Über Butches, Transmänner und (nicht nur) lesbische Verlustgefühle

Also, ich habe ja die gleiche Partyeinladung bekommen wie Andrea Roedig. Ich bin sogar zu dieser Party hingegangen. In allererster Linie aus Neugier. Und weil ich finde, dass es – neben z.B. Partys für FrauenLesbenInterTrans (FLIT) und Partys für LesbenSchwuleBisexuelleTransleuteQueers (LGBTQ) und Partys für “alle” – durchaus auch Partys nur für Frauen (inkl. Transfrauen) geben kann und sollte. Und ich hatte vor dem Besuch der Party tatsächlich ein wenig halbernste Sorge, ob dort wohl auch für mich attraktive Menschen (sprich: Butches) sein würden. Oder vielleicht sollte ich eher sagen, ich habe mich gefragt, welcher Teil der Butches sich wohl von dieser Einladung angesprochen fühlt. Ich bin es nämlich nicht mehr gewohnt, die Butches (und anderen nicht-cismännlichen FLITs) in meinem weiteren sozialen Umfeld nach “Frauen” und “Nicht-Frauen” sortieren zu müssen, weil üblicherweise eh alle auf der gleichen Party sind (die natürlich keine “Frauenparty” ist, jedenfalls keine ohne erweiternde Fußnoten) und es im alltäglichen Umgang erfahrungsgemäß relevanter ist, zu wissen, wer welche(s) Pronomen bevorzugt. Die Frage, wer welche Identität(en) mit diesem_n Pronomen verbindet bzw. sonst für sich in Anspruch nimmt, ist dann eher was für ausführlichere Hintergrundgespräche und längere Kontakte zwischen (wie auch immer) aneinander Interessierten.

Die Party war überwiegend auch wirklich nett. Jedenfalls bis auf die Tatsache, dass einige selbstidentifizierte Butch-Frauen einen Teil des Abends damit verbrachten, in meiner Hörweite wirklich schlimm unzutreffenden binären Unsinn über (angeblich) supersexistisch-mackerige Transmänner vs. (implizit) völlig unsexistisch-unmackerige Butch-Frauen von sich zu geben. Ich habe mich nach Kräften bemüht, das nicht gänzlich unwidersprochen zu lassen, aber so richtig war das weder der Ort noch die Zeit für ausführlichere Aufklärungsgespräche. Mal abgesehen vom offenkundig mangelnden Interesse meiner dortigen Gesprächspartnerinnen an einer differenzierteren Sichtweise – oder überhaupt an meiner Meinung als queer-feministische und butchliebende Femme, die ihren Alltag mit einer nonbinary Trans-Butch mit diversen Transitionserfahrungen teilt (aber so weit kam ich in meinen Ausführungen ja erst gar nicht).

Aber jetzt gibt es ja diesen ZEIT-Artikel (vgl. obiger Link), in dem im Grunde die gleichen Punkte nochmal etwas allgemeiner wiederholt werden, die schon auf dieser Party keinen Sinn ergeben haben. Und deshalb nehme ich mir jetzt doch nochmal die Zeit, mich etwas ausführlicher dazu zu äußern. Weil das mit den Lesben, Butches und Transmännern und das mit dem queer und dem Feminismus in Wirklichkeit eben alles doch ein bisschen komplizierter ist, als dieser Artikel es darstellt. Und weil so ein Artikel ja oft länger hält als ein flüchtiges Partygespräch. Und weil ich das deshalb erst recht nicht unwidersprochen so stehenlassen will.

Aber von vorne.

Biologische Zustände, soziale Zuschreibungen und unerwartet queeres Gedankengut

Ich möchte gar nicht so viel zu den ganzen sprachlichen Ungereimtheiten in dem Text von Andrea Roedig sagen, weil es mir hier nicht in erster Linie um irgendeine unerfreuliche Wortwahl an sich geht. Aber so richtig lässt sich dieser Artikel nicht sinnvoll diskutieren, wenn eins nicht auch einen Blick auf seine Sprache wirft. Reden wir also doch erstmal über Worte und was sie so bedeuten. Dazu hole ich ein bisschen über den Text von Roedig hinweg aus und gehe nochmal ein wenig ins Grundsätzliche.

Da ist zum Beispiel die Wortkombination “biologisches Geschlecht” (im Englischen ist das “sex” im Unterschied zu “gender”, also “sozialem Geschlecht” – dazu weiter unten mehr). Darunter verstehen die meisten Leute eine bestimmte Kombination körperlicher Zustände, die sich aus naturwissenschaftlich-technisch messbaren Faktoren wie z.B. dem Chromosomensatz, dem Hormonspiegel, der inneren und äußeren genitalen Konfiguration und weiteren sogenannten “Geschlechtsmerkmalen” wie z.B. Brustgröße, Gesichts- und Körperbehaarungsmenge, Stimmlage und/oder allgemeine Körperproportionen zusammensetzt. Nicht zu vergessen irgendwas Messbares “im Gehirn”. Diese Faktoren (die übrigens bei weitem nicht alle unveränderlich genetisch vorbestimmt sind!) treten im echten, menschlichen Leben in nahezu endloser Vielfalt in nahezu endlosen Kombinationen auf und verändern sich teils auch im Laufe eines durchschnittlichen Lebens (ich sage nur “Pubertät”…). In einer normativ zweigeschlechtlich gedachten Welt (und in der leben Andrea Roedig und ich und die Leute, über die sie und ich gerade schreiben, nun mal – ob wir wollen oder nicht) werden wir aber alle nach oberflächlicher Inaugenscheinnahme der äußeren Genitalgegend direkt nach der Geburt statisch einem von zwei Grundmodellen (“Frau” bzw. “Mann”) zugeordnet (bzw. zwangszugewiesen, “notfalls” auch durch medizinisch vollkommen unnötige chirurgische Eingriffe).

Das “biologische Geschlecht” wird üblicherweise als der “unveränderliche” Teil von Geschlecht gedacht. Weswegen auch immer noch erschreckend viele Menschen darin eine geschlechtliche “Wahrheit” suchen, die vermeintlich naturgegeben und prä-gesellschaftlich bedeutungsvoll vorhanden ist. Woraus sich natürlich jede Menge transfeindliche Gruseligkeiten ableiten. Dass Transfrauen von vielen Menschen ihr “richtiges” Frausein abgesprochen wird, zum Beispiel. Oder dass Transmänner trotz klarer Identifikation als Männer von manchen Menschen eher wie besonders begehrenswerte, weil besonders androgyne (sprich: maskuline) “Ehrenlesben” behandelt werden. Oder dass von cisweiblichen Lesben einfach nicht verstanden wird, warum sich viele Nonbinaries, Genderqueers, Genderfluide und Transmänner von Einladungen zu “Frauenpartys” selbstverständlich nicht (mehr) angesprochen fühlen, auch wenn sie vor 20, 30 oder 50 Jahren bei ihrer Geburt noch so vehement als “weiblich” zugewiesen wurden.

Ich persönlich halte es bezüglich des “biologischen Geschlechts” dagegen mit denen, die festgestellt haben, dass anatomische Tatsachen zwar teils “naturgegeben” sein mögen, dass aber jede Bedeutung, die wir ihnen zuschreiben, sehr wohl gesellschaftlich geformt und damit auch veränderlich ist (wer mehr dazu lesen möchte, könnte z.B. mit Judith Butler oder Thomas Lacquer anfangen). (Insofern bleibe eins mir bitte auch weg mit den ach-so-“ursprünglichen” Steinzeitmenschen und all den danach evolutionär nicht mehr weiterentwickelten Männern, die nicht zuhören wollen, und Frauen, die nicht einparken dürfen…) In diesem Sinne ist jedenfalls auch das “biologische Geschlecht” nur das Ergebnis sozialer Bedeutungszuschreibungen auf bestimmte Kombinationen von Körpermerkmalen und nicht irgendeine objektive “Wahrheit”. Weswegen ich üblicherweise auch gar nicht erst zwischen “biologischem” und “sozialem” Geschlecht unterscheide, sondern alles “Gender” nenne.

Aber wie gesagt, die meisten Menschen beharren nicht nur auf der Unterscheidung zwischen “biologischem” und “sozialem” Geschlecht, sondern bestreiten dabei auch, dass sich das “biologische Geschlecht” überhaupt ändern ließe – weil es ja angeblich schon als Tatsache da war, bevor wir überhaupt eine (geschlechtliche) Selbstwahrnehmung entwickelt haben. Insofern ist es interessant, dass ausgerechnet Roedig nun meint, dass die Einnahme von Hormonen das “biologische Geschlecht” verändert. Denn das ist in meinen Augen ein ausgesprochen queerer Gedanke. Und zwar selbst dann noch, wenn sie ignoriert, dass nach dieser Logik dann aber auch Cisfrauen und Cismänner, die (z.B. zur Schwangerschaftsverhütung, gegen Akne, zur Steigerung oder Senkung der Libido, gegen andere sexuelle “Funktionsstörungen”, gegen Wechseljahrsbeschwerden und/oder zur Vereinfachung des Muskelaufbaus) bestimmte Hormonpräparate nehmen, damit ihr “biologisches Geschlecht” ändern – jedenfalls ein bisschen. Das gilt natürlich nur dann, wenn wir außerdem ausblenden, dass es sowas wie eine geschlechtliche Identität und Selbstdefinition gibt, die im Zweifel den Ausschlag bei der Geschlechtsbestimmung von Menschen geben sollte – und genau das blendet Roedig ja in der Tat aus, mit ihrem binären Bild von (ausschließlich) weiblichen Butches, die keine Hormone nehmen und keine “Trans”-OPs machen lassen (und all das auch nicht wollen) und (ausschließlich) männlich-identifizierten Transmännern, die allesamt hormonell verändert und irgendwie “transspezifisch” operiert sind (oder sein wollen).

[Ebenso ausgeblendet werden an dieser Stelle übrigens auch Transfrauen im Allgemeinen. Bei Roedig ist das tatsächlich auch wieder ein bisschen interessant, weil Transfrauen immerhin im ersten Satz – dem mit dem Zitat aus der Partyeinladung – explizit als Zugehörige in Frauenräumen genannt werden und dann auch nirgendwo wieder aus denselben rausdefiniert werden. Ich bin mir aber nicht so sicher, ob das nun wirklich auf ausdrückliche Transfrauenfreundlichkeit schließen lässt, oder ob Roedig das weitere Mitdenken von Transfrauen nach ihrem Einleitungssatz einfach “vergessen” hat, weil sie ja so mit (implizit als cisweiblich gedachten) Butches und Transmännern beschäftigt war. Oder wen sie überhaupt als Transfrau gelten ließe, wenn wir sie denn danach fragen würden (was wir übrigens nur dann – und nur zu Klärungszwecken – tun sollten, wenn sie demnächst diejenige ist, die Partyeinladungen “nur für Frauen” verschickt). Aber gut, halten wir fest, dass wir es in diesem Artikel scheinbar immerhin nicht mit trans(frauen)ausschließendem Radikalfeminismus (TERF) zu tun haben. Ein paar Abgründe bestimmter feministischer Denkweisen bleiben uns also doch erspart. Und halten wir fest, dass auch ich hier im Folgenden mehr über Transmännlichkeiten als über Transweiblichkeiten sprechen werde, weil ich ja nach wie vor eine Antwort auf den Artikel von Roedig verfasse und nicht allgemein über das Verhältnis feministischer/queerer Räume zu Transmenschen schreibe.]

Erwähnen möchte ich zum Thema “biologisches” (oder vielleicht besser: “körperliches”) Geschlecht außerdem noch, dass dessen Grenze zum “sozialen” Geschlecht (s.u.) auch ohne Butler und Lacquer sehr fließend ist. Jedenfalls dann, wenn eins mitdenkt, dass auch Dinge wie Bodybuilding und andere Körpertrainings, Frisuren und sonstiger Umgang mit sichtbarem Körperhaar, Stimmmodulation und Sprachmuster, Gestik, Mimik und allgemein Körpersprache sowie Körper(um)formungen durch Bekleidung einen erheblichen Einfluss auf die Wahrnehmung eines menschlichen Körpers nicht nur als “feminin”/”maskulin”/”androgyn” (im Sinne von “gender”), sondern auch als “weiblich”/”männlich”/”uneindeutig” (im Sinne von unterstelltem “sex”) haben. Daher kann die cisweibliche Butch-Frau je nach Gesamterscheinungsbild (und je nach Wahrnehmungsmustern der Betrachter_innen) auch durchaus öfter mal als Cismann gelesen werden. Und der Transmann wird vielleicht auch dann weiter als “Frau” gelesen, obwohl in seinem Ausweis seit drei Jahren ein eindeutig männlicher Vorname steht und mittlerweile auch alle Post ordentlich an “Herrn Nachname” adressiert ist. Selbst die von Oma und Opa.

Soziale Zustände und das komplexe reale Leben jenseits von Binaritäten

Womit wir dann also beim “sozialen Geschlecht” (englisch “gender”) wären. Das ist in etwa das, was andere Leute uns so als Geschlecht zuschreiben. Und wenn wir Glück (und ein entsprechend queer gebildetes Umfeld) haben, wählen sie dabei aus mehr als nur zwei Möglichkeiten. Diese Zuschreibungen können wir bis zu einem gewissen Grad beeinflussen, z.B. indem wir uns bestimmter Stylingcodes bei der Wahl von Bekleidung und Frisuren bedienen. Oder gegenderte Vornamen oder andere Selbstbezeichnungen benutzen. Oder T-Shirts/Buttons/Schildchen mit identifizierenden Informationen tragen. Oder bestimmte Körpermerkmale betonen bzw. sie verdecken oder von ihnen ablenken. Oder andere Leute im Gespräch darüber informieren, wie wir uns geschlechtlich identifizieren und wie das mit unserem äußeren Erscheinungsbild zusammenhängt oder auch nicht.

Bei diesen Kombinationen von Selbstpräsentation und Außenwahrnehmung kann dann z.B. rauskommen, dass Butch-Frauen Stress auf dem Frauenklo haben, weil das Klopersonal oder andere Klobenutzerinnen sie aufgrund ihrer maskulinen Selbstpräsentation für Männer gehalten haben und beim Versuch, den Frauenraum “Damentoilette” zu schützen, leider an der falschen Stelle eine Bedrohung dieses Raums gesehen haben. Oder dass feminine(re)n Transfrauen aufgrund ihres Nicht-als-Cisfrauen-gelesen-Werdens analog das gleiche passiert. Oder dass Transmänner in der Arztpraxis jedes Mal wieder aufs Neue als trans geoutet werden, weil das Praxispersonal scheinbar nicht in der Lage ist, irgendwo zu vermerken, dass der Patient seit mittlerweile fünf Jahren “Herr Nachname” heißt. Und zwar auch dann, wenn er weiterhin eine gynäkologische Praxis besucht. Oder dass cisweiblichen Femmes unterstellt wird, sie seien schon immer rundum absolut genderkonform gewesen und hätten niemals irgendwelche Genderdysphorie am eigenen Leib erlebt, bloß, weil sie heute Expertinnen im Auftragen von Eyeliner und Nagellack sind und wissen, was Victory Rolls sind (und sie womöglich gar machen können).

Es kann aber auch rauskommen, dass manche Butches auf der queeren Party eben als “er” angesprochen werden (und das auch gut finden), ohne dass sie sich deswegen notwendigerweise als “Männer” identifizieren. Zum Beispiel weil es im Deutschen keine grammatisch unkomplizierte und breit bekannte Pronomenvariante wie das singuläre “they” gibt. Oder weil ein “er” für eine Butch in einem queeren Raum sehr wohl etwas anderes bedeuten kann als ein “er” in einem heteronormativen Kontext (ein schwuleninternes “sie” bedeutet ja auch nicht, dass der so Bezeichnete “in Wirklichkeit” eine Frau ist, sondern verweist einfach auf eine spezifisch schwul-tuntige Sprachkultur). Oder es kann rauskommen, dass Transfrauen selbstverständlich und mit jedem nur denkbaren körperlichen Erscheinungsbild und mit jedem Grad von Angezogensein bzw. Nacktheit auf der Frauensexparty herzlich willkommen sind und (zumindest von einigen Anwesenden) auch genau so wie sie sind, begehrt werden. Oder es kann rauskommen, dass der Transmann hier drüben viel femininer und viel feministischer ist als die ausgesprochen femininitätsfeindliche und super-maskuline Butch-Frau, die neben ihm steht. Oder dass die Person mit dem Vollbart auf der FLIT-Party sich als nonbinary Butch identifiziert, entspannt alle Pronomen für sich verwendet und trotzdem seit Jahren Testo nimmt – und die Person, die sich explizit als Transmann und männlich und ausdrücklich nicht als Butch oder nonbinary oder genderqueer identifiziert, trotz jahrelangen Positionierens als Mann immer noch “aus Versehen” (ja, nee, is klar) als “sie” bezeichnet wird, weil er in den Augen der Sprecher_innen “nicht männlich genug” aussieht. Und trotzdem stur weiter Männerröcke trägt, weil er eben auch Goth und (manchmal) schwul ist. Oder dass auch cisweibliche Femmes in ihrer Genderkomplexität wahrgenommen werden. Und dass Femininität nicht weniger als “authentisch” gilt als alle anderen lesbischen, queeren und nicht-so-queeren Gender, die um sie herum existieren. Das alles kommt – wie so oft beim Thema Gender – immer sehr auf den Kontext an.

Bei Roedig ist all sowas aber einfach nur “unübersichtlich” und damit irgendwie implizit doof. Naja, klar, mehr-als-zwei ist eben mehr-als-zwei und damit automatisch komplexer. Und selbst ein quasi-antiquarisches 256-Webfarben-Spektrum ist nun mal bunter als ein binäres Schwarz-weiß. Ich persönlich finde ja, vielfältiger und differenzierter ist besser, weil genauer und zutreffender. Und ich finde, Roedig kann ruhig mal ein bisschen weniger faul sein und die real existierende geschlechtliche Vielfalt einfach mal wahrnehmen, anstatt weiterhin mit zwei und nur zwei Geschlechtskisten durch die Gegend zu laufen und da alle Menschen um sie herum zwangseinzusortieren. (Habe ich Hoffnung, dass sie dies tatsächlich tun wird? Ehrlich gesagt, nicht so richtig. Schließlich wollte sie schon 2002 “nun wirklich nichts mehr von ’embodie[d] practices’ und ‘power structures’ hören und schon gar nichts mehr von einer Weltsicht, die postmoderne Denkstrukturen nur deshalb gut findet, weil sie essentialistisches Denken (böse), Dualismen (böse), Ausschlüsse (böse) kritisiert”… Aber ich schreibe das hier ja auch nicht in erster Linie für Andrea Roedig, sondern für diejenigen, die vielleicht doch ein bisschen aufgeschlossen(er) für nicht-binäre Weltbilder sind.)

Und jetzt zum nächsten Zaubertrick: Die Verschwundene Butch und die Diskursive Verschiebung!

Jedenfalls gilt üblicherweise das “soziale Geschlecht” als der veränderliche Teil von Geschlecht. Bei Roedig sieht das dann ungefähr so aus: Schnell mal die Haare wachsen gelassen und schwuppdiwupp ist aus dem “hässlichen Mannweib” eine nach heteronormativen Maßstäben (implizit) attraktive(re) Frau geworden, mit der plötzlich auch die “ehedem maulfaulen Kolleg_innen” reden. Schnell mal ein paar Hormone eingeworfen uns schwuppdiwupp ist eine “Butch verloren gegangen” und ein “waschechter Typ” entstanden. Wundersamerweise bleibt die Butch jedoch auch mit längeren Haaren noch eine Butch (darf also ihre Selbstdefinition behalten, auch wenn sie von ihrem Umfeld plötzlich ganz anders behandelt wird), während der Transmann spätestens mit “behaarter Brust” keinesfalls mehr gleichzeitig Butch sein kann, egal, was er selbst vielleicht dazu meint. Weil Roedig ja Butches mal eben ausschließlich als Frauen definiert hat und es ihr dabei völlig egal ist, dass längst nicht alle real existierenden Butches sich auch als Frauen identifizieren.

An dieser Stelle muss ich nun mal kurz einen Schlenker in die Geschichte machen und darauf hinweisen, dass die Kategorie “Butch” (bzw. ihre deutschsprachigen Vorläuferinnen “Kesser Vater (KV)”, “Bubi”, “Vatti” u.ä. und alle ihre anderssprachigen Nicht-ganz-Äquivalente) historisch noch nie ausschließlich Menschen beinhaltet hat, die sich ungebrochen als Frauen identifiziert haben. Das ist also definitiv kein “Phänomen, das in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren zunehmend virulent geworden ist”, sondern das war schon um die vorletzte Jahrhundertwende so. Also ab dem späten 19. Jahrhundert bis in die 1930er, dann brach zumindest hierzulande die Geschichte nationalsozialismusbedingt erstmal ab, ging aber z.B. in Nordamerika in den 1940er-60er Jahren erst so richtig los, was sich z.B. in den autobiographischen Texten der butchliebenden und feministischen Fem(me)s Joan Nestle (ganz besonders hier) und Amber Hollibaugh nachlesen lässt – oder, fiktionalisiert, in Leslie Feinbergs Stone Butch Blues (dt. Träume in den erwachenden Morgen). Und nur weil es in den 1970ern eine kurze Weile gendertheoretisch quasi nur “Männer” und “Frauen” gab (was ja für viele feministische Analysen auch temporär durchaus ein sinnvolles Denkmodell war), oder weil sich manche Butches mangels alternativer Begriffe und Identifikationsmodelle dann eben doch “Frau” genannt haben (und vielleicht auch, weil das zumindest im Kontext der frühen Sexismusanalysen der 1970er sinnvoll war), heißt das trotzdem nicht, dass all die Butches, die Roedig im Zuge von Transitionsprozessen “verloren” gehen sieht, vorher auch wirklich “Frauen” waren. Oder dass alle Butches, die hormonelle und/oder chirurgische Maßnahmen aus dem Trans-Katalog ergreifen, am Ende zu “waschechten Typen” werden, die “teils zart, teils massiv mit behaarter Brust, Bierbauch und rüden Manieren als Kerle auftreten.” Wobei das mit den “Männern” und “Frauen” und nichts anderem selbst für die 1970er Jahre nicht stimmt. Denn die Feministin Monique Wittig schrieb zum Beispiel 1978, “‘Frau’ hat nur Bedeutung im heterosexuellen System des Denkens und in heterosexuellen ökonomischen Systemen. Lesben sind keine Frauen.” Befänden wir uns in einem fiktionalen Universum, wäre das, was Roedig hier tut, jedenfalls ein klarer Fall von retconning zum Zwecke der Untermauerung ihres geradlinigen Narrativs vom “Verschwinden der Butches” in die Transmännlichkeit.

Mal ganz abgesehen davon, dass ich persönlich rüde Manieren und gruselige Femininitätsfeindlichkeit durchaus auch bei cisweiblichen Butches erlebt habe – und ausgesprochen respektvolles und un-sexistisches Verhalten bei allerlei Transmaskulinitäten. Und dass sowieso nichts falsch an Bier- und anderen Bäuchen ist und Roedig diese beiläufige Dickenfeindlichkeit und den impliziten Klassismus im Bild vom bierbäuchigen, brustbehaarten Kerl mit den schlechten Manieren auch einfach mal hätte weglassen können. Und dass ich beim besten Willen nicht weiß, was Roedig meint, wenn sie sich beim “Umgang der Transmänner untereinander” eher “an die offensivere schwule Subkultur” erinnert fühlt “als an die lesbische”. Soll das heißen, Transmänner gebärden sich miteinander zu offensiv begehrlich-sexuell? Denn um zu viel Tuntigkeit bzw. männliche Femininität unter Transtypen geht es ja wohl kaum… Und welche lesbische Subkultur ist hier gemeint? Die Dykes on Bikes? BDSM-Butches/Lesben, die auf andere BDSM-Butches/Lesben stehen? Mir fallen jedenfalls gleich mehrere lesbische Subkulturen ein, die für mich nicht viel anders aussehen, als das, was ich so zwischen mehr oder weniger schwulen Transmännern mitkriege…

Aber ich will gar nicht leugnen, dass es tatsächlich inzwischen weniger Menschen gibt, die sich als “Butch” identifizieren, als noch vor zehn, fünfzehn Jahren. Und mehr (nicht nur) bei der Geburt als “weiblich” zugewiesene Menschen, die sich als “Transmann”, “transmaskulin”, “trans”, “genderqueer”, “genderfluid” oder “nonbinary” identifizieren. Ich stimme Roedig in dieser Beobachtung also durchaus zu. Ich glaube bloß, dass die Sache im echten Leben deutlich vielschichtiger ist, als Roedig es dargestellt hat.

Zuerst muss da nämlich erwähnt werden, dass Mitte/Ende der 1990er die selbstidentifizierte “Butch” ganz und gar nicht das allgemeine lesbisch-feministische Wunschmodell war. Die Butch als solche galt damals nämlich als viel zu “männlich” identifiziert, viel zu “mackerig” und vielleicht gar viel zu “prollig”. Kurz, sie überschritt die Grenzen der lesbisch-feministischen Gender-Schicklichkeit in Bereiche von Maskulinität, die irgendwie “zu viel” waren. Karohemden, maskulin konnotierte Sportlichkeit (also jetzt nicht etwa Ballettkompetenzen) und handwerkliche Begabung waren zwar unter Lesben hoch angesehen, ebenso wie androgyn-jungenhafte Züge in Gesichtern und Körpern. Aber wehe, es wollte eine im Ernst regelmäßig Anzüge tragen. Oder ihre Freundinnen/Affären nur mit Dildo vögeln. Und natürlich wurde nicht öffentlich darüber gesprochen, dass die eine oder andere nicht nur wegen ihrer EMMA-feministisch begründeten Ablehnung von “Reizwäsche” zwei Nummern zu kleine Sport-BHs trug, sondern auch, weil diese die eigenen Brüste eben nicht hoben und teilten, sondern im Gegenteil plattdrückten und anlegten, was irgendwie ein besseres (weil weniger “weibliches”) Körpergefühl machte. Und wenn so eine “zu männliche” Butch dann auch noch auf Femmes stand, wurde sie übrigens gerne obendrein noch der “Reproduktion von Heterosexualität” beschuldigt. Und zwar von lesbischen Feministinnen bzw. feministischen Lesben exakt der Generation, die Roedig in ihrem Text als “klassisch sozialisierte Homos” bzw. als “mehr feministisch als queer geprägt” bezeichnet. Die Butch war also keineswegs das vorherrschende Lesbenideal, jedenfalls nicht in den feministisch-lesbischen Kontexten, in denen ich mich Mitte/Ende der 1990er so tummelte. Im Gegenteil, die Butch (zusammen mit der Femme) war das, wovon wir uns vehement abgegrenzt haben. Wegen ihrer “Männlichkeit” (bzw. Femininität). Und ihrer “Heterosexualität”.

Das gleiche Misstrauen gegenüber “zu viel Männlichkeit” in lesbischen/queeren Räumen gibt es heute auch noch, wie sich unkompliziert bei Roedig nachlesen lässt. Bloß jetzt wird es eben meistens stereotyp nicht mehr von Butches verkörpert, sondern von Transmännern. Heißt, das, was sich tatsächlich verschoben hat, ist das Label, mit dem diejenigen bezeichnet werden, die die magische Grenze von “Weiblichkeit” bzw. “Frausein” bzw. “Lesbischsein”/”Homosexualität” in deren Jenseits überschreiten. Und ein bisschen die Orte, wo genau nun diese Grenzen gezogen werden. Damit ist “Butch” jetzt das altmodische, lesbische Auslaufmodell, das plötzlich viel ungebrochener “weiblich” dargestellt wird (und zwar sowohl von welchen wie Roedig, die Butches toll finden, als auch von welchen, die sich von ihnen abgrenzen wollen, weil sie Butches nicht maskulin/männlich genug finden), als es im echten Leben je gewesen ist. Und “Transmann”, “Genderqueer” und “Nonbinary” sind jetzt – je nachdem, wer spricht – entweder die jungen, hippen, coolen, queeren Modelle für geschlechtliche Avantgarde, die sich von all dem lesbischen Biologismus (und den altmodischen, lesbischen Butches) befreit haben, oder die jungen, hippen, uncoolen, queeren Modelle für geschlechtliche Avantgarde, die sich von all dem (lesbischen) Feminismus (und den altmodischen, lesbischen Butches) entsolidarisiert haben. Die Kultur- und Genderwissenschaftlerin in mir würde daher also zusammenfassend sagen: Es gab da eine Diskursverschiebung.

Das dürfte allein die von Roedig ja erwähnte Tatsache deutlich machen, dass Patrick Califia (der übrigens nicht nur “den Lesbensex-Klassiker Sapphistry schrieb”, sondern unter anderem auch schwule BDSM-Pornos verfasste und nie ein Hehl daraus machte, dass er als Leather Dyke durchaus auch zuweilen Sex mit schwulen, cismännlichen Lederkerlen hatte) es irgendwann trotz allem Feminismus eben nicht mehr stimmig für sich fand, als Leather Dyke durch die Welt zu gehen. Und auch Jack Halberstam hat übrigens in Female Masculinity bereits deutlich gemacht, dass es für ihn auch als Judith Halberstam schon keine unkomplizierte Identifikation als Frau gab. Ganz zu schweigen von Leslie Feinberg, die_der sowieso nie die Frau war, als die sie_er gerne in lesbischen Kreisen vereinnahmt wurde (aber eben auch nie der Transmann, als der sie_er in transmännlichen Kreisen ebenfalls gerne vereinnahmt wurde). All diese gebrochenen Identifikationen mit der Kategorie “Frau” wurden aber nicht durch “die Medizin” möglich gemacht. “Die Medizin” erlaubt es höchstens, diesen gebrochenen Identifikationen auch körperlich Ausdruck zu verleihen, falls eins das tun möchte.

[Und kann ich kurz was dazu sagen, wie absurd die Formulierung vom “Trend zu Trans” bzw. der “Trans-Mode” ist? Ich stelle mir dazu jedenfalls vergleichsweise vor, vom “Trend zum HIV-Infektions-Langzeitüberleben” zu sprechen, nur weil es heutzutage medizinische Verfahren gibt, die eine HIV-Infektion nicht mehr so unmittelbar tödlich machen, wie in den 1980ern. Was in den letzten zwanzig, dreißig Jahren fraglos immense soziale Veränderungen u.a. von schwulen Sexualkulturen nach sich gezogen hat. Es gibt im Leben halt immer wieder medizinische, technische und juristische Entwicklungslinien (= Trends!), und die bringen manchmal auch soziale Veränderungen mit sich. Das macht sie aber nicht zu bloßen “Moden”, die eins implizit nicht wirklich ernst nehmen müsste, weil sie eh bald wieder vorbei sind.]

Nochmal mit Gefühl: Real existierende Verlusterfahrungen (am eigenen Beispiel)

Aber wie das so ist mit Labeln und Subkulturen und all dem Herzblut, mit dem wir da dran- und drinhängen, ist es mit der kulturwissenschaftlichen Analyse allein natürlich nicht getan. Weil da ja trotzdem Leute sind, die diese Veränderungen als bedauernswerten Verlust empfinden. Und weil es für diese Verlustgefühle erstmal irrelevant ist, dass ihr inneres Bild von Butches als Frauen (und sonst nichts) nie wirklich der Realität entsprochen hat.

Und irgendwo bei diesen Verlustgefühlen sitze ich dann auch mit am Tisch, wenn auch mit einem anderen Hintergrund und daher einer anderen Perspektive als Roedig. Aber ich weiß noch sehr gut, wie ich plötzlich von meiner lesbischwulqueeren lokalen Community, die ich in jahrelanger unbezahlter Arbeit mitgeschaffen und -gestaltet habe, an den Rand definiert wurde, als ich das erste Mal mit einer Transgender Butch ankam, die “er” genannt werden wollte (“bist du dann jetzt Hetera?”). Ich weiß noch sehr gut, wie zwiespältig es sich angefühlt hat, mit diesem Menschen auf der Straße als “Lesben!” angepöbelt zu werden, weil ich einerseits froh war, dass unsere gemeinsame Queerness offenbar nach wie vor sichtbar war, mich andererseits aber schlecht gefühlt habe, weil diese Wahrnehmung ja auf einer Fehlwahrnehmung meines damaligen Partners als “Frau” basierte. Ich weiß noch sehr gut, was es mich an Überwindung gekostet hat (und bis heute jedes einzelne Mal kostet), von meinem jetzigen Partner (wieder eine Transgender Butch, aber mit anderer Detailkonfiguration) gegenüber Leuten, die ihn nicht kennen, als “er” zu sprechen, ohne sofort hinterherzuschieben, dass er nonbinary trans ist und wir einzeln und zusammen queer sind (erfahrungsgemäß gibt es nämlich zahlreiche Situationen, in denen das einfach zu kompliziert für den Nebensatz ist, in dem ich ihn eben kurz erwähnen wollte – und ja, ich darf ihn überall als trans outen, wo es mir richtig und wichtig erscheint). Ich weiß noch sehr genau, wie schrecklich es sich angefühlt hat, bei mehreren Menschen in meinem näheren Umfeld den Verlust von liebgewonnenen Gesichtszügen zu erleben, als diese sich aufgrund von Testosteronzufuhr im Erwachsenenalter verändert haben – und dabei mehr als einmal Formen von Maskulinität annahmen, die ich persönlich einfach nicht mehr attraktiv fand (und es war und ist nun mal nicht so, als gäbe es an jeder Straßenecke Menschen, die ich rein gendermäßig überhaupt attraktiv finde – dieser Verlust fand also in einer sowieso schon sehr spärlich besiedelten Gendergegend statt). Ich weiß noch sehr genau, dass ich furchtbare Angst hatte, meine Butch, mit der mich mittlerweile schon längst eine langjährige, krisenerfahrene Beziehung verband, eines Tages schlicht und ergreifend nicht mehr riechen zu mögen, weil sich ihr Körpergeruch aufgrund von Testo verändern würde (denn Gerüche sind für mich nun mal eine Sache, bei der ich gänzlich irrationale Präferenzen und Abneigungen habe, die sich auch durch noch so logische Argumente, dass es ja trotzdem die gleiche Person bleibt, nicht beeinflussen lassen). Ich weiß noch sehr genau, dass ich zuweilen ausgesprochen genervt von der ganzen lesbitransqueeren Maskulinitätsabfeierei um mich herum war, die noch dazu oft auf Kosten von (meiner) Femininität konstruiert wurde (aber ich weiß eben auch noch sehr genau, dass die Trennlinie zwischen sexistischen Mackern und respektvoll-solidarischen Maskulinitäten definitiv nicht sauber zwischen Transmännern/Nicht-Frauen auf der einen Seite und Butches/Lesben/Frauen auf der anderen Seite verlief und auch heute nicht verläuft).

Ich weiß auch noch sehr genau, wie schmerzhaft der Verlust von (nicht nur digitalen) Butch/Femme-Communities für mich gewesen ist, der im Zusammenhang mit dieser Diskursverschiebung stattgefunden hat. Weil ich diese Communities nämlich als gemeinsame Räume erlebt habe, in denen wir einander gegenseitig unterstützt haben und miteinander solidarisch gehandelt haben. Statt dessen soll(te) ich mich nun in Communities wiederfinden, die sich um Transmännlichkeiten gebildet hatten. Aber dort konnte ich bestenfalls eine liebevoll und bedingungslos unterstützende Angehörige sein, der nochmal ganz von vorne erklärt werden musste, wie das mit dem Trans alles so geht (egal, ob ich darüber schon viel länger nachgedacht und gelesen hatte als die Transbutch an meiner Seite) – und schlimmstenfalls eine transmannfetischisierende, transfeindliche Cisperson, die quasi die fleischgewordene geschlechtliche Normalität war. Für meinen Trauerprozess im Zuge der Transitionsschritte meiner (Ex-)Butches (es war und ist nämlich nicht alles toll, was der so kurz- und langfristig an Nebenwirkungen hatte, egal, wie sehr ich ihn dennoch gerne unterstützt habe), für mein konstantes, queeres Begehren nach Menschen, die (oft) weder Männer noch Frauen sind, und für meine eigene Genderkomplexität war in diesen transmannzentrierten Räumen jedoch absolut überhaupt kein Platz. Geschweige denn für die Idee, dass verschiedene Identitäten und Bedürfnisse im Rahmen einer bereits langjährig bestehenden Partnerschaft möglicherweise ausgehandelt werden können, weil da eben zwei Menschen zusammen sind und nicht nur zwei beliebige Repräsentant_innen gesellschaftlicher, binärer Kategorien. Und dass es im Rahmen dieser Idee und so einer Beziehung dann auch geht, sinngemäß zu sagen: “Kannst du deine Transitionsvorhaben vielleicht noch ein paar Monate verschieben, bis ich meinen Uniabschluss fertig habe und den Tod meines Vaters ein bisschen mehr verarbeitet habe?” Oder, ungefähr ein halbes Jahr später: “Können wir alle längerfristigen Zukunftspläne und alle Gespräche darüber bitte auf die Zeit nach dem letzten von mir geplanten Transitionsschritt vertagen?” Und dass es geht, dass beide Fragen nach sorgfältiger Abwägung mit “Ja” beantwortet werden und sich die Konsequenzen daraus dann auch wirklich nicht gegenseitig vorgeworfen werden. (Aber das ist eigentlich auch alles schon wieder ein anderer Text, weswegen ich das hier jetzt erstmal abbreche.)

Es ist also nicht so, als hätte ich selbst als butchliebende Femme bzw. als mehrfache Partnerin (und Freundin) von transmaskulinen Menschen nicht auch gewisse Verlustgefühle gespürt, die den von Roedig erwähnten in manchen Punkten ähneln. Es ist also nicht so, als würde ich ihr feministisches Misstrauen gegenüber einer Aufwertung von Maskulinität und Männlichkeit im Zusammenhang mit einer Abwertung von Femininität und Weiblichkeit in lesbischqueeren Kontexten nicht prinzipiell absolut teilen. (And I even have the print publications I wrote to prove it!)

Es ist mir bloß zu platt, von “ex-lesbischen” Transmännern, die weiterhin Frauen (und womöglich gar feminine!) begehren, pauschal anzunehmen, dass sie damit so ohne weiteres “wieder ins heterosexuelle Paradigma passen”. Vielleicht auf den ersten flüchtigen Blick. Der im Alltagsgebrauch bestimmt auch zuweilen zum Ausbleiben bestimmter Diskriminierungserfahrungen führt. Aber ich kann aus eigener Erfahrung bestätigen, dass mir und der Transbutch zwar heutzutage gerne mal Heterosexualität unterstellt wird, dass wir aber einzeln und zusammen trotzdem nicht so ohne weiteres ins heteronormative Bild passen. Im Gegenteil. Plötzlich wird der Butch (die ihren Arbeitsalltag mittlerweile als (Trans)”Mann” verbringt) nämlich andauernd signalisiert, dass sie nicht “Manns genug” ist. Weil ich den schwereren Koffer schleppe und den größeren Werkzeugkasten habe. Weil er immer noch über niedliche Tierbilder quietscht (und zwar auch im Büro “unter Männern”). Weil er zu wenig Interesse für stereotyp männliche/maskuline Lebensbereiche zeigt. Weil er bei jeder Gelegenheit kundtut, dass in seiner Gegenwart sexistische Kommentare gefälligst zu unterbleiben haben. Und so weiter. Wohlgemerkt, die passiert derselben Butch, die sich früher immer anhören musste, dass sie “zu männlich” ist. Aus einer “maskulinen Frau” (bzw. einem Menschen, der als solche gelesen wird) wird eben im Zuge einer Transition nicht unbedingt ein maskuliner Mann, sondern manchmal auch ein “femininer Mann” (bzw. eine Person, die als solcher gelesen wird). Während sich seine Selbstdefinition als Transgender Butch in all den Jahren übrigens nie geändert hat, auch wenn er heutzutage öfter mal ein erklärendes “nonbinary” dazusetzt, weil Begriffe wie “transgender” und “Butch” in den letzten zehn, fünfzehn Jahren eben ihre Bedeutung verändert haben. All das soll natürlich nicht leugnen, dass manchmal bei so Transitionsprozessen eben doch ein super-kerliger Kerl rauskommt. Aber es passiert eben nicht immer und schon gar nicht automatisch. Und vielleicht nichtmal überwiegend (jedenfalls, was die Transmänner, Genderqueers und Nonbinaries angeht, die sich auch nach hormonellen und/oder operativen Veränderungen weiterhin in FLIT-Zusammenhängen wohl und zuhause fühlen). Und das ist dann wieder diese komplexe Realität, die ich in solchen Texten gerne mitgedacht sähe.

Mir liegt es (nicht nur) auf dem Hintergrund meiner eigenen Erfahrungen jedenfalls fern, Roedig oder ihren Bekannten das Recht auf ihre Verlustgefühle abzusprechen. Im Gegenteil, ich finde es wichtig, dass für diese Gefühle von Verlust und Trauer im Zusammenhang mit Transitionsprozessen in FLIT-/LGBTQ-Räumen Platz ist. Und zwar nicht nur bei denen, die als außenstehende “Angehörige” gedacht werden, die halt einfach nur endlich den Anschluss an den Transjubelzug kriegen müssen (oder sonst eben transfeindlich und scheiße bleiben). Und dass diese Gefühle nicht gleich plattgeschrieen werden, weil jemand in der Art, wie diese Gefühle geäußert werden, Transfeindlichkeit gefunden hat (was nicht heißt, dass die Transfeindlichkeit nicht trotzdem benannt werden sollte!). Denn es bringt uns alle nicht wirklich weiter, und schon gar nicht zusammen, wenn wir es vor lauter berechtigter Kritik an bescheuerten und/oder sachlich falschen Argumenten versäumen, dennoch das Recht anderer Menschen auf ihre eigenen Gefühle und die Äußerung derselben zu respektieren. Und es bringt uns übrigens auch nicht weiter, wenn wir vor lauter berechtigter Kritik an der Transfeindlichkeit in Roedigs Text nun (wieder einmal) lesbisches/queeres Begehren und lesbische/queere Sexualkulturen im Vergleich zur Geschlechtsidentität von Transmännern als irrelevant erklären. Das halte ich nämlich für eine gefährliche Argumentationsfigur, der ich mich definitiv nicht anschließen möchte. Begehren und Sexualität jenseits der Heteronormativität sind und bleiben nämlich hochpolitische Felder (und nicht etwa belanglose Privatsachen). Und ich finde, wir können und sollten es hinkriegen, sowohl nicht-heteronormatives Begehren als auch die Geschlechtsidentitäten von Transmännern (und natürlich auch die von Transfrauen und überhaupt allen geschlechtlich identifizierten Menschen) wichtig und ernst zu nehmen, anstatt das eine gegen das andere auszuspielen.

In diesem Sinne wünschte ich, wir könnten über diese Verlustgefühle in einer Form reden, in der wir nicht unsere Identitäten und Begehrenspräferenzen aufwerten, indem wir die anderer Leute abwerten (erst recht nicht, wenn das – wieder mal – entlang struktureller Machtunterschiede stattfindet). Und in einer Form, in der wir die Komplexität des echten Lebens anerkennen können, auch wenn sie unsere schönen geradlinigen und eindeutigen Narrative unmöglich macht bzw. ad absurdum führt und damit alles zuweilen echt “unübersichtlich” wird. Und in einer Form, in der wir nicht schon wieder binäre Kategorien aufmachen, als hätten wir immer noch nicht verstanden, dass wir damit niemals real existierenden Menschen und unseren komplexen Identitäten, Geschichten und Gemeinschaften gerecht werden können. Unter diesen Voraussetzungen setze ich mich dann auch gerne mit Andrea Roedig (und denen, die so ähnlich denken wie sie) an einen Tisch, um genau diese Gespräche zu führen.

Nachsätze

P.S. Das wollte ich eigentlich auch nochmal ausführlicher machen, aber jetzt bin ich müde und werde unkreativ. Daher nur kurz: “Feministisch” und “queer” sind – ebenso wie “Butch” und “transmännlich” – kein (zwingender) Widerspruch, sondern ergänzen sich oftmals ganz ausgesprochen gut. Manche Leute schreiben sogar Bücher darüber. Und manchmal sind sogar transmännliche Butches sowohl queer als auch feministisch. Die habe ich dann besonders gerne um mich herum. :)

P.P.S. Was ebenfalls heute nicht mehr von mir besprochen wird: der Phallus und seine “weibliche” Aneignung, die zu weit getriebene Homoerotik (was immer das sein soll) und das Missverständnis von Transsexualität als genereller “Subversion des Geschlechts”. Und die Frage, ob der “alte Feminismus” radikaler war als die “neue Queerness” oder umgekehrt oder ob die Antwort auch hier wieder “kommt drauf an, was du radikal findest” ist (Spoiler: letzteres).

P.P.P.S. Und wenn der Text von Roedig nicht an vielen Stellen einfach aneinandergereihte Behauptungen ohne jede argumentativ-logische Verknüpfung wäre, dann wäre es auch einfacher, argumentativ auf ihn einzugehen. Aber so habe ich auch nach knapp 5500 Wörtern immer noch das Gefühl, ich hätte bloß an der Oberfläche dessen gekratzt, was Roedig alles so frei assoziierend in ihren Artikel gestreut hat. Nun ja. Mögen andere an anderer Stelle weiter aufdröseln, was da alles so drinsteht und was davon Sinn ergibt und was nicht und was nur dann, wenn eins den Kopf schieflegt, ein Auge zukneift und mit dem anderen um die Ecke blinzelt.

Zum Schluss: Ihr dürft diesen Text alle sehr gerne kommentieren. Ich bin aber jetzt ein paar Tage nur sehr wenig online, es kann also mit dem Freischalten auch dann ein bisschen dauern, wenn mit eurem Kommentar alles in Ordnung ist.

Über Cisheten in LSBTQ*-Räumen

Joke hat drüben bei laufmoos mal wieder tolle Sachen geschrieben. Und ich bin darüber nicht nur schwerstens begeistert und möchte seine_ Texte mit zahlreichen <3 und !!! versehen dringendst weiterempfehlen, sondern ich bin deswegen jetzt auch inspiriert, nach ausgedehnter Schweigepause selber was zu schreiben. Und sogar mal wieder auf deutsch! (Wir können das also schon jetzt als kleines Wunder und Erfolg auf ganzer Linie verbuchen. \o/)

Zuerst mal die Links zu besagten Texten: Heteroküsse auf Queerpartys. Oder: Raumaneignungen. Und als Nachtrag (wegen Nachfragen): Wer wird wie gelesen im Raum? Gefühle vs. Wahrnehmung vs. Verhalten or what?

Und dann vielleicht dies: Ich war auf der gleichen Party wie Joke. Und auch mein Abend wurde von den aufdringlich mitten auf der Tanzfläche knutschenden Cisheten (und von den immer wieder um mich herumhüpfenden, aufmerksamkeitsheischenden Heterotypen) teilweise extrem beeinträchtigt. Ich teile also sowohl Jokes Wahrnehmung als auch seine_ Analyse im Speziellen und im Allgemeinen.

Ich finde Jokes Texte so umfassend und gründlich, dass mir außer begeisterter Zustimmung zu seiner_ Analyse dieser speziellen Party und seinen_ allgemeinen Gedanken über Cisheten in LSBTQ*-Räumen eigentlich nicht viel zu sagen bleibt. Ich schreibe hier also eher einen Ableger im Sinne einer thematischen Erweiterung dieses Themenfeldes aus meiner speziellen Perspektive als queere Femme, als eine direkte Antwort auf seine_ Texte. Ich werde dabei vermutlich den einen oder anderen Punkt wiederholen, den Joke bereits benannt hat. Es ist mir aber wichtig, dass mein Text hier auch ohne das Vertrautsein mit seinen_ Texten verständlich ist. Und bei vielen Dingen habe ich eh das Gefühl, sie sind kollektives queeres Wissen, das von unterschiedlichen Leuten immer wieder so oder ähnlich beobachtet, analysiert und formuliert wird, was das mit den Urheberschaftscredits grundsätzlich etwas schwierig macht…

Aber jetzt erstmal was zu anderen, früheren Partys. Auch queer/LSBTQ*, auch oft mit heterosexuellen Gästen.

Ich habe ja früher (heißt: von Mitte/Ende der 1990er bis Mitte/Ende der 2000er) jahrelang  solche Partys mitveranstaltet. Nicht so groß, nicht in dieser Stadt, aber auch in einem links-alternativ konnotierten Raum, der sonst (also an den anderen Abenden der Woche/des Monats) heterodominiert war, an dem Schwule/Lesben/Queers aber immer auch entscheidend am Schaffen der generellen Infrastruktur beteiligt waren. Auch zu diesen Partys kamen gern einzelne heterosexuelle Cis-Freund_innen, erstens, weil es einfach mal verdammt gute Partys waren, zweitens, weil wir einander kannten und gerne zusammen gefeiert haben, und drittens (und hier fanden sich die meisten nicht so direkt befreundeten heterosexuellen Cis-Menschen), weil sie den Raum kannten und sonst auch benutzt/besucht/mitgestaltet haben und sich deswegen auch bei dieser Party eingeladen fühlten. Und meistens war das auch überhaupt kein Problem, weil diesen heterosexuellen Cis-Menschen klar war, dass sie an diesem Abend nicht die Hauptpersonen sind, und weil sie sich entsprechend verhalten haben (also eben nicht ausgedehnt mitten auf der Tanzfläche eng umschlungen heterosexuell geknutscht haben).

Über die Jahre habe ich beobachtet, dass es umso schwieriger war, die Queerness des Raums spürbar als dominante Norm für den Abend aufrechtzuerhalten, je größer die Party war, je mehr cisheterosexuelles Stammpublikum die Partyorte hatten und je unregelmäßiger/seltener eine queere Übernahme der betreffenden Räumlichkeiten stattfand.

Meine These lautet also: Queere Räume und deren Regeln sind leichter zu vermitteln und aufrechtzuerhalten, wenn die Räume/Anwesendenzahlen kleiner sind und wenn sie regelmäßiger/öfter stattfinden. Wöchentliche Bar im Kleinstkneipenraum ist also einfacher als jährliche Soliparty mit Hunderten von Gästen in mehrstöckigem Kulturzentrum, wenn es um die Schaffung und Erhaltung der “Queerdominanz” in dem betreffenden Raum geht.

An dieser Stelle vielleicht ein paar Worte zur “Queerdominanz”, die hier wahrscheinlich besser als “LSBTQ*/FLT*-Dominanz” benannt ist. Damit meine ich ein gewisses Repertoire an kulturellen und sozialen Grundannahmen und Verhaltensweisen, die von den meisten Anwesenden als gültige Normen für diese Räume (seien sie nun eher “virtuell” oder von anfassbaren Wänden umgeben) akzeptiert werden. Zum Beispiel: Das gültige Gender einer Person ist nicht zwingend das, was ich meine zu sehen, sondern immer das, was sie selbst benennt. Aus dem erkennbaren und/oder benannten Gender einer Person lassen sich keine automatischen Schlüsse auf ihr Begehren ziehen, weder in Bezug auf das_die von ihr begehrte_n Gender, noch auf die von ihr bevorzugten sexuellen Praktiken oder erotischen Rollen. Und aus all dem lassen sich wiederum keine automatischen Schlüsse auf die geschlechtliche oder sexuelle Identität der betreffenden Person ziehen. Oder: Ein Konsens darüber, dass andere Menschen nicht einfach so angefasst werden können und sollten, dass erotische Interaktionen stets die Einvernehmlichkeit aller Beteiligten erfordern und insgesamt eine höhere Sensibilität für persönliche Grenzen und Körperlichkeiten als in Mainstream-Räumen. Oder: Das Wissen darum, dass an diesem Ort Nicht-Heter@sein das “Normale” ist und auch bleiben soll. Dass diese “Umkehrung” der Mainstream-Norm die Ursache dafür ist, dass hier ein Grad an Entspannung für LSBTQ*/FLT*-Menschen möglich ist, der in anderen öffentlichen Räumen eben nicht so ohne weiteres geht. Und ganz besonders: Das Wissen darum, dass dieser Raum mit diesen Normen genau deswegen (leider) eine Ausnahme und etwas Besonderes ist, das schützens- und erhaltenswert ist, weil es nämlich fast überall anders eben nicht so ist.

Und jetzt muss ich natürlich sofort disclaimern, dass diese Normen natürlich nicht kategorisch verhindern, dass LSBTQ*/FLT*-Menschen sich grenzüberschreitend gegenüber anderen LSBTQ*/FLT*-Menschen verhalten. Und dass sie ebenfalls nicht verhindern, dass Räumen mit “LSBTQ*/FLT*-Norm” andere Machtverhältnisse (z.B. Rassismus, Ableismus, Klassismus, Dickenfeindlichkeit) weiterhin existieren und damit den Zugang zu diesen LSBTQ*/FLT*-Räumen für viele LSBTQ*/FLT*-Menschen schwierig bis unmöglich machen. Sie verhindern noch nichtmal, dass es in LSBTQ*/FLT*-Räumen Sexismus, Femininitätsfeindlichkeit, Bifeindlichkeit und Trans(frauen)feindlichkeit gibt, was auch wiederum die Entspannungsmöglichkeit und das Auftankenkönnen vieler LSBTQ*/FLT*-Menschen in diesen Räumen einschränkt. In diesem Text geht es mir aber vor allem um die Leute, die schon da sind und um die Konflikte, die die Anwesenheit von Cisheten in LSBTQ*-Partyräumen erzeugt. Und im Zweifelsfall sind die androgynen Lesben, die misstrauisch das feminin-stylishe Erscheinungsbild einer Femme beäugen und deshalb einen Mangel an Feminismus, ein nur halb geglücktes Out-Sein als Lesbe oder fehlende Solidarität mit Andersgegenderten vermuten, immer noch mehr “Community” als die rücksichtslos knutschenden Cisheten oder die aufdringlichen Cistypen, die die Femme als stinknormale Hetera vereinnahmen und daraus entsprechende “Zugriffsrechte” ableiten. So erfahrungsgemäß.

A propos meine eigenen Erfahrungen: Ich erzähle nochmal weiter von früher.

Ich habe meine ersten Schritte als selbstidentifizierte Femme in überwiegend kleinen LSBTQ*- und FLT*-Räumen gemacht. Dabei habe ich mich stets darauf verlassen können, dass der Raum mich als queer definiert, so dass das, was ich darin getan (und getragen) habe, damit automatisch und erkennbar in einem queeren Kontext stattfand. Das hat mir ganz unglaublich viel Raum zum Ausprobieren und Erkunden von Femininität und Femmeness eröffnet, den ich nirgendwo sonst so hätte haben können. Und ich bin für diese Räume und diese Möglichkeiten und Erfahrungen auch 15+ Jahre immer noch immens dankbar. Auch wenn nicht alle meine Erfahrungen rundum angenehm und kuschelig gewesen sind (s.o., Stichworte Femininitätsfeindlichkeit und Sexismus, was ich an anderer Stelle bereits ausführlich analysiert und kritisiert habe).

Mit den Jahren stellte ich aber fest, dass diese LSBTQ*-Räume sich verändert haben und dass diese Veränderungen sich negativ auf meine Möglichkeiten in ihnen ausgewirkt haben. Auch hier galt: je größer die Party, desto Problem.

Zuerst fiel mir auf, dass ich auf lesbisch-schwulen Partys (mit minimalem BTQ*-Anteil unter den Gästen) nicht mehr als Lesbe gelesen wurde, sondern als “Gabi”, also als genderkonforme Cishetera, deren hauptsächliche Verbindung zur LSBTQ*-Community die Freundschaft mit einem schwulen Cismann ist und deren Motivation für den LSBTQ*-Partybesuch ist, dass man ja mit Schwulen sooo gut feiern kann! (Und weil Schwule die (vermeintlich) “sichereren” Cismänner sind, kann hetera mit denen deshalb hemmungslos auf der Tanzfläche sexuelle Handlungen simulieren/ausführen, ohne “richtige” Übergriffe befürchten zu müssen – aber, ähm, das ist ein anderes komplexes Thema und ein anderer Text…).

Dieser Wahrnehmung versuchte ich entgegenzuwirken, indem ich mich in diesen Räumen verstärkt explizit auf Frauen bezog. Aber im Zusammenhang mit der Tatsache, dass die Butches in meinem Leben gerne auch mal von Schwulen als Schwule gelesen wurden, war das keine besonders erfolgreiche Strategie, weil ich dann eben doch nicht “lesbisch” genug aussah, als dass mir ein eigenständiges Zugehörigkeitsrecht in diesen Räumen zugestanden worden wäre. Also schraubte ich meine Erwartungen an diese Räume und meine Lesbarkeitsmöglichkeiten herunter. Und versuchte mich mit dem Verlust meines Zuhausegefühls in diesen Räumen abzufinden, das offenbar die Konsequenz aus meinem Genderausdruck und meinem Begehren für (zumindest teilweise als cismännlich gelesene) Butches/Transbutches war.

Als nächstes stellte ich fest, dass die Anwesenheit von nicht-schwulen Cismännern es auch in LSBTQ*-Räumen notwendig machte, vehement meinen Mangel an Interesse an erotischer Interaktion mit ihnen zu demonstrieren, was sehr direkt zur Folge hatte, dass ich mein Begehren für Butches, Transbutches und manche Transmännlichkeiten kaum noch ausdrücken konnte. Um die Cistypen auf Abstand zu halten, musste ich sehr viel Energie darauf verwenden, Grenzen zu setzen und aufrechtzuerhalten. Dass das schlecht mit körperlicher Annäherung, emotionaler Öffnung und allgemeinem Sichverletzlichmachen zu Flirtzwecken in Richtung anderer Leute zusammengeht, ist vielleicht vorstellbar?

Im Grunde herrschten auf der queeren Party also jetzt fast die gleichen Dynamiken wie in jedem anderen Raum auch: Die Queerness meines Genders wurde nicht mehr wahrgenommen, die Queerness meines Begehrens konnte nicht mehr ausgedrückt werden (wobei Gender und Begehren für mich persönlich außerdem auch noch so eng miteinander verflochten sind, dass sie sich eh nicht sinnvoll voneinander trennen lassen), und verschwand auch die Anerkennung meiner Zugehörigkeit zu der jeweiligen LSBTQ*-Community über eine reine Ally-Position hinaus.

Und weil ich als Einzelperson solche Dynamiken nun mal nicht ändern kann, zog ich mich gefühlsmäßig in der Konsequenz mehr und mehr aus diesen Räumen zurück, die dennoch weiterhin behaupteten, “meine Community” zu sein. Ich landete dabei in einem merkwürdigen Nichts, denn die Mainstreamwelt war ja genauso wie vorher auch kein Ort, an dem ich mich zuhause oder auch nur halbwegs entspannt gefühlt hätte. Und auch wenn ich an dem einen oder anderen Küchentisch oder auf dem einen oder anderen Sofa in den Wohnungen befreundeter queerer Menschen trotzdem noch vorkam, so war die Welt, in der ich mich und mein queeres Gender und Begehren wahrgenommen fühlte, doch plötzlich sehr, sehr klein geworden.

Man möge mir also nachsehen, dass ich zuweilen nostalgisch (und manchmal auch romantisierend) den guten alten Zeiten nachtrauere, als alles™ noch so einfach war. Und dass ich hin und wieder betrübt feststelle, dass Die Jugend Von Heute™ meine Erfahrungen und die daraus resultierenden Gefühle nicht immer versteht und/oder relevant findet. So ist das eben manchmal mit uns Menschen über 40.

Deswegen sind LSBTQ*-Räume inzwischen trotzdem anders, als sie damals™ waren. Und an ganz vielen Stellen ist das auch echt richtig gut (z.B. begrüße ich die langsame Verschiebung von Identitäten weg zu Verhaltensweisen als Zulassungs-/Zugehörigkeitskriterium aufs Ausdrücklichste!).

Mein persönliches Dilemma in diesen Räumen bleibt trotzdem vorerst bestehen, weil mir nach wie vor unklar ist, wie die benannten Konflikte sich individuell und kollektiv lösen lassen, damit so viele LSBTQ*-Menschen wie möglich in LSBTQ*-Räumen (und gerne auch jenseits davon, aber das ist auch wieder ein anderer Text) so viel Spaß, Stärkung und Entspannung finden wie möglich.

Es werden weiterhin genderkonforme Cisheten ganz selbstverständlich auf LSBTQ*-Partys rumknutschen und noch nichtmal wahrnehmen, dass sie damit fundamentale Regeln queerer Räume verletzen und gesellschaftliche Machtverhältnisse aktiv aufrechterhalten, weil sie queere Räume nicht von sonstigen linksalternativen Räumen unterscheiden können/wollen/müssen (danke an ihdl für den Kommentar bei laufmoos, ohne den ich diesen Aspekt nicht so deutlich hätte sehen können).

Wie Joke schon schrieb:

Dies ist ein queerer, ein lesbischer, ein schwuler, ein bi, manchmal ein trans*, manchmal ein inter, ein bisschen ein poly, jedenfalls ein subkultureller Raum. Im Verhältnis zum hegemonialen Raum ist dieser Raum pervers, er ist anders und er folgt anderen Regeln. Die Regeln, denen er folgt, müssen innerhalb der Subkultur gelernt werden, das geht nicht über Queer-101-VHS-Kurse, sondern erfolgt subtil, gebunden an die Freund_innenschaften, die politischen Zusammenhänge, die Aktionsgruppen, zu denen eins sich zugehörig fühlt und Zugang hat.

Ich füge hinzu: Und das braucht Zeit. Und Arbeit. Dieses Wissen gibt es nämlich nicht für ein paar Euros Soli-Eintritt automatisch am Party-Eingang dazu. Und wer als Cisheter@ diesen Preis nicht bezahlen will, wer als Cisheter@ diese Zeit und Arbeit nicht investieren möchte, hat in meinen Augen auch nicht das Recht, irgendwelche Forderungen an den betreffenden queeren Raum und die darin anwesenden LSBTQ*/FLT*-Menschen zu stellen. Und das meine ich jetzt wirklich mal ganz einfach und ohne Einschränkung genau so.

Hier schließe ich mich deshalb dem dringenden Wunsch danach an, es möge sich doch bitte eine umfassende Praxis der Critical Hetness etablieren, damit nicht ausgerechnet auf den Partys, die explizit zur Stärkung und Unterstützung von LSBTQ*/FLT*-Menschen und -Communitys gedacht sind (oder was dachtet ihr, was Soli-Party bedeutet?!), heteronormative Kackscheiße reproduziert wird. Ganz “unschuldig” natürlich, denn wer (außer intoleranten Quasi-Diktator_innen) kann schon was gegen romantische Zuneigungsbekundungen unter verliebten Erwachsenen haben?! Lernen wir nicht auf jedem CSD, dass “Liebe kein Geschlecht kennt”?! (Ihr merkt schon: ich habe so meine Probleme mit dieser Form von les(bi)schwuler Politik… Aber auch dieser Rant soll nicht hier und heute fortgeführt werden.)

Es werden – nicht zuletzt als Reaktion auf die Anwesenheit besagter knutschender Cisheten – weiterhin Menschen, die auf den ersten Blick für ebensolche Cisheten gehalten werden, aber ganz definitiv keine sind, mit einer gewissen Ablehnung in LSBTQ*/FLT*-Räumen behandelt werden (siehe auch der Kommentar von Frl. Urban bei laufmoos). Hierzu plane ich in absehbarer Zukunft noch einen längeren Text zum Thema Passing, der auf diesen Punkt nochmal genauer eingeht. Heute nur soviel: Als Cis/Heter@ gelesen werden ist nicht das gleiche wie Cis-/Heter@-Sein. Hier wünsche ich mir gerade in LSBTQ*/FLT*-Räumen differenziertere Diskussionen und mehr Komplexitätsanerkennung. (Bis besagter Text geschrieben ist, verweise ich vorerst auf mein “passing”-Tag drüben bei Tumblr, unter dem Vereinzeltes und Vermischtes zu diesem Themenkomplex versammelt ist.)

Und es wird auch weiterhin nicht helfen, wenn wir uns in dieser Diskussion auf Identitäten (und vermeintliche Identitäten) konzentrieren, anstatt über konkrete, spürbare und beschreibbare Verhaltensweisen zu sprechen (zu denen das äußere Erscheinungsbild m.E. ausdrücklich dazugehört, aber eben nicht als einzige/wichtigste Komponente).

Nochmal Joke:

Das Äußere an sich kann m.E. hier keine klare und gültige Aussage über die Zugehörigkeit oder die Positionierung im Raum machen, weshalb ich es ja an Praxen kopple.

Gleichzeitig finde ich es schwierig, bei sehr heteronormativem, grenzüberschreitendem Verhalten zunächst mal zu diskutieren, ob Leute unpassenderweise als hetero gelesen werden oder nicht.

Da ergibt sich dann für mich eine Problematik queerer Räume: Wenn die Definition des Raumes an dem Punkt anhält, an dem ich “vom Aussehen nicht auf das Begehren von Leuten schließen darf” (und das ist eine häufige Antwort, die ich auf Argumentationen wie die oben oder die im letzten Text höre), dann ist sie verkürzt und betreibt viel mehr Identitätspolitik als die Suche nach einem Verhaltenskodex auf queeren Partys. Mit der m.E. verkürzten – aber immer wieder gehörten – Argumentation, dass ich niemanden auf einer Queerparty einfach so (siehe dazu meinen Text oben) als heter@ labeln darf, verunmögliche ich die Diskussion über heteronormatives Verhalten und das offensichtliche momentane Scheitern einer Türpolitik auf Queerpartys.

Was für mich auch bedeutet, dass dies keine Diskussion ist, die sinnvoll und erschöpfend an einem Nachmittag auf Twitter (oder auf Facebook oder meinetwegen auch bei Tumblr) geführt werden kann, oder die gut auf griffige Slogans in durchschnittlicher Transpi-Länge komprimiert werden kann. Denn es ist eben nicht einfach, sondern hochgradig komplex, weil an der Frage nach queeren/LSBTQ*/FLT*-Räumen und ihrer Offenheit/Geschlossenheit nun mal eine jahrzehntelange vielschichtige Geschichte dranhängt, die auch durchs Ignorieren nicht einfach aufhört zu existieren. Und weil sich in diesen Räumen lauter LSBTQ*/FLT*-Menschen mit komplexen und sehr verschiedenen Identitäten und Erfahrungen versammeln, die alle gehört und respektiert werden wollen. Und auch, weil Cisheter@ nicht gleich Cisheter@ ist. Und weil wir uns nicht alle das Gleiche unter sinnvoller Bündnispolitik vorstellen. Und weil Intersektionalität ein Ding ist. Und deswegen sind auch alle Handlungsempfehlungen, die mit “man kann/muss doch einfach nur…” anfangen, und alle Politikverständnisse, die mit “Liebe ist Liebe!” aufhören, in meinen Augen schon von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Oder jedenfalls sind sie nicht die Form von Politik und Community, an der ich teilnehmen möchte und die mit meiner Zustimmung in meinem Namen passiert.

Nehmen wir uns also die Zeit und machen wir uns die Arbeit, in langen Texten über komplexe Sachverhalte (und gerne auch über komplexe Gefühle!) zu sprechen und finden dabei (hoffentlich) brauchbare Handlungsansätze, die dieser Komplexität gerecht werden. Daran würde ich mich jedenfalls gerne beteiligen.

Derailing “Romeos”?

Der Film Romeos dreht sich um den jungen schwulen Transmann Lukas (Rick Okon), der sich mit seiner besten lesbischen Freundin Ine (Liv Lisa Fries) durch den Alltag als Neu-Zivi und die Kölner Partyszene schlägt und versucht, dabei als trans* möglichst ungeoutet zu bleiben. Auf einer gemischten, heterodominierten WG-Party trifft Lukas den attraktiven, selbstbewussten, machoesken und sexuell aggressiven “Italiener” Fabio (Maximilian Befort), der Lukas’ Männlichkeitsideal verkörpert, und verliebt sich in ihn. Daraus folgen diverse Konflikte um Identitäten, Körper, sexuelle Orientierungen, Vertrauen, Abenteuerlust, und so weiter. Der ganz normale Teenie-/Jungerwachsenenwahnsinn also, mit dem auffallenden Unterschied, dass er zu größeren Teilen in schwullesbischem Kontext stattfindet. Was vor allem deswegen so auffällt, weil man die völlig normale Präsenz schwullesbischer Kontexte im Leben schwuler, lesbischer, bisexueller und weiß-nicht-so-genauer Menschen aus der Mainstreammedienlandschaft schlicht nicht kennt.

Ich habe diesen Film mit sehr gemischten Gefühlen dieses Jahr bei den Lesbisch-Schwulen Filmtagen (LSF) in Hamburg gesehen. Vor kurzem lag er nun bei der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) zur Altersfreigabe vor. Beantragt war eine Freigabe ab 12 Jahren, beschlossen wurde eine Freigabe ab 16 Jahren. Die Begründung der FSK [pdf] landete bereits vor einiger Zeit in meinem Postfach, ich habe mich kurz aufgeregt über die konzeptionell verwirrten und insgesamt extrem heteronormativen Formulierungen und das Ding dann als “war wohl nicht anders zu erwarten” ins Archiv verschoben.

Heute fand ich nun aber bei Joke von laufmoos eine umfassendere Analyse der Begründung der FSK und eine sich daran anschließende interessante Diskussion über Lesarten des Films, Definitionen von queer und verwandte Themen. Neu war mir, dass die FSK offenbar nach Protesten eine neue Begründung ihrer Einschätzung (via) formuliert hat, an der Einstufung “ab 16” aber festhält. Eigentlich wollte ich auch nur einen Kommentar bei laufmoos hinterlassen, aber als ich so ins Schreiben kam, wurde alles wieder sehr lang, und erschien mir besser in einem eigenen Blogbeitrag aufgehoben.

Zunächst noch ein paar mehr Worte zum Film selbst:

Der Film spielt v.a. in einer Gruppe Teenies/Jungerwachsener in Köln, die meisten erstmals außerhalb des Elternhauses und in der Großstadt wohnend und mit entsprechendem Freiheitsauslebenwollensdrang. Es gibt als Orte zum Ausgehen (und zur Thematisierung von Sexualität) heterodominierte WG-Partys, schwule Discos und eine heterodominierte Billardkneipe. Es geht insgesamt viel um Begehren, Sex und die Suche nach dem*der “Richtigen”, Langzeitbeziehungen sind mir nicht in Erinnerung geblieben. Aber ganz ehrlich: ich erinnere mich auch nicht an viele heterosexuelle Langzeitbeziehungen um mich herum, als ich so zwischen 16 und 20 war. Mir scheint der sogenannte “häufige Wechsel von Partner*innen” (welche Häufigkeit hier auch immer die “normale” Vergleichsgröße bilden mag…) daher eher als ein Phänomen, das typisch für eine bestimmte Lebensphase ist, als eine spezifisch homosexuelle Angelegenheit.

Wie mittendrin in dieser ohnehin schon recht achterbahnmäßig emotional aufgeladenen Szenerie nun auch noch ein Transmann vorkommt, fand ich eigentlich sehr deprimierend realistisch umgesetzt. Ich war jedenfalls mal wieder extrem froh, mich inzwischen deutlich jenseits dieses Alters und dieser Lebenswelt zu befinden, die auch für mich als Nicht-Trans*mann eher keine unkomplizierte Lebenszeit war.

Ich habe an der einen oder anderen Stelle im Kino zwar sehr genervt über die vielen sexuellen, geschlechtlichen und ethnisierten Stereotype mit den Augen gerollt, aber so im Nachhinein muss ich das Genervtsein zumindest ein bisschen zurücknehmen, denn viele der Stereotype werden dann doch wieder irgendwie gebrochen. Zum Beispiel knutscht die extrem stereotyp großäugig-naive Die-kann-nur-hetero-sein-Blondine Jacqueline (Juliane Knoppek), mit der der stereotyp mackerige “Italiener” Fabio eine Zeitlang liiert ist, später mit der lesbischen besten Freundin von Lukas, dem bezüglich seiner Männlichkeitsideale vollkommen stereotypen Transmann. Das mit den vermeintlich klaren Kategorien der sexuellen Orientierung bringt der Film an vielen Stellen also wirklich angenehm vieldeutig durcheinander. Man könnte das vielleicht auch als pseudo-unpolitische Beliebigkeit abtun, aber ich empfinde es als durchaus passend für die dargestellte Welt. Als “eigentlich hetero”, wie in der Diskussionbei laufmoos aufkam, ist Fabio für mich jedenfalls nicht so ohne weiteres zu lesen.

Es gibt natürlich auch insgesamt nicht nur eine “richtige” Lesart von Romeos. Im Gegenteil, gerade seine relative Intersektionalität (hier v.a. verkörpert durch den schwulen Transmann und den schwulen/bisexuellen “Italiener”) eröffnet deutlich mehr als einen Blick auf die gezeigten Situationen. Auch Szenen wie die, in der Ine Lukas vorwirft, er habe nur noch trans* im Kopf und sei für die Anliegen seiner besten Freundin überhaupt nicht mehr offen, fand ich sehr realistisch und gelungen un-einfach. Gleiches gilt für die Weigerung der Pflegedienstleiterin Annette (Silke Geertz), ihrem sexistischem Chef Herrn Boeken (Gilles Tschudi) gegenüber zugunsten von Lukas Kompromisse einzugehen, die ihr zum Nachteil wären. Insofern bin ich inzwischen durchaus geneigt, meine gemischten Gefühle als Erfolg des Films zu verbuchen, der zwar in vielen Punkten sehr trans*- und homofreundlich ist (insbesondere durch die Selbstverständlichkeit, mit der diese Identitäten und Verhaltensweisen portraitiert werden), aber es sich dennoch nicht so einfach macht, die Welt in saubere Schubladen von “Guten” und “Bösen” aufzuteilen.

Nun zur ersten Begründung der FSK (hier nochmal der Link [pdf]): Für mich liest die sich, als ob jemand Schwullesbisches bei der FSK arg besorgt über das schlechte und “einseitige” Bild von Lesben und Schwulen gewesen sei, weil im Film zu viel über häufig wechselnde Partner*innen von Nicht-Heterosexuellen und zu wenig über monogame Langzeitbeziehungen gesprochen wird. Um Transidentität geht es in der Begründung eigentlich überhaupt nicht (weswegen das Thema auch gar nicht unter dem Punkt “Inhalt”, sondern erst in der “Beurteilung” auftaucht). Wenn darin also irgendwas deutlich wird, ist es das völlige Unverständnis von Trans*sein seitens der Person, die diese Begründung verfasst hat.
Alles weitere haben Joke von laufmoos und andere bereits zur Genüge auseinandergenommen, so dass ich hierzu nichts weiter sagen werde (Links siehe unten).

Die zweite Begründung der FSK (hier nochmal) deckt sich inhaltlich mit dem, was ich im Film tatsächlich gesehen habe. Warum Zwölfjährige jetzt mit dem Dargestellten überfordert sein sollen, weiß ich allerdings auch nicht. Vor allem nicht, wenn man sich vergegenwärtigt, was sonst so alles als zumutbar und verkraftbar für diese Altersgruppe gilt (bei bisexualitaet.org und MoviePilot finden sich einige hübsche Vergleichsfälle).

Was ich an der ganzen Debatte mit am interessantesten finde, ist allerdings nicht der ganze Wirbel um die Homofeindlichkeit der ersten FSK-Begründung (und -Einstufung an sich). Sondern die Tatsache, dass hier die ganze Zeit über die Darstellung von Homosexualität geredet wird, obwohl die eigentliche Story sich zentral um die Transidentität des Protagonisten dreht, der halt außerdem schwul ist (das ist aber nie ein Problem im Film). Und nun frage ich mich, ob wir es hier nicht vor allem mit einem klassischen Fall von Derailing zu tun haben… Um mal das GeekFeminismWiki zu zitieren:

Derailment occurs when discussion of one issue is diverted into discussion of another issue, often by the group who were being called out about their bad behaviour in the first place. […] Typically, derailing will instead centre the needs of the relatively privileged group and ask the activist to reframe the conversations or actions around members of that group.

In anderen Worten: die Debatte verschiebt sich hier zu den Anliegen der relativ privilegierteren Gruppe der Lesben und Schwulen, womit verhindert wird, dass a) Lesben und Schwule sich mit ihrer eigenen Trans*feindlichkeit auseinandersetzen müssen, b) der Film auf seine Darstellung von Transidentität und Trans*leben hin untersucht wird, c) überhaupt über Trans* geredet wird. Statt dessen reden wir wieder einmal über Lesben und Schwule (richtiger: Schwule und Lesben) und haben außerdem noch den Nebeneffekt, dass der schwullesbisch zentrierte Protest positiv mit Trans* assoziiert wird (denn der Film ist ja in den meisten Köpfen vermutlich trotzdem zuerst ein Trans*film), d.h. die Trans*feindlichkeit von Schwulen und Lesben wird doppelt verschleiert.

Dabei bietet der Film selbst durchaus interessante und brauchbare Anknüpfungspunkte, um genau an die Schnittstelle zu gucken, wo Transidentität und Homo-/Bisexualität aufeinandertreffen, sowohl in subkulturellen Gemeinschaften als auch in ein und demselben Menschen…

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Weitere Texte zur FSK-Einstufung: