeptierten den vemeintlichen Widerspruch in “Lesbe in Beziehung mit trans Mann” als unauflösbar, aber nicht problematisch.

Weitere sprachliche Inklusionsversuche von trans/nonbinary Menschen in (ehemals) FrauenLesben-Räume

Aber zurück zu den Räumen und deren Labeln:

Wir waren sprachlich bei entweder “männerfrei”, “FrauenLesben mit Liste der Mitgemeinten” oder “Liste der Mitgemeinten”. Plus: “all genders welcome” (was in der Praxis meist afab-zentriert war) und zunehmend auch trans-only Räumen.

Mit Ausnahme der trans-only Räume, wurden einzig cis Lesben immer und überall eingeladen. Alle anderen mussten entweder sehr genau lesen, ob sie eingeladen waren oder sich quasi “traditionshalber” mitgemeint fühlen, egal, was da stand.

Es blieb ein latent unbequemer Kompromiss.

Weiterentwicklung von queerer/trans Sprache allgemein

Parallel dazu entwickelte sich auch queere Sprache und die damit ausgedrückten Denkkonzepte weiter.

Der Unterstrich (gender gap) bzw. später das Sternchen (oder andere Zeichen) etablierte sich, während “nonbinary”/”nicht-binär” zunehmend auch auf Deutsch benutzt wurde.

Fast die gleichen Diskussionen, die es in den 90ern zwischen selbst-identifizierten “Transsexuellen” und “Transgendern” gegeben hatte, fanden nun zwischen nonbinary Menschen (trans und nicht-trans) und binären trans Menschen (inkl. “Truscum”/”transmedicalists”) statt.

Und wir fingen alle an, trans als Adjektiv zu nutzen und “trans Mann” statt “Transmann” zu schreiben.

Trans bekam erst ein Sternchen für mehr Inklusivität, was dann wieder (für mehr Inklusivität) entfernt wurde. Frauen (und manchmal Männer) bekam ebenfalls oft ein Sternchen.

Oft existierten viele sprachliche Formen parallel, weil die aktuell präferierte Form sich super schnell änderte (bis heute). Selbst absolut wohlmeinende Leute/Gruppen kommen da oft gar nicht hinterher, v.a. wenn sie langsame Entscheidungsprozesse haben.

FLIT als neues Akronym; Aufkommen von “cis”

Parallel wurde “FrauenLesben” auf “FLIT” (FrauenLesbenInterTrans) erweitert (bzw. die langen ID-Listen darauf zusammengekürzt). “Trans” war dabei (wie oben schon gesagt) inklusive binäre trans Frauen und nichtbinäre afab Menschen gedacht (und wurde in der Praxis so gehandhabt).

Ach ja, fast vergessen: Es etablierte sich außerdem die Bezeichnung cis für nicht-trans/nicht-nonbinary Menschen. (Auch zuerst z.B. als “Cisfrau” und später als “cis Frau”.)

Davor gab es noch längere Zeit die Konstruktion “Biofrau” als Gegenstück zu “Transfrau”.

Vernachlässigung von trans Frauen und anderen trans femininen Menschen

Spätestens jetzt dürfte klar sein, dass trans Frauen (ganz zu schweigen von anderen trans femininen Menschen) in dem ganzen Hin und Her oft ziemlich vernachlässigt wurden.

Der absolute Großteil der Diskussionen drehte sich fast komplett um afab nobinary/trans masc/male Menschen.

(Deswegen ist es für mich manchmal anfangs sehr verwirrend, wenn ich Beschwerden lese, dass “niemand” über trans Männer redet, weil ich das damals so vehement als EINZGES trans Thema mitbekommen habe. Ist aber in der allgemeinen “Trans-Diskussion” heute tatsächlich sehr anders!)

Strukturell bevorzugte Einschlüsse von trans masc/male Menschen in FLIT Räumen (im Vergleich zu trans Frauen/Fems)

Diese Vernachlässigung von trans Frauen war einerseits “strukturell” bedingt, weil trans Frauen (anders als viele trans Männer) prä-Transition noch nicht Teil lesbischer/FLIT Räume waren und überhaupt erstmal Zugang zu diesen Räumen finden mussten, um dort eine Stimme zu haben.

D.h. trans Männer saßen eh schon im Raum, wir kannten sie bereits als Individuen, hatten teils ihre ID-Findungsprozesse miterlebt und hatten oft viele Jahre mit ihnen Räume geteilt.

Da war es sehr viel schwerer, diese Leute plötzlich als “Feindbild Mann” zu konstruieren…

“Frau” und “Mann” als politische Kategorien; Trans Männer als “nicht-ganz-Männer” im politischen Sinn

Die allermeisten dieser Räume hatten ja einen feministischen politischen Hintergrund und haben entsprechend oft “Männer” primär und kategorisch als “die Anderen” und “die Unterdrücker” bzw. “die Gewalttäter” gedacht.

Und diese uns bekannten Menschen waren ja gar nicht wie “die”.

D.h. sie waren in diesem (politischen) Sinne eben auch nicht so wirklich “Männer”, weil sie ja ebenso wie “wir” frauenfeindliche Diskriminierung erlebt hatten (und oft weiter erlebten).

Daher sahen viele FrauenLesben trans masc/male Leute weiterhin als Teil von “wir”.

“Mann” (ebenso wie “Frau”) war also primär eine *politische* Kategorie, die dann oftmals biologistisch symbolisiert/ausgedrückt wurde.

(Vergleichend dazu: Monique Wittig “Lesben sind keine Frauen” – nämlich im politischen Sinne innerhalb des heteronormativen Patriarchats.)

In diesem(!) Sinne hat es also eine gewisse Wahrheit, dass trans Männer “keine Männer” sind – weil sie i.d.R. zumindest einen nennenswerten Teil ihres Lebens eben NICHT dieser Kategorie zugeordnet und als solche behandelt wurden (egal wie gerne sie das evtl. gehabt hätten).

(Das macht natürlich den damit oft verknüpften Biologismus in keiner Weise richtig oder okay!

Ich beschreibe hier ausschließlich queer-politisch-soziale Entwicklungen, die ich mitbekommen habe – egal, ob ich sie heute noch gutheiße oder damals gutgeheißen habe.)

Pauschales Misstrauen gegenüber trans Frauen; Gatekeeping

Jedenfalls: Analog dazu wurden trans Frauen umgekehrt oft erstmal grundsätzlich mit Misstrauen betrachtet. Schließlich waren sie “neu” bei “uns”. Und wegen der Vermischung von politischer Kategorie und Biologie waren sie zumindest erstmal “anders” als “wir”.

Sprich: trans Frauen mussten uns erstmal “beweisen”, dass sie dazugehören, und zwar in erheblich größerem Maße als jede cis Frau (wobei es durchaus Formen von Femininitätsfeindlichkeit gab, die hier sowohl cis Femmes wie auch trans Frauen getroffen hat).

Das ist natürlich eine super unfaire Konstellation, die man eigentlich kaum “gewinnen” konnte. War die trans Frau “zu feminin”, war sie “nicht lesbisch bzw feministisch genug”. War sie “zu maskulin”, war sie “nicht Frau/weiblich genug”. (Dieser Double Bind existiert bis heute.)

[hier hatte ich eine kurze Schreibpause gemacht]

Eine “harmlosere” Variante dieses Gatekeepings war, dass wir an das “korrekte” Verhalten von trans Frauen erheblich strengere Maßstäbe angelegt haben als an das Verhalten sehr vieler cis Frauen (und teils auch anderer afab Leute).

Femininitätsfeindlichkeit in lesbischen/feministischen Kontexten

Und ja, zu diesem “wir” gehöre ich definitiv dazu. Auch wenn ich gleichzeitig auch eine “Verwandtschaft” mit trans Frauen empfunden habe, weil die sich ebenso wie ich als Femme oft sehr explizit für *Femininität* im Genderausdruck entschieden und diese wertgeschätzt haben.

Die Femininitätsfeindlichkeit in lesbisch-feministischen Kontexten war (ist) nämlich teils echt krass. Je femininer mein Aussehen/Auftreten wurde, je häufiger wurde mein Recht, mich in Lesbenräumen aufzuhalten, angezweifelt. Dazu kamen meine trans masc/male Partner*innen (s.o.).

Zugehörigkeitsnormen und deren Infragestellen durch verschiedene Gruppen

Je mehr meine eigene Zugehörigkeit in Frage gestellt wurde, desto mehr habe ich die Zugehörigkeitsnormen zu Lesbenräumen (etc.) insgesamt in Frage gestellt. Ich glaube, das ging parallel vielen so: Femmes, Butches, trans masc/male Leuten, cis Partner*innen von trans Frauen…

Davor/parallel/überschneidend gab es natürlich auch weitere Diskussionen, die sich schwerpunktmäßig um Race (Schwarze Lesben), Class (Proll-Lesben), Behinderung (Krüppellesben) u.a. marginalisierte Leute/Gruppen in diesen Kontexten drehten. Dazu kann ich aber nicht so viel sagen.

Wichtig ist aber, dass es *immer* eine Gleichzeitigkeit von vielen feministischen und lesbischen Diskussionen gab, und es *nie* eine statische Einigkeit gab, wer nun wie zu “uns” dazugehört und wer nicht. Außer evtl. in sehr kleinen/spezifischen Untergruppen.

Es existierten also immer auch “separatistischere” und “offenere” Gruppen und Events nebeneinander, teils sogar mit personellen Überschneidungen. Das ganze war und ist ein dynamischer Prozess, oft auch regional unterschiedlich kein Monolith.

Gespräche mit Veranstalter*innen zu Trans-Inklusion

Und viele von uns sind auch trotz politischer und sozialer “Bauchschmerzen” zu Events gegangen, weil es einfach NICHTS anderes gab (teils, weil wir lokal zu wenig Leute waren, um selbst was zu organisieren). Und weil uns halt wenigstens zugehört wurde (v.a. als cis Lesben).

Ich erinnere mich an mehrere Diskussionen mit verschiedenen Veranstaltungsteams, wo wir dafür argumentiert haben, sowohl trans Frauen als auch trans masc/male Leute einzuladen. Und wie wir das dann mit den Klos handhaben (auch so ein Dauerbrenner unter den “umkämpften” Orten)…

Ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, dass das tatsächlich was gebracht hat, weil im diesen Gesprächen (und in der persönlichen Begegnung mit trans Leuten) oft klar wurde, dass die vorhandenen Ängste vollkommen unnötig und teils komplett “fehlplatziert” sind.

Es hat aber halt auch immer wieder erfordert, dass trans Menschen sich diesen Situationen aussetzen. Und nur weil die Veranstalter*innen transinklusiv waren, war es der Rest der Anwesenden trotzdem leider nicht unbedingt…

Unterschiede zwischen Ankündigungen und Veranstaltungsrealitäten

Was auf dem Papier stand, war also nicht unbedingt das, was auch real vor Ort stattfand – in beide Richtungen. Manche Gruppen/Events waren auf dem Papier vollkommen “korrekt”, aber die Atmosphäre vor Ort war trotzdem sehr eisig gegenüber v.a. (erkennbaren/bekannten) trans Frauen.

Andere Gruppen/Events haben sich erst super spät umbenannt, waren aber in der Praxis schon viel länger transinklusiv (teils waren sogar *mehr* trans Leute als cis Leute in den entsprechenden Orgateams!). Das war/ist allerdings oft echt schwer von außen zu erkennen.

Manche Events haben auch fragwürdige Kompromisse gemacht. Da stand dann zwar “FrauenLesben” drauf, aber persönlich bekannte trans masc/male Personen waren trotzdem willkommen. Es war ein bisschen “don’t ask, don’t tell” (was natürlich nur bedingt funktioniert hat).

Ich kenne sowohl mehrere trans masc/male Personen, die NIE zu sowas hingehen würden als auch solche, die prima damit leben können. Menschen und ihre Lebensgeschichten und Loyalitäten sind komplex und manchmal super widersprüchlich.

Femininität von trans Frauen; “Crossdresser”, Drag Queens

In der Praxis war es so, dass trans Frauen eigentlich erst dann überhaupt mal probeweise irgendwohin gekommen sind, wenn sie einen gewissen Grad an “femininem Aussehen” erreicht hatten. Nicht unbedingt cis-weiblich-passing, aber schon deutlich feminin.

Damals gab es in manchen Ecken der FrauenLesben-/FLIT-Community auch ein großes pauschales Misstrauen gegenüber cisheterosexuellen “Crossdressern” (TVs) und teils auch gegenüber (meist schwulen) Drag Queens und Tunten.

Einige cis Frauen empfanden deren oftmals sehr plakative/stereotype Femininität als eine Wiederholung frauenfeindlicher Klischees. (Andere, z.B. einige Femmes, fanden darin aber durchaus auch Andockpunkte. Die erste “Bio-Queen”, die ich kannte, war eine lesbische Femme.)

Diskussionen um echt, unecht, Alltag, Show, Verkleidung, Identität, Reproduktion, Dekonstruktion…

Teils überschneidend mit Diskussionen um Butches, trans masc/male Leuten und Drag Kings ging es da viel um “echtes Leben”/”Alltag” vs. “Show”/”Performance”. Und um die Frage, was bloße Reproduktion und was Dekonstruktion oder Kritik von geschlechtlichen Stereotypen ist.

Einerseits war alles, was man als “Verkleidung” kategorisieren konnte, ein willkommener Spiel- und Experimentierraum (und zwar ziemlich kreuz und quer durch alle Identitäten). Gleichzeitig war das aber alles nicht so richtig “echt” und wurde vom “Alltag” abgegrenzt.

Andererseits war gerade Drag Kinging für nicht wenige trans masc/male Leute ein Ort, an dem sie erstmals sehr “unverbindlich” Maskulinität und Männlichkeit ausprobieren konnten. Viele davon gingen schnell auch ganz privat mit angeklebtem Bart, Binder und Packer auf Partys.

Und manche fingen dann etwas später auch mit Testo an. Wie ich vorhin schon gesagt habe: Die Grenze zu trans und butch war sehr fließend.

Andere Drag Kings haben sehr vehement den Unterschied zwischen Rolle und Realität betont und waren im Alltag teils auch eher feminin.

Verschiebung von Femmeness von “Begehren” zu Gender (ca. Mitte 2000er)

Manche Femmes haben parallel angefangen, sehr exzessive Formen von Femininität zu verkörpern, nur auf Partys oder auch im Alltag. Manche haben sich dabei von Drag Queens inspirieren lassen.

Man sieht das z.B. ziemlich gut im Foto- und Begleittext-Buch “Femmes of Power”.

(Allerdings gibt es auch historisch davor bereits Femmes, die in ihrem spezifischen kulturellen Kontext als “hyperfeminin” und damit gender-nonconforming gelesen wurden, z.B. Femmes, die Sexarbeiterinnen waren.

Ich schreibe hier also nur über einen Ausschnitt queeren Lebens.)

In diesem Kontext auch wichtig: “Femme” wurde ab den frühen 2000ern immer mehr eine eigenständige ID, die sich zunehmend auf Gender statt auf Begehren (oder Genderausdruck als Ausdruck von Begehren in queerem Kontext) fokussierte.

Teils hatte das auch mit der oben beschriebenen (und neulich schonmal thematisierten) Verschiebung von “Butch/Femme als gemeinsame Community” zu “trans Männer als separate Community und ihre Femme- Partnerinnen als Angehörige in Randposition” zun tun.

Auswirkungen dieser Diskussionen auf trans Frauen

Trotz all dieser “Ausnahmen” wurde alles, was als “Verkleidung” lesbar war, tendenziell als “unecht” interpretiert.

Das traf v.a. ältere, spät-transitionierte trans Frauen, die kein oder nur wenig Cis-Passing hatten (und teils auch nie erreichen würden).

Das traf auch trans Frauen in einem sehr frühen Transitionsstadium, die teils noch sehr wenig Wissen über/Übung mit “normativen” Versionen von femininer Kleidung, Schminke und Frisur hatten. D.h. sie fielen oft ein wenig “aus dem Rahmen” und wurden daher als “unecht” gelesen.

(Ich bin sicher, es passieren ähnliche Dinge mit “nicht-normativ männlichen” trans Männern in Männerräumen, aber damit habe ich null eigene Erfahrung/Beobachtung und kann daher nichts dazu sagen.)

(Und natürlich muss man an dieser Stelle auch die Frage stellen, warum ÜBERHAUPT cis Femininität und Weiblichkeit als erstrebenswerte Norm für alle Frauen gelten sollten. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass das damals schon jemand im deutschsprachigen Raum getan hätte.)

Auswirkungen des leichteren Zugangs zu medizinischen Transitionsmöglichkeiten (ab ca. Mitte 2000er)

Meine persönliche Theorie ist, dass auch der erleichterte Zugang zu medizinischen Transitionsmöglichkeiten für trans masc/male Leute zu dieser Aufteilung in “echt” und “unecht” beigetragen hat. Platt gesagt: Warum Bart ankleben, wenn man eh trans ist und auch Testo nehmen kann?

Transition war damit eine zunehmend präsente Erscheinung im queerem Umfeld, d.h. es stellte sich für viele auch viel “zwingender” als früher die Frage, warum man es *nicht* macht, jetzt wo die Hürden so viel niedriger waren.

Auswirkungen auf weibliche/nonbinary Butches

Und einige weiblich (oder transgender-aber-nicht-transsexuell) identifizierte Butches waren irgendwann echt genervt davon, immer wieder erklären zu müssen, dass sie wirklich und in echt FRAUEN sind und bleiben wollen. Und nicht trans Männer, die sich bloß nicht trauen.

Dieses Fragen war vom Umfeld meist sehr unterstützend und trans-akzeptierend gemeint. War aber oft trotzdem schmerzhaft, gerade wenn diese cis Butches davor ewig dafür gekämpft hatten, endlich als vollwertige Frauen anerkannt zu werden, egal wie maskulin sie sind.

D.h. es gab durchaus vereinzelt kleine soziale Umfelder, wo “Frau-bleiben” tatsächlich eher die Ausnahme und nicht die Regel für maskuline afab Menschen in diesem speziellen Kreis war.

Daher kommt glaub ich die absurde Vorstellung, dass butchige Mädchen heutzutage “zur Transition gezwungen” werden.

Was natürlich Unsinn ist (u. auch damals war). Wer zu genervt war, hat sich i.d.R. einfach neue Freund*innen gesucht (leider manchmal welche, die anti-trans waren.

“Crossdressing als Fetisch”; trans Femininitäten in sexualitätszentrierten Frauen-/FLIT-Räumen

Besonders in sexualitätszentrierten FLIT-Räumen (z.B. Workshops zu Sexualität, Sexpartys, BDSM-Playpartys) kam neben “echt”/”unecht” noch die Frage nach “Crossdressing als Fetisch” dazu, wenn es um die Präsenz von amab trans/nonbinary Menschen ging.

Das ist natürlich an sich schon ein transfeindliches Trope (Stichwort “Autogynophilie”, d.h. sich selber als Frau sexy finden, aber nur bei trans Frauen pathologisiert). Trotzdem GIBT es auch cisheterosexuelle männliche Crossdresser, die nicht trans/nonbinary sind.

Die hatten (haben?) teils ihre ganz eigenen Foren & Communitys, die praktisch null Schnittmenge mit FrauenLesben-Communitys hatten. Manchmal gab es einzelne Anfragen, z.B. bei Stammtischen für BDSM-Frauen, aber meist wurde auch da die Grenze bei “was bist du im Alltag?” gezogen.

Auch da also wieder die “echt”/”unecht” Geschichte. Manchmal kamen aber doch einzelne “Crossdresser”, was meist ein komischer Kulturclash für beide Seiten war. FLIT-BDSM-Kontexte sind kulturell-kommunikativ nämlich teils SEHR anders als heterozentrierte BDSM-Kontexte.

Da gab es also schnell Missverständnisse. Und weil die “Crossdresser” meist auch keine persönlichen Kontakte zum Rest der Anwesenden hatten, hatten sie auch keinen “wir kennen uns bereits persönlich”-Bonus. Plus das Ding mit der Femininitätsfeindlichkeit in FrauenLesben-Räumen.

(Den gleichen Kulturclash gab es aber auch zwischen cis Frauen, die BDSM-mäßig in FrauenLesben-/FLIT-Kontexten “sozialisiert” wurden und denen, die aus heterozentrierten Kontexten kamen. Aber da wurde er eher klein geredet/behoben und bei amab Leuten eher aufgebauscht/belassen.)

Präsenz von trans Frauen in FrauenLesben-Räumen (später FLIT-Räumen)

Sprich: Auch wenn es immer ziemlich viele Individuen gab, die überhaupt kein Problem mit trans Frauen (und anderen trans femininen Leuten) hatten, war es aufgrund dieser gesamten Geschichte super schwer für trans Frauen/Fems, Zugang zu FrauenLesben-/FLIT-Räumen zu bekommen.

Weniger wegen individueller, bewusster Transfeindlichkeit/Transmisogynie (obwohl es die auch gab und gibt) als wegen strukturell-historisch verfestigter Ausschlüsse, die auch dann nicht leicht zu beseitigen sind, wenn man sie wirklich, wirklich nicht (mehr) haben will.

Nichtsdestotrotz gab es in all diesen Räumen auch immer schon einzelne trans Frauen, die einfach da waren. Viele davon waren aber keine trans AKTIVISTINNEN, die sich explizit um mehr Zugänglichkeit für trans Frauen bemüht haben. Ich nehme an, sie konnten es sich nicht leisten…

Das führt teils zu sehr absurden (aber persönlich nachvollziehbaren) Konstellationen wie dass eine trans Frau die Person ist, die am allerrestriktivsten über Geschlecht denkt und am allermeisten Gatekeeping betreibt, und viele cis Frauen viel viel inklusiver sind und handeln.

Noch neueres Akronym FLINT; erneute Diskussion um Zugehörigkeitskriterien, v.a. in Bezug auf amab nonbinary Menschen

Und das bringt uns nun endlich auch zum neuesten Akronym FLINT. Die meisten Räume, die in ihrer Benennung diesbezüglich gezögert haben (oder es noch tun), hingen/hängen nämlich an der Frage nach amab nonbinary Leuten fest.

Weil damit wieder neu diskutiert werden muss, was denn die Zugehörigkeit zu diesem Raum ausmacht und was davon ausschließt. Biologie/Anatomie? Eher nicht. “Echtheit”/Alltag? Hat sich mit der Verschiebung zu “Selbstidentifikation” als entscheidendem Kriterium eigentlich erledigt.

Marginalisierung/Diskriminierungserfahrung? Vielleicht. (Aber wo/wann? Und im Vergleich zu wem?) “Sozialisation”/Lebensgeschichte? Macht bei immer früheren Transitionen immer weniger Sinn. Politische Überzeugungen? Eventuell? (Zumindest in manchen Räumen).

Vieles davon ist sowieso viel einheitlicher imagniert als es real ist (auch, wenn wir uns auf cis Frauen beschränken!). Und das meiste ist kaum kontrollierbar – und schon gar nicht in ein paar Sekunden Interaktion an der Tür zum Veranstaltungsraum.

“Alle außer cis Männer” finden viele trans Männer transfeindlich

Dazu kommt, dass viele trans Männer die Regelung “everyone but cis men” als transfeindlich empfinden, weil sie damit zumindest in eine andere Kategorie Mann gesteckt werden als cis Männer (wenn nicht gleich ganz als nicht-so-richtig-Mann und “Frau light” vereinnahmt werden).

Lösungsansätze

Ich habe dafür keine tolle, allgemeingültige Lösung! Ich denke, es muss je nach Kontext entschieden werden, wer eingeladen werden soll und wer nicht. Und dann muss man das exakt benennen – also nix mit unerklärten Sternchen oder FLINT, wo vollbärtige Leute böse angestarrt werden.

Ich denke, die Zugangskriterien sind ein Ding. Das andere Ding ist das Verhalten, wenn man drin ist. Es darf dabei keine verschiedenen Maßstäbe für cis Frauen vs. alle anderen Geschlechter geben. Und wir sollten insgesamt weniger Einheitlichkeit unserer Erfahrungen unterstellen.

(Das wäre eh gut in Bezug auf all die anderen Differenz- und Machtachsen in dieser Welt!)

Ich denke, wir brauchen sowohl wohlwollende Fehlertoleranz als auch angemessene(!) Konsequenzen bei Scheißverhalten. Gemeinsam erarbeitete Codes of Conduct könnten evtl. bei beidem helfen.

Und ich denke, dass es gut ist, sich (und einander) überall und immer wieder zu fragen: Wen schließen wir aus unseren Räumen aus? Wollen wir das? Wenn ja, warum? Wenn nein, wie ändern wir das?

Nicht-homogene Orgateams können dabei helfen. Ebenso direkte Gespräche miteinander.

Fazit

Ich glaube, mein Fazit ist, dass ich es (inzwischen) sehr gut verstehen kann, wenn trans/nonbinary Menschen sich in FLI(N)T Räumen nicht willkommen fühlen. Diese Räume HABEN unzweifelhaft eine Geschichte, die ausschließend WAR und oft noch immer IST.

Diese Räume waren aber auch immer ebenfalls Räume, in denen es RAUM und Unterstützung für trans und nonbinary Menschen gab (für afab mehr als für amab). Und ich wünsche mir, dass sie das auch bleiben – und dass das auch spürbar ist, wenn man da ist.

Und ich möchte festhalten, dass es wirklich, wirklich FLI(N)T Räume gibt, in denen vollbärtige Menschen NICHT angestarrt werden (oder höchstens, weil sie jemand attraktiv findet) und in denen auch amab nonbinary Leute erwünscht sind (auch wenn wir da teils noch Lernbedarf haben).

Wenn ich persönlich also FLIT/FLINT nutze, dann meine ich das auch exakt so: Frauen Lesben Inter Nonbinary Trans. Amab ebenso wie afab. Nach Selbstdefinition. Und unabhängig von cis-Passing oder Transitionstätigkeiten.

(Und obwohl dieser Thread bereits gefühlte 5 km lang ist, habe ich immer noch ganz vieles gar nicht angesprochen. Aber ich kann ja wann anders nochmal mehr Threads machen, wenn mir mal wieder nach Geschichte(n) erzählen ist. :) )

Über Cisheten in LSBTQ*-Räumen

Joke hat drüben bei laufmoos mal wieder tolle Sachen geschrieben. Und ich bin darüber nicht nur schwerstens begeistert und möchte seine_ Texte mit zahlreichen <3 und !!! versehen dringendst weiterempfehlen, sondern ich bin deswegen jetzt auch inspiriert, nach ausgedehnter Schweigepause selber was zu schreiben. Und sogar mal wieder auf deutsch! (Wir können das also schon jetzt als kleines Wunder und Erfolg auf ganzer Linie verbuchen. \o/)

Zuerst mal die Links zu besagten Texten: Heteroküsse auf Queerpartys. Oder: Raumaneignungen. Und als Nachtrag (wegen Nachfragen): Wer wird wie gelesen im Raum? Gefühle vs. Wahrnehmung vs. Verhalten or what?

Und dann vielleicht dies: Ich war auf der gleichen Party wie Joke. Und auch mein Abend wurde von den aufdringlich mitten auf der Tanzfläche knutschenden Cisheten (und von den immer wieder um mich herumhüpfenden, aufmerksamkeitsheischenden Heterotypen) teilweise extrem beeinträchtigt. Ich teile also sowohl Jokes Wahrnehmung als auch seine_ Analyse im Speziellen und im Allgemeinen.

Ich finde Jokes Texte so umfassend und gründlich, dass mir außer begeisterter Zustimmung zu seiner_ Analyse dieser speziellen Party und seinen_ allgemeinen Gedanken über Cisheten in LSBTQ*-Räumen eigentlich nicht viel zu sagen bleibt. Ich schreibe hier also eher einen Ableger im Sinne einer thematischen Erweiterung dieses Themenfeldes aus meiner speziellen Perspektive als queere Femme, als eine direkte Antwort auf seine_ Texte. Ich werde dabei vermutlich den einen oder anderen Punkt wiederholen, den Joke bereits benannt hat. Es ist mir aber wichtig, dass mein Text hier auch ohne das Vertrautsein mit seinen_ Texten verständlich ist. Und bei vielen Dingen habe ich eh das Gefühl, sie sind kollektives queeres Wissen, das von unterschiedlichen Leuten immer wieder so oder ähnlich beobachtet, analysiert und formuliert wird, was das mit den Urheberschaftscredits grundsätzlich etwas schwierig macht…

Aber jetzt erstmal was zu anderen, früheren Partys. Auch queer/LSBTQ*, auch oft mit heterosexuellen Gästen.

Ich habe ja früher (heißt: von Mitte/Ende der 1990er bis Mitte/Ende der 2000er) jahrelang  solche Partys mitveranstaltet. Nicht so groß, nicht in dieser Stadt, aber auch in einem links-alternativ konnotierten Raum, der sonst (also an den anderen Abenden der Woche/des Monats) heterodominiert war, an dem Schwule/Lesben/Queers aber immer auch entscheidend am Schaffen der generellen Infrastruktur beteiligt waren. Auch zu diesen Partys kamen gern einzelne heterosexuelle Cis-Freund_innen, erstens, weil es einfach mal verdammt gute Partys waren, zweitens, weil wir einander kannten und gerne zusammen gefeiert haben, und drittens (und hier fanden sich die meisten nicht so direkt befreundeten heterosexuellen Cis-Menschen), weil sie den Raum kannten und sonst auch benutzt/besucht/mitgestaltet haben und sich deswegen auch bei dieser Party eingeladen fühlten. Und meistens war das auch überhaupt kein Problem, weil diesen heterosexuellen Cis-Menschen klar war, dass sie an diesem Abend nicht die Hauptpersonen sind, und weil sie sich entsprechend verhalten haben (also eben nicht ausgedehnt mitten auf der Tanzfläche eng umschlungen heterosexuell geknutscht haben).

Über die Jahre habe ich beobachtet, dass es umso schwieriger war, die Queerness des Raums spürbar als dominante Norm für den Abend aufrechtzuerhalten, je größer die Party war, je mehr cisheterosexuelles Stammpublikum die Partyorte hatten und je unregelmäßiger/seltener eine queere Übernahme der betreffenden Räumlichkeiten stattfand.

Meine These lautet also: Queere Räume und deren Regeln sind leichter zu vermitteln und aufrechtzuerhalten, wenn die Räume/Anwesendenzahlen kleiner sind und wenn sie regelmäßiger/öfter stattfinden. Wöchentliche Bar im Kleinstkneipenraum ist also einfacher als jährliche Soliparty mit Hunderten von Gästen in mehrstöckigem Kulturzentrum, wenn es um die Schaffung und Erhaltung der “Queerdominanz” in dem betreffenden Raum geht.

An dieser Stelle vielleicht ein paar Worte zur “Queerdominanz”, die hier wahrscheinlich besser als “LSBTQ*/FLT*-Dominanz” benannt ist. Damit meine ich ein gewisses Repertoire an kulturellen und sozialen Grundannahmen und Verhaltensweisen, die von den meisten Anwesenden als gültige Normen für diese Räume (seien sie nun eher “virtuell” oder von anfassbaren Wänden umgeben) akzeptiert werden. Zum Beispiel: Das gültige Gender einer Person ist nicht zwingend das, was ich meine zu sehen, sondern immer das, was sie selbst benennt. Aus dem erkennbaren und/oder benannten Gender einer Person lassen sich keine automatischen Schlüsse auf ihr Begehren ziehen, weder in Bezug auf das_die von ihr begehrte_n Gender, noch auf die von ihr bevorzugten sexuellen Praktiken oder erotischen Rollen. Und aus all dem lassen sich wiederum keine automatischen Schlüsse auf die geschlechtliche oder sexuelle Identität der betreffenden Person ziehen. Oder: Ein Konsens darüber, dass andere Menschen nicht einfach so angefasst werden können und sollten, dass erotische Interaktionen stets die Einvernehmlichkeit aller Beteiligten erfordern und insgesamt eine höhere Sensibilität für persönliche Grenzen und Körperlichkeiten als in Mainstream-Räumen. Oder: Das Wissen darum, dass an diesem Ort Nicht-Heter@sein das “Normale” ist und auch bleiben soll. Dass diese “Umkehrung” der Mainstream-Norm die Ursache dafür ist, dass hier ein Grad an Entspannung für LSBTQ*/FLT*-Menschen möglich ist, der in anderen öffentlichen Räumen eben nicht so ohne weiteres geht. Und ganz besonders: Das Wissen darum, dass dieser Raum mit diesen Normen genau deswegen (leider) eine Ausnahme und etwas Besonderes ist, das schützens- und erhaltenswert ist, weil es nämlich fast überall anders eben nicht so ist.

Und jetzt muss ich natürlich sofort disclaimern, dass diese Normen natürlich nicht kategorisch verhindern, dass LSBTQ*/FLT*-Menschen sich grenzüberschreitend gegenüber anderen LSBTQ*/FLT*-Menschen verhalten. Und dass sie ebenfalls nicht verhindern, dass Räumen mit “LSBTQ*/FLT*-Norm” andere Machtverhältnisse (z.B. Rassismus, Ableismus, Klassismus, Dickenfeindlichkeit) weiterhin existieren und damit den Zugang zu diesen LSBTQ*/FLT*-Räumen für viele LSBTQ*/FLT*-Menschen schwierig bis unmöglich machen. Sie verhindern noch nichtmal, dass es in LSBTQ*/FLT*-Räumen Sexismus, Femininitätsfeindlichkeit, Bifeindlichkeit und Trans(frauen)feindlichkeit gibt, was auch wiederum die Entspannungsmöglichkeit und das Auftankenkönnen vieler LSBTQ*/FLT*-Menschen in diesen Räumen einschränkt. In diesem Text geht es mir aber vor allem um die Leute, die schon da sind und um die Konflikte, die die Anwesenheit von Cisheten in LSBTQ*-Partyräumen erzeugt. Und im Zweifelsfall sind die androgynen Lesben, die misstrauisch das feminin-stylishe Erscheinungsbild einer Femme beäugen und deshalb einen Mangel an Feminismus, ein nur halb geglücktes Out-Sein als Lesbe oder fehlende Solidarität mit Andersgegenderten vermuten, immer noch mehr “Community” als die rücksichtslos knutschenden Cisheten oder die aufdringlichen Cistypen, die die Femme als stinknormale Hetera vereinnahmen und daraus entsprechende “Zugriffsrechte” ableiten. So erfahrungsgemäß.

A propos meine eigenen Erfahrungen: Ich erzähle nochmal weiter von früher.

Ich habe meine ersten Schritte als selbstidentifizierte Femme in überwiegend kleinen LSBTQ*- und FLT*-Räumen gemacht. Dabei habe ich mich stets darauf verlassen können, dass der Raum mich als queer definiert, so dass das, was ich darin getan (und getragen) habe, damit automatisch und erkennbar in einem queeren Kontext stattfand. Das hat mir ganz unglaublich viel Raum zum Ausprobieren und Erkunden von Femininität und Femmeness eröffnet, den ich nirgendwo sonst so hätte haben können. Und ich bin für diese Räume und diese Möglichkeiten und Erfahrungen auch 15+ Jahre immer noch immens dankbar. Auch wenn nicht alle meine Erfahrungen rundum angenehm und kuschelig gewesen sind (s.o., Stichworte Femininitätsfeindlichkeit und Sexismus, was ich an anderer Stelle bereits ausführlich analysiert und kritisiert habe).

Mit den Jahren stellte ich aber fest, dass diese LSBTQ*-Räume sich verändert haben und dass diese Veränderungen sich negativ auf meine Möglichkeiten in ihnen ausgewirkt haben. Auch hier galt: je größer die Party, desto Problem.

Zuerst fiel mir auf, dass ich auf lesbisch-schwulen Partys (mit minimalem BTQ*-Anteil unter den Gästen) nicht mehr als Lesbe gelesen wurde, sondern als “Gabi”, also als genderkonforme Cishetera, deren hauptsächliche Verbindung zur LSBTQ*-Community die Freundschaft mit einem schwulen Cismann ist und deren Motivation für den LSBTQ*-Partybesuch ist, dass man ja mit Schwulen sooo gut feiern kann! (Und weil Schwule die (vermeintlich) “sichereren” Cismänner sind, kann hetera mit denen deshalb hemmungslos auf der Tanzfläche sexuelle Handlungen simulieren/ausführen, ohne “richtige” Übergriffe befürchten zu müssen – aber, ähm, das ist ein anderes komplexes Thema und ein anderer Text…).

Dieser Wahrnehmung versuchte ich entgegenzuwirken, indem ich mich in diesen Räumen verstärkt explizit auf Frauen bezog. Aber im Zusammenhang mit der Tatsache, dass die Butches in meinem Leben gerne auch mal von Schwulen als Schwule gelesen wurden, war das keine besonders erfolgreiche Strategie, weil ich dann eben doch nicht “lesbisch” genug aussah, als dass mir ein eigenständiges Zugehörigkeitsrecht in diesen Räumen zugestanden worden wäre. Also schraubte ich meine Erwartungen an diese Räume und meine Lesbarkeitsmöglichkeiten herunter. Und versuchte mich mit dem Verlust meines Zuhausegefühls in diesen Räumen abzufinden, das offenbar die Konsequenz aus meinem Genderausdruck und meinem Begehren für (zumindest teilweise als cismännlich gelesene) Butches/Transbutches war.

Als nächstes stellte ich fest, dass die Anwesenheit von nicht-schwulen Cismännern es auch in LSBTQ*-Räumen notwendig machte, vehement meinen Mangel an Interesse an erotischer Interaktion mit ihnen zu demonstrieren, was sehr direkt zur Folge hatte, dass ich mein Begehren für Butches, Transbutches und manche Transmännlichkeiten kaum noch ausdrücken konnte. Um die Cistypen auf Abstand zu halten, musste ich sehr viel Energie darauf verwenden, Grenzen zu setzen und aufrechtzuerhalten. Dass das schlecht mit körperlicher Annäherung, emotionaler Öffnung und allgemeinem Sichverletzlichmachen zu Flirtzwecken in Richtung anderer Leute zusammengeht, ist vielleicht vorstellbar?

Im Grunde herrschten auf der queeren Party also jetzt fast die gleichen Dynamiken wie in jedem anderen Raum auch: Die Queerness meines Genders wurde nicht mehr wahrgenommen, die Queerness meines Begehrens konnte nicht mehr ausgedrückt werden (wobei Gender und Begehren für mich persönlich außerdem auch noch so eng miteinander verflochten sind, dass sie sich eh nicht sinnvoll voneinander trennen lassen), und verschwand auch die Anerkennung meiner Zugehörigkeit zu der jeweiligen LSBTQ*-Community über eine reine Ally-Position hinaus.

Und weil ich als Einzelperson solche Dynamiken nun mal nicht ändern kann, zog ich mich gefühlsmäßig in der Konsequenz mehr und mehr aus diesen Räumen zurück, die dennoch weiterhin behaupteten, “meine Community” zu sein. Ich landete dabei in einem merkwürdigen Nichts, denn die Mainstreamwelt war ja genauso wie vorher auch kein Ort, an dem ich mich zuhause oder auch nur halbwegs entspannt gefühlt hätte. Und auch wenn ich an dem einen oder anderen Küchentisch oder auf dem einen oder anderen Sofa in den Wohnungen befreundeter queerer Menschen trotzdem noch vorkam, so war die Welt, in der ich mich und mein queeres Gender und Begehren wahrgenommen fühlte, doch plötzlich sehr, sehr klein geworden.

Man möge mir also nachsehen, dass ich zuweilen nostalgisch (und manchmal auch romantisierend) den guten alten Zeiten nachtrauere, als alles™ noch so einfach war. Und dass ich hin und wieder betrübt feststelle, dass Die Jugend Von Heute™ meine Erfahrungen und die daraus resultierenden Gefühle nicht immer versteht und/oder relevant findet. So ist das eben manchmal mit uns Menschen über 40.

Deswegen sind LSBTQ*-Räume inzwischen trotzdem anders, als sie damals™ waren. Und an ganz vielen Stellen ist das auch echt richtig gut (z.B. begrüße ich die langsame Verschiebung von Identitäten weg zu Verhaltensweisen als Zulassungs-/Zugehörigkeitskriterium aufs Ausdrücklichste!).

Mein persönliches Dilemma in diesen Räumen bleibt trotzdem vorerst bestehen, weil mir nach wie vor unklar ist, wie die benannten Konflikte sich individuell und kollektiv lösen lassen, damit so viele LSBTQ*-Menschen wie möglich in LSBTQ*-Räumen (und gerne auch jenseits davon, aber das ist auch wieder ein anderer Text) so viel Spaß, Stärkung und Entspannung finden wie möglich.

Es werden weiterhin genderkonforme Cisheten ganz selbstverständlich auf LSBTQ*-Partys rumknutschen und noch nichtmal wahrnehmen, dass sie damit fundamentale Regeln queerer Räume verletzen und gesellschaftliche Machtverhältnisse aktiv aufrechterhalten, weil sie queere Räume nicht von sonstigen linksalternativen Räumen unterscheiden können/wollen/müssen (danke an ihdl für den Kommentar bei laufmoos, ohne den ich diesen Aspekt nicht so deutlich hätte sehen können).

Wie Joke schon schrieb:

Dies ist ein queerer, ein lesbischer, ein schwuler, ein bi, manchmal ein trans*, manchmal ein inter, ein bisschen ein poly, jedenfalls ein subkultureller Raum. Im Verhältnis zum hegemonialen Raum ist dieser Raum pervers, er ist anders und er folgt anderen Regeln. Die Regeln, denen er folgt, müssen innerhalb der Subkultur gelernt werden, das geht nicht über Queer-101-VHS-Kurse, sondern erfolgt subtil, gebunden an die Freund_innenschaften, die politischen Zusammenhänge, die Aktionsgruppen, zu denen eins sich zugehörig fühlt und Zugang hat.

Ich füge hinzu: Und das braucht Zeit. Und Arbeit. Dieses Wissen gibt es nämlich nicht für ein paar Euros Soli-Eintritt automatisch am Party-Eingang dazu. Und wer als Cisheter@ diesen Preis nicht bezahlen will, wer als Cisheter@ diese Zeit und Arbeit nicht investieren möchte, hat in meinen Augen auch nicht das Recht, irgendwelche Forderungen an den betreffenden queeren Raum und die darin anwesenden LSBTQ*/FLT*-Menschen zu stellen. Und das meine ich jetzt wirklich mal ganz einfach und ohne Einschränkung genau so.

Hier schließe ich mich deshalb dem dringenden Wunsch danach an, es möge sich doch bitte eine umfassende Praxis der Critical Hetness etablieren, damit nicht ausgerechnet auf den Partys, die explizit zur Stärkung und Unterstützung von LSBTQ*/FLT*-Menschen und -Communitys gedacht sind (oder was dachtet ihr, was Soli-Party bedeutet?!), heteronormative Kackscheiße reproduziert wird. Ganz “unschuldig” natürlich, denn wer (außer intoleranten Quasi-Diktator_innen) kann schon was gegen romantische Zuneigungsbekundungen unter verliebten Erwachsenen haben?! Lernen wir nicht auf jedem CSD, dass “Liebe kein Geschlecht kennt”?! (Ihr merkt schon: ich habe so meine Probleme mit dieser Form von les(bi)schwuler Politik… Aber auch dieser Rant soll nicht hier und heute fortgeführt werden.)

Es werden – nicht zuletzt als Reaktion auf die Anwesenheit besagter knutschender Cisheten – weiterhin Menschen, die auf den ersten Blick für ebensolche Cisheten gehalten werden, aber ganz definitiv keine sind, mit einer gewissen Ablehnung in LSBTQ*/FLT*-Räumen behandelt werden (siehe auch der Kommentar von Frl. Urban bei laufmoos). Hierzu plane ich in absehbarer Zukunft noch einen längeren Text zum Thema Passing, der auf diesen Punkt nochmal genauer eingeht. Heute nur soviel: Als Cis/Heter@ gelesen werden ist nicht das gleiche wie Cis-/Heter@-Sein. Hier wünsche ich mir gerade in LSBTQ*/FLT*-Räumen differenziertere Diskussionen und mehr Komplexitätsanerkennung. (Bis besagter Text geschrieben ist, verweise ich vorerst auf mein “passing”-Tag drüben bei Tumblr, unter dem Vereinzeltes und Vermischtes zu diesem Themenkomplex versammelt ist.)

Und es wird auch weiterhin nicht helfen, wenn wir uns in dieser Diskussion auf Identitäten (und vermeintliche Identitäten) konzentrieren, anstatt über konkrete, spürbare und beschreibbare Verhaltensweisen zu sprechen (zu denen das äußere Erscheinungsbild m.E. ausdrücklich dazugehört, aber eben nicht als einzige/wichtigste Komponente).

Nochmal Joke:

Das Äußere an sich kann m.E. hier keine klare und gültige Aussage über die Zugehörigkeit oder die Positionierung im Raum machen, weshalb ich es ja an Praxen kopple.

Gleichzeitig finde ich es schwierig, bei sehr heteronormativem, grenzüberschreitendem Verhalten zunächst mal zu diskutieren, ob Leute unpassenderweise als hetero gelesen werden oder nicht.

Da ergibt sich dann für mich eine Problematik queerer Räume: Wenn die Definition des Raumes an dem Punkt anhält, an dem ich “vom Aussehen nicht auf das Begehren von Leuten schließen darf” (und das ist eine häufige Antwort, die ich auf Argumentationen wie die oben oder die im letzten Text höre), dann ist sie verkürzt und betreibt viel mehr Identitätspolitik als die Suche nach einem Verhaltenskodex auf queeren Partys. Mit der m.E. verkürzten – aber immer wieder gehörten – Argumentation, dass ich niemanden auf einer Queerparty einfach so (siehe dazu meinen Text oben) als heter@ labeln darf, verunmögliche ich die Diskussion über heteronormatives Verhalten und das offensichtliche momentane Scheitern einer Türpolitik auf Queerpartys.

Was für mich auch bedeutet, dass dies keine Diskussion ist, die sinnvoll und erschöpfend an einem Nachmittag auf Twitter (oder auf Facebook oder meinetwegen auch bei Tumblr) geführt werden kann, oder die gut auf griffige Slogans in durchschnittlicher Transpi-Länge komprimiert werden kann. Denn es ist eben nicht einfach, sondern hochgradig komplex, weil an der Frage nach queeren/LSBTQ*/FLT*-Räumen und ihrer Offenheit/Geschlossenheit nun mal eine jahrzehntelange vielschichtige Geschichte dranhängt, die auch durchs Ignorieren nicht einfach aufhört zu existieren. Und weil sich in diesen Räumen lauter LSBTQ*/FLT*-Menschen mit komplexen und sehr verschiedenen Identitäten und Erfahrungen versammeln, die alle gehört und respektiert werden wollen. Und auch, weil Cisheter@ nicht gleich Cisheter@ ist. Und weil wir uns nicht alle das Gleiche unter sinnvoller Bündnispolitik vorstellen. Und weil Intersektionalität ein Ding ist. Und deswegen sind auch alle Handlungsempfehlungen, die mit “man kann/muss doch einfach nur…” anfangen, und alle Politikverständnisse, die mit “Liebe ist Liebe!” aufhören, in meinen Augen schon von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Oder jedenfalls sind sie nicht die Form von Politik und Community, an der ich teilnehmen möchte und die mit meiner Zustimmung in meinem Namen passiert.

Nehmen wir uns also die Zeit und machen wir uns die Arbeit, in langen Texten über komplexe Sachverhalte (und gerne auch über komplexe Gefühle!) zu sprechen und finden dabei (hoffentlich) brauchbare Handlungsansätze, die dieser Komplexität gerecht werden. Daran würde ich mich jedenfalls gerne beteiligen.