Über Butches, Transmänner und (nicht nur) lesbische Verlustgefühle

Also, ich habe ja die gleiche Partyeinladung bekommen wie Andrea Roedig. Ich bin sogar zu dieser Party hingegangen. In allererster Linie aus Neugier. Und weil ich finde, dass es – neben z.B. Partys für FrauenLesbenInterTrans (FLIT) und Partys für LesbenSchwuleBisexuelleTransleuteQueers (LGBTQ) und Partys für “alle” – durchaus auch Partys nur für Frauen (inkl. Transfrauen) geben kann und sollte. Und ich hatte vor dem Besuch der Party tatsächlich ein wenig halbernste Sorge, ob dort wohl auch für mich attraktive Menschen (sprich: Butches) sein würden. Oder vielleicht sollte ich eher sagen, ich habe mich gefragt, welcher Teil der Butches sich wohl von dieser Einladung angesprochen fühlt. Ich bin es nämlich nicht mehr gewohnt, die Butches (und anderen nicht-cismännlichen FLITs) in meinem weiteren sozialen Umfeld nach “Frauen” und “Nicht-Frauen” sortieren zu müssen, weil üblicherweise eh alle auf der gleichen Party sind (die natürlich keine “Frauenparty” ist, jedenfalls keine ohne erweiternde Fußnoten) und es im alltäglichen Umgang erfahrungsgemäß relevanter ist, zu wissen, wer welche(s) Pronomen bevorzugt. Die Frage, wer welche Identität(en) mit diesem_n Pronomen verbindet bzw. sonst für sich in Anspruch nimmt, ist dann eher was für ausführlichere Hintergrundgespräche und längere Kontakte zwischen (wie auch immer) aneinander Interessierten.

Die Party war überwiegend auch wirklich nett. Jedenfalls bis auf die Tatsache, dass einige selbstidentifizierte Butch-Frauen einen Teil des Abends damit verbrachten, in meiner Hörweite wirklich schlimm unzutreffenden binären Unsinn über (angeblich) supersexistisch-mackerige Transmänner vs. (implizit) völlig unsexistisch-unmackerige Butch-Frauen von sich zu geben. Ich habe mich nach Kräften bemüht, das nicht gänzlich unwidersprochen zu lassen, aber so richtig war das weder der Ort noch die Zeit für ausführlichere Aufklärungsgespräche. Mal abgesehen vom offenkundig mangelnden Interesse meiner dortigen Gesprächspartnerinnen an einer differenzierteren Sichtweise – oder überhaupt an meiner Meinung als queer-feministische und butchliebende Femme, die ihren Alltag mit einer nonbinary Trans-Butch mit diversen Transitionserfahrungen teilt (aber so weit kam ich in meinen Ausführungen ja erst gar nicht).

Aber jetzt gibt es ja diesen ZEIT-Artikel (vgl. obiger Link), in dem im Grunde die gleichen Punkte nochmal etwas allgemeiner wiederholt werden, die schon auf dieser Party keinen Sinn ergeben haben. Und deshalb nehme ich mir jetzt doch nochmal die Zeit, mich etwas ausführlicher dazu zu äußern. Weil das mit den Lesben, Butches und Transmännern und das mit dem queer und dem Feminismus in Wirklichkeit eben alles doch ein bisschen komplizierter ist, als dieser Artikel es darstellt. Und weil so ein Artikel ja oft länger hält als ein flüchtiges Partygespräch. Und weil ich das deshalb erst recht nicht unwidersprochen so stehenlassen will.

Aber von vorne.

Biologische Zustände, soziale Zuschreibungen und unerwartet queeres Gedankengut

Ich möchte gar nicht so viel zu den ganzen sprachlichen Ungereimtheiten in dem Text von Andrea Roedig sagen, weil es mir hier nicht in erster Linie um irgendeine unerfreuliche Wortwahl an sich geht. Aber so richtig lässt sich dieser Artikel nicht sinnvoll diskutieren, wenn eins nicht auch einen Blick auf seine Sprache wirft. Reden wir also doch erstmal über Worte und was sie so bedeuten. Dazu hole ich ein bisschen über den Text von Roedig hinweg aus und gehe nochmal ein wenig ins Grundsätzliche.

Da ist zum Beispiel die Wortkombination “biologisches Geschlecht” (im Englischen ist das “sex” im Unterschied zu “gender”, also “sozialem Geschlecht” – dazu weiter unten mehr). Darunter verstehen die meisten Leute eine bestimmte Kombination körperlicher Zustände, die sich aus naturwissenschaftlich-technisch messbaren Faktoren wie z.B. dem Chromosomensatz, dem Hormonspiegel, der inneren und äußeren genitalen Konfiguration und weiteren sogenannten “Geschlechtsmerkmalen” wie z.B. Brustgröße, Gesichts- und Körperbehaarungsmenge, Stimmlage und/oder allgemeine Körperproportionen zusammensetzt. Nicht zu vergessen irgendwas Messbares “im Gehirn”. Diese Faktoren (die übrigens bei weitem nicht alle unveränderlich genetisch vorbestimmt sind!) treten im echten, menschlichen Leben in nahezu endloser Vielfalt in nahezu endlosen Kombinationen auf und verändern sich teils auch im Laufe eines durchschnittlichen Lebens (ich sage nur “Pubertät”…). In einer normativ zweigeschlechtlich gedachten Welt (und in der leben Andrea Roedig und ich und die Leute, über die sie und ich gerade schreiben, nun mal – ob wir wollen oder nicht) werden wir aber alle nach oberflächlicher Inaugenscheinnahme der äußeren Genitalgegend direkt nach der Geburt statisch einem von zwei Grundmodellen (“Frau” bzw. “Mann”) zugeordnet (bzw. zwangszugewiesen, “notfalls” auch durch medizinisch vollkommen unnötige chirurgische Eingriffe).

Das “biologische Geschlecht” wird üblicherweise als der “unveränderliche” Teil von Geschlecht gedacht. Weswegen auch immer noch erschreckend viele Menschen darin eine geschlechtliche “Wahrheit” suchen, die vermeintlich naturgegeben und prä-gesellschaftlich bedeutungsvoll vorhanden ist. Woraus sich natürlich jede Menge transfeindliche Gruseligkeiten ableiten. Dass Transfrauen von vielen Menschen ihr “richtiges” Frausein abgesprochen wird, zum Beispiel. Oder dass Transmänner trotz klarer Identifikation als Männer von manchen Menschen eher wie besonders begehrenswerte, weil besonders androgyne (sprich: maskuline) “Ehrenlesben” behandelt werden. Oder dass von cisweiblichen Lesben einfach nicht verstanden wird, warum sich viele Nonbinaries, Genderqueers, Genderfluide und Transmänner von Einladungen zu “Frauenpartys” selbstverständlich nicht (mehr) angesprochen fühlen, auch wenn sie vor 20, 30 oder 50 Jahren bei ihrer Geburt noch so vehement als “weiblich” zugewiesen wurden.

Ich persönlich halte es bezüglich des “biologischen Geschlechts” dagegen mit denen, die festgestellt haben, dass anatomische Tatsachen zwar teils “naturgegeben” sein mögen, dass aber jede Bedeutung, die wir ihnen zuschreiben, sehr wohl gesellschaftlich geformt und damit auch veränderlich ist (wer mehr dazu lesen möchte, könnte z.B. mit Judith Butler oder Thomas Lacquer anfangen). (Insofern bleibe eins mir bitte auch weg mit den ach-so-“ursprünglichen” Steinzeitmenschen und all den danach evolutionär nicht mehr weiterentwickelten Männern, die nicht zuhören wollen, und Frauen, die nicht einparken dürfen…) In diesem Sinne ist jedenfalls auch das “biologische Geschlecht” nur das Ergebnis sozialer Bedeutungszuschreibungen auf bestimmte Kombinationen von Körpermerkmalen und nicht irgendeine objektive “Wahrheit”. Weswegen ich üblicherweise auch gar nicht erst zwischen “biologischem” und “sozialem” Geschlecht unterscheide, sondern alles “Gender” nenne.

Aber wie gesagt, die meisten Menschen beharren nicht nur auf der Unterscheidung zwischen “biologischem” und “sozialem” Geschlecht, sondern bestreiten dabei auch, dass sich das “biologische Geschlecht” überhaupt ändern ließe – weil es ja angeblich schon als Tatsache da war, bevor wir überhaupt eine (geschlechtliche) Selbstwahrnehmung entwickelt haben. Insofern ist es interessant, dass ausgerechnet Roedig nun meint, dass die Einnahme von Hormonen das “biologische Geschlecht” verändert. Denn das ist in meinen Augen ein ausgesprochen queerer Gedanke. Und zwar selbst dann noch, wenn sie ignoriert, dass nach dieser Logik dann aber auch Cisfrauen und Cismänner, die (z.B. zur Schwangerschaftsverhütung, gegen Akne, zur Steigerung oder Senkung der Libido, gegen andere sexuelle “Funktionsstörungen”, gegen Wechseljahrsbeschwerden und/oder zur Vereinfachung des Muskelaufbaus) bestimmte Hormonpräparate nehmen, damit ihr “biologisches Geschlecht” ändern – jedenfalls ein bisschen. Das gilt natürlich nur dann, wenn wir außerdem ausblenden, dass es sowas wie eine geschlechtliche Identität und Selbstdefinition gibt, die im Zweifel den Ausschlag bei der Geschlechtsbestimmung von Menschen geben sollte – und genau das blendet Roedig ja in der Tat aus, mit ihrem binären Bild von (ausschließlich) weiblichen Butches, die keine Hormone nehmen und keine “Trans”-OPs machen lassen (und all das auch nicht wollen) und (ausschließlich) männlich-identifizierten Transmännern, die allesamt hormonell verändert und irgendwie “transspezifisch” operiert sind (oder sein wollen).

[Ebenso ausgeblendet werden an dieser Stelle übrigens auch Transfrauen im Allgemeinen. Bei Roedig ist das tatsächlich auch wieder ein bisschen interessant, weil Transfrauen immerhin im ersten Satz – dem mit dem Zitat aus der Partyeinladung – explizit als Zugehörige in Frauenräumen genannt werden und dann auch nirgendwo wieder aus denselben rausdefiniert werden. Ich bin mir aber nicht so sicher, ob das nun wirklich auf ausdrückliche Transfrauenfreundlichkeit schließen lässt, oder ob Roedig das weitere Mitdenken von Transfrauen nach ihrem Einleitungssatz einfach “vergessen” hat, weil sie ja so mit (implizit als cisweiblich gedachten) Butches und Transmännern beschäftigt war. Oder wen sie überhaupt als Transfrau gelten ließe, wenn wir sie denn danach fragen würden (was wir übrigens nur dann – und nur zu Klärungszwecken – tun sollten, wenn sie demnächst diejenige ist, die Partyeinladungen “nur für Frauen” verschickt). Aber gut, halten wir fest, dass wir es in diesem Artikel scheinbar immerhin nicht mit trans(frauen)ausschließendem Radikalfeminismus (TERF) zu tun haben. Ein paar Abgründe bestimmter feministischer Denkweisen bleiben uns also doch erspart. Und halten wir fest, dass auch ich hier im Folgenden mehr über Transmännlichkeiten als über Transweiblichkeiten sprechen werde, weil ich ja nach wie vor eine Antwort auf den Artikel von Roedig verfasse und nicht allgemein über das Verhältnis feministischer/queerer Räume zu Transmenschen schreibe.]

Erwähnen möchte ich zum Thema “biologisches” (oder vielleicht besser: “körperliches”) Geschlecht außerdem noch, dass dessen Grenze zum “sozialen” Geschlecht (s.u.) auch ohne Butler und Lacquer sehr fließend ist. Jedenfalls dann, wenn eins mitdenkt, dass auch Dinge wie Bodybuilding und andere Körpertrainings, Frisuren und sonstiger Umgang mit sichtbarem Körperhaar, Stimmmodulation und Sprachmuster, Gestik, Mimik und allgemein Körpersprache sowie Körper(um)formungen durch Bekleidung einen erheblichen Einfluss auf die Wahrnehmung eines menschlichen Körpers nicht nur als “feminin”/”maskulin”/”androgyn” (im Sinne von “gender”), sondern auch als “weiblich”/”männlich”/”uneindeutig” (im Sinne von unterstelltem “sex”) haben. Daher kann die cisweibliche Butch-Frau je nach Gesamterscheinungsbild (und je nach Wahrnehmungsmustern der Betrachter_innen) auch durchaus öfter mal als Cismann gelesen werden. Und der Transmann wird vielleicht auch dann weiter als “Frau” gelesen, obwohl in seinem Ausweis seit drei Jahren ein eindeutig männlicher Vorname steht und mittlerweile auch alle Post ordentlich an “Herrn Nachname” adressiert ist. Selbst die von Oma und Opa.

Soziale Zustände und das komplexe reale Leben jenseits von Binaritäten

Womit wir dann also beim “sozialen Geschlecht” (englisch “gender”) wären. Das ist in etwa das, was andere Leute uns so als Geschlecht zuschreiben. Und wenn wir Glück (und ein entsprechend queer gebildetes Umfeld) haben, wählen sie dabei aus mehr als nur zwei Möglichkeiten. Diese Zuschreibungen können wir bis zu einem gewissen Grad beeinflussen, z.B. indem wir uns bestimmter Stylingcodes bei der Wahl von Bekleidung und Frisuren bedienen. Oder gegenderte Vornamen oder andere Selbstbezeichnungen benutzen. Oder T-Shirts/Buttons/Schildchen mit identifizierenden Informationen tragen. Oder bestimmte Körpermerkmale betonen bzw. sie verdecken oder von ihnen ablenken. Oder andere Leute im Gespräch darüber informieren, wie wir uns geschlechtlich identifizieren und wie das mit unserem äußeren Erscheinungsbild zusammenhängt oder auch nicht.

Bei diesen Kombinationen von Selbstpräsentation und Außenwahrnehmung kann dann z.B. rauskommen, dass Butch-Frauen Stress auf dem Frauenklo haben, weil das Klopersonal oder andere Klobenutzerinnen sie aufgrund ihrer maskulinen Selbstpräsentation für Männer gehalten haben und beim Versuch, den Frauenraum “Damentoilette” zu schützen, leider an der falschen Stelle eine Bedrohung dieses Raums gesehen haben. Oder dass feminine(re)n Transfrauen aufgrund ihres Nicht-als-Cisfrauen-gelesen-Werdens analog das gleiche passiert. Oder dass Transmänner in der Arztpraxis jedes Mal wieder aufs Neue als trans geoutet werden, weil das Praxispersonal scheinbar nicht in der Lage ist, irgendwo zu vermerken, dass der Patient seit mittlerweile fünf Jahren “Herr Nachname” heißt. Und zwar auch dann, wenn er weiterhin eine gynäkologische Praxis besucht. Oder dass cisweiblichen Femmes unterstellt wird, sie seien schon immer rundum absolut genderkonform gewesen und hätten niemals irgendwelche Genderdysphorie am eigenen Leib erlebt, bloß, weil sie heute Expertinnen im Auftragen von Eyeliner und Nagellack sind und wissen, was Victory Rolls sind (und sie womöglich gar machen können).

Es kann aber auch rauskommen, dass manche Butches auf der queeren Party eben als “er” angesprochen werden (und das auch gut finden), ohne dass sie sich deswegen notwendigerweise als “Männer” identifizieren. Zum Beispiel weil es im Deutschen keine grammatisch unkomplizierte und breit bekannte Pronomenvariante wie das singuläre “they” gibt. Oder weil ein “er” für eine Butch in einem queeren Raum sehr wohl etwas anderes bedeuten kann als ein “er” in einem heteronormativen Kontext (ein schwuleninternes “sie” bedeutet ja auch nicht, dass der so Bezeichnete “in Wirklichkeit” eine Frau ist, sondern verweist einfach auf eine spezifisch schwul-tuntige Sprachkultur). Oder es kann rauskommen, dass Transfrauen selbstverständlich und mit jedem nur denkbaren körperlichen Erscheinungsbild und mit jedem Grad von Angezogensein bzw. Nacktheit auf der Frauensexparty herzlich willkommen sind und (zumindest von einigen Anwesenden) auch genau so wie sie sind, begehrt werden. Oder es kann rauskommen, dass der Transmann hier drüben viel femininer und viel feministischer ist als die ausgesprochen femininitätsfeindliche und super-maskuline Butch-Frau, die neben ihm steht. Oder dass die Person mit dem Vollbart auf der FLIT-Party sich als nonbinary Butch identifiziert, entspannt alle Pronomen für sich verwendet und trotzdem seit Jahren Testo nimmt – und die Person, die sich explizit als Transmann und männlich und ausdrücklich nicht als Butch oder nonbinary oder genderqueer identifiziert, trotz jahrelangen Positionierens als Mann immer noch “aus Versehen” (ja, nee, is klar) als “sie” bezeichnet wird, weil er in den Augen der Sprecher_innen “nicht männlich genug” aussieht. Und trotzdem stur weiter Männerröcke trägt, weil er eben auch Goth und (manchmal) schwul ist. Oder dass auch cisweibliche Femmes in ihrer Genderkomplexität wahrgenommen werden. Und dass Femininität nicht weniger als “authentisch” gilt als alle anderen lesbischen, queeren und nicht-so-queeren Gender, die um sie herum existieren. Das alles kommt – wie so oft beim Thema Gender – immer sehr auf den Kontext an.

Bei Roedig ist all sowas aber einfach nur “unübersichtlich” und damit irgendwie implizit doof. Naja, klar, mehr-als-zwei ist eben mehr-als-zwei und damit automatisch komplexer. Und selbst ein quasi-antiquarisches 256-Webfarben-Spektrum ist nun mal bunter als ein binäres Schwarz-weiß. Ich persönlich finde ja, vielfältiger und differenzierter ist besser, weil genauer und zutreffender. Und ich finde, Roedig kann ruhig mal ein bisschen weniger faul sein und die real existierende geschlechtliche Vielfalt einfach mal wahrnehmen, anstatt weiterhin mit zwei und nur zwei Geschlechtskisten durch die Gegend zu laufen und da alle Menschen um sie herum zwangseinzusortieren. (Habe ich Hoffnung, dass sie dies tatsächlich tun wird? Ehrlich gesagt, nicht so richtig. Schließlich wollte sie schon 2002 “nun wirklich nichts mehr von ’embodie[d] practices’ und ‘power structures’ hören und schon gar nichts mehr von einer Weltsicht, die postmoderne Denkstrukturen nur deshalb gut findet, weil sie essentialistisches Denken (böse), Dualismen (böse), Ausschlüsse (böse) kritisiert”… Aber ich schreibe das hier ja auch nicht in erster Linie für Andrea Roedig, sondern für diejenigen, die vielleicht doch ein bisschen aufgeschlossen(er) für nicht-binäre Weltbilder sind.)

Und jetzt zum nächsten Zaubertrick: Die Verschwundene Butch und die Diskursive Verschiebung!

Jedenfalls gilt üblicherweise das “soziale Geschlecht” als der veränderliche Teil von Geschlecht. Bei Roedig sieht das dann ungefähr so aus: Schnell mal die Haare wachsen gelassen und schwuppdiwupp ist aus dem “hässlichen Mannweib” eine nach heteronormativen Maßstäben (implizit) attraktive(re) Frau geworden, mit der plötzlich auch die “ehedem maulfaulen Kolleg_innen” reden. Schnell mal ein paar Hormone eingeworfen uns schwuppdiwupp ist eine “Butch verloren gegangen” und ein “waschechter Typ” entstanden. Wundersamerweise bleibt die Butch jedoch auch mit längeren Haaren noch eine Butch (darf also ihre Selbstdefinition behalten, auch wenn sie von ihrem Umfeld plötzlich ganz anders behandelt wird), während der Transmann spätestens mit “behaarter Brust” keinesfalls mehr gleichzeitig Butch sein kann, egal, was er selbst vielleicht dazu meint. Weil Roedig ja Butches mal eben ausschließlich als Frauen definiert hat und es ihr dabei völlig egal ist, dass längst nicht alle real existierenden Butches sich auch als Frauen identifizieren.

An dieser Stelle muss ich nun mal kurz einen Schlenker in die Geschichte machen und darauf hinweisen, dass die Kategorie “Butch” (bzw. ihre deutschsprachigen Vorläuferinnen “Kesser Vater (KV)”, “Bubi”, “Vatti” u.ä. und alle ihre anderssprachigen Nicht-ganz-Äquivalente) historisch noch nie ausschließlich Menschen beinhaltet hat, die sich ungebrochen als Frauen identifiziert haben. Das ist also definitiv kein “Phänomen, das in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren zunehmend virulent geworden ist”, sondern das war schon um die vorletzte Jahrhundertwende so. Also ab dem späten 19. Jahrhundert bis in die 1930er, dann brach zumindest hierzulande die Geschichte nationalsozialismusbedingt erstmal ab, ging aber z.B. in Nordamerika in den 1940er-60er Jahren erst so richtig los, was sich z.B. in den autobiographischen Texten der butchliebenden und feministischen Fem(me)s Joan Nestle (ganz besonders hier) und Amber Hollibaugh nachlesen lässt – oder, fiktionalisiert, in Leslie Feinbergs Stone Butch Blues (dt. Träume in den erwachenden Morgen). Und nur weil es in den 1970ern eine kurze Weile gendertheoretisch quasi nur “Männer” und “Frauen” gab (was ja für viele feministische Analysen auch temporär durchaus ein sinnvolles Denkmodell war), oder weil sich manche Butches mangels alternativer Begriffe und Identifikationsmodelle dann eben doch “Frau” genannt haben (und vielleicht auch, weil das zumindest im Kontext der frühen Sexismusanalysen der 1970er sinnvoll war), heißt das trotzdem nicht, dass all die Butches, die Roedig im Zuge von Transitionsprozessen “verloren” gehen sieht, vorher auch wirklich “Frauen” waren. Oder dass alle Butches, die hormonelle und/oder chirurgische Maßnahmen aus dem Trans-Katalog ergreifen, am Ende zu “waschechten Typen” werden, die “teils zart, teils massiv mit behaarter Brust, Bierbauch und rüden Manieren als Kerle auftreten.” Wobei das mit den “Männern” und “Frauen” und nichts anderem selbst für die 1970er Jahre nicht stimmt. Denn die Feministin Monique Wittig schrieb zum Beispiel 1978, “‘Frau’ hat nur Bedeutung im heterosexuellen System des Denkens und in heterosexuellen ökonomischen Systemen. Lesben sind keine Frauen.” Befänden wir uns in einem fiktionalen Universum, wäre das, was Roedig hier tut, jedenfalls ein klarer Fall von retconning zum Zwecke der Untermauerung ihres geradlinigen Narrativs vom “Verschwinden der Butches” in die Transmännlichkeit.

Mal ganz abgesehen davon, dass ich persönlich rüde Manieren und gruselige Femininitätsfeindlichkeit durchaus auch bei cisweiblichen Butches erlebt habe – und ausgesprochen respektvolles und un-sexistisches Verhalten bei allerlei Transmaskulinitäten. Und dass sowieso nichts falsch an Bier- und anderen Bäuchen ist und Roedig diese beiläufige Dickenfeindlichkeit und den impliziten Klassismus im Bild vom bierbäuchigen, brustbehaarten Kerl mit den schlechten Manieren auch einfach mal hätte weglassen können. Und dass ich beim besten Willen nicht weiß, was Roedig meint, wenn sie sich beim “Umgang der Transmänner untereinander” eher “an die offensivere schwule Subkultur” erinnert fühlt “als an die lesbische”. Soll das heißen, Transmänner gebärden sich miteinander zu offensiv begehrlich-sexuell? Denn um zu viel Tuntigkeit bzw. männliche Femininität unter Transtypen geht es ja wohl kaum… Und welche lesbische Subkultur ist hier gemeint? Die Dykes on Bikes? BDSM-Butches/Lesben, die auf andere BDSM-Butches/Lesben stehen? Mir fallen jedenfalls gleich mehrere lesbische Subkulturen ein, die für mich nicht viel anders aussehen, als das, was ich so zwischen mehr oder weniger schwulen Transmännern mitkriege…

Aber ich will gar nicht leugnen, dass es tatsächlich inzwischen weniger Menschen gibt, die sich als “Butch” identifizieren, als noch vor zehn, fünfzehn Jahren. Und mehr (nicht nur) bei der Geburt als “weiblich” zugewiesene Menschen, die sich als “Transmann”, “transmaskulin”, “trans”, “genderqueer”, “genderfluid” oder “nonbinary” identifizieren. Ich stimme Roedig in dieser Beobachtung also durchaus zu. Ich glaube bloß, dass die Sache im echten Leben deutlich vielschichtiger ist, als Roedig es dargestellt hat.

Zuerst muss da nämlich erwähnt werden, dass Mitte/Ende der 1990er die selbstidentifizierte “Butch” ganz und gar nicht das allgemeine lesbisch-feministische Wunschmodell war. Die Butch als solche galt damals nämlich als viel zu “männlich” identifiziert, viel zu “mackerig” und vielleicht gar viel zu “prollig”. Kurz, sie überschritt die Grenzen der lesbisch-feministischen Gender-Schicklichkeit in Bereiche von Maskulinität, die irgendwie “zu viel” waren. Karohemden, maskulin konnotierte Sportlichkeit (also jetzt nicht etwa Ballettkompetenzen) und handwerkliche Begabung waren zwar unter Lesben hoch angesehen, ebenso wie androgyn-jungenhafte Züge in Gesichtern und Körpern. Aber wehe, es wollte eine im Ernst regelmäßig Anzüge tragen. Oder ihre Freundinnen/Affären nur mit Dildo vögeln. Und natürlich wurde nicht öffentlich darüber gesprochen, dass die eine oder andere nicht nur wegen ihrer EMMA-feministisch begründeten Ablehnung von “Reizwäsche” zwei Nummern zu kleine Sport-BHs trug, sondern auch, weil diese die eigenen Brüste eben nicht hoben und teilten, sondern im Gegenteil plattdrückten und anlegten, was irgendwie ein besseres (weil weniger “weibliches”) Körpergefühl machte. Und wenn so eine “zu männliche” Butch dann auch noch auf Femmes stand, wurde sie übrigens gerne obendrein noch der “Reproduktion von Heterosexualität” beschuldigt. Und zwar von lesbischen Feministinnen bzw. feministischen Lesben exakt der Generation, die Roedig in ihrem Text als “klassisch sozialisierte Homos” bzw. als “mehr feministisch als queer geprägt” bezeichnet. Die Butch war also keineswegs das vorherrschende Lesbenideal, jedenfalls nicht in den feministisch-lesbischen Kontexten, in denen ich mich Mitte/Ende der 1990er so tummelte. Im Gegenteil, die Butch (zusammen mit der Femme) war das, wovon wir uns vehement abgegrenzt haben. Wegen ihrer “Männlichkeit” (bzw. Femininität). Und ihrer “Heterosexualität”.

Das gleiche Misstrauen gegenüber “zu viel Männlichkeit” in lesbischen/queeren Räumen gibt es heute auch noch, wie sich unkompliziert bei Roedig nachlesen lässt. Bloß jetzt wird es eben meistens stereotyp nicht mehr von Butches verkörpert, sondern von Transmännern. Heißt, das, was sich tatsächlich verschoben hat, ist das Label, mit dem diejenigen bezeichnet werden, die die magische Grenze von “Weiblichkeit” bzw. “Frausein” bzw. “Lesbischsein”/”Homosexualität” in deren Jenseits überschreiten. Und ein bisschen die Orte, wo genau nun diese Grenzen gezogen werden. Damit ist “Butch” jetzt das altmodische, lesbische Auslaufmodell, das plötzlich viel ungebrochener “weiblich” dargestellt wird (und zwar sowohl von welchen wie Roedig, die Butches toll finden, als auch von welchen, die sich von ihnen abgrenzen wollen, weil sie Butches nicht maskulin/männlich genug finden), als es im echten Leben je gewesen ist. Und “Transmann”, “Genderqueer” und “Nonbinary” sind jetzt – je nachdem, wer spricht – entweder die jungen, hippen, coolen, queeren Modelle für geschlechtliche Avantgarde, die sich von all dem lesbischen Biologismus (und den altmodischen, lesbischen Butches) befreit haben, oder die jungen, hippen, uncoolen, queeren Modelle für geschlechtliche Avantgarde, die sich von all dem (lesbischen) Feminismus (und den altmodischen, lesbischen Butches) entsolidarisiert haben. Die Kultur- und Genderwissenschaftlerin in mir würde daher also zusammenfassend sagen: Es gab da eine Diskursverschiebung.

Das dürfte allein die von Roedig ja erwähnte Tatsache deutlich machen, dass Patrick Califia (der übrigens nicht nur “den Lesbensex-Klassiker Sapphistry schrieb”, sondern unter anderem auch schwule BDSM-Pornos verfasste und nie ein Hehl daraus machte, dass er als Leather Dyke durchaus auch zuweilen Sex mit schwulen, cismännlichen Lederkerlen hatte) es irgendwann trotz allem Feminismus eben nicht mehr stimmig für sich fand, als Leather Dyke durch die Welt zu gehen. Und auch Jack Halberstam hat übrigens in Female Masculinity bereits deutlich gemacht, dass es für ihn auch als Judith Halberstam schon keine unkomplizierte Identifikation als Frau gab. Ganz zu schweigen von Leslie Feinberg, die_der sowieso nie die Frau war, als die sie_er gerne in lesbischen Kreisen vereinnahmt wurde (aber eben auch nie der Transmann, als der sie_er in transmännlichen Kreisen ebenfalls gerne vereinnahmt wurde). All diese gebrochenen Identifikationen mit der Kategorie “Frau” wurden aber nicht durch “die Medizin” möglich gemacht. “Die Medizin” erlaubt es höchstens, diesen gebrochenen Identifikationen auch körperlich Ausdruck zu verleihen, falls eins das tun möchte.

[Und kann ich kurz was dazu sagen, wie absurd die Formulierung vom “Trend zu Trans” bzw. der “Trans-Mode” ist? Ich stelle mir dazu jedenfalls vergleichsweise vor, vom “Trend zum HIV-Infektions-Langzeitüberleben” zu sprechen, nur weil es heutzutage medizinische Verfahren gibt, die eine HIV-Infektion nicht mehr so unmittelbar tödlich machen, wie in den 1980ern. Was in den letzten zwanzig, dreißig Jahren fraglos immense soziale Veränderungen u.a. von schwulen Sexualkulturen nach sich gezogen hat. Es gibt im Leben halt immer wieder medizinische, technische und juristische Entwicklungslinien (= Trends!), und die bringen manchmal auch soziale Veränderungen mit sich. Das macht sie aber nicht zu bloßen “Moden”, die eins implizit nicht wirklich ernst nehmen müsste, weil sie eh bald wieder vorbei sind.]

Nochmal mit Gefühl: Real existierende Verlusterfahrungen (am eigenen Beispiel)

Aber wie das so ist mit Labeln und Subkulturen und all dem Herzblut, mit dem wir da dran- und drinhängen, ist es mit der kulturwissenschaftlichen Analyse allein natürlich nicht getan. Weil da ja trotzdem Leute sind, die diese Veränderungen als bedauernswerten Verlust empfinden. Und weil es für diese Verlustgefühle erstmal irrelevant ist, dass ihr inneres Bild von Butches als Frauen (und sonst nichts) nie wirklich der Realität entsprochen hat.

Und irgendwo bei diesen Verlustgefühlen sitze ich dann auch mit am Tisch, wenn auch mit einem anderen Hintergrund und daher einer anderen Perspektive als Roedig. Aber ich weiß noch sehr gut, wie ich plötzlich von meiner lesbischwulqueeren lokalen Community, die ich in jahrelanger unbezahlter Arbeit mitgeschaffen und -gestaltet habe, an den Rand definiert wurde, als ich das erste Mal mit einer Transgender Butch ankam, die “er” genannt werden wollte (“bist du dann jetzt Hetera?”). Ich weiß noch sehr gut, wie zwiespältig es sich angefühlt hat, mit diesem Menschen auf der Straße als “Lesben!” angepöbelt zu werden, weil ich einerseits froh war, dass unsere gemeinsame Queerness offenbar nach wie vor sichtbar war, mich andererseits aber schlecht gefühlt habe, weil diese Wahrnehmung ja auf einer Fehlwahrnehmung meines damaligen Partners als “Frau” basierte. Ich weiß noch sehr gut, was es mich an Überwindung gekostet hat (und bis heute jedes einzelne Mal kostet), von meinem jetzigen Partner (wieder eine Transgender Butch, aber mit anderer Detailkonfiguration) gegenüber Leuten, die ihn nicht kennen, als “er” zu sprechen, ohne sofort hinterherzuschieben, dass er nonbinary trans ist und wir einzeln und zusammen queer sind (erfahrungsgemäß gibt es nämlich zahlreiche Situationen, in denen das einfach zu kompliziert für den Nebensatz ist, in dem ich ihn eben kurz erwähnen wollte – und ja, ich darf ihn überall als trans outen, wo es mir richtig und wichtig erscheint). Ich weiß noch sehr genau, wie schrecklich es sich angefühlt hat, bei mehreren Menschen in meinem näheren Umfeld den Verlust von liebgewonnenen Gesichtszügen zu erleben, als diese sich aufgrund von Testosteronzufuhr im Erwachsenenalter verändert haben – und dabei mehr als einmal Formen von Maskulinität annahmen, die ich persönlich einfach nicht mehr attraktiv fand (und es war und ist nun mal nicht so, als gäbe es an jeder Straßenecke Menschen, die ich rein gendermäßig überhaupt attraktiv finde – dieser Verlust fand also in einer sowieso schon sehr spärlich besiedelten Gendergegend statt). Ich weiß noch sehr genau, dass ich furchtbare Angst hatte, meine Butch, mit der mich mittlerweile schon längst eine langjährige, krisenerfahrene Beziehung verband, eines Tages schlicht und ergreifend nicht mehr riechen zu mögen, weil sich ihr Körpergeruch aufgrund von Testo verändern würde (denn Gerüche sind für mich nun mal eine Sache, bei der ich gänzlich irrationale Präferenzen und Abneigungen habe, die sich auch durch noch so logische Argumente, dass es ja trotzdem die gleiche Person bleibt, nicht beeinflussen lassen). Ich weiß noch sehr genau, dass ich zuweilen ausgesprochen genervt von der ganzen lesbitransqueeren Maskulinitätsabfeierei um mich herum war, die noch dazu oft auf Kosten von (meiner) Femininität konstruiert wurde (aber ich weiß eben auch noch sehr genau, dass die Trennlinie zwischen sexistischen Mackern und respektvoll-solidarischen Maskulinitäten definitiv nicht sauber zwischen Transmännern/Nicht-Frauen auf der einen Seite und Butches/Lesben/Frauen auf der anderen Seite verlief und auch heute nicht verläuft).

Ich weiß auch noch sehr genau, wie schmerzhaft der Verlust von (nicht nur digitalen) Butch/Femme-Communities für mich gewesen ist, der im Zusammenhang mit dieser Diskursverschiebung stattgefunden hat. Weil ich diese Communities nämlich als gemeinsame Räume erlebt habe, in denen wir einander gegenseitig unterstützt haben und miteinander solidarisch gehandelt haben. Statt dessen soll(te) ich mich nun in Communities wiederfinden, die sich um Transmännlichkeiten gebildet hatten. Aber dort konnte ich bestenfalls eine liebevoll und bedingungslos unterstützende Angehörige sein, der nochmal ganz von vorne erklärt werden musste, wie das mit dem Trans alles so geht (egal, ob ich darüber schon viel länger nachgedacht und gelesen hatte als die Transbutch an meiner Seite) – und schlimmstenfalls eine transmannfetischisierende, transfeindliche Cisperson, die quasi die fleischgewordene geschlechtliche Normalität war. Für meinen Trauerprozess im Zuge der Transitionsschritte meiner (Ex-)Butches (es war und ist nämlich nicht alles toll, was der so kurz- und langfristig an Nebenwirkungen hatte, egal, wie sehr ich ihn dennoch gerne unterstützt habe), für mein konstantes, queeres Begehren nach Menschen, die (oft) weder Männer noch Frauen sind, und für meine eigene Genderkomplexität war in diesen transmannzentrierten Räumen jedoch absolut überhaupt kein Platz. Geschweige denn für die Idee, dass verschiedene Identitäten und Bedürfnisse im Rahmen einer bereits langjährig bestehenden Partnerschaft möglicherweise ausgehandelt werden können, weil da eben zwei Menschen zusammen sind und nicht nur zwei beliebige Repräsentant_innen gesellschaftlicher, binärer Kategorien. Und dass es im Rahmen dieser Idee und so einer Beziehung dann auch geht, sinngemäß zu sagen: “Kannst du deine Transitionsvorhaben vielleicht noch ein paar Monate verschieben, bis ich meinen Uniabschluss fertig habe und den Tod meines Vaters ein bisschen mehr verarbeitet habe?” Oder, ungefähr ein halbes Jahr später: “Können wir alle längerfristigen Zukunftspläne und alle Gespräche darüber bitte auf die Zeit nach dem letzten von mir geplanten Transitionsschritt vertagen?” Und dass es geht, dass beide Fragen nach sorgfältiger Abwägung mit “Ja” beantwortet werden und sich die Konsequenzen daraus dann auch wirklich nicht gegenseitig vorgeworfen werden. (Aber das ist eigentlich auch alles schon wieder ein anderer Text, weswegen ich das hier jetzt erstmal abbreche.)

Es ist also nicht so, als hätte ich selbst als butchliebende Femme bzw. als mehrfache Partnerin (und Freundin) von transmaskulinen Menschen nicht auch gewisse Verlustgefühle gespürt, die den von Roedig erwähnten in manchen Punkten ähneln. Es ist also nicht so, als würde ich ihr feministisches Misstrauen gegenüber einer Aufwertung von Maskulinität und Männlichkeit im Zusammenhang mit einer Abwertung von Femininität und Weiblichkeit in lesbischqueeren Kontexten nicht prinzipiell absolut teilen. (And I even have the print publications I wrote to prove it!)

Es ist mir bloß zu platt, von “ex-lesbischen” Transmännern, die weiterhin Frauen (und womöglich gar feminine!) begehren, pauschal anzunehmen, dass sie damit so ohne weiteres “wieder ins heterosexuelle Paradigma passen”. Vielleicht auf den ersten flüchtigen Blick. Der im Alltagsgebrauch bestimmt auch zuweilen zum Ausbleiben bestimmter Diskriminierungserfahrungen führt. Aber ich kann aus eigener Erfahrung bestätigen, dass mir und der Transbutch zwar heutzutage gerne mal Heterosexualität unterstellt wird, dass wir aber einzeln und zusammen trotzdem nicht so ohne weiteres ins heteronormative Bild passen. Im Gegenteil. Plötzlich wird der Butch (die ihren Arbeitsalltag mittlerweile als (Trans)”Mann” verbringt) nämlich andauernd signalisiert, dass sie nicht “Manns genug” ist. Weil ich den schwereren Koffer schleppe und den größeren Werkzeugkasten habe. Weil er immer noch über niedliche Tierbilder quietscht (und zwar auch im Büro “unter Männern”). Weil er zu wenig Interesse für stereotyp männliche/maskuline Lebensbereiche zeigt. Weil er bei jeder Gelegenheit kundtut, dass in seiner Gegenwart sexistische Kommentare gefälligst zu unterbleiben haben. Und so weiter. Wohlgemerkt, die passiert derselben Butch, die sich früher immer anhören musste, dass sie “zu männlich” ist. Aus einer “maskulinen Frau” (bzw. einem Menschen, der als solche gelesen wird) wird eben im Zuge einer Transition nicht unbedingt ein maskuliner Mann, sondern manchmal auch ein “femininer Mann” (bzw. eine Person, die als solcher gelesen wird). Während sich seine Selbstdefinition als Transgender Butch in all den Jahren übrigens nie geändert hat, auch wenn er heutzutage öfter mal ein erklärendes “nonbinary” dazusetzt, weil Begriffe wie “transgender” und “Butch” in den letzten zehn, fünfzehn Jahren eben ihre Bedeutung verändert haben. All das soll natürlich nicht leugnen, dass manchmal bei so Transitionsprozessen eben doch ein super-kerliger Kerl rauskommt. Aber es passiert eben nicht immer und schon gar nicht automatisch. Und vielleicht nichtmal überwiegend (jedenfalls, was die Transmänner, Genderqueers und Nonbinaries angeht, die sich auch nach hormonellen und/oder operativen Veränderungen weiterhin in FLIT-Zusammenhängen wohl und zuhause fühlen). Und das ist dann wieder diese komplexe Realität, die ich in solchen Texten gerne mitgedacht sähe.

Mir liegt es (nicht nur) auf dem Hintergrund meiner eigenen Erfahrungen jedenfalls fern, Roedig oder ihren Bekannten das Recht auf ihre Verlustgefühle abzusprechen. Im Gegenteil, ich finde es wichtig, dass für diese Gefühle von Verlust und Trauer im Zusammenhang mit Transitionsprozessen in FLIT-/LGBTQ-Räumen Platz ist. Und zwar nicht nur bei denen, die als außenstehende “Angehörige” gedacht werden, die halt einfach nur endlich den Anschluss an den Transjubelzug kriegen müssen (oder sonst eben transfeindlich und scheiße bleiben). Und dass diese Gefühle nicht gleich plattgeschrieen werden, weil jemand in der Art, wie diese Gefühle geäußert werden, Transfeindlichkeit gefunden hat (was nicht heißt, dass die Transfeindlichkeit nicht trotzdem benannt werden sollte!). Denn es bringt uns alle nicht wirklich weiter, und schon gar nicht zusammen, wenn wir es vor lauter berechtigter Kritik an bescheuerten und/oder sachlich falschen Argumenten versäumen, dennoch das Recht anderer Menschen auf ihre eigenen Gefühle und die Äußerung derselben zu respektieren. Und es bringt uns übrigens auch nicht weiter, wenn wir vor lauter berechtigter Kritik an der Transfeindlichkeit in Roedigs Text nun (wieder einmal) lesbisches/queeres Begehren und lesbische/queere Sexualkulturen im Vergleich zur Geschlechtsidentität von Transmännern als irrelevant erklären. Das halte ich nämlich für eine gefährliche Argumentationsfigur, der ich mich definitiv nicht anschließen möchte. Begehren und Sexualität jenseits der Heteronormativität sind und bleiben nämlich hochpolitische Felder (und nicht etwa belanglose Privatsachen). Und ich finde, wir können und sollten es hinkriegen, sowohl nicht-heteronormatives Begehren als auch die Geschlechtsidentitäten von Transmännern (und natürlich auch die von Transfrauen und überhaupt allen geschlechtlich identifizierten Menschen) wichtig und ernst zu nehmen, anstatt das eine gegen das andere auszuspielen.

In diesem Sinne wünschte ich, wir könnten über diese Verlustgefühle in einer Form reden, in der wir nicht unsere Identitäten und Begehrenspräferenzen aufwerten, indem wir die anderer Leute abwerten (erst recht nicht, wenn das – wieder mal – entlang struktureller Machtunterschiede stattfindet). Und in einer Form, in der wir die Komplexität des echten Lebens anerkennen können, auch wenn sie unsere schönen geradlinigen und eindeutigen Narrative unmöglich macht bzw. ad absurdum führt und damit alles zuweilen echt “unübersichtlich” wird. Und in einer Form, in der wir nicht schon wieder binäre Kategorien aufmachen, als hätten wir immer noch nicht verstanden, dass wir damit niemals real existierenden Menschen und unseren komplexen Identitäten, Geschichten und Gemeinschaften gerecht werden können. Unter diesen Voraussetzungen setze ich mich dann auch gerne mit Andrea Roedig (und denen, die so ähnlich denken wie sie) an einen Tisch, um genau diese Gespräche zu führen.

Nachsätze

P.S. Das wollte ich eigentlich auch nochmal ausführlicher machen, aber jetzt bin ich müde und werde unkreativ. Daher nur kurz: “Feministisch” und “queer” sind – ebenso wie “Butch” und “transmännlich” – kein (zwingender) Widerspruch, sondern ergänzen sich oftmals ganz ausgesprochen gut. Manche Leute schreiben sogar Bücher darüber. Und manchmal sind sogar transmännliche Butches sowohl queer als auch feministisch. Die habe ich dann besonders gerne um mich herum. :)

P.P.S. Was ebenfalls heute nicht mehr von mir besprochen wird: der Phallus und seine “weibliche” Aneignung, die zu weit getriebene Homoerotik (was immer das sein soll) und das Missverständnis von Transsexualität als genereller “Subversion des Geschlechts”. Und die Frage, ob der “alte Feminismus” radikaler war als die “neue Queerness” oder umgekehrt oder ob die Antwort auch hier wieder “kommt drauf an, was du radikal findest” ist (Spoiler: letzteres).

P.P.P.S. Und wenn der Text von Roedig nicht an vielen Stellen einfach aneinandergereihte Behauptungen ohne jede argumentativ-logische Verknüpfung wäre, dann wäre es auch einfacher, argumentativ auf ihn einzugehen. Aber so habe ich auch nach knapp 5500 Wörtern immer noch das Gefühl, ich hätte bloß an der Oberfläche dessen gekratzt, was Roedig alles so frei assoziierend in ihren Artikel gestreut hat. Nun ja. Mögen andere an anderer Stelle weiter aufdröseln, was da alles so drinsteht und was davon Sinn ergibt und was nicht und was nur dann, wenn eins den Kopf schieflegt, ein Auge zukneift und mit dem anderen um die Ecke blinzelt.

Zum Schluss: Ihr dürft diesen Text alle sehr gerne kommentieren. Ich bin aber jetzt ein paar Tage nur sehr wenig online, es kann also mit dem Freischalten auch dann ein bisschen dauern, wenn mit eurem Kommentar alles in Ordnung ist.

Über den Tod der 1000 Schnitte, psychologische Distributed Denials of Service und andere *istische Normalitäten im IT-Arbeitsalltag – und über die Suche nach Änderungsmöglichkeiten

Angeregt durch die Veranstaltung “(Women) Friendly Work Cultures” während der Social Media Week in Hamburg mache ich mir gerade mal wieder Gedanken über Arbeit und Arbeitskulturen und darüber, was Gender und der ganze Rest der Diversity-Suppe damit zu tun haben. Genauer gesagt denke ich über den *istischen Normalzustand (hier v.a. im Feld IT/Tech), das Arbeiten darin als Frau und/oder anders Marginalisierte_r und Ansätze zur Schaffung einer anderen Normalität nach. Hier ist mein aktueller Stand der Dinge.

“Diversity-Suppe” kommt leider ganz gut hin, weil auch bei dieser Veranstaltung mal wieder undifferenziert alle möglichen Marginalisierungen zusammengerührt wurden, um dann am Ende doch wieder nur über (implizit weiße) Frauen zu sprechen. Dieser Drift von “Diversity” zu “(weiße) Frauen” findet sich übrigens auch in mehreren anderen Artikeln zum Thema, weshalb ich ihn für ein allgemeines Muster halte und nicht nur für ein “zufälliges” Ergebnis dieser einen Veranstaltung. Warum dieses Muster existiert und wo es sonst noch auftaucht, hat bell hooks in ihrem Text über Sheryl Sandberg und ihre “Lean In”-Philosophie sehr schlüssig erklärt. [1]

(Women-)Friendly Work Cultures: Keynote

An dem Abend gab es eine Keynote von Alaina Percival (CEO von Women Who Code) und ein höchst kompetent von Jeanette Gusko (Communications Director bei Change.org) moderiertes Panel mit Alaina Percival, Robert Franken (Berater für Digitales Business), Anna Neumann (Community Marketing Manager bei Pinterest) und Karile Klug (Senior Manager New Business bei XING). Die Keynote und (leider nur) der Beginn der Paneldiskussion sind hier zu sehen und zu hören.

Ich fasse mal ganz kurz zusammen: Auf dem Hintergrund der Tatsache, dass es einen immer stärker steigenden Bedarf an Arbeitskräften in IT-Berufen gibt, der mit großer Wahrscheinlichkeit nicht allein mit weißen (und in den USA auch asiatischen) Männern zu decken ist, hat Alaina Percival in der Keynote zwei Punkte als problematisch herausgestellt:

  1. Es braucht dringend weiblichen Nachwuchs für die “Pipeline”, die in diese Berufe führt. Das heißt es braucht eine Förderung des Interesses von Mädchen/jungen Frauen an diesen Feldern und verbesserte Möglichkeiten für sie, in diesem Bereich anzufangen zu arbeiten.
  2. Es braucht Strategien, um Frauen davon abzuhalten, das Feld IT/Tech nach ca. 10 Berufsjahren zu verlassen, weil die dortige Arbeitskultur unerträglich geworden ist. Das heißt, es braucht eine Veränderung des Status Quo, nachdem der Einstieg in das Feld IT/Tech geschafft ist.

Sie und ihre Organisation antworten darauf mit verschiedenen Methoden der Förderung, einem internationalen Netzwerk und viel klischeehaft-amerikanischem “inspirational” Empowerment, das schon früh am Abend unelegant mit deutschen Realitäten clasht. Ein Beispiel: Percival erzählte (im Video ab 6:50) von einem Bestandteil des Newsletters von Women Who Code mit dem Titel “Applaud Her”, der Erfolge von Frauen bekanntmachen und feiern und damit normalisieren soll, damit es uns nicht so geht wie einer hochrangigen Senior Director of Engineering, der es zu peinlich war, diesen Jobtitel in ihrem LinkedIn-Profil zu veröffentlichen. Danach forderte Percival das fast ausschließlich weibliche Publikum auf, sich zu melden, wenn die Betreffende in den letzten sechs Monaten befördert wurde, eine Gehaltserhöhung gekriegt hat und/oder einen Preis für ihre Arbeit gewonnen hat. Die Anzahl der jeweils gehobenen Hände war verschwindend gering, vermutlich, weil die Arbeitswelt in Deutschland diesbezüglich einfach anders aussieht als die in den USA. Oder es saßen lauter Freelancerinnen im Raum, auf die diese Messlatten für Erfolg schon rein kategorisch nicht zutrafen. Oder die nach diesen Maßstäben erfolgreichen Frauen waren noch am Überstundenmachen in ihren Jobs (oder schon entspannt zuhause auf dem Sofa) und nicht bei dieser Veranstaltung.

Zwischendurch wurde dann noch eine nachnamenlose “Erica” (vielleicht Erica Stanley?) als Erfolgsgeschichte von Women Who Code dargestellt, weil “Erica” nämlich zuerst gaaaanz schüchtern war und selbst in einer Gruppe echt netter Frauen kaum ihren Namen sagen konnte, aber dank Women Who Code jetzt total souverän auf IT-Konferenzen Vorträge hält. Nichts gegen Geschichten über die erfolgreiche Überwindung von Schüchternheit (ich könnte auch eine davon erzählen), aber nützlicher und weniger herablassend wären hier vielleicht ein paar aufklärend-informative Worte zur Existenz des “Impostor syndrome” (Hochstapler_innen-Syndroms) gewesen, das zwar nicht nur erfolgreiche Frauen/Marginalisierte betrifft, das aber in diesen Gruppen offenbar verstärkt auftaucht.

Ganz nebenbei lernten wir dann auch noch, dass ein besonders “lustiger” Schritt auf dem Weg zum Erfolg einer anderen Director of Engineering (nach meiner Recherche wahrscheinlich Jocelyn Goldstein) die Anstellung einer “cleaning person” gewesen sei – in anderen Worten: die Ausnutzung eines Class-Vorteils, die ihr das Abgeben unerfreulicher und zeitraubender Haushaltsarbeit an eine – höchstwahrscheinlich wesentlich schlechter bezahlte – Person ermöglicht hat (wobei sich “cleaning person” vermutlich getrost mit Putzfrau übersetzen lässt, und die statistische Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, dass es sich außerdem um eine Woman of Color gehandelt hat, hier also auch noch sehr direkt ein Race-Privileg in Anspruch genommen wurde). Dieses Ausblenden von Marginalisierungen jenseits von Gender zog sich dann auch durch den Rest des Abends – schien doch allein die Forderung nach frauenfreundlichen Arbeitskulturen schon so grenzwertig radikal zu sein, dass mehrfach betont werden musste, dass ja auch Männer von insgesamt respektvolleren Arbeitskulturen profitieren würden.

Bleiben wir also erstmal bei Gender und nur bei Gender. Perceival schloss noch einen Sales Pitch für IT-Berufe an, in dem sie all die Vorzüge dieses Berufsfeldes aufzählte: gute Bezahlung, Arbeitsplatzsicherheit, viel mehr Kommunikation und Kooperation als das stereotype Bild der einzelgängerischen Nerd, die schweigend und alleine vor sich hin programmiert, glauben lässt, “beautiful offices!”, unternehmensfinanzierte Mahlzeiten und Snacks und Team-Events – und manchmal sogar “ganz verrückte” Vorteile wie wöchentliche Massagen und Hunde in den Büros! Yay! Nun ja. Das hat jetzt nur bedingt mit den IT-Jobs zu tun, die ich mitbekommen habe oder von denen mir Menschen in meinem Umfeld erzählt haben (und Tiere, insbesondere Hunde, im Büro sind für mich persönlich auch eher ein zusätzlicher Stressfaktor). Und ich bin sowieso misstrauisch gegenüber allen Versuchen von Unternehmen, die noch mehr von meinem Leben und meiner Zeit und Aufmerksamkeit vereinnahmen wollen, als die Stunden, für die sie mich bezahlen (wenn sie denn überhaupt auch meine Überstunden bezahlen). Denn das ist ja der wirtschaftliche Hintergrund für all die tollen “Perks”: Angestellte dieser Firmen sollen eben alles ganz bequem im Arbeitskontext erledigen können, egal, ob es dabei um die Reinigung und das ordentliche Bügeln der Bürohemden, den arbeitskrafterhaltenden Sport im Firmenfitnesscenter oder die unternehmensfinanzierten Pizzas und/oder Obstkörbe geht. Damit es auch wirklich keinen Grund mehr gibt, irgendein Leben jenseits der Arbeit zu haben, in dem womöglich offensichtlich wird, wie krass das Unternehmen eine_n bereits vereinnahmt hat und dass es einer_m damit vielleicht eigentlich gar nicht so gut geht. Klar, manche dieser Angebote sind trotzdem praktisch, weil sie durch ersparte Besorgungswege zumindest theoretisch auch mehr Freizeit schaffen können – und manchmal zählt das vom Chef spendierte Eis im glühend heißen Hochsommerbüro tatsächlich mehr als eine weitere Dosis warme Worte und Durchhalteparolen. Nichtsdestotrotz gilt: Unternehmen tun diese Dinge nicht aus reiner Menschenfreundlichkeit, sondern weil sie sich rechnen. Soviel Bewusstsein über die Grundfunktionen des Kapitalismus und der freien Marktwirtschaft muss schon sein.

Am Ende kamen dann von Percival doch noch ein, zwei konkrete Vorschläge, wie sich die bestehende Arbeitskultur zugunsten von Frauen ändern ließe, so dass trotz Kulturclash und fehlender Intersektionalität (und des überall in ihrer Präsentation auftauchenden Blümchenlogos, das ich als unangenehm nah an der derzeit bei vielen Kleinst- und Hobbyunternehmerinnen so beliebten Cupcake-Heimat-Selbstgemacht-Ästhetik empfand) dennoch erstmal ein vage empowertes Gefühl nach der Keynote zurückblieb, auch wenn irgendwie nicht so richtig klar war, wer damit eigentlich angesprochen werden sollte: Frauen, die schon in der IT arbeiten (und vermutlich bereits wissen, wie da die Büros aussehen)? Frauen, die erst noch den Weg in dieses Feld finden sollen (es aber immerhin schonmal zu einer Veranstaltung geschafft haben, deren bloße Existenz deutlich macht, dass es in der IT überwiegend noch nicht so toll für Frauen ist)? Männer in Führungspositionen, die Verantwortung für ihre Unternehmenskulturen übernehmen sollen (die aber leider gar nicht anwesend waren)? “Die Medien” (denen aber auch keine klare Botschaft vorgetragen wurde)? Irgendwie alle (das würde dann zumindest das vage Gefühl erklären, irgendwie angesprochen zu sein, aber nicht so richtig)?

(Women-)Friendly Work Cultures: Panel

Während des anschließenden Panels haben wir zu der Frage, wie sich denn nun die Arbeitswelt verändern lässt und wer dafür verantwortlich ist, zuerst mal viel über große Werte gehört: Respekt, Demokratie und Diversität. Nun ja, ich erinnere mich an dieser Stelle etwas zynisch an die Großausdrucke von hehren Unternehmensphilosophien, die im Eingangsbereich von Callcentern, in denen ich in den 1990ern gejobbt habe, ausgehängt waren und in denen vollmundig unter der Überschrift “Humankapital” behauptet wurde, es zähle selbstverständlich nur die beste Idee und nicht die höchste Position in der Firma. Ich erinnere mich nämlich ebenfalls noch sehr gut daran, dass es diese löblichen Philosophien leider nur äußerst selten die zwanzig Schritte weiter an die tatsächlichen Arbeitsplätze geschafft haben. Und ich fürchte ja, das ist heutzutage und in anderen Branchen auch nicht unbedingt anders. Vom Panel war außerdem auch immer wieder das Buzzword “Leadership” zu hören, auch wenn niemand es je konkret definierte, so dass sich alle darunter vorstellen konnten, was sie wollten: für andere Leute die disziplinarische Vorgesetzte sein, ein moralisches Vorbild abgeben, ganz viel Status und die entsprechende Bezahlung bekommen, oder vielleicht von allem etwas?

Aus dem deutschen Raum wurde außerdem anekdotenhaft über ungünstige Verhaltensweisen von Frauen in Gehaltsverhandlungen, die angeblich unschlagbare berufliche Effektivität (die vermutlich eigentlich Effizienz sein sollte) von teilzeitarbeitenden “Müttern” und die Auszahlung von täglichem Taschengeld fürs Mittagessen berichtet. In anderen Worten: Frauen sind erstens selber schuld, wenn es mit der Gehaltserhöhung nicht klappt [2]. Weil ja eine systematische Unterschätzung der eigenen Fähigkeiten, Unwissenheit über branchenübliche Gehälter und eine von vorneherein entschuldigende Haltung zur eigenen Existenz vollkommen zufällig und vielleicht gar irgendwie biologisch fundiert sind. Und nicht etwa durch sexistische gesellschaftliche Praxen hergestellt und dann biologisiert werden. Und Frausein wird zweitens – und leider nicht nur im heterosexuellen Männergehirn – vor allem als Muttersein gedacht, weshalb die arbeitende Frau auch vor allem als Teilzeitkraft vorkam, die ihre eigentliche Erfüllung im Leben dann doch eher in ihren Kindern und nicht im Erreichen des nächsten Benchmarks sieht. Und drittens blieb unbeantwortet, warum nun die explizite Auszahlung von “Lunch Money” so viel toller ist als einfach insgesamt mehr Geld auf dem Konto, wenn das damit bezahlte Essen dann am Ende doch selber vom Arbeitsplatz im unglamourösen Shared Office Space organisiert werden muss. Ganz zu schweigen von der angeblich “freundlichen” Praxis, sich in regelmäßigen Abständen im Kolleg_innenkreis gegenseitig darüber zu bewerten, wie erfolgreich man in letzter Zeit den Unternehmenswert “Authentizität” verkörpert hat (ich habe leider versäumt nachzufragen, ob das per praktischem Ankreuzfragebogen mit Smiley-Skalen oder mit einer anderen Evaluationsmethode passiert). Mir persönlich sind da ja eher Schauer des Entsetzens über den Rücken gejagt als Schauer der Begeisterung für diese Sorte der jung-dynamisch-ganzheitlich-ausbeuterischen Unternehmenskultur… Und ich wollte sofort in eine Analyse der dafür erforderlichen Emotionsarbeit ausbrechen und die Emotionsarbeit der v.a. online arbeitenden Community Marketing Managerin mit der Emotionsarbeit in klassischen Serviceberufen wie Flugbegleiter_in, Callcenteragent_in oder Verkäufer_in vergleichen. Aber solche Forschungsprojekte passen ja immer schlecht in einen einzelnen Abend, deshalb zurück zu den zentraleren Themen der Veranstaltung.

Von amerikanischer Seite hörten wir immerhin von der auch wirtschaftlichen Sinnhaftigkeit von diversen Teams, von der dafür notwendigen Reduzierung der Voreingenommenheit (“bias”) für oder gegen bestimmte Bewerber_innen und von der Notwendigkeit zur stetigen Selbstreflektion von Unternehmen und zur ebenso stetigen Suche nach Verbesserungsmöglichkeiten bezüglich Diversity im eigenen Hause. Ansonsten klang aber vieles sehr gut (sinngemäß: Unternehmenskultur muss real spürbare Unternehmenswerte ausdrücken, sonst bleiben der Kickertisch oder das Mittagessengeld peinlich unglaubwürdig), blieb aber letztlich sehr abstrakt (bis auf den konkreten Ratschlag von Männerseite(!) an “die Frauen™”, dass sie doch bitte besser vorbereitet nach Gehaltserhöhungen fragen sollen) und irgendwie wischwaschi.

(Women-)Friendly Work Cultures: Was nicht vorkam

Vor allem fand ich meine eigenen Erfahrungen als queere Person in den Beiträgen auf dem Panel nicht so richtig wieder. Und damit meine ich nicht nur meine Kinderlosigkeit oder die kategorische Abwesenheit von Business-Angel-Boyfriends in meinem Leben (obwohl, vielleicht sollte ich dankbar sein, dass kein Boyfriend mich gönnerhaft “leitet” und mir sagt, “dass meine Ideen nicht so gut sind, wie ich denke”, und mich so super “unterstützt”…). Sondern ich meine vor allem die Tatsache, dass meine Arbeit (im nicht-programmierenden IT-Bereich) von meinen männlichen Vorgesetzten zwar sehr wohl geschätzt und ich dafür von ihnen gelobt, befördert und besser als vorher bezahlt wurde (yay!), dass diese Wertschätzung sich aber im alltäglichen Miteinander oft leider nicht widerspiegelte.

  • Da hat sich der klassisch-IT-sozialisierte Chef (“der Chef” ist in Wirklichkeit mehrere Personen, mit denen ich in meinem Arbeitsleben zu tun hatte, die ich hier rhetorisch zu einer zusammengefasst habe) mit starker Präferenz für schwarz-weißen Code dann nämlich wiederholt darüber lustig gemacht, dass ich meine Exceltabellen mit Farbe strukturiert habe (denn wie kann ich es wagen, ein Gehirn zu haben, das anders funktioniert als seins und damit trotzdem(!) zu intelligenten Ergebnissen zu kommen UND nach kurzer Zeit des Ihm-über-die-Schulter-guckens trotz bisher nicht vorhandener Programmierkenntnisse Fehler in seinem Code zu finden?!).
  • Oder der Chef hat lang und breit und ungefragt mitgeteilt, welches Schuhwerk er sich gerne an seinen weiblichen Mitarbeiterinnen anguckt (= Hauptsache hochhackig) und in welchem sie angeblich “gehen wie Enten” (= alles mit flachen Absätzen, sprich, alles, was ich in Gegenwart dieses Chefs bereit war zu tragen). Damit gleich klar ist, dass unsere Aufgabe in seiner Abteilung nicht nur die Anwendung unserer fachlichen Kompetenzen ist, sondern immer auch ein (ihm) gefälliges Aussehen. Eine meiner Kolleginnen hat sich aus diesem Grund nicht mehr getraut, keine hohen Ansätze anzuziehen, aus Angst, deswegen von ihm subtil benachteiligt zu werden (was – basierend auf der Anzahl der dummen Sprüche, die sie sich anhören musste, als sie einmal(!) in Sneakers zur Arbeit kam – durchaus eine berechtigte Sorge zu sein schien).
  • Bei einer Betriebsfeier hat der angetrunkene Chef nicht nur unangemessenerweise das Thema Kinder aufgebracht und wollte dann nicht glauben, dass ich ganz im Ernst keinen Kinderwunsch habe und in meinem Erwachsenenleben auch ganz im Ernst noch nie einen hatte, sondern hat obendrein noch darauf beharrt, dass meine “biologische Uhr” bestimmt bald das Ticken anfängt und ich dann – wie zahlreiche ihm angeblich bekannte Frauen vor mir?! – ganz “zufällig” schwanger werden würde (wie das mit meinem trans*männlichen Partner klappen soll, habe ich ihn dann aber doch nicht gefragt).
  • Der Chef konnte sich auch nicht dazu durchringen, eine kleine Laptoptasche(!) zu tragen, weil die “schwuchtelig” sei. Und die erfolgreichen Frauen aus anderen Firmen waren in seinen Augen auch alle unattraktive “Mannweiber”, wie uns ebenfalls ungefragt mitgeteilt wurde. Nicht, dass am Ende jemand auf die Idee kommt, das Spektrum der stereotypen Geschlechterbilder auch nur minimal zu verlassen.
  • Außerdem gab es bestimmte Fernsehserien, die man toll finden sollte, wenn man in der IT dazugehören wollte – und wehe, man fand Stromberg vor allem menschenverachtend und gänzlich unlustig oder verspürte wenig Motivation, sich The IT Crowd auch nur testweise anzuschauen, nachdem eine 15-sekündige Recherche ergeben hatte, dass die einzige Frau in dieser Serie natürlich – und, haha, ganz typisch Frau! – absolut keine Ahnung von IT hat.
  • Weiterhin wurden in der Mittagspause vom Chef und den Kollegen ungehemmt rassistische Witze gemacht und genüsslich haltlose Stereotypen über “die Frauen” und “die Männer” verbreitet (die natürlich immer irgendwie nachteilig für “die Frauen” waren). Ungeachtet der Tatsache (oder wohl eher gerade wegen der Tatsache) dass direkt neben ihnen eine erfolgreiche Absolventin der Gender Studies (= ich) saß, die ihnen versicherte, dass längst mit ordentlichen wissenschaftlichen Methoden bewiesen wurde, dass diese Stereotypen keineswegs der Realität von Geschlechtsunterschieden (und schon gar nicht von angeborenen) entsprechen.
  • Wenig hilfreich waren hier auch die zehn Jahre jüngeren, heterosexuellen Kolleginnen, die ebenfalls an “wir Frauen” und “die Männer” glaubten und gerne darüber sprachen, wie sie ihren männlichen Lebenspartnern die schmutzigen Socken hinterherräumen, weil die offenbar nicht willens waren, sich wie respektvolle, erwachsene Menschen in einem geteilten Haushalt zu verhalten (und ich nur so: WTF?!, also: klares Bondingfail).
  • Und zum krönenden Abschluss gab es dann die ungefähr zweiwöchentliche Rundmail, in der mal wieder jemand zum Geburtstag “N*-küsse” mitgebracht hatte, weil sich offenbar niemand in der Lage sah, sich trotz mehrfacher freundlicher (und später auch nicht-mehr-so-freundlicher) Aufforderungen den Gebrauch rassistischer Bezeichnungen für Nahrungsmittel abzugewöhnen. Manche Kollegen ließen es sich auch nicht nehmen, als Reaktion auf solche Aufforderungen dann extra oft irgendwas mit N-Wort zu sagen, denn rassistische Sprache ist ja wirklich super lustig, und soviel Spaß muss einfach sein, so am Mittagstisch.
  • Was letztlich dazu führte, dass ich mir zur Vermeidung von Magengeschwüren die gemeinsame Mittagspause mit diesen Menschen weitestgehend ersparte – damit dann aber auch vom dort stattfindenden informellen fachlichen und menschlichen Austausch und dem casual Bonding zwischen den Projekten/Abteilungen ausgeschlossen war.
  • Und dann habe ich noch immer nicht von der Unmöglichkeit gesprochen, mein Privatleben irgendwie beiläufig mit den – oft durchaus wohlmeinenden – Kolleg_innen zu teilen – denn statt “Mädelsabenden” in der Kneipe oder Sex and the City-Videoabenden gab es bei mir eben eher queere Filme am heimischen PC, Gespräche über die Details seiner juristischen und medizinischen Transition mit dem Liebsten oder sonstige zutiefst queere Freizeitgestaltung. Und selbst wenn es mir mal angemessen erschien, diese zu erwähnen, so führte das eigentlich nie zu dem menschlichen Bonding, das solche Gespräche über das Privatleben im Kolleg_innenkreis eigentlich zum Ziel haben. Denn je mehr ich von mir erzählte, also je authentischer ich war, desto merkwürdiger und “fremder” fanden mich die anderen und desto weniger fühlte ich mich in diesem Kreis Menschen zugehörig.

In anderen Worten: Die Botschaft “du gehörst hier nicht (richtig) dazu” war ausgesprochen laut und deutlich und wurde immer und immer wieder wiederholt. Und ich war bei all dem immer noch weiß mit Mittelschichtshintergrund und weder trans* noch behindert, hatte also in all diesen Kategorien immer noch einen Zugehörigkeitsbonus und die damit verbundenen individuellen und strukturellen Privilegien, die z.B. Schwarze/People of Color, Menschen mit Migrationshintergrund, Trans*leute, Behinderte oder Personen, die in der Arbeiterschicht aufgewachsen sind bzw. Armutserfahrungen nicht nur vorübergehend aus (im Notfall dann aber doch familiär-finanziell abgesicherten) Studienzeiten haben, an meiner Stelle eben nicht gehabt hätten.

All diese Realitäten fehlten mir in der Diskussion auf dem Panel. Es fehlte mir ein Bewusstsein von Diversität jenseits von (implizit als heterosexuell gedachten) Frauen, und es fehlten Strategien gegen den ganz normalen Alltagssexismus/-rassismus und die ganz normale Alltagsgeschlechtsnormierung und -lesben-/-schwulenfeindlichkeit. Es schien, als hätten sie Leute auf dem Panel noch nie zur Kenntnis genommen, dass solche Mikroaggressionen längst nicht nur als “emotionally abusive relationships” gedacht wurden, sondern auch mit einer IT-Metapher als “Distributed Denial of Service” analysiert worden sind, und als hätten sie selbst (und ggf. ihre Vorgesetzten) mit deren Stattfinden selbstverständlich absolut überhaupt gar nichts zu tun. Dabei sind es genau diese kleinen, alltäglichen Vorfälle, die meiner Erfahrung und Beobachtung nach ebenso sehr wie der nach wie vor bestehende Gehaltsunterschied zwischen (weißen) Männern und (weißen) Frauen oder vergleichbare “große” Ungerechtigkeiten dazu beitragen, dass Frauen und andere Marginalisierte sich in der alltäglichen IT-/Tech-Arbeitskultur massiv unwohl fühlen und/oder ihre gesamte Persönlichkeit ändern müssen, um dazuzugehören und sie oft nach einer Weile mit Burn-Out, Depressionen oder anderen massiven Belastungsfolgen verlassen.

(Women-)Friendly Work Cultures: Szenenapplaus für eine Frage

Also meldete ich mich in der ans Panel anschließenden offenen Fragerunde und wollte wissen, was die Personen auf dem Panel denn so an Ideen oder Strategien haben, wie Unternehmenskulturen auf dieser Alltagsebene verändert werden können, weil das – wie gesagt – oft der Grund zu sein scheint, warum Frauen das Feld von IT/Tech verlassen bzw. dort gar nicht erst eine erstrebenswerte Zukunftsperspektive für sich sehen. Hier gab es Szenenapplaus vom Publikum, der mir auch den letzten Zweifel genommen hat, dass ich eventuell die Einzige bin, die ihre Alltagserfahrungen in der bisherigen Veranstaltung nicht so richtig wiedergefunden hat und/oder die gerne mit einer Hand voll konkreter Handlungsmöglichkeiten anstatt zwei Ohren voll heißer Luft nach Hause gehen wollte.

Die Moderatorin gab die Frage an Alaina Percival weiter, die einerseits Julie Pagano’s Metapher vom “death by 1000 paper cuts” zitierte (was mir zumindest verdeutlichte, dass sie wusste, wovon ich spreche), und dann zwei parallele Strategien benannte:

  1. Dafür zu sorgen, dass mehr Frauen und andere “minorities” im Feld IT/Tech arbeiten, weil deren/unsere Präsenz quasi automatisch auch die bisherige “Normalität” in diesem Bereich in Frage stellen und so Arbeitskulturen verändern würde (eine Einschätzung, die bell hooks in ihrem Text über Sheryl “Lean In” Sandberg gründlich widerlegt hat).
  2. Sich Netzwerke zu schaffen, in denen Frauen/”minorities” sich gegenseitig unterstützen können – und sei es nur, um sich zu vergewissern, dass eine_r nicht verrückt ist, wenn sie_er sich von diesen Dingen massiv gestört und behindert fühlt.

So pragmatisch-deprimierend-realistisch vor allem der zweite Vorschlag letztlich ist, so hätte ich an dieser Stelle trotzdem gerne mehr auch von den anderen Personen auf dem Panel gehört. Entweder, um von Strategien zu hören, die ich bisher noch nicht kannte, oder um zumindest öffentlich anerkannt zu sehen, dass es mehr braucht als individuell empowerte Frauen, die sich von all dem (noch) nicht haben abschrecken lassen. Aber nun ja, wenn eine (auch) als Repräsentantin ihres Unternehmens auf so einem Panel sitzt, ist es vielleicht auch eher schwierig, über die unerfreulichen Seiten des eigenen Arbeitsalltags zu sprechen – oder anzuerkennen, dass eine selbst eher die Ausnahme als die Regel ist und zudem von vorneherein schon mit einer stattlichen Anzahl Privilegien (z.B. Weißsein, Heterosexualität und der “richtige” Boyfriend (s.o.), hoher Bildungsstand/Herkunft mindestens aus der Mittelschicht) ausgestattet war. Umso mehr, wenn der Fokus der Veranstaltung eher auf weiblichen Erfolgsgeschichten (die wegen ihrer Vorbildfunktion zweifelsohne auch wichtig sind!) bzw. männlicher Wertschätzung und Unterstützung von Frauen (ohne die es realistischerweise eben leider auch nicht geht) zu liegen scheint – und die fühlt sich halt auch besser an als die etwas hilflose Erkenntnis, dass der Weg zu real existierenden, frauen- und minoritätsfreundlichen Arbeitskulturen wohl noch ein sehr weiter ist.

Der *istische Allgemeinzustand, erläutert am Beispiel von viel zu vielen konkreten Einzelfällen

Denn natürlich geht es bei diesem Thema eigentlich nie nur um Arbeitskulturen, sondern immer auch um die sozialen/kulturellen/politischen Kontexte, in die sie eingebettet sind.

Und in diesen Kontexten habe ich in den letzten Jahren z.B. diese Dinge, Texte und Ereignisse mitbekommen, die sich um die Themen Gender und IT/Tech bzw. die damit verbundenen Arbeits- und Sozialkulturen gruppieren. Dass diese Liste aus sehr “kleinen” und sehr “großen” Vorfällen, aus international breit diskutierten Geschehnissen und ein paar relativ zufällig ausgewählten Beispielen aus dem deutschsprachigen Kontext besteht, soll all diese Vorfälle nicht wahllos miteinander gleichsetzen, sondern stattdessen das Spektrum der impliziten und expliziten Ausschlüsse und Angriffe verdeutlichen und klarmachen, dass diese weit weit weit vor Morddrohungen anfangen. Also, in grob chronologischer Reihenfolge die Ereignisse, die mir so spontan einfallen (eine erheblich längere Liste findet sich im Geek Feminism Wiki) – der massive Schwerpunkt auf Gender ist hier (wie gesagt [1]) v.a. meiner eigenen unausgewogenen Aufmerksamkeitsverteilung geschuldet:

  • 2006: Ben Barres und die total “überraschende” Erkenntnis, dass es vielleicht doch Sexismus und nicht biologisch fundierte weibliche Inkompetenz ist, wenn ein Naturwissenschaftler vor und nach seiner Transition in ein offiziell männliches Alltagsleben unterschiedlich behandelt wird. Weil es halt erst einen Mann braucht, der bestätigen kann, dass Frauen all die Jahre nicht einfach nur halluziniert haben. [3]
  • 2010-2012: Das “Idiot Nerd Girl” (auch bekannt als “Fake Geek Girl”), das nur so tut, als wäre sie geekig/nerdig (vorzugsweise durch das Tragen von sexy Cosplay-Outfits), um einen von den superhotten “echten” (und natürlich männlichen) Geeks/Nerds abzukriegen, und von dem sich geekige/nerdige Frauen auf implizit femininitätsfeindliche Art immer wieder mit dem Nachweis von ausreichend Geek Credibility abgrenzen müssen – und was dafür ausreichend ist, entscheiden natürlich sehr willkürlich und alles andere als objektiv die männlichen Nerds, die bereits bequem mit dem Rest des Jungsclubs im Baumhaus sitzen und sich gegenseitig bestätigen, wie arm sie dran sind, weil sie damals in der Schule nicht dem Stereotyp des sportbegabten Mädchenschwarms entsprochen haben und deswegen unmöglich irgendwelche männlichen Privilegien haben können.
  • April 2014: Die Einstellung des lesben- und schwulenfeindlichen Brendan Eich als Mozilla-CEO (dank zahlreichen Protesten glücklicherweise nur von sehr kurzer Dauer).
  • Juli/November 2014: Anti-feministische, anti-trans* 4chan vs. Tumblr-Aktionen (Inhaltswarnung für sehr explizite Hate Speech bei diesen Links). Weil es so unglaublich lustig ist, gemeinsam mit den anderen Cisjungs zu versuchen, andere Menschen zum Selbstmord zu bewegen (siehe auch der letzte Punkt dieser Liste).
  • November 2014: Matt Taylor und sein Pin-up-Hemd, das uns allen nochmal bildlich verdeutlicht hat, dass nicht nur fiese, dumme Muskelmacker, sondern auch “coole Nerds”, die immerhin intelligent genug sind, mit ihrem Team Raumsonden auf Kometen zu schicken, Frauen vor allem als Sexualobjekte denken. [4]
  • November 2014: Das pseudo-inspirierende Buch “Barbie: I Can Be A Computer Engineer”, wo Barbie erstens keine einzige Zeile Code schreibt (und daher sinnvoller als “Game Designer” o.ä. bezeichnet wäre), zweitens mehrere Rechner mit einem Virus infiziert und dann natürlich drittens die Hilfe von zwei Jungs braucht, die das von ihr designte Spiel programmieren, den Virus beseitigen und die verlorenen Daten wiederbeschaffen. (Wie gut, dass es – siehe die verlinkten Artikel – dank des amerikanischen Urheberrechts sehr einfach möglich ist, hier transformativ einzugreifen!) Edit: Hier noch ein deutschsprachiger Link dazu – danke an Helga Hansen dafür!
  • 2007-2015: Kathy Sierra. Feminist Frequency und Anita Sarkeesian. Zoe Quinn. Brianna Wu. Und der ganze gruselige Rest von “Gamergate” – und überhaupt die ganzen endlosen Abgründe des Themas Online (und anderes) Harassment gegen Frauen und andere Marginalisierte. Weil konkrete Morddrohungen gegen Videospielkritikerinnen und -produzentinnen und andere Frauen im IT-Bereich jetzt aber echt mal angemessene Konsequenzen der angeblichen Sorge um die notwendige Neutralität von Rezensionen(!) im Computerspieljournalismus(!) sind. Edit: Auch hierzu noch ein deutschsprachiger Link, ebenfalls mit Dank an Helga Hansen.
  • Januar 2015: Ein Nachruf auf die Naturwissenschaftlerin Colleen McCullough, der nochmal klarstellt, dass das allerwichtigste am Lebenswerk einer Frau auf jeden Fall ihr Aussehen und ihre Attraktivität für Männer ist. Und nicht etwa ihre Arbeit als Neurophysiologin in Yale oder ihre Erfolge als Bestseller-Autorin.
  • Februar 2015: Ein Text über die Suche nach dem perfekten Mitgründer, der als “vierter Mann” und “Technologie-Experte” “bei Bass & Bier” mit seinen drei männlichen Kollegen die Nächte durcharbeitet, während sich seine Freundin scheinbar stillschweigend damit abfindet, ihren Partner “quasi ein halbes Jahr lang” nicht zu sehen (obwohl, wer weiß, vielleicht nutzt sie die Zeit, in Ruhe ein eigenes Startup zu gründen?). In anderen Worten: Das Bild vom jung-dynamisch-100%-flexibel-rund-um-die-Uhr arbeitenden, dabei selbstverständlich nicht von Hartz IV lebenden und implizit stets als männlich gedachten Gründer, dessen soziales Umfeld inklusive Beziehung einfach(!) mal ein halbes Jahr auf Eis gelegt werden kann, weil das extrem coole und bestimmt bald auch extrem lukrative Startup schließlich vorgeht – und wer will schon der Entwicklung des nächsten FacebookTwitterInstagrams im Weg stehen?! Da hilft es dann auch nicht, dass nach mehreren Absätzen solcher Beschreibungen zum konkret gesuchten “vierten Mann” heißt, “er oder sie” müsse in der Lage sein, Anforderung XYZ zu erfüllen, weil bis dahin sowieso klar ist, dass eine Frau hier allerhöchstens rhetorisch und auf keinen Fall länger als knapp zehn Buchstaben lang “mitgemeint” ist.
  • Februar 2015: Ein ct’uplink Podcast, in dem die einzige anwesende Frau Helga Hansen (laut Podcast ein relativ neuer Teil des deutschsprachigen “Make”-Teams) von den um sie herum sitzenden vier Männern eine knappe Stunde lang nahezu durchgängig wie Luft behandelt wird (sie wird kaum angeguckt, und schon gar nicht irgendwie aktiv ins Gespräch einbezogen), und die dann in “ihrem” Segment noch nichtmal alleine den Hack zeigen darf, den sie (für eine erkrankte Kollegin) vertretungshalber präsentieren soll, ohne dass ihre beiden Chefs ihr permanent “hilfreich” dazwischenfummeln bzw. ihr nach dem ersten Halbsatz mit respektvollen Credits an besagte Kollegin (die ihr aber offenbar als Ahnungslosigkeit ausgelegt werden) gleich komplett das Erklären des Hacks, seiner Bestandteile und der dahinterliegenden physikalischen Prinzipien abnehmen. Kein Wunder kommt sie dabei nicht sehr souverän und super-kompetent rüber… (und das, obwohl sie garantiert jede Menge Fachwissen hat, sonst hätte sie diesen Job nämlich einfach nicht).

Handlungsansätze in verschiedenen Größen (und was garantiert nicht hilft)

Dieser Kontext ist das ständig und pausenlos präsente Rauschen im Hintergrund, auf dem Frauen und andere Marginalisierte nun dazu motiviert werden sollen, sich in technischen/IT-Berufen und -Freizeitprojekten zu engagieren.

Und deshalb ist es auch viel zu kurz gedacht, wenn sich die Lösungsvorschläge nur auf individuelles Empowerment beziehen. Anstatt Frauen/Marginalisierte also herablassend dazu aufzufordern, sich entweder “einfach” ein dickeres Fell wachsen zu lassen bzw. mehr Humor zu entwicklen und sich halt nicht so anzustellen – oder eben die IT-Branche zu meiden, wenn der dort herrschende Status Quo für uns unerträglich ist, wäre es sinnvoller, Strategien zu entwickeln und zu verbreiten, die eine_r zwar auch individuell anwenden kann, die aber trotzdem nicht die gesamte Verantwortung für die psychische Verarbeitung und womöglich auch noch für die gesamtgesellschaftliche Beseitigung von *istischer Kackscheiße auf die dadurch diskriminierte/attackierte/ausgeschlossene Person abwälzen.

In diesem Zusammenhang ist es übrigens auch keine Hilfe, der betreffenden Person(engruppe) zu empfehlen, sich doch “einfach”(!) selbstständig zu machen und sich so als eigene_r Chef_in selbst die idealen Arbeitsbedingungen zu schaffen. Das verlagert das Problem nämlich wie gesagt auf die Einzelperson bzw. auf die sowieso schon beanchteiligte Gruppe, die nun gefälligst ganz allein und eigenverantwortlich Alternativen zu institutionalisierten, strukturellen *Ismen finden soll. Darüber hinaus blendet diese Empfehlung aus, dass sich damit außerdem auch die Verantwortung für das volle Risiko der Existenzsicherung auf die ohnehin schon marginalisierte Einzelperson/Gruppe verlagert (herzlichen Dank an @maj_bootred, die mir diesbezüglich heute die Augen geöffnet hat!). Und da bei der Finanzierung von Gründungen und beim Aufbau eines Kundschaftskreises genau die gleichen sexistischen, rassistischen, lesben-/schwulenfeindlichen und sonstwie *istischen Mechanismen greifen wie im Angestelltenverhältnis (und wie allgemein in der Gesellschaft), verschiebt sich das Problem am Ende sowieso nur in ein leicht anderes Feld. Weil es nämlich kein “Außerhalb” von diesen Strukturen gibt. (Nichtsdestotrotz ist Selbstständigkeit für manche Frauen/Marginalisierte eine individuell bessere Alternative als ein Angestelltenjob, es sei also nichts Grundsätzliches gegen Gründungswillige und Schon-länger-Selbstständige gesagt – eine Existenzgründung ist halt bloß nicht für alle von uns das beste Lebensmodell.)

Es braucht also einerseits Möglichkeiten, die Resilienz/Widerstandskraft von Frauen und anderen Marginalisierten zu stärken bzw. aufrechtzuerhalten, um mit diesen vorerst bestehenden Realitäten besser (für ihr eigenes Wohlbefinden und – ganz kapitalistisch – auch für ihre Produktivität als Arbeitskraft) umzugehen.

Und gleichzeitig braucht es ernstzunehmende Ansätze, die Ursache für die Notwendigkeit besonderer Widerstandsfähigkeit zu bekämpfen. Und das heißt nicht nur, dass es mehr Diversität bei der Ausbildung für und der Besetzung von Stellen im IT-Bereich braucht (das scheint sich ja inzwischen halbwegs herumgesprochen zu haben), sondern auch, dass sich die bisher herrschende Arbeits- und Sozialkultur im IT- und Tech-Bereich grundlegend zu Gunsten von bisher dort Marginalisierten ändern muss.

Ich habe mal gesucht und einige vielversprechende Ansätze gefunden. Da es schon verhältnismäßig viel Berichterstattung zu IT-bezogenen Mädchenförderprojekten gibt, konzentriere mich hier v.a. auf Strategien, die sich 1. nicht in erster Linie um die Ausbildung und Förderung von jungen IT-ler_innen kümmern, sich 2. nicht auf die Kategorie Gender bzw. deren Gleichsetzung mit “Frauen” beschränken, und 3. tendenziell offline stattfinden (zu Kommentarpolitik und Online-Räumen finden sich unter den obigen Links zu Online Harassment verschiedene Möglichkeiten, auch hier andere Zustände zu schaffen). Ich glaube, dass viele der hier aufgelisteten Ansätze auch auf andere Diskriminierungskategorien oder -kontexte übertragbar sind bzw. für sie angepasst werden können – der Blick über den kategorie-/kontextspezifischen Tellerrand ist also lohnenswert.

  • Ashe Dryden: “So you want to put on a diverse, inclusive conference” (Vorschläge zur Organisation von diverseren Tech-Konferenzen, plus ein bisschen Hintergrundwissen per Kurzvideos; prinzipiell auch übertragbar auf andere Veranstaltungen/Räume). Und: “Increasing Diversity at Your Conference” (noch detailliertere Vorschläge; enthält außerdem eine lange Liste mit Aspekten von Diversität und beispielhaften Identitäten/Eigenschaften, die jeweils damit gemeint sind).
  • Awareness is Awesome (deutschsprachige Seite mit vielen konkreten Praxistipps zur Gestaltung von diversitätssensiblen und insgesamt zugänglicheren Veranstaltungen aller Art).
  • Jules: “Entweder oder?” (ein paar Hinweise speziell zu Konferenzen und Autismus/Neurodiversity und ein Bericht über Schwierigkeiten im Umgang mit Mehrfachzugehörigkeiten – hier: Autist*in und genderqueer).
  • Anita Borg Institute “Solutions to Recruit Technical Women” (PDF) (zahlreiche Hinweise zur Suche nach Kandidat_innen, zur Formulierung von Stellenanzeigen und zur Gestaltung von Arbeitsbedingungen, schwerpunktmäßig zu Frauen, die zugrundeliegenden Prinzipien sind aber oft gut übertragbar bzw. adaptierbar für andere Marginalisierte).
  • National Center for Women and Information Technology (NCWIT): “Women in IT: The Facts” (PDF) (viele, viele Zahlen, Daten und Diagramme, wieder v.a. bezogen auf Frauen, es werden aber mehrere Studien zitiert, bei denen es auch um die Kategorie race geht; außerdem gilt wie oben, dass viele Prinzipien übertragbar bzw. adaptierbar sind).
  • TransTech Social Enterprises (ein von einer Schwarzen Transfrau gegründetes und geleitetes Unternehmen, das Trans*menschen (z.B. über E-Learning-Programme) darin unterstützt, Ausbildungen im Bereich Grafikdesign und Webdevelopment zu machen, ohne täglich mit Trans*feindlichkeit und Rassismus konfrontiert zu sein).
  • Anja Zeising, Claude Draude, Heidi Schelhowe, Susanne Maaß: “Vielfalt der Informatik: Ein Beitrag zu Selbstverständnis und Außenwirkung” (PDF) (Sammlung relativ gut lesbarer Artikel, besonders interessant finde ich Kapitel 4: “4. GERD – Ein Vorgehensmodell zur Integration von Gender/Diversity in die Informatik”, das alle Phasen der Software- und Technologieentwicklung detailliert in Bezug auf Gender und andere Marginalisierungskategorien beispielhaft beleuchtet – auch hier finde ich vieles sehr gut auf andere Kontexte übertragbar bzw. für sie adaptierbar).
  • Organisationen wie LesbiansWhoTech oder Unicorns in Tech (letztere veranstalten z.B. das diesjährige #unit festival – The World’s First Queer Tech Festival).
  • Eric Ries: “Racism and Meritocracy” (beschreibt verschiedene Strategien zur Reduzierung von Voreingenommenheit bei der Auswahl von Bewerber_innen für Stellen, Ausbildungs- und Finanzierungsprogramme im IT-Bereich; empfohlen v.a. für diejenigen, die Diversität nicht an sich schon als Wert ansehen, sondern persönliche Verdienste als einzig relevantes Kriterium für diese Entscheidungen gelten lassen und an der Wirtschaftlichkeit von diversen Teams interessiert sind).
  • Organisationen wie Black Founders (fördert Schwarze im Bereich IT/Gründungen) oder Black Girls Code (bringt Mädchen of Color die Freuden des Programmierens nahe).
  • Julie Pagano: Artikelserie zu Allies/Verbündeten (mit vielen konkreten Tipps zum Umgang mit eigenen Denkmustern und zur Entwicklung einer besseren Verbündetenpraxis, vor allem im IT/Tech-Kontext, aber nicht darauf beschränkt).

Manche dieser Ansätze sind besser “von oben” (z.B. durch Unternehmensleitungen) zu implementieren, andere fallen eher unter Selbstorganisation von Marginalisierten. Manche konzentrieren sich auf bestimmte “Betroffenengruppen”, andere beschäftigen sich eher mit den allgemeinen Prinzipien, die Ausschlüssen zu Grunde liegen. Manche sind relativ unkompliziert und kurzfristig umzusetzen, während andere eher langfristige, umfassendere Veränderungen verfolgen. Letzten Endes braucht es nämlich viele verschiedene Ansätze, die nebeneinander bzw. miteinander existieren. Es geht also nicht darum, die eine richtige Lösung für alle *ismen-bezogenen Probleme zu finden, sondern darum, mehrere sinnvolle Strategien zu kombinieren, damit möglichst viele Menschen, Organisationen und Unternehmen mitmachen können und sich möglichst schnell grundsätzlich etwas ändert. Und das macht sowohl aus wirtschaftlicher als auch aus politisch-ethischer Perspektive echt Sinn.

P.S. Für weitere Hinweise auf interessante Handlungsansätze, v.a. zu Marginalisierungen, die nicht (nur) wegen Gender stattfinden, bin ich sehr dankbar!

Edit: Hier ist noch ein halbstündiges Video, das verschiedene relevante Konzepte (wie: privilege, intersectionality, stereotype threat, impostor syndrome, microaggression, male gaze, “reverse *ism”) kurz und IT-kompatibel erklärt und ein paar Interventionsbeispiele gibt. Falls jemand neu ist und/oder bisher noch keine Zeit hatte, sich das alles einzeln zu ergoogeln. :)

Fußnoten:

[1] Leider habe ich diesen Drift in Richtung Gender auch in meinem eigenen Text nicht durchgehend vermeiden können, was teils mit der vorhandenen Menge an Texten zu erklären ist (= es gibt erheblich mehr Artikel zu Gender als zu Race im IT-/Tech-Bereich), aber auch mit meinen eigenen Wahrnehmungslücken als Weiße. Deshalb sei hier zumindest auf ein paar lesenswerte Texte zu Race/Rassismus in diesem Kontext verwiesen: Über die Reproduktion von “bias” bei der Auswahl von Angestellten und förderungswürdigen IT-Projekten/-Unternehmen und über strukturelles Nicht-Mitdenken von Schwarzen/People of Color bei der Software- und Technologieentwicklung.

[2] In eine ähnliche Kerbe haut dieser Artikel, der die Verantwortung für die Unterrepräsentation von Frauen (14% in der IT-Branche) in Start-ups und unter Gründer_innen vor allem in der “Angst vor dem Scheitern” oder dem fehlenden Mut, es “einfach mal” zu probieren, und damit bei den Frauen selbst sieht – die folglich dazu aufgefordert werden, diese Schwierigkeiten individuell zu überwinden. Hier findet sich also kein Wort zu irgendwie gearteter Verantwortung bei den bereits in den Unternehmen bzw. gründungsförderlichen Strukturen anwesenden Männern, und zur in diesem Post diskutierten Veranstaltung hat es der Autor des Artikels offensichtlich auch nicht geschafft…

[3] Nebenbei ist es außerdem eine gruselige Strategie, Trans*menschen immer wieder zum Beweis der Existenz von sozialen und/oder psychologischen und/oder biologischen Geschlechterdifferenzen heranzuziehen, weil sich an der Abweichung von der Norm die Norm ja so schön verdeutlichen lässt und Trans*menschen dabei immer wieder eine Sonderrolle zugewiesen wird, anstatt sie als vollständig zur Kategorie “Frauen” bzw. “Männer” zugehörig zu denken (sofern das ihrer Identifikation entspricht).

[4] Falls es in eurem Leben nicht genug Videos von absolut komplett überwältigt begeistert herumhüpfenden Naturwissenschaftsprofessorinnen gibt (und welches Leben hat schon genug davon?), empfehle ich dringend, wirklich dringend, dieses Video, das Professor Monica Gradys Reaktion auf die Landung des Philae-Roboters auf einem Kometen zeigt. (Gefunden hier.)

Über Cisheten in LSBTQ*-Räumen

Joke hat drüben bei laufmoos mal wieder tolle Sachen geschrieben. Und ich bin darüber nicht nur schwerstens begeistert und möchte seine_ Texte mit zahlreichen <3 und !!! versehen dringendst weiterempfehlen, sondern ich bin deswegen jetzt auch inspiriert, nach ausgedehnter Schweigepause selber was zu schreiben. Und sogar mal wieder auf deutsch! (Wir können das also schon jetzt als kleines Wunder und Erfolg auf ganzer Linie verbuchen. \o/)

Zuerst mal die Links zu besagten Texten: Heteroküsse auf Queerpartys. Oder: Raumaneignungen. Und als Nachtrag (wegen Nachfragen): Wer wird wie gelesen im Raum? Gefühle vs. Wahrnehmung vs. Verhalten or what?

Und dann vielleicht dies: Ich war auf der gleichen Party wie Joke. Und auch mein Abend wurde von den aufdringlich mitten auf der Tanzfläche knutschenden Cisheten (und von den immer wieder um mich herumhüpfenden, aufmerksamkeitsheischenden Heterotypen) teilweise extrem beeinträchtigt. Ich teile also sowohl Jokes Wahrnehmung als auch seine_ Analyse im Speziellen und im Allgemeinen.

Ich finde Jokes Texte so umfassend und gründlich, dass mir außer begeisterter Zustimmung zu seiner_ Analyse dieser speziellen Party und seinen_ allgemeinen Gedanken über Cisheten in LSBTQ*-Räumen eigentlich nicht viel zu sagen bleibt. Ich schreibe hier also eher einen Ableger im Sinne einer thematischen Erweiterung dieses Themenfeldes aus meiner speziellen Perspektive als queere Femme, als eine direkte Antwort auf seine_ Texte. Ich werde dabei vermutlich den einen oder anderen Punkt wiederholen, den Joke bereits benannt hat. Es ist mir aber wichtig, dass mein Text hier auch ohne das Vertrautsein mit seinen_ Texten verständlich ist. Und bei vielen Dingen habe ich eh das Gefühl, sie sind kollektives queeres Wissen, das von unterschiedlichen Leuten immer wieder so oder ähnlich beobachtet, analysiert und formuliert wird, was das mit den Urheberschaftscredits grundsätzlich etwas schwierig macht…

Aber jetzt erstmal was zu anderen, früheren Partys. Auch queer/LSBTQ*, auch oft mit heterosexuellen Gästen.

Ich habe ja früher (heißt: von Mitte/Ende der 1990er bis Mitte/Ende der 2000er) jahrelang  solche Partys mitveranstaltet. Nicht so groß, nicht in dieser Stadt, aber auch in einem links-alternativ konnotierten Raum, der sonst (also an den anderen Abenden der Woche/des Monats) heterodominiert war, an dem Schwule/Lesben/Queers aber immer auch entscheidend am Schaffen der generellen Infrastruktur beteiligt waren. Auch zu diesen Partys kamen gern einzelne heterosexuelle Cis-Freund_innen, erstens, weil es einfach mal verdammt gute Partys waren, zweitens, weil wir einander kannten und gerne zusammen gefeiert haben, und drittens (und hier fanden sich die meisten nicht so direkt befreundeten heterosexuellen Cis-Menschen), weil sie den Raum kannten und sonst auch benutzt/besucht/mitgestaltet haben und sich deswegen auch bei dieser Party eingeladen fühlten. Und meistens war das auch überhaupt kein Problem, weil diesen heterosexuellen Cis-Menschen klar war, dass sie an diesem Abend nicht die Hauptpersonen sind, und weil sie sich entsprechend verhalten haben (also eben nicht ausgedehnt mitten auf der Tanzfläche eng umschlungen heterosexuell geknutscht haben).

Über die Jahre habe ich beobachtet, dass es umso schwieriger war, die Queerness des Raums spürbar als dominante Norm für den Abend aufrechtzuerhalten, je größer die Party war, je mehr cisheterosexuelles Stammpublikum die Partyorte hatten und je unregelmäßiger/seltener eine queere Übernahme der betreffenden Räumlichkeiten stattfand.

Meine These lautet also: Queere Räume und deren Regeln sind leichter zu vermitteln und aufrechtzuerhalten, wenn die Räume/Anwesendenzahlen kleiner sind und wenn sie regelmäßiger/öfter stattfinden. Wöchentliche Bar im Kleinstkneipenraum ist also einfacher als jährliche Soliparty mit Hunderten von Gästen in mehrstöckigem Kulturzentrum, wenn es um die Schaffung und Erhaltung der “Queerdominanz” in dem betreffenden Raum geht.

An dieser Stelle vielleicht ein paar Worte zur “Queerdominanz”, die hier wahrscheinlich besser als “LSBTQ*/FLT*-Dominanz” benannt ist. Damit meine ich ein gewisses Repertoire an kulturellen und sozialen Grundannahmen und Verhaltensweisen, die von den meisten Anwesenden als gültige Normen für diese Räume (seien sie nun eher “virtuell” oder von anfassbaren Wänden umgeben) akzeptiert werden. Zum Beispiel: Das gültige Gender einer Person ist nicht zwingend das, was ich meine zu sehen, sondern immer das, was sie selbst benennt. Aus dem erkennbaren und/oder benannten Gender einer Person lassen sich keine automatischen Schlüsse auf ihr Begehren ziehen, weder in Bezug auf das_die von ihr begehrte_n Gender, noch auf die von ihr bevorzugten sexuellen Praktiken oder erotischen Rollen. Und aus all dem lassen sich wiederum keine automatischen Schlüsse auf die geschlechtliche oder sexuelle Identität der betreffenden Person ziehen. Oder: Ein Konsens darüber, dass andere Menschen nicht einfach so angefasst werden können und sollten, dass erotische Interaktionen stets die Einvernehmlichkeit aller Beteiligten erfordern und insgesamt eine höhere Sensibilität für persönliche Grenzen und Körperlichkeiten als in Mainstream-Räumen. Oder: Das Wissen darum, dass an diesem Ort Nicht-Heter@sein das “Normale” ist und auch bleiben soll. Dass diese “Umkehrung” der Mainstream-Norm die Ursache dafür ist, dass hier ein Grad an Entspannung für LSBTQ*/FLT*-Menschen möglich ist, der in anderen öffentlichen Räumen eben nicht so ohne weiteres geht. Und ganz besonders: Das Wissen darum, dass dieser Raum mit diesen Normen genau deswegen (leider) eine Ausnahme und etwas Besonderes ist, das schützens- und erhaltenswert ist, weil es nämlich fast überall anders eben nicht so ist.

Und jetzt muss ich natürlich sofort disclaimern, dass diese Normen natürlich nicht kategorisch verhindern, dass LSBTQ*/FLT*-Menschen sich grenzüberschreitend gegenüber anderen LSBTQ*/FLT*-Menschen verhalten. Und dass sie ebenfalls nicht verhindern, dass Räumen mit “LSBTQ*/FLT*-Norm” andere Machtverhältnisse (z.B. Rassismus, Ableismus, Klassismus, Dickenfeindlichkeit) weiterhin existieren und damit den Zugang zu diesen LSBTQ*/FLT*-Räumen für viele LSBTQ*/FLT*-Menschen schwierig bis unmöglich machen. Sie verhindern noch nichtmal, dass es in LSBTQ*/FLT*-Räumen Sexismus, Femininitätsfeindlichkeit, Bifeindlichkeit und Trans(frauen)feindlichkeit gibt, was auch wiederum die Entspannungsmöglichkeit und das Auftankenkönnen vieler LSBTQ*/FLT*-Menschen in diesen Räumen einschränkt. In diesem Text geht es mir aber vor allem um die Leute, die schon da sind und um die Konflikte, die die Anwesenheit von Cisheten in LSBTQ*-Partyräumen erzeugt. Und im Zweifelsfall sind die androgynen Lesben, die misstrauisch das feminin-stylishe Erscheinungsbild einer Femme beäugen und deshalb einen Mangel an Feminismus, ein nur halb geglücktes Out-Sein als Lesbe oder fehlende Solidarität mit Andersgegenderten vermuten, immer noch mehr “Community” als die rücksichtslos knutschenden Cisheten oder die aufdringlichen Cistypen, die die Femme als stinknormale Hetera vereinnahmen und daraus entsprechende “Zugriffsrechte” ableiten. So erfahrungsgemäß.

A propos meine eigenen Erfahrungen: Ich erzähle nochmal weiter von früher.

Ich habe meine ersten Schritte als selbstidentifizierte Femme in überwiegend kleinen LSBTQ*- und FLT*-Räumen gemacht. Dabei habe ich mich stets darauf verlassen können, dass der Raum mich als queer definiert, so dass das, was ich darin getan (und getragen) habe, damit automatisch und erkennbar in einem queeren Kontext stattfand. Das hat mir ganz unglaublich viel Raum zum Ausprobieren und Erkunden von Femininität und Femmeness eröffnet, den ich nirgendwo sonst so hätte haben können. Und ich bin für diese Räume und diese Möglichkeiten und Erfahrungen auch 15+ Jahre immer noch immens dankbar. Auch wenn nicht alle meine Erfahrungen rundum angenehm und kuschelig gewesen sind (s.o., Stichworte Femininitätsfeindlichkeit und Sexismus, was ich an anderer Stelle bereits ausführlich analysiert und kritisiert habe).

Mit den Jahren stellte ich aber fest, dass diese LSBTQ*-Räume sich verändert haben und dass diese Veränderungen sich negativ auf meine Möglichkeiten in ihnen ausgewirkt haben. Auch hier galt: je größer die Party, desto Problem.

Zuerst fiel mir auf, dass ich auf lesbisch-schwulen Partys (mit minimalem BTQ*-Anteil unter den Gästen) nicht mehr als Lesbe gelesen wurde, sondern als “Gabi”, also als genderkonforme Cishetera, deren hauptsächliche Verbindung zur LSBTQ*-Community die Freundschaft mit einem schwulen Cismann ist und deren Motivation für den LSBTQ*-Partybesuch ist, dass man ja mit Schwulen sooo gut feiern kann! (Und weil Schwule die (vermeintlich) “sichereren” Cismänner sind, kann hetera mit denen deshalb hemmungslos auf der Tanzfläche sexuelle Handlungen simulieren/ausführen, ohne “richtige” Übergriffe befürchten zu müssen – aber, ähm, das ist ein anderes komplexes Thema und ein anderer Text…).

Dieser Wahrnehmung versuchte ich entgegenzuwirken, indem ich mich in diesen Räumen verstärkt explizit auf Frauen bezog. Aber im Zusammenhang mit der Tatsache, dass die Butches in meinem Leben gerne auch mal von Schwulen als Schwule gelesen wurden, war das keine besonders erfolgreiche Strategie, weil ich dann eben doch nicht “lesbisch” genug aussah, als dass mir ein eigenständiges Zugehörigkeitsrecht in diesen Räumen zugestanden worden wäre. Also schraubte ich meine Erwartungen an diese Räume und meine Lesbarkeitsmöglichkeiten herunter. Und versuchte mich mit dem Verlust meines Zuhausegefühls in diesen Räumen abzufinden, das offenbar die Konsequenz aus meinem Genderausdruck und meinem Begehren für (zumindest teilweise als cismännlich gelesene) Butches/Transbutches war.

Als nächstes stellte ich fest, dass die Anwesenheit von nicht-schwulen Cismännern es auch in LSBTQ*-Räumen notwendig machte, vehement meinen Mangel an Interesse an erotischer Interaktion mit ihnen zu demonstrieren, was sehr direkt zur Folge hatte, dass ich mein Begehren für Butches, Transbutches und manche Transmännlichkeiten kaum noch ausdrücken konnte. Um die Cistypen auf Abstand zu halten, musste ich sehr viel Energie darauf verwenden, Grenzen zu setzen und aufrechtzuerhalten. Dass das schlecht mit körperlicher Annäherung, emotionaler Öffnung und allgemeinem Sichverletzlichmachen zu Flirtzwecken in Richtung anderer Leute zusammengeht, ist vielleicht vorstellbar?

Im Grunde herrschten auf der queeren Party also jetzt fast die gleichen Dynamiken wie in jedem anderen Raum auch: Die Queerness meines Genders wurde nicht mehr wahrgenommen, die Queerness meines Begehrens konnte nicht mehr ausgedrückt werden (wobei Gender und Begehren für mich persönlich außerdem auch noch so eng miteinander verflochten sind, dass sie sich eh nicht sinnvoll voneinander trennen lassen), und verschwand auch die Anerkennung meiner Zugehörigkeit zu der jeweiligen LSBTQ*-Community über eine reine Ally-Position hinaus.

Und weil ich als Einzelperson solche Dynamiken nun mal nicht ändern kann, zog ich mich gefühlsmäßig in der Konsequenz mehr und mehr aus diesen Räumen zurück, die dennoch weiterhin behaupteten, “meine Community” zu sein. Ich landete dabei in einem merkwürdigen Nichts, denn die Mainstreamwelt war ja genauso wie vorher auch kein Ort, an dem ich mich zuhause oder auch nur halbwegs entspannt gefühlt hätte. Und auch wenn ich an dem einen oder anderen Küchentisch oder auf dem einen oder anderen Sofa in den Wohnungen befreundeter queerer Menschen trotzdem noch vorkam, so war die Welt, in der ich mich und mein queeres Gender und Begehren wahrgenommen fühlte, doch plötzlich sehr, sehr klein geworden.

Man möge mir also nachsehen, dass ich zuweilen nostalgisch (und manchmal auch romantisierend) den guten alten Zeiten nachtrauere, als alles™ noch so einfach war. Und dass ich hin und wieder betrübt feststelle, dass Die Jugend Von Heute™ meine Erfahrungen und die daraus resultierenden Gefühle nicht immer versteht und/oder relevant findet. So ist das eben manchmal mit uns Menschen über 40.

Deswegen sind LSBTQ*-Räume inzwischen trotzdem anders, als sie damals™ waren. Und an ganz vielen Stellen ist das auch echt richtig gut (z.B. begrüße ich die langsame Verschiebung von Identitäten weg zu Verhaltensweisen als Zulassungs-/Zugehörigkeitskriterium aufs Ausdrücklichste!).

Mein persönliches Dilemma in diesen Räumen bleibt trotzdem vorerst bestehen, weil mir nach wie vor unklar ist, wie die benannten Konflikte sich individuell und kollektiv lösen lassen, damit so viele LSBTQ*-Menschen wie möglich in LSBTQ*-Räumen (und gerne auch jenseits davon, aber das ist auch wieder ein anderer Text) so viel Spaß, Stärkung und Entspannung finden wie möglich.

Es werden weiterhin genderkonforme Cisheten ganz selbstverständlich auf LSBTQ*-Partys rumknutschen und noch nichtmal wahrnehmen, dass sie damit fundamentale Regeln queerer Räume verletzen und gesellschaftliche Machtverhältnisse aktiv aufrechterhalten, weil sie queere Räume nicht von sonstigen linksalternativen Räumen unterscheiden können/wollen/müssen (danke an ihdl für den Kommentar bei laufmoos, ohne den ich diesen Aspekt nicht so deutlich hätte sehen können).

Wie Joke schon schrieb:

Dies ist ein queerer, ein lesbischer, ein schwuler, ein bi, manchmal ein trans*, manchmal ein inter, ein bisschen ein poly, jedenfalls ein subkultureller Raum. Im Verhältnis zum hegemonialen Raum ist dieser Raum pervers, er ist anders und er folgt anderen Regeln. Die Regeln, denen er folgt, müssen innerhalb der Subkultur gelernt werden, das geht nicht über Queer-101-VHS-Kurse, sondern erfolgt subtil, gebunden an die Freund_innenschaften, die politischen Zusammenhänge, die Aktionsgruppen, zu denen eins sich zugehörig fühlt und Zugang hat.

Ich füge hinzu: Und das braucht Zeit. Und Arbeit. Dieses Wissen gibt es nämlich nicht für ein paar Euros Soli-Eintritt automatisch am Party-Eingang dazu. Und wer als Cisheter@ diesen Preis nicht bezahlen will, wer als Cisheter@ diese Zeit und Arbeit nicht investieren möchte, hat in meinen Augen auch nicht das Recht, irgendwelche Forderungen an den betreffenden queeren Raum und die darin anwesenden LSBTQ*/FLT*-Menschen zu stellen. Und das meine ich jetzt wirklich mal ganz einfach und ohne Einschränkung genau so.

Hier schließe ich mich deshalb dem dringenden Wunsch danach an, es möge sich doch bitte eine umfassende Praxis der Critical Hetness etablieren, damit nicht ausgerechnet auf den Partys, die explizit zur Stärkung und Unterstützung von LSBTQ*/FLT*-Menschen und -Communitys gedacht sind (oder was dachtet ihr, was Soli-Party bedeutet?!), heteronormative Kackscheiße reproduziert wird. Ganz “unschuldig” natürlich, denn wer (außer intoleranten Quasi-Diktator_innen) kann schon was gegen romantische Zuneigungsbekundungen unter verliebten Erwachsenen haben?! Lernen wir nicht auf jedem CSD, dass “Liebe kein Geschlecht kennt”?! (Ihr merkt schon: ich habe so meine Probleme mit dieser Form von les(bi)schwuler Politik… Aber auch dieser Rant soll nicht hier und heute fortgeführt werden.)

Es werden – nicht zuletzt als Reaktion auf die Anwesenheit besagter knutschender Cisheten – weiterhin Menschen, die auf den ersten Blick für ebensolche Cisheten gehalten werden, aber ganz definitiv keine sind, mit einer gewissen Ablehnung in LSBTQ*/FLT*-Räumen behandelt werden (siehe auch der Kommentar von Frl. Urban bei laufmoos). Hierzu plane ich in absehbarer Zukunft noch einen längeren Text zum Thema Passing, der auf diesen Punkt nochmal genauer eingeht. Heute nur soviel: Als Cis/Heter@ gelesen werden ist nicht das gleiche wie Cis-/Heter@-Sein. Hier wünsche ich mir gerade in LSBTQ*/FLT*-Räumen differenziertere Diskussionen und mehr Komplexitätsanerkennung. (Bis besagter Text geschrieben ist, verweise ich vorerst auf mein “passing”-Tag drüben bei Tumblr, unter dem Vereinzeltes und Vermischtes zu diesem Themenkomplex versammelt ist.)

Und es wird auch weiterhin nicht helfen, wenn wir uns in dieser Diskussion auf Identitäten (und vermeintliche Identitäten) konzentrieren, anstatt über konkrete, spürbare und beschreibbare Verhaltensweisen zu sprechen (zu denen das äußere Erscheinungsbild m.E. ausdrücklich dazugehört, aber eben nicht als einzige/wichtigste Komponente).

Nochmal Joke:

Das Äußere an sich kann m.E. hier keine klare und gültige Aussage über die Zugehörigkeit oder die Positionierung im Raum machen, weshalb ich es ja an Praxen kopple.

Gleichzeitig finde ich es schwierig, bei sehr heteronormativem, grenzüberschreitendem Verhalten zunächst mal zu diskutieren, ob Leute unpassenderweise als hetero gelesen werden oder nicht.

Da ergibt sich dann für mich eine Problematik queerer Räume: Wenn die Definition des Raumes an dem Punkt anhält, an dem ich “vom Aussehen nicht auf das Begehren von Leuten schließen darf” (und das ist eine häufige Antwort, die ich auf Argumentationen wie die oben oder die im letzten Text höre), dann ist sie verkürzt und betreibt viel mehr Identitätspolitik als die Suche nach einem Verhaltenskodex auf queeren Partys. Mit der m.E. verkürzten – aber immer wieder gehörten – Argumentation, dass ich niemanden auf einer Queerparty einfach so (siehe dazu meinen Text oben) als heter@ labeln darf, verunmögliche ich die Diskussion über heteronormatives Verhalten und das offensichtliche momentane Scheitern einer Türpolitik auf Queerpartys.

Was für mich auch bedeutet, dass dies keine Diskussion ist, die sinnvoll und erschöpfend an einem Nachmittag auf Twitter (oder auf Facebook oder meinetwegen auch bei Tumblr) geführt werden kann, oder die gut auf griffige Slogans in durchschnittlicher Transpi-Länge komprimiert werden kann. Denn es ist eben nicht einfach, sondern hochgradig komplex, weil an der Frage nach queeren/LSBTQ*/FLT*-Räumen und ihrer Offenheit/Geschlossenheit nun mal eine jahrzehntelange vielschichtige Geschichte dranhängt, die auch durchs Ignorieren nicht einfach aufhört zu existieren. Und weil sich in diesen Räumen lauter LSBTQ*/FLT*-Menschen mit komplexen und sehr verschiedenen Identitäten und Erfahrungen versammeln, die alle gehört und respektiert werden wollen. Und auch, weil Cisheter@ nicht gleich Cisheter@ ist. Und weil wir uns nicht alle das Gleiche unter sinnvoller Bündnispolitik vorstellen. Und weil Intersektionalität ein Ding ist. Und deswegen sind auch alle Handlungsempfehlungen, die mit “man kann/muss doch einfach nur…” anfangen, und alle Politikverständnisse, die mit “Liebe ist Liebe!” aufhören, in meinen Augen schon von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Oder jedenfalls sind sie nicht die Form von Politik und Community, an der ich teilnehmen möchte und die mit meiner Zustimmung in meinem Namen passiert.

Nehmen wir uns also die Zeit und machen wir uns die Arbeit, in langen Texten über komplexe Sachverhalte (und gerne auch über komplexe Gefühle!) zu sprechen und finden dabei (hoffentlich) brauchbare Handlungsansätze, die dieser Komplexität gerecht werden. Daran würde ich mich jedenfalls gerne beteiligen.

Glee: Warblers on ‘roids, Or: “In Just Seven Days, I Can Make You A Man”?

This post was sparked by two things: a) my fascination with the visual language of the Warblers storyline in the Sadie Hawkins (4×11) episode (of which I surprisingly haven’t seen even a single gif so far), and b) LettersFromTitan saying that Glee “constructs masculinity as something necessarily constructed” [1].

Let’s recap what happened before this week’s episode. In Dynamic Duets (4×07), we learned that the Dalton Academy Warblers had gained a new leader: military academy-trained Hunter Clarington, who called himself “not even remotely bisexual” while he tried to seduce Blaine Anderson back to Dalton, strongly supported by Sebastian Smythe (who was established as someone with few scruples when it comes to getting what he wants sexually in Season 3). After Blaine refused the offer, the Warblers sang “Whistle” (originally by Flo Rida) and “Live While We’re Young” (originally by One Direction) during the Sectionals competition in Swan Song (4×09) while performing two spectacularly acrobatic choreographies. Since the New Directions were disqualified for leaving the stage because one of their members fainted in the middle of their performance, the Warblers won the competition (and the glee club at William McKinley High School had to hand over their choir room to Sue Sylvester and her Cheerios).

Sadie Hawkins opens with Sam Evans doubting that the Warblers’ “weird flips and superhuman jumps” were simply the result of hard work, suspecting they cheated, and launching his own private investigation into the matter after Blaine told him he needed evidence to make such an accusation. And evidence he finds. Cue “before and after” images of several Warbler faces that indicate a thickening of their jaws and necks over a very short period of time.

02-hunter before 03-hunter after
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That kind of imagery is of course iconic for all kinds of makeover stories, a trope that Glee has used over and over again (Rachel basically had a makeover at least once a season, and we actually saw before-and-after pictures of her face in her nose job story in Born This Way (2×18)) [2].

It’s also iconic for transgender documentaries, a genre that seems downright obsessed with before-and-after imagery, to either prove a person has been their “true” gender all along (that usually gives us “tomboy girl” pictures for transmen and photos of “effeminate boys” for transwomen) or to show the audience how much they have changed and how far they have come (that usually gives us “girls” in princess or prom dresses for transmen and military “man” portraits for transwomen). And then there’s the visual self-documentation many trans* people are doing on their blogs and YouTube channels that often uses a similar progress narrative of change. As someone who has seen the faces of several of my transgender butch and transguy friends and lovers change by way of hormone treatment, I can’t not see this connection [3].

Another variation of the makeover trope in trans* contexts that is relevant here is the narrative where transmen have to learn how to consciously create a masculine appearance. This is always a complex thing that ranges from knowing the difference between a “male” and a “female” short haircut to where the center of gravity is in a “male” vs. a “female” body and a gazillion other details that can make or break the appearance of “natural” masculinity. So, paradoxically, a lot of conscious work goes into making one’s masculinity look “natural” and “effortless” when it’s anything but.

05b-roid rageBut back to the story. Sam convinces Blaine that the Warblers have taken hormones to enhance their athletic abilities, which would disqualify them from the competition and make New Directions the winners [4]. The two take their evidence to Finn, together with a cellphone video Joe and Artie took at the local coffee shop of Hunter erupting into a fit of violent “‘roid rage” over getting the wrong kind of sweetener is his latte [5]. I won’t discuss here whether higher levels of testosterone actually lead to more aggressive behavior in previously perfectly peaceful people or not (scientific studies on that are inconclusive), but the idea of a connection between testosterone and aggression certainly exists (and as a cultural product, Glee works with such ideas, even if they have been proven wrong by science).

The same is true of a connection between high testosterone levels and an increased libido, which effectively brings us back to the songs the Warblers chose for their Sectionals performance: “Whistle,” which is basically a song about how the singer (Hunter) likes his blowjobs, and “Live While We’re Young” (sung by Sebastian), which is about having casual sex shortly after meeting someone while pretending it’s love and not caring about the consequences.

And now Blaine and Sam bring in Warbler Trent, who confirms that, yes, the Warblers have been using steroids to enhance their chances of winning. And Hunter apparently not only ran that operation but personally administered each of the hormone shots into the butts of his fellow Warblers. Cue blurry faces, faceless and muscular male bodies, sexy and sinister black latex gloves, needles dripping with fluids, and Hunter squirting a dose of that fluid into his own mouth…

07-blurry faces 08-faceless bodies
09-dripping needles 10a-oral

In other words, Trent reports a medicalized secret cult of masculinity with major homosexual undertones, run by Hunter “Not Even Remotely Bisexual” Clarington. Well, as fandom speculated before, Hunter probably gets his biggest kicks out of being in control and making everyone else do what he wants them to, so gender may indeed be irrelevant to him. Nevertheless, Dalton is an all-male world, and the Warblers use a substance heavily associated with masculinity to get an advantage, and Glee portrays this in images that allude to male sexuality, so it’s difficult to ignore the homosexual associations here. Even if Sebastian is strangely absent from the scenes.

In fact, I read the blurry faces and faceless bodies with well-defined muscles, the emphasis on naked butts, and the presence of white fabric on naked skin as an allusion to gay bathhouse culture (remember Sue’s fantasy about Blaine performing(!) on the bathhouse circuit?) and the erotic imagery that relates to it (steamy rooms that make faces hard to see, anonymity, gay sex, white towels draped over idealized male bodies, etc.).

At this point I need to make a small detour to explain the title of this post. The quote is a line from The Rocky Horror Picture Show, where the mad crossdressing scientist Frank N. Furter sings it to his creation, the android Rocky whose most obvious characteristic is his bodybuilder physique. And if that wasn’t queer enough already, the line actually refers to Charles Atlas‘ bodybuilding ads of the 1940s in which Atlas claimed to “manufacture weaklings into men” and to “build a kind of new men.” Many of those ads had at least slightly homoerotic subtexts, which is precisely the reason for all the Rocky Horror references to Atlas. And Hunter has cast himself in a very similar role as someone who uses “scientific” or medical procedures to manufacture the kind of man he believes will win the competition [6].

It’s also a rather grown-up version of masculinity that is presented here and created by testosterone (just look at the well-defined arm muscles in the screencap above), in other words, these are men, not boys. In fact, the Warblers have made themselves into extra-masculine men, or, if you will, literal super-men.

And it’s “round-faced Warbler” Trent, the “sunshine of the group,” whose “hormones can’t handle heroic(!) doses of testosterone,” who doesn’t “even shave yet,” and who is called “Sensitive” by Hunter when it’s his turn to take it into the butt — in other words, boyish, child-like, and implicitly asexual Trent –, who ends up blowing the whistle in a way Hunter definitely didn’t mean him to. Trent is the pure and innocent child who gives up the prospect of winning with the super-male, artificially adult Warblers to side with the New Directions in an attempt to win back the honor and harmonious band of brothers the Warblers used to be. Trent resists Hunter, he fails Hunter’s version of man-made and streamlined, optimized masculinity and his blurry face becomes a sharply defined one again because he now is an individual who broke out of the Warbler machine. And this act may ironically “make him a man” more than any amount of testosterone shots ever could have done.

11-trent blurry 12-trent face

This is also where Trent has similarities to early Kurt who also repeatedly failed at the kind of masculinity society rewards, but who gained his individuality in exchange. And he has similarities to Blaine, whose childlikeness has been heavily emphasized this season (the two even joined the Warblers at the same time, which probably makes them the same age).

So it seems that one story Glee tells us about adult masculinity is that failure at it actually often is a good thing. Even if it is punished within the world of high school hierarchies, it tends to lead to being better human beings (who are also men) in the end (off the top of my head, I could easily make a case for Kurt, Puck, and Sam here, but they probably aren’t the only ones). Which is why I’m very curious to see how the Warbler storyline will continue in the next episode.

And when I started writing this, I actually had no idea that I would ultimately end up with so many connections to the trope of “being a man” that Glee keeps revisiting…

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Notes:

[1] I’m especially interested in the latter since I’ve often seen the opposite idea discussed (that is, masculinity is “natural” and therefore seems to require no effort to achieve whereas femininity is “artificial” and needs constant and visible work), especially around drag queens vs. drag kings, and, extrapolating from that, of male-to-female vs. female-to-male trans* people and their respective ease (or lack thereof) to be read as the gender they identify with. If you’re interested in academic writing about this subject, check out Judith Halberstam’s book Female Masculinity, especially the chapter on drag kings.

[2] And don’t forget the many, many fandom-created gif sets that show the development of Chris Colfer’s face and body from 2009 to 2013…

[3] I also need to mention that several transguys get their information about testosterone from cismale bodybuilders (due to the absence of long-term studies about the effects of testosterone on transmen), which further connects the two subcultures.

[4] Fans have correctly noted that this still wouldn’t mean the New Directions were the actual winners (they’d still be disqualified for their own violation of the rules), but let’s grant Glee that bit of illogic for the sake of the story, okay?

[5] And can I just mention here that “Latte” means “boner” in German? Which is in no way related to the Italian word for (espresso with) milk, but that doesn’t keep us from making bad sexualized puns about coffee drinks over here.

[6] It’s deliciously ironic that Hunter’s efforts aim at winning a show choir competition, which actually seems a rather “un-manly” thing to do in the world of Glee.

Getting emotional and factually analyzing a crappy system (and how Amber Riley can do both at the same time)

You may remember seeing the recent video (or one of the GIF sets made from it) where Amber Riley talks about the difficulty of getting roles as a black, female actor of size where the character doesn’t hate herself.

Here’s what Riley says in the video (there’s an extended version out there, but I’m focusing on this short one because it’s been the most widely covered one). During the first bit of the video, we see that she has been crying. We see her with wet eyes, wiping away tears while she continues to talk in a calm voice.

Hollywood is a very hard place to be in. It really is. Being the person that I am, you know, being the size I am, being a woman, being a black woman, there’s not a lot of roles for us.

After I did St Sass, I kept on auditioning. I was being offered the girl who sits in the corner and, you know, eats all day, the girl who wanted to commit suicide because she was fat. It was never anything that I felt had a good ending. I never wanted to play a character that hated herself. I wanted people to know that those aren’t the only kind of roles for women like me, normal girls.

Going to audition and having the casting director say, “I think you need to lose a little weight,” I didn’t understand why people couldn’t accept me for who I was. And the rejection started wearing on my self-esteem. And that’s just when I, me and my mom decided to stop. I’m just gonna be in high school, gonna be a high school student.

I’m not going to conform, and hurt myself, and do something crazy to be a size 2.

My parents always instilled knowing that you’re beautiful, and knowing that you’re fearfully and wonderfully made, and no one can tell you who you are, you know who you are.

I’m a healthy person. I have great friends around me that are positive. And I think that’s the key to life, is make your own path, set your own rules. Because there is no set rule, no set look, no set anything, you make your own rules in your life, and you make your own decisions.

So far, this is like a pretty touching and empowering video, right?

However, I came across the source of the video yesterday. And the way it was presented there makes me want to say things. Because there is this headline:

‘Glee’ star Amber Riley gets emotional about body image on ‘This Is How I Made It’ — EXCLUSIVE VIDEO

Which is first of all factually WRONG. Riley doesn’t “get emotional” (we’ll get to that bit in a minute) about her body image, she cries about a movie industry that offers only self-hating roles to fat, black, female actors and where casting directors tell her to lose weight, an industry that was always repeating the message to her that there’s something wrong with being fat, black and female.

Is the distinction clear? She doesn’t cry about her body, she cries because she’s been told repeatedly that this body was wrong and because she couldn’t get good roles because of that attitude towards her body (which eventually impacted how she felt about herself and the body she was originally FINE with).

But, see, Amber Riley “gets emotional” (and that’s still putting it gently – the same thing has been called “breaking down in tears” elsewhere) and this apparently turns her factual critique of a size-ist system into a personal issue of hers. By focusing on her emotions instead of the words accompanied by them, the story is suddenly reframed into one where she was presumably too weak to withstand the constant fat-hate, and too stubborn or lazy to conform to the Hollywood norm for attractive female bodies. In other words, she disqualified herself from being a successful actress, and it’s all her own fault.

When in reality, she took great care of herself by leaving that system when she realized it was negatively impacting her. When in reality, she showed great willpower by staying determined to not perpetuate a wrong system (which she intelligently analyzed) through accepting the role of a self-hating character, no matter how much she wanted to act.

This is a perfect example of how the expression of feelings by women is used to render their factual arguments invalid. (Here’s a great article that discusses the different kinds of emotions expressed by men and women in public political debates (and in general) and how that impacts how their statements are read.)

But we’re not done with the Riley video website, yet. Because there’s still the introductory text for the video:

In this week’s episode [of the MTV series This Is How I Made It], Glee star Amber Riley, who plays the confident Mercedes on the Fox hit, discusses her struggles with body image within the entertainment industry and how she never wanted to conform to the industry’s unrealistic standards. “Hollywood is a very hard place to be in. It really is,” admits the actress […].

Once again, this is NOT an accurate summary of what Amber Riley actually said. First of all, the use of “admit” once again turns the stating of facts (Hollywood isn’t exactly welcoming to fat women and black people in general; this creates pressure that can impact one’s self-esteem) into a purely emotional (and therefore invalid) “feeling.”

The quote also juxtaposes the “confident” character she plays on Glee with her real-life persona, who, as we are supposed to read this, clearly is not so confident after all. This tells us both that the character Mercedes Jones is actually unrealistic as a role model (because if not even the actress who plays her is really confident, how can a girl who goes to a sexist, racist, fatphobic high school in Lima, Ohio ever be confident for real?), and that Riley herself is less than that character.

By the way, this presumed opposition between Mercedes Jones and Amber Riley doesn’t even make sense because Mercedes has had a storyline about the pressure to be thin so she could be what she wanted (in her case, a cheerleader), and Riley clearly comes across as very confident indeed about who she is and how she looks. If you doubt it, check out this equally recent video, especially from 1:34 onwards (in which she also implies that one’s looks aren’t what a person should be judged on in the first place). And pay extra attention to how the perception of her changes with the presence of an audience that applauds her for being who she is and saying what she says and doing what she does.