Über die Entwicklung von FLIT/FLINT Räumen

(Weil der letzte Beitrag hier über 3,5 Jahre alt ist: Meine Meinungen und mein Sprachgebrauch haben sich höchstwahrscheinlich seit dem letzten Eintrag geändert. Sollte es diesbezüglich Klärungsbedarf geben, bitte nachfragen.)

Vorbemerkungen zu diesem Beitrag

Dieser Beitrag ist eine Kopie meines sehr langen Twitter-Threads von gestern. Ich habe den Text selbst hier nicht weiter editiert, habe aber einige Zwischenüberschriften eingefügt, um etwas Struktur und Überblick zu schaffen. Da ich den Thread vorher nicht geplant hatte und ihn spontan nach und nach geschrieben habe, ist die Struktur trotzdem nicht immer komplett übersichtlich.

Außerdem hatte ich pro Tweet natürlich nur 280 Zeichen Platz, weshalb – trotz aller Detailtiefe – einiges immer noch verkürzt beschrieben ist (v.a. komplexe Identitäten und deren Beschreibungen, die ich hier oft ziemlich ahistorisch als “trans masc/male” oder “nonbinary” zusammengefasst habe). Beim nochmal Durchlesen heute sind mir zudem viele Punkte auf- und eingefallen, die ich nur sehr grob angerissen, aber dann doch nicht vertieft habe – aber vielleicht ist es auch einfach kein realistischer Anspruch an einen einzelnen Twitter-Thread, ca. 40 Jahre queere Geschichte vollständig und ausgewogen zu repräsentieren? ;)

Auch wichtig: Ich rede hier v.a. über den (west)deutschen bzw. deutschsprachigen Kontext. Dieser wurde durchaus durch Diskussionen in Nordamerika beeinflusst (nicht zuletzt durch das Ende der 1990er immer zugänglich werdendere Internet), hatte aber auch seine spezifischen Eigenheiten.

Der Thread zitiert sehr viele Begriffe (v.a. für trans Menschen), die wir heute so nicht mehr verwenden würden, schon gar nicht für andere Menschen. Ich finde es aber wichtig, im historischen Kontext auch die damals verwendeten Begriffe zu nennen, und sei es nur, weil es eventuell beim Lesen und Verstehen älterer Quellen hilft.

Hier noch ein ganz kurzes Abkürzungsglossar für die Begriffe, die nicht im Thread selbst erklärt sind. Andere Leute verwenden diese Begriffe ggf. anders, diese Erläuterungen gelten also erstmal nur für diesen Beitrag:

  • afab: assigned female at birth (bei der Geburt weiblich zugewiesen)
  • amab: assigned male at birth (bei der Geburt männlich zugewiesen)
  • trans masc: trans masculine = transmaskulin, oft irgendwie nicht-binärgeschlechtlich; manchmal Oberbegriff für alle trans Männer und transmaskulinen Personen
  • trans male: trans männlich, oft (aber nicht immer) binärgeschlechtlich
  • trans fem: trans feminin, oft irgendwie nicht-binärgeschlechtlich; manchmal Oberbegriff für alle trans Frauen und transfemininen Personen
  • nonbinary: nicht-binär(geschlechtlich)
  • ID: Identität, identitäts-
  • Bio-Queen: veralteter Begriff für eine cis weibliche Drag Queen

Ab hier: Unveränderte Kopie des Twitter-Threads mit eingefügten Zwischenüberschriften

Einleitung

Falls jemand das Akronym noch nicht kennt: FLINT = Frauen Lesben Inter Nonbinary und/oder Trans.

Manchmal wird auch nur FLIT genutzt, aber dann sind in der Praxis zumindest afab nonbinary Menschen immer mitgemeint.

Aktuelle Sprache/Anwesenheit sind auch nicht immer synchron.

Von “Frauen” zu “FrauenLesben”

Entwickelt hat sich das Ganze übrigens aus “Frauen”. Erst kamen (ich glaube, in den 80ern?) die Lesben explizit dazu, um sichtbar zu machen, dass nicht alle Frauen hetera sind. Das verschob sich dann zu “FrauenLesben” als quasi-Code für “Lesben und ein paar andere Frauen”.

Trans und nonbinary Menschen/Identitäten in FrauenLesben-Kontexten (1990er)

Ab den 90ern hatten immer mehr trans und inter Menschen ihr Coming-Out als solche und forderten Mitbenennung/explizite Einladung in den Räumen, in denen sie eh schon die ganze Zeit anwesend gewesen waren bzw. von denen sie wissen wollten, ob sie willkommen sind.

Wichtig zu wissen: “Trans” war damals der Oberbegriff für “transsexuell” (heute etwa: “binär trans”) und “transgender” (heute etwa: “nonbinary (trans)”). Als “genderqueer”, “genderfluid” o.ä. identifizierte Leute waren in der Praxis definitiv mitgemeint.

Eine wichtige Identität, deren Label heute kaum noch so verstanden wird wie damals, ist “Transgender Butch” für eine afab Butch, die sich weder als Frau noch als Mann identifiziert hat. (Meist war es “die Butch”, auch wenn die Person er-Pronomen hatte, seltener auch “der Butch”.)

(Sprachlicher) Umgang mit trans/nonbinary Menschen in (ehemaligen) FrauenLesben-Kontexten (ca. Mitte 1990er)

Da viele Leute/Gruppen/Orte enge persönliche und politische Verbindungen mit afab Menschen hatten, die dann ein Trans-Coming Out hatten, stand in den meisten Räumen ziemlich schnell fest, dass wir diese Menschen jetzt nicht einfach “rausschmeißen” wollen und können.

Die meisten bisherigen “FrauenLesben”-Räume entschieden sich daher für eine sprachliche Erweiterung ihrer “Zielgruppe”. Manche nannten sich nun kategorisch “männerfrei” (was i.d.R. als “cismännerfrei” gedacht war, weil “cis” als Begriff noch kaum bekannt war).

Manche Räume ließen in der Überschrift das “FrauenLesben” drin und schrieben untendrunter eine Liste mit den eingeladenen Identitäten, die “mitgemeint” waren. Manche Räume hatten nur noch solche Listen.

Es kamen aber mehr oder weniger die gleichen Leute wie vorher zu den Events.

Die Listen waren uneinheitlich und oft irgendwie unvollständig. Manche nannten z.B. explizit Butches und Femmes mit, oder Drag Kings, etc.

Es machte für viele von uns aber einen deutlichen positiven Unterschied, wirklich ausdrücklich EINGELADEN zu sein statt nur mitgemeint.

Parallel kamen auch immer mehr “all genders welcome” Events auf, v.a. im Kontext von Drag Kings.

Butches, Drag Kings, trans Männer, transgender Leute (ca. späte 1990er)

Dazu ist wichtig, dass die Grenze zwischen Butch, Drag King und trans Männern/transgender Leuten damals oft fließend war. Nicht alle Drag Kings haben auch auf Bühnen performt!

Es gab teils heftige “Grabenkämpfe” (border wars) zwischen diesen 3 IDs und ihren Schnittmengen. Und zwar ziemlich kreuz und quer. “Butch” verschob sich dabei immer mehr zu etwas, womit die meisten “Frau” assoziierten. Damit verschwand leider sehr viel Geschichte aus dem Blick.

Was wiederum dazu führte, dass immer weniger Nicht-(Nur)-Frauen sich als “Butch” identifizierten und eher andere Labels wählten. Daher kommt übrigens die Geschichte mit dem “Butch Flight” (dt. oft “Aussterben der Butches” o.ä.).

Weil es oft eben Leute waren, die als Butch vorher Teil der “FrauenLesben”-Community waren (oder geworden wären), die sich nun primär anderen IDs/Communitys zuordneten. Und das WAR emotional tatsächlich ein schwerer Verlust für viele, die so ihre engen Weggefährt*innen verloren.

Femmes (nicht nur) als Partnerinnen von Butches und trans masc/male Menschen (ca. später 1990er)

Kurzer Einschub zu Femmes: Viele Femmes aus Butch/Femme-Kontexten wurden mit dieser Verschiebung plötzlich auch mit aus “lesbischen” Räumen ausgeschlossen, wenn unsere Partner*innen aufhörten, sich als Frauen und/oder Lesben zu verstehen bzw. anfingen, er-Pronomen zu nutzen.

Egal, ob unsere Partner*innen sich nun als “100% Mann” identifizierten oder eine differenziertere Geschlechts-ID hatten: Wir waren nun endgültig nicht mehr “lesbisch genug”, und all das ohnehin vorhandene Misstrauen gegenüber unserer Femininität schien endlich gerechtfertigt.

Viele Butch/Femme-Kontexte, die im deutschspr. Raum ohnehin sehr klein waren, zerfielen entweder komplett oder verschoben sich in die “lesbische” oder die “trans” Richtung. Da B/F in der größeren Lesbencommunity eh Randfiguren waren, ließ uns das teils ohne jedes Zuhause zurück.

Erst recht, wenn wir unsere eigene Identität im Zuge der Transition unserer Partner*innen auch noch von “lesbisch” zu “queer” oder “bi/pan” änderten.

Auch sonst bekamen viele Femmes mit trans masc Partner*innen ziemlich viel Bi-Feindlichkeit ab, egal, was unsere ID war.

Aufkommen von Kontexten nur für trans masc/male Menschen; Partner*innen als “Angehörige” (ca. frühe 2000er)

Zeitgleich entstanden immer mehr Kontexte für trans Männer (die mehr oder weniger offen auch für nicht-binäre trans masc Menschen waren).

Dort wurden Partner*innen kategorisch als “Angehörige” definiert, zusammen mit Eltern und ggf. Freund*innen.

Daher kommt im englischsprachigen Raum das Akronym “SOFFAS” (Significant Others, Friends, Family and Allies).

Alle Angehörigen wurden dabei als ahnungslose, potenziell transfeindliche Personen konstruiert, die man als trans Mensch “aufklären” muss.

Was ziemlich absurd war, da es schon fast stereotyp war, dass Femmes oft diejenigen waren, die ihre trans masc/male Partner*innen überhaupt erst auf das Thema trans brachten und teils längst erheblich mehr Wissen über Transitionsmöglichkeiten und das politische Drumherum hatten.

Dass Femmes sich oft explizit und mehrfach für nicht-als-Frau-identifizierte Partner*innen entschieden (oder das sogar als ihre sex./rom. Orientierung empfanden), wurde mehr und mehr als “Fetischisierung” von trans masc/male Menschen und als implizit transfeindlich konstruiert.

Umso mehr, wenn die Femme sich trotzdem aus politischen Gründen weiter als Lesbe statt als Bi-Frau identifizierte.

(Ihr seht, das ist alles absolut keine neue Diskussion!)

Die Realität war natürlich differenzierter: Manche Lesbe/trans masc/male Paare trennten sich. Andere passten ihre Label aneinander bzw einseitig an. Manche akzeptierten den vemeintlichen Widerspruch in “Lesbe in Beziehung mit trans Mann” als unauflösbar, aber nicht problematisch.

Weitere sprachliche Inklusionsversuche von trans/nonbinary Menschen in (ehemals) FrauenLesben-Räume

Aber zurück zu den Räumen und deren Labeln:

Wir waren sprachlich bei entweder “männerfrei”, “FrauenLesben mit Liste der Mitgemeinten” oder “Liste der Mitgemeinten”. Plus: “all genders welcome” (was in der Praxis meist afab-zentriert war) und zunehmend auch trans-only Räumen.

Mit Ausnahme der trans-only Räume, wurden einzig cis Lesben immer und überall eingeladen. Alle anderen mussten entweder sehr genau lesen, ob sie eingeladen waren oder sich quasi “traditionshalber” mitgemeint fühlen, egal, was da stand.

Es blieb ein latent unbequemer Kompromiss.

Weiterentwicklung von queerer/trans Sprache allgemein

Parallel dazu entwickelte sich auch queere Sprache und die damit ausgedrückten Denkkonzepte weiter.

Der Unterstrich (gender gap) bzw. später das Sternchen (oder andere Zeichen) etablierte sich, während “nonbinary”/”nicht-binär” zunehmend auch auf Deutsch benutzt wurde.

Fast die gleichen Diskussionen, die es in den 90ern zwischen selbst-identifizierten “Transsexuellen” und “Transgendern” gegeben hatte, fanden nun zwischen nonbinary Menschen (trans und nicht-trans) und binären trans Menschen (inkl. “Truscum”/”transmedicalists”) statt.

Und wir fingen alle an, trans als Adjektiv zu nutzen und “trans Mann” statt “Transmann” zu schreiben.

Trans bekam erst ein Sternchen für mehr Inklusivität, was dann wieder (für mehr Inklusivität) entfernt wurde. Frauen (und manchmal Männer) bekam ebenfalls oft ein Sternchen.

Oft existierten viele sprachliche Formen parallel, weil die aktuell präferierte Form sich super schnell änderte (bis heute). Selbst absolut wohlmeinende Leute/Gruppen kommen da oft gar nicht hinterher, v.a. wenn sie langsame Entscheidungsprozesse haben.

FLIT als neues Akronym; Aufkommen von “cis”

Parallel wurde “FrauenLesben” auf “FLIT” (FrauenLesbenInterTrans) erweitert (bzw. die langen ID-Listen darauf zusammengekürzt). “Trans” war dabei (wie oben schon gesagt) inklusive binäre trans Frauen und nichtbinäre afab Menschen gedacht (und wurde in der Praxis so gehandhabt).

Ach ja, fast vergessen: Es etablierte sich außerdem die Bezeichnung cis für nicht-trans/nicht-nonbinary Menschen. (Auch zuerst z.B. als “Cisfrau” und später als “cis Frau”.)

Davor gab es noch längere Zeit die Konstruktion “Biofrau” als Gegenstück zu “Transfrau”.

Vernachlässigung von trans Frauen und anderen trans femininen Menschen

Spätestens jetzt dürfte klar sein, dass trans Frauen (ganz zu schweigen von anderen trans femininen Menschen) in dem ganzen Hin und Her oft ziemlich vernachlässigt wurden.

Der absolute Großteil der Diskussionen drehte sich fast komplett um afab nobinary/trans masc/male Menschen.

(Deswegen ist es für mich manchmal anfangs sehr verwirrend, wenn ich Beschwerden lese, dass “niemand” über trans Männer redet, weil ich das damals so vehement als EINZGES trans Thema mitbekommen habe. Ist aber in der allgemeinen “Trans-Diskussion” heute tatsächlich sehr anders!)

Strukturell bevorzugte Einschlüsse von trans masc/male Menschen in FLIT Räumen (im Vergleich zu trans Frauen/Fems)

Diese Vernachlässigung von trans Frauen war einerseits “strukturell” bedingt, weil trans Frauen (anders als viele trans Männer) prä-Transition noch nicht Teil lesbischer/FLIT Räume waren und überhaupt erstmal Zugang zu diesen Räumen finden mussten, um dort eine Stimme zu haben.

D.h. trans Männer saßen eh schon im Raum, wir kannten sie bereits als Individuen, hatten teils ihre ID-Findungsprozesse miterlebt und hatten oft viele Jahre mit ihnen Räume geteilt.

Da war es sehr viel schwerer, diese Leute plötzlich als “Feindbild Mann” zu konstruieren…

“Frau” und “Mann” als politische Kategorien; Trans Männer als “nicht-ganz-Männer” im politischen Sinn

Die allermeisten dieser Räume hatten ja einen feministischen politischen Hintergrund und haben entsprechend oft “Männer” primär und kategorisch als “die Anderen” und “die Unterdrücker” bzw. “die Gewalttäter” gedacht.

Und diese uns bekannten Menschen waren ja gar nicht wie “die”.

D.h. sie waren in diesem (politischen) Sinne eben auch nicht so wirklich “Männer”, weil sie ja ebenso wie “wir” frauenfeindliche Diskriminierung erlebt hatten (und oft weiter erlebten).

Daher sahen viele FrauenLesben trans masc/male Leute weiterhin als Teil von “wir”.

“Mann” (ebenso wie “Frau”) war also primär eine *politische* Kategorie, die dann oftmals biologistisch symbolisiert/ausgedrückt wurde.

(Vergleichend dazu: Monique Wittig “Lesben sind keine Frauen” – nämlich im politischen Sinne innerhalb des heteronormativen Patriarchats.)

In diesem(!) Sinne hat es also eine gewisse Wahrheit, dass trans Männer “keine Männer” sind – weil sie i.d.R. zumindest einen nennenswerten Teil ihres Lebens eben NICHT dieser Kategorie zugeordnet und als solche behandelt wurden (egal wie gerne sie das evtl. gehabt hätten).

(Das macht natürlich den damit oft verknüpften Biologismus in keiner Weise richtig oder okay!

Ich beschreibe hier ausschließlich queer-politisch-soziale Entwicklungen, die ich mitbekommen habe – egal, ob ich sie heute noch gutheiße oder damals gutgeheißen habe.)

Pauschales Misstrauen gegenüber trans Frauen; Gatekeeping

Jedenfalls: Analog dazu wurden trans Frauen umgekehrt oft erstmal grundsätzlich mit Misstrauen betrachtet. Schließlich waren sie “neu” bei “uns”. Und wegen der Vermischung von politischer Kategorie und Biologie waren sie zumindest erstmal “anders” als “wir”.

Sprich: trans Frauen mussten uns erstmal “beweisen”, dass sie dazugehören, und zwar in erheblich größerem Maße als jede cis Frau (wobei es durchaus Formen von Femininitätsfeindlichkeit gab, die hier sowohl cis Femmes wie auch trans Frauen getroffen hat).

Das ist natürlich eine super unfaire Konstellation, die man eigentlich kaum “gewinnen” konnte. War die trans Frau “zu feminin”, war sie “nicht lesbisch bzw feministisch genug”. War sie “zu maskulin”, war sie “nicht Frau/weiblich genug”. (Dieser Double Bind existiert bis heute.)

[hier hatte ich eine kurze Schreibpause gemacht]

Eine “harmlosere” Variante dieses Gatekeepings war, dass wir an das “korrekte” Verhalten von trans Frauen erheblich strengere Maßstäbe angelegt haben als an das Verhalten sehr vieler cis Frauen (und teils auch anderer afab Leute).

Femininitätsfeindlichkeit in lesbischen/feministischen Kontexten

Und ja, zu diesem “wir” gehöre ich definitiv dazu. Auch wenn ich gleichzeitig auch eine “Verwandtschaft” mit trans Frauen empfunden habe, weil die sich ebenso wie ich als Femme oft sehr explizit für *Femininität* im Genderausdruck entschieden und diese wertgeschätzt haben.

Die Femininitätsfeindlichkeit in lesbisch-feministischen Kontexten war (ist) nämlich teils echt krass. Je femininer mein Aussehen/Auftreten wurde, je häufiger wurde mein Recht, mich in Lesbenräumen aufzuhalten, angezweifelt. Dazu kamen meine trans masc/male Partner*innen (s.o.).

Zugehörigkeitsnormen und deren Infragestellen durch verschiedene Gruppen

Je mehr meine eigene Zugehörigkeit in Frage gestellt wurde, desto mehr habe ich die Zugehörigkeitsnormen zu Lesbenräumen (etc.) insgesamt in Frage gestellt. Ich glaube, das ging parallel vielen so: Femmes, Butches, trans masc/male Leuten, cis Partner*innen von trans Frauen…

Davor/parallel/überschneidend gab es natürlich auch weitere Diskussionen, die sich schwerpunktmäßig um Race (Schwarze Lesben), Class (Proll-Lesben), Behinderung (Krüppellesben) u.a. marginalisierte Leute/Gruppen in diesen Kontexten drehten. Dazu kann ich aber nicht so viel sagen.

Wichtig ist aber, dass es *immer* eine Gleichzeitigkeit von vielen feministischen und lesbischen Diskussionen gab, und es *nie* eine statische Einigkeit gab, wer nun wie zu “uns” dazugehört und wer nicht. Außer evtl. in sehr kleinen/spezifischen Untergruppen.

Es existierten also immer auch “separatistischere” und “offenere” Gruppen und Events nebeneinander, teils sogar mit personellen Überschneidungen. Das ganze war und ist ein dynamischer Prozess, oft auch regional unterschiedlich kein Monolith.

Gespräche mit Veranstalter*innen zu Trans-Inklusion

Und viele von uns sind auch trotz politischer und sozialer “Bauchschmerzen” zu Events gegangen, weil es einfach NICHTS anderes gab (teils, weil wir lokal zu wenig Leute waren, um selbst was zu organisieren). Und weil uns halt wenigstens zugehört wurde (v.a. als cis Lesben).

Ich erinnere mich an mehrere Diskussionen mit verschiedenen Veranstaltungsteams, wo wir dafür argumentiert haben, sowohl trans Frauen als auch trans masc/male Leute einzuladen. Und wie wir das dann mit den Klos handhaben (auch so ein Dauerbrenner unter den “umkämpften” Orten)…

Ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, dass das tatsächlich was gebracht hat, weil im diesen Gesprächen (und in der persönlichen Begegnung mit trans Leuten) oft klar wurde, dass die vorhandenen Ängste vollkommen unnötig und teils komplett “fehlplatziert” sind.

Es hat aber halt auch immer wieder erfordert, dass trans Menschen sich diesen Situationen aussetzen. Und nur weil die Veranstalter*innen transinklusiv waren, war es der Rest der Anwesenden trotzdem leider nicht unbedingt…

Unterschiede zwischen Ankündigungen und Veranstaltungsrealitäten

Was auf dem Papier stand, war also nicht unbedingt das, was auch real vor Ort stattfand – in beide Richtungen. Manche Gruppen/Events waren auf dem Papier vollkommen “korrekt”, aber die Atmosphäre vor Ort war trotzdem sehr eisig gegenüber v.a. (erkennbaren/bekannten) trans Frauen.

Andere Gruppen/Events haben sich erst super spät umbenannt, waren aber in der Praxis schon viel länger transinklusiv (teils waren sogar *mehr* trans Leute als cis Leute in den entsprechenden Orgateams!). Das war/ist allerdings oft echt schwer von außen zu erkennen.

Manche Events haben auch fragwürdige Kompromisse gemacht. Da stand dann zwar “FrauenLesben” drauf, aber persönlich bekannte trans masc/male Personen waren trotzdem willkommen. Es war ein bisschen “don’t ask, don’t tell” (was natürlich nur bedingt funktioniert hat).

Ich kenne sowohl mehrere trans masc/male Personen, die NIE zu sowas hingehen würden als auch solche, die prima damit leben können. Menschen und ihre Lebensgeschichten und Loyalitäten sind komplex und manchmal super widersprüchlich.

Femininität von trans Frauen; “Crossdresser”, Drag Queens

In der Praxis war es so, dass trans Frauen eigentlich erst dann überhaupt mal probeweise irgendwohin gekommen sind, wenn sie einen gewissen Grad an “femininem Aussehen” erreicht hatten. Nicht unbedingt cis-weiblich-passing, aber schon deutlich feminin.

Damals gab es in manchen Ecken der FrauenLesben-/FLIT-Community auch ein großes pauschales Misstrauen gegenüber cisheterosexuellen “Crossdressern” (TVs) und teils auch gegenüber (meist schwulen) Drag Queens und Tunten.

Einige cis Frauen empfanden deren oftmals sehr plakative/stereotype Femininität als eine Wiederholung frauenfeindlicher Klischees. (Andere, z.B. einige Femmes, fanden darin aber durchaus auch Andockpunkte. Die erste “Bio-Queen”, die ich kannte, war eine lesbische Femme.)

Diskussionen um echt, unecht, Alltag, Show, Verkleidung, Identität, Reproduktion, Dekonstruktion…

Teils überschneidend mit Diskussionen um Butches, trans masc/male Leuten und Drag Kings ging es da viel um “echtes Leben”/”Alltag” vs. “Show”/”Performance”. Und um die Frage, was bloße Reproduktion und was Dekonstruktion oder Kritik von geschlechtlichen Stereotypen ist.

Einerseits war alles, was man als “Verkleidung” kategorisieren konnte, ein willkommener Spiel- und Experimentierraum (und zwar ziemlich kreuz und quer durch alle Identitäten). Gleichzeitig war das aber alles nicht so richtig “echt” und wurde vom “Alltag” abgegrenzt.

Andererseits war gerade Drag Kinging für nicht wenige trans masc/male Leute ein Ort, an dem sie erstmals sehr “unverbindlich” Maskulinität und Männlichkeit ausprobieren konnten. Viele davon gingen schnell auch ganz privat mit angeklebtem Bart, Binder und Packer auf Partys.

Und manche fingen dann etwas später auch mit Testo an. Wie ich vorhin schon gesagt habe: Die Grenze zu trans und butch war sehr fließend.

Andere Drag Kings haben sehr vehement den Unterschied zwischen Rolle und Realität betont und waren im Alltag teils auch eher feminin.

Verschiebung von Femmeness von “Begehren” zu Gender (ca. Mitte 2000er)

Manche Femmes haben parallel angefangen, sehr exzessive Formen von Femininität zu verkörpern, nur auf Partys oder auch im Alltag. Manche haben sich dabei von Drag Queens inspirieren lassen.

Man sieht das z.B. ziemlich gut im Foto- und Begleittext-Buch “Femmes of Power”.

(Allerdings gibt es auch historisch davor bereits Femmes, die in ihrem spezifischen kulturellen Kontext als “hyperfeminin” und damit gender-nonconforming gelesen wurden, z.B. Femmes, die Sexarbeiterinnen waren.

Ich schreibe hier also nur über einen Ausschnitt queeren Lebens.)

In diesem Kontext auch wichtig: “Femme” wurde ab den frühen 2000ern immer mehr eine eigenständige ID, die sich zunehmend auf Gender statt auf Begehren (oder Genderausdruck als Ausdruck von Begehren in queerem Kontext) fokussierte.

Teils hatte das auch mit der oben beschriebenen (und neulich schonmal thematisierten) Verschiebung von “Butch/Femme als gemeinsame Community” zu “trans Männer als separate Community und ihre Femme- Partnerinnen als Angehörige in Randposition” zun tun.

Auswirkungen dieser Diskussionen auf trans Frauen

Trotz all dieser “Ausnahmen” wurde alles, was als “Verkleidung” lesbar war, tendenziell als “unecht” interpretiert.

Das traf v.a. ältere, spät-transitionierte trans Frauen, die kein oder nur wenig Cis-Passing hatten (und teils auch nie erreichen würden).

Das traf auch trans Frauen in einem sehr frühen Transitionsstadium, die teils noch sehr wenig Wissen über/Übung mit “normativen” Versionen von femininer Kleidung, Schminke und Frisur hatten. D.h. sie fielen oft ein wenig “aus dem Rahmen” und wurden daher als “unecht” gelesen.

(Ich bin sicher, es passieren ähnliche Dinge mit “nicht-normativ männlichen” trans Männern in Männerräumen, aber damit habe ich null eigene Erfahrung/Beobachtung und kann daher nichts dazu sagen.)

(Und natürlich muss man an dieser Stelle auch die Frage stellen, warum ÜBERHAUPT cis Femininität und Weiblichkeit als erstrebenswerte Norm für alle Frauen gelten sollten. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass das damals schon jemand im deutschsprachigen Raum getan hätte.)

Auswirkungen des leichteren Zugangs zu medizinischen Transitionsmöglichkeiten (ab ca. Mitte 2000er)

Meine persönliche Theorie ist, dass auch der erleichterte Zugang zu medizinischen Transitionsmöglichkeiten für trans masc/male Leute zu dieser Aufteilung in “echt” und “unecht” beigetragen hat. Platt gesagt: Warum Bart ankleben, wenn man eh trans ist und auch Testo nehmen kann?

Transition war damit eine zunehmend präsente Erscheinung im queerem Umfeld, d.h. es stellte sich für viele auch viel “zwingender” als früher die Frage, warum man es *nicht* macht, jetzt wo die Hürden so viel niedriger waren.

Auswirkungen auf weibliche/nonbinary Butches

Und einige weiblich (oder transgender-aber-nicht-transsexuell) identifizierte Butches waren irgendwann echt genervt davon, immer wieder erklären zu müssen, dass sie wirklich und in echt FRAUEN sind und bleiben wollen. Und nicht trans Männer, die sich bloß nicht trauen.

Dieses Fragen war vom Umfeld meist sehr unterstützend und trans-akzeptierend gemeint. War aber oft trotzdem schmerzhaft, gerade wenn diese cis Butches davor ewig dafür gekämpft hatten, endlich als vollwertige Frauen anerkannt zu werden, egal wie maskulin sie sind.

D.h. es gab durchaus vereinzelt kleine soziale Umfelder, wo “Frau-bleiben” tatsächlich eher die Ausnahme und nicht die Regel für maskuline afab Menschen in diesem speziellen Kreis war.

Daher kommt glaub ich die absurde Vorstellung, dass butchige Mädchen heutzutage “zur Transition gezwungen” werden.

Was natürlich Unsinn ist (u. auch damals war). Wer zu genervt war, hat sich i.d.R. einfach neue Freund*innen gesucht (leider manchmal welche, die anti-trans waren.

“Crossdressing als Fetisch”; trans Femininitäten in sexualitätszentrierten Frauen-/FLIT-Räumen

Besonders in sexualitätszentrierten FLIT-Räumen (z.B. Workshops zu Sexualität, Sexpartys, BDSM-Playpartys) kam neben “echt”/”unecht” noch die Frage nach “Crossdressing als Fetisch” dazu, wenn es um die Präsenz von amab trans/nonbinary Menschen ging.

Das ist natürlich an sich schon ein transfeindliches Trope (Stichwort “Autogynophilie”, d.h. sich selber als Frau sexy finden, aber nur bei trans Frauen pathologisiert). Trotzdem GIBT es auch cisheterosexuelle männliche Crossdresser, die nicht trans/nonbinary sind.

Die hatten (haben?) teils ihre ganz eigenen Foren & Communitys, die praktisch null Schnittmenge mit FrauenLesben-Communitys hatten. Manchmal gab es einzelne Anfragen, z.B. bei Stammtischen für BDSM-Frauen, aber meist wurde auch da die Grenze bei “was bist du im Alltag?” gezogen.

Auch da also wieder die “echt”/”unecht” Geschichte. Manchmal kamen aber doch einzelne “Crossdresser”, was meist ein komischer Kulturclash für beide Seiten war. FLIT-BDSM-Kontexte sind kulturell-kommunikativ nämlich teils SEHR anders als heterozentrierte BDSM-Kontexte.

Da gab es also schnell Missverständnisse. Und weil die “Crossdresser” meist auch keine persönlichen Kontakte zum Rest der Anwesenden hatten, hatten sie auch keinen “wir kennen uns bereits persönlich”-Bonus. Plus das Ding mit der Femininitätsfeindlichkeit in FrauenLesben-Räumen.

(Den gleichen Kulturclash gab es aber auch zwischen cis Frauen, die BDSM-mäßig in FrauenLesben-/FLIT-Kontexten “sozialisiert” wurden und denen, die aus heterozentrierten Kontexten kamen. Aber da wurde er eher klein geredet/behoben und bei amab Leuten eher aufgebauscht/belassen.)

Präsenz von trans Frauen in FrauenLesben-Räumen (später FLIT-Räumen)

Sprich: Auch wenn es immer ziemlich viele Individuen gab, die überhaupt kein Problem mit trans Frauen (und anderen trans femininen Leuten) hatten, war es aufgrund dieser gesamten Geschichte super schwer für trans Frauen/Fems, Zugang zu FrauenLesben-/FLIT-Räumen zu bekommen.

Weniger wegen individueller, bewusster Transfeindlichkeit/Transmisogynie (obwohl es die auch gab und gibt) als wegen strukturell-historisch verfestigter Ausschlüsse, die auch dann nicht leicht zu beseitigen sind, wenn man sie wirklich, wirklich nicht (mehr) haben will.

Nichtsdestotrotz gab es in all diesen Räumen auch immer schon einzelne trans Frauen, die einfach da waren. Viele davon waren aber keine trans AKTIVISTINNEN, die sich explizit um mehr Zugänglichkeit für trans Frauen bemüht haben. Ich nehme an, sie konnten es sich nicht leisten…

Das führt teils zu sehr absurden (aber persönlich nachvollziehbaren) Konstellationen wie dass eine trans Frau die Person ist, die am allerrestriktivsten über Geschlecht denkt und am allermeisten Gatekeeping betreibt, und viele cis Frauen viel viel inklusiver sind und handeln.

Noch neueres Akronym FLINT; erneute Diskussion um Zugehörigkeitskriterien, v.a. in Bezug auf amab nonbinary Menschen

Und das bringt uns nun endlich auch zum neuesten Akronym FLINT. Die meisten Räume, die in ihrer Benennung diesbezüglich gezögert haben (oder es noch tun), hingen/hängen nämlich an der Frage nach amab nonbinary Leuten fest.

Weil damit wieder neu diskutiert werden muss, was denn die Zugehörigkeit zu diesem Raum ausmacht und was davon ausschließt. Biologie/Anatomie? Eher nicht. “Echtheit”/Alltag? Hat sich mit der Verschiebung zu “Selbstidentifikation” als entscheidendem Kriterium eigentlich erledigt.

Marginalisierung/Diskriminierungserfahrung? Vielleicht. (Aber wo/wann? Und im Vergleich zu wem?) “Sozialisation”/Lebensgeschichte? Macht bei immer früheren Transitionen immer weniger Sinn. Politische Überzeugungen? Eventuell? (Zumindest in manchen Räumen).

Vieles davon ist sowieso viel einheitlicher imagniert als es real ist (auch, wenn wir uns auf cis Frauen beschränken!). Und das meiste ist kaum kontrollierbar – und schon gar nicht in ein paar Sekunden Interaktion an der Tür zum Veranstaltungsraum.

“Alle außer cis Männer” finden viele trans Männer transfeindlich

Dazu kommt, dass viele trans Männer die Regelung “everyone but cis men” als transfeindlich empfinden, weil sie damit zumindest in eine andere Kategorie Mann gesteckt werden als cis Männer (wenn nicht gleich ganz als nicht-so-richtig-Mann und “Frau light” vereinnahmt werden).

Lösungsansätze

Ich habe dafür keine tolle, allgemeingültige Lösung! Ich denke, es muss je nach Kontext entschieden werden, wer eingeladen werden soll und wer nicht. Und dann muss man das exakt benennen – also nix mit unerklärten Sternchen oder FLINT, wo vollbärtige Leute böse angestarrt werden.

Ich denke, die Zugangskriterien sind ein Ding. Das andere Ding ist das Verhalten, wenn man drin ist. Es darf dabei keine verschiedenen Maßstäbe für cis Frauen vs. alle anderen Geschlechter geben. Und wir sollten insgesamt weniger Einheitlichkeit unserer Erfahrungen unterstellen.

(Das wäre eh gut in Bezug auf all die anderen Differenz- und Machtachsen in dieser Welt!)

Ich denke, wir brauchen sowohl wohlwollende Fehlertoleranz als auch angemessene(!) Konsequenzen bei Scheißverhalten. Gemeinsam erarbeitete Codes of Conduct könnten evtl. bei beidem helfen.

Und ich denke, dass es gut ist, sich (und einander) überall und immer wieder zu fragen: Wen schließen wir aus unseren Räumen aus? Wollen wir das? Wenn ja, warum? Wenn nein, wie ändern wir das?

Nicht-homogene Orgateams können dabei helfen. Ebenso direkte Gespräche miteinander.

Fazit

Ich glaube, mein Fazit ist, dass ich es (inzwischen) sehr gut verstehen kann, wenn trans/nonbinary Menschen sich in FLI(N)T Räumen nicht willkommen fühlen. Diese Räume HABEN unzweifelhaft eine Geschichte, die ausschließend WAR und oft noch immer IST.

Diese Räume waren aber auch immer ebenfalls Räume, in denen es RAUM und Unterstützung für trans und nonbinary Menschen gab (für afab mehr als für amab). Und ich wünsche mir, dass sie das auch bleiben – und dass das auch spürbar ist, wenn man da ist.

Und ich möchte festhalten, dass es wirklich, wirklich FLI(N)T Räume gibt, in denen vollbärtige Menschen NICHT angestarrt werden (oder höchstens, weil sie jemand attraktiv findet) und in denen auch amab nonbinary Leute erwünscht sind (auch wenn wir da teils noch Lernbedarf haben).

Wenn ich persönlich also FLIT/FLINT nutze, dann meine ich das auch exakt so: Frauen Lesben Inter Nonbinary Trans. Amab ebenso wie afab. Nach Selbstdefinition. Und unabhängig von cis-Passing oder Transitionstätigkeiten.

(Und obwohl dieser Thread bereits gefühlte 5 km lang ist, habe ich immer noch ganz vieles gar nicht angesprochen. Aber ich kann ja wann anders nochmal mehr Threads machen, wenn mir mal wieder nach Geschichte(n) erzählen ist. :) )

Es gibt etwa 33 bis 454 Geschlechter…

Bei einer meiner Erkundungstouren durch Teile des Internets bin ich irgendwann auch auf der Website der Antidiskriminierungsstelle des Bundes gelandet. Dort findet sich eine Meldung zu einer aktuellen Plakatkampagne mit dem Slogan “Kein Mensch passt in eine Schublade!” (die ganze Reihe der Motive findet sich hier zum Anschauen). Illustriert mit dem stets gleichen Foto eines nostalgischen Kartenkatalog-Schubladenschranks (für die jüngeren Lesenden: sowas Schickes gab’s in jeder schnöden Stadtteilbibliothek bevor die Büchersuche digitalisiert wurde) werden hier die unterschiedlichen Diskriminierungsthemen des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) thematisiert: Herkunft, Geschlecht, Religion, Behinderung, Alter und sexuelle Identität.

Es finden sich daher auf den Schubladen lauter kleine Label mit Bezeichnungen wie: uralt, jung, alt; blind, gehörlos, lernbehindert, chronisch krank; Türken, Roma, Russen, Italiener; Muslime, Christen, Juden. Weitere Schubladenschilder sind zwar beschriftet, aber zu verschwommen um lesbar zu sein (jedenfalls auf der online verfügbaren Größe des Plakats). Ich könnte jetzt noch weiter fragen, warum die jeweils erstgenannten Begriffe jeweils auf der halb offenen Schublade im Mittelpunkt des Bildes stehen (handelt es sich dabei um besonders beliebte Diskriminierungsziele? besonders große “Minderheiten”?), warum es bei “Herkunft” keine Deutschen gibt (weil Deutschsein hierzulande die Norm und daher unsichtbar ist?), warum nichtbehindert auf keinem der Label steht (weil Schubladisierung nur dann ein Problem ist, wenn man deshalb diskriminiert wird?), und so weiter. Aber das alles soll heute nicht mein Thema sein. Halten wir für heute fest, dass eine Anzahl von mehr als drei Ausprägungen bei Kategorien wie “Herkunft” oder “Religion” vermutlich den meisten Menschen nicht ungewöhnlich erscheint.

Plakatkampagne "Kein Mensch passt in eine Schublade" - Motiv Sexuelle IdentitätAber dann gibt es da auch die Plakate zu Geschlecht und Sexualität. Lesen kann man: lesbisch, schwul, hetero, bisexuell bzw. Frau, Mann, Trans, intersexuell. Normalerweise ist ja allerspätestens nach diesen vier Begriffen Schluss mit dem vorhandenem Vokabular und Gedankenmodell. Nicht so auf diesem Plakat. Der Schubladenschrank hat nämlich ungefähr 33 sichtbare Schubladen. Und die Nummerierung derselben spricht gar von Zahlen im Bereich von 283 (Sexualität) und 454 (Geschlecht). Selbst wenn wir annehmen, dass jede Diskriminierungskategorie schön ordentlich ihren eigenen 100er-Nummernblock hat (die Fotos legen es nahe), so lässt das doch auf eine ungewohnt große Menge an möglichen und eigentlich sogar vorgesehenen Schubladen bzw. Identitätsbezeichnungen schließen – Platz dafür ist ja.

Plakatkampagne "Kein Mensch passt in eine Schublade!" - Motiv GeschlechtUnd ich muss schon sagen, es erfreut mein subversives Herz wirklich sehr, dass die Botschaft von den vielen, vielen Schubladen pro Kategorie jetzt so ganz unterschwellig und mit offiziell-behördlichem Stempel in die Öffentlichkeit getragen wird. Am allerschönsten finde ich aber die leeren Schilder (links im Bild) zum Selbstbeschriften, falls die vorgeschlagenen Label für die zufriedenstellende Selbstdefinition nicht ausreichen. Falls auch das nicht genug ist, können wir uns ja auf den guten alten analogen Verweis besinnen und auf unseren Karten in den Schubladen unserer Wahl kleine Hinweisnotizen zu unseren anderen Karten in den anderen Schubladen eintragen. Das ist dann auch schon fast wie Internet, wenn nicht (wegen des Mitmachfaktors) gar wie Web 2.0.

Weiterhin erfreue ich mich an Phantasien von kreativ ergänzten Plakaten dieser Kampagne im öffentlichen Raum (Tipp für die legale Variante dessen: man kann die Plakate demnächst kostenlos bestellen). Hach, so machen mir Identitätsschubladen wirklich Freude! Das war zwar jetzt nicht direkt die Botschaft der Plakatkampagne, aber da nehme ich mir doch gerne die Freiheit der eigenen Lesart.