Über Butches, Transmänner und (nicht nur) lesbische Verlustgefühle

Also, ich habe ja die gleiche Partyeinladung bekommen wie Andrea Roedig. Ich bin sogar zu dieser Party hingegangen. In allererster Linie aus Neugier. Und weil ich finde, dass es – neben z.B. Partys für FrauenLesbenInterTrans (FLIT) und Partys für LesbenSchwuleBisexuelleTransleuteQueers (LGBTQ) und Partys für “alle” – durchaus auch Partys nur für Frauen (inkl. Transfrauen) geben kann und sollte. Und ich hatte vor dem Besuch der Party tatsächlich ein wenig halbernste Sorge, ob dort wohl auch für mich attraktive Menschen (sprich: Butches) sein würden. Oder vielleicht sollte ich eher sagen, ich habe mich gefragt, welcher Teil der Butches sich wohl von dieser Einladung angesprochen fühlt. Ich bin es nämlich nicht mehr gewohnt, die Butches (und anderen nicht-cismännlichen FLITs) in meinem weiteren sozialen Umfeld nach “Frauen” und “Nicht-Frauen” sortieren zu müssen, weil üblicherweise eh alle auf der gleichen Party sind (die natürlich keine “Frauenparty” ist, jedenfalls keine ohne erweiternde Fußnoten) und es im alltäglichen Umgang erfahrungsgemäß relevanter ist, zu wissen, wer welche(s) Pronomen bevorzugt. Die Frage, wer welche Identität(en) mit diesem_n Pronomen verbindet bzw. sonst für sich in Anspruch nimmt, ist dann eher was für ausführlichere Hintergrundgespräche und längere Kontakte zwischen (wie auch immer) aneinander Interessierten.

Die Party war überwiegend auch wirklich nett. Jedenfalls bis auf die Tatsache, dass einige selbstidentifizierte Butch-Frauen einen Teil des Abends damit verbrachten, in meiner Hörweite wirklich schlimm unzutreffenden binären Unsinn über (angeblich) supersexistisch-mackerige Transmänner vs. (implizit) völlig unsexistisch-unmackerige Butch-Frauen von sich zu geben. Ich habe mich nach Kräften bemüht, das nicht gänzlich unwidersprochen zu lassen, aber so richtig war das weder der Ort noch die Zeit für ausführlichere Aufklärungsgespräche. Mal abgesehen vom offenkundig mangelnden Interesse meiner dortigen Gesprächspartnerinnen an einer differenzierteren Sichtweise – oder überhaupt an meiner Meinung als queer-feministische und butchliebende Femme, die ihren Alltag mit einer nonbinary Trans-Butch mit diversen Transitionserfahrungen teilt (aber so weit kam ich in meinen Ausführungen ja erst gar nicht).

Aber jetzt gibt es ja diesen ZEIT-Artikel (vgl. obiger Link), in dem im Grunde die gleichen Punkte nochmal etwas allgemeiner wiederholt werden, die schon auf dieser Party keinen Sinn ergeben haben. Und deshalb nehme ich mir jetzt doch nochmal die Zeit, mich etwas ausführlicher dazu zu äußern. Weil das mit den Lesben, Butches und Transmännern und das mit dem queer und dem Feminismus in Wirklichkeit eben alles doch ein bisschen komplizierter ist, als dieser Artikel es darstellt. Und weil so ein Artikel ja oft länger hält als ein flüchtiges Partygespräch. Und weil ich das deshalb erst recht nicht unwidersprochen so stehenlassen will.

Aber von vorne.

Biologische Zustände, soziale Zuschreibungen und unerwartet queeres Gedankengut

Ich möchte gar nicht so viel zu den ganzen sprachlichen Ungereimtheiten in dem Text von Andrea Roedig sagen, weil es mir hier nicht in erster Linie um irgendeine unerfreuliche Wortwahl an sich geht. Aber so richtig lässt sich dieser Artikel nicht sinnvoll diskutieren, wenn eins nicht auch einen Blick auf seine Sprache wirft. Reden wir also doch erstmal über Worte und was sie so bedeuten. Dazu hole ich ein bisschen über den Text von Roedig hinweg aus und gehe nochmal ein wenig ins Grundsätzliche.

Da ist zum Beispiel die Wortkombination “biologisches Geschlecht” (im Englischen ist das “sex” im Unterschied zu “gender”, also “sozialem Geschlecht” – dazu weiter unten mehr). Darunter verstehen die meisten Leute eine bestimmte Kombination körperlicher Zustände, die sich aus naturwissenschaftlich-technisch messbaren Faktoren wie z.B. dem Chromosomensatz, dem Hormonspiegel, der inneren und äußeren genitalen Konfiguration und weiteren sogenannten “Geschlechtsmerkmalen” wie z.B. Brustgröße, Gesichts- und Körperbehaarungsmenge, Stimmlage und/oder allgemeine Körperproportionen zusammensetzt. Nicht zu vergessen irgendwas Messbares “im Gehirn”. Diese Faktoren (die übrigens bei weitem nicht alle unveränderlich genetisch vorbestimmt sind!) treten im echten, menschlichen Leben in nahezu endloser Vielfalt in nahezu endlosen Kombinationen auf und verändern sich teils auch im Laufe eines durchschnittlichen Lebens (ich sage nur “Pubertät”…). In einer normativ zweigeschlechtlich gedachten Welt (und in der leben Andrea Roedig und ich und die Leute, über die sie und ich gerade schreiben, nun mal – ob wir wollen oder nicht) werden wir aber alle nach oberflächlicher Inaugenscheinnahme der äußeren Genitalgegend direkt nach der Geburt statisch einem von zwei Grundmodellen (“Frau” bzw. “Mann”) zugeordnet (bzw. zwangszugewiesen, “notfalls” auch durch medizinisch vollkommen unnötige chirurgische Eingriffe).

Das “biologische Geschlecht” wird üblicherweise als der “unveränderliche” Teil von Geschlecht gedacht. Weswegen auch immer noch erschreckend viele Menschen darin eine geschlechtliche “Wahrheit” suchen, die vermeintlich naturgegeben und prä-gesellschaftlich bedeutungsvoll vorhanden ist. Woraus sich natürlich jede Menge transfeindliche Gruseligkeiten ableiten. Dass Transfrauen von vielen Menschen ihr “richtiges” Frausein abgesprochen wird, zum Beispiel. Oder dass Transmänner trotz klarer Identifikation als Männer von manchen Menschen eher wie besonders begehrenswerte, weil besonders androgyne (sprich: maskuline) “Ehrenlesben” behandelt werden. Oder dass von cisweiblichen Lesben einfach nicht verstanden wird, warum sich viele Nonbinaries, Genderqueers, Genderfluide und Transmänner von Einladungen zu “Frauenpartys” selbstverständlich nicht (mehr) angesprochen fühlen, auch wenn sie vor 20, 30 oder 50 Jahren bei ihrer Geburt noch so vehement als “weiblich” zugewiesen wurden.

Ich persönlich halte es bezüglich des “biologischen Geschlechts” dagegen mit denen, die festgestellt haben, dass anatomische Tatsachen zwar teils “naturgegeben” sein mögen, dass aber jede Bedeutung, die wir ihnen zuschreiben, sehr wohl gesellschaftlich geformt und damit auch veränderlich ist (wer mehr dazu lesen möchte, könnte z.B. mit Judith Butler oder Thomas Lacquer anfangen). (Insofern bleibe eins mir bitte auch weg mit den ach-so-“ursprünglichen” Steinzeitmenschen und all den danach evolutionär nicht mehr weiterentwickelten Männern, die nicht zuhören wollen, und Frauen, die nicht einparken dürfen…) In diesem Sinne ist jedenfalls auch das “biologische Geschlecht” nur das Ergebnis sozialer Bedeutungszuschreibungen auf bestimmte Kombinationen von Körpermerkmalen und nicht irgendeine objektive “Wahrheit”. Weswegen ich üblicherweise auch gar nicht erst zwischen “biologischem” und “sozialem” Geschlecht unterscheide, sondern alles “Gender” nenne.

Aber wie gesagt, die meisten Menschen beharren nicht nur auf der Unterscheidung zwischen “biologischem” und “sozialem” Geschlecht, sondern bestreiten dabei auch, dass sich das “biologische Geschlecht” überhaupt ändern ließe – weil es ja angeblich schon als Tatsache da war, bevor wir überhaupt eine (geschlechtliche) Selbstwahrnehmung entwickelt haben. Insofern ist es interessant, dass ausgerechnet Roedig nun meint, dass die Einnahme von Hormonen das “biologische Geschlecht” verändert. Denn das ist in meinen Augen ein ausgesprochen queerer Gedanke. Und zwar selbst dann noch, wenn sie ignoriert, dass nach dieser Logik dann aber auch Cisfrauen und Cismänner, die (z.B. zur Schwangerschaftsverhütung, gegen Akne, zur Steigerung oder Senkung der Libido, gegen andere sexuelle “Funktionsstörungen”, gegen Wechseljahrsbeschwerden und/oder zur Vereinfachung des Muskelaufbaus) bestimmte Hormonpräparate nehmen, damit ihr “biologisches Geschlecht” ändern – jedenfalls ein bisschen. Das gilt natürlich nur dann, wenn wir außerdem ausblenden, dass es sowas wie eine geschlechtliche Identität und Selbstdefinition gibt, die im Zweifel den Ausschlag bei der Geschlechtsbestimmung von Menschen geben sollte – und genau das blendet Roedig ja in der Tat aus, mit ihrem binären Bild von (ausschließlich) weiblichen Butches, die keine Hormone nehmen und keine “Trans”-OPs machen lassen (und all das auch nicht wollen) und (ausschließlich) männlich-identifizierten Transmännern, die allesamt hormonell verändert und irgendwie “transspezifisch” operiert sind (oder sein wollen).

[Ebenso ausgeblendet werden an dieser Stelle übrigens auch Transfrauen im Allgemeinen. Bei Roedig ist das tatsächlich auch wieder ein bisschen interessant, weil Transfrauen immerhin im ersten Satz – dem mit dem Zitat aus der Partyeinladung – explizit als Zugehörige in Frauenräumen genannt werden und dann auch nirgendwo wieder aus denselben rausdefiniert werden. Ich bin mir aber nicht so sicher, ob das nun wirklich auf ausdrückliche Transfrauenfreundlichkeit schließen lässt, oder ob Roedig das weitere Mitdenken von Transfrauen nach ihrem Einleitungssatz einfach “vergessen” hat, weil sie ja so mit (implizit als cisweiblich gedachten) Butches und Transmännern beschäftigt war. Oder wen sie überhaupt als Transfrau gelten ließe, wenn wir sie denn danach fragen würden (was wir übrigens nur dann – und nur zu Klärungszwecken – tun sollten, wenn sie demnächst diejenige ist, die Partyeinladungen “nur für Frauen” verschickt). Aber gut, halten wir fest, dass wir es in diesem Artikel scheinbar immerhin nicht mit trans(frauen)ausschließendem Radikalfeminismus (TERF) zu tun haben. Ein paar Abgründe bestimmter feministischer Denkweisen bleiben uns also doch erspart. Und halten wir fest, dass auch ich hier im Folgenden mehr über Transmännlichkeiten als über Transweiblichkeiten sprechen werde, weil ich ja nach wie vor eine Antwort auf den Artikel von Roedig verfasse und nicht allgemein über das Verhältnis feministischer/queerer Räume zu Transmenschen schreibe.]

Erwähnen möchte ich zum Thema “biologisches” (oder vielleicht besser: “körperliches”) Geschlecht außerdem noch, dass dessen Grenze zum “sozialen” Geschlecht (s.u.) auch ohne Butler und Lacquer sehr fließend ist. Jedenfalls dann, wenn eins mitdenkt, dass auch Dinge wie Bodybuilding und andere Körpertrainings, Frisuren und sonstiger Umgang mit sichtbarem Körperhaar, Stimmmodulation und Sprachmuster, Gestik, Mimik und allgemein Körpersprache sowie Körper(um)formungen durch Bekleidung einen erheblichen Einfluss auf die Wahrnehmung eines menschlichen Körpers nicht nur als “feminin”/”maskulin”/”androgyn” (im Sinne von “gender”), sondern auch als “weiblich”/”männlich”/”uneindeutig” (im Sinne von unterstelltem “sex”) haben. Daher kann die cisweibliche Butch-Frau je nach Gesamterscheinungsbild (und je nach Wahrnehmungsmustern der Betrachter_innen) auch durchaus öfter mal als Cismann gelesen werden. Und der Transmann wird vielleicht auch dann weiter als “Frau” gelesen, obwohl in seinem Ausweis seit drei Jahren ein eindeutig männlicher Vorname steht und mittlerweile auch alle Post ordentlich an “Herrn Nachname” adressiert ist. Selbst die von Oma und Opa.

Soziale Zustände und das komplexe reale Leben jenseits von Binaritäten

Womit wir dann also beim “sozialen Geschlecht” (englisch “gender”) wären. Das ist in etwa das, was andere Leute uns so als Geschlecht zuschreiben. Und wenn wir Glück (und ein entsprechend queer gebildetes Umfeld) haben, wählen sie dabei aus mehr als nur zwei Möglichkeiten. Diese Zuschreibungen können wir bis zu einem gewissen Grad beeinflussen, z.B. indem wir uns bestimmter Stylingcodes bei der Wahl von Bekleidung und Frisuren bedienen. Oder gegenderte Vornamen oder andere Selbstbezeichnungen benutzen. Oder T-Shirts/Buttons/Schildchen mit identifizierenden Informationen tragen. Oder bestimmte Körpermerkmale betonen bzw. sie verdecken oder von ihnen ablenken. Oder andere Leute im Gespräch darüber informieren, wie wir uns geschlechtlich identifizieren und wie das mit unserem äußeren Erscheinungsbild zusammenhängt oder auch nicht.

Bei diesen Kombinationen von Selbstpräsentation und Außenwahrnehmung kann dann z.B. rauskommen, dass Butch-Frauen Stress auf dem Frauenklo haben, weil das Klopersonal oder andere Klobenutzerinnen sie aufgrund ihrer maskulinen Selbstpräsentation für Männer gehalten haben und beim Versuch, den Frauenraum “Damentoilette” zu schützen, leider an der falschen Stelle eine Bedrohung dieses Raums gesehen haben. Oder dass feminine(re)n Transfrauen aufgrund ihres Nicht-als-Cisfrauen-gelesen-Werdens analog das gleiche passiert. Oder dass Transmänner in der Arztpraxis jedes Mal wieder aufs Neue als trans geoutet werden, weil das Praxispersonal scheinbar nicht in der Lage ist, irgendwo zu vermerken, dass der Patient seit mittlerweile fünf Jahren “Herr Nachname” heißt. Und zwar auch dann, wenn er weiterhin eine gynäkologische Praxis besucht. Oder dass cisweiblichen Femmes unterstellt wird, sie seien schon immer rundum absolut genderkonform gewesen und hätten niemals irgendwelche Genderdysphorie am eigenen Leib erlebt, bloß, weil sie heute Expertinnen im Auftragen von Eyeliner und Nagellack sind und wissen, was Victory Rolls sind (und sie womöglich gar machen können).

Es kann aber auch rauskommen, dass manche Butches auf der queeren Party eben als “er” angesprochen werden (und das auch gut finden), ohne dass sie sich deswegen notwendigerweise als “Männer” identifizieren. Zum Beispiel weil es im Deutschen keine grammatisch unkomplizierte und breit bekannte Pronomenvariante wie das singuläre “they” gibt. Oder weil ein “er” für eine Butch in einem queeren Raum sehr wohl etwas anderes bedeuten kann als ein “er” in einem heteronormativen Kontext (ein schwuleninternes “sie” bedeutet ja auch nicht, dass der so Bezeichnete “in Wirklichkeit” eine Frau ist, sondern verweist einfach auf eine spezifisch schwul-tuntige Sprachkultur). Oder es kann rauskommen, dass Transfrauen selbstverständlich und mit jedem nur denkbaren körperlichen Erscheinungsbild und mit jedem Grad von Angezogensein bzw. Nacktheit auf der Frauensexparty herzlich willkommen sind und (zumindest von einigen Anwesenden) auch genau so wie sie sind, begehrt werden. Oder es kann rauskommen, dass der Transmann hier drüben viel femininer und viel feministischer ist als die ausgesprochen femininitätsfeindliche und super-maskuline Butch-Frau, die neben ihm steht. Oder dass die Person mit dem Vollbart auf der FLIT-Party sich als nonbinary Butch identifiziert, entspannt alle Pronomen für sich verwendet und trotzdem seit Jahren Testo nimmt – und die Person, die sich explizit als Transmann und männlich und ausdrücklich nicht als Butch oder nonbinary oder genderqueer identifiziert, trotz jahrelangen Positionierens als Mann immer noch “aus Versehen” (ja, nee, is klar) als “sie” bezeichnet wird, weil er in den Augen der Sprecher_innen “nicht männlich genug” aussieht. Und trotzdem stur weiter Männerröcke trägt, weil er eben auch Goth und (manchmal) schwul ist. Oder dass auch cisweibliche Femmes in ihrer Genderkomplexität wahrgenommen werden. Und dass Femininität nicht weniger als “authentisch” gilt als alle anderen lesbischen, queeren und nicht-so-queeren Gender, die um sie herum existieren. Das alles kommt – wie so oft beim Thema Gender – immer sehr auf den Kontext an.

Bei Roedig ist all sowas aber einfach nur “unübersichtlich” und damit irgendwie implizit doof. Naja, klar, mehr-als-zwei ist eben mehr-als-zwei und damit automatisch komplexer. Und selbst ein quasi-antiquarisches 256-Webfarben-Spektrum ist nun mal bunter als ein binäres Schwarz-weiß. Ich persönlich finde ja, vielfältiger und differenzierter ist besser, weil genauer und zutreffender. Und ich finde, Roedig kann ruhig mal ein bisschen weniger faul sein und die real existierende geschlechtliche Vielfalt einfach mal wahrnehmen, anstatt weiterhin mit zwei und nur zwei Geschlechtskisten durch die Gegend zu laufen und da alle Menschen um sie herum zwangseinzusortieren. (Habe ich Hoffnung, dass sie dies tatsächlich tun wird? Ehrlich gesagt, nicht so richtig. Schließlich wollte sie schon 2002 “nun wirklich nichts mehr von ’embodie[d] practices’ und ‘power structures’ hören und schon gar nichts mehr von einer Weltsicht, die postmoderne Denkstrukturen nur deshalb gut findet, weil sie essentialistisches Denken (böse), Dualismen (böse), Ausschlüsse (böse) kritisiert”… Aber ich schreibe das hier ja auch nicht in erster Linie für Andrea Roedig, sondern für diejenigen, die vielleicht doch ein bisschen aufgeschlossen(er) für nicht-binäre Weltbilder sind.)

Und jetzt zum nächsten Zaubertrick: Die Verschwundene Butch und die Diskursive Verschiebung!

Jedenfalls gilt üblicherweise das “soziale Geschlecht” als der veränderliche Teil von Geschlecht. Bei Roedig sieht das dann ungefähr so aus: Schnell mal die Haare wachsen gelassen und schwuppdiwupp ist aus dem “hässlichen Mannweib” eine nach heteronormativen Maßstäben (implizit) attraktive(re) Frau geworden, mit der plötzlich auch die “ehedem maulfaulen Kolleg_innen” reden. Schnell mal ein paar Hormone eingeworfen uns schwuppdiwupp ist eine “Butch verloren gegangen” und ein “waschechter Typ” entstanden. Wundersamerweise bleibt die Butch jedoch auch mit längeren Haaren noch eine Butch (darf also ihre Selbstdefinition behalten, auch wenn sie von ihrem Umfeld plötzlich ganz anders behandelt wird), während der Transmann spätestens mit “behaarter Brust” keinesfalls mehr gleichzeitig Butch sein kann, egal, was er selbst vielleicht dazu meint. Weil Roedig ja Butches mal eben ausschließlich als Frauen definiert hat und es ihr dabei völlig egal ist, dass längst nicht alle real existierenden Butches sich auch als Frauen identifizieren.

An dieser Stelle muss ich nun mal kurz einen Schlenker in die Geschichte machen und darauf hinweisen, dass die Kategorie “Butch” (bzw. ihre deutschsprachigen Vorläuferinnen “Kesser Vater (KV)”, “Bubi”, “Vatti” u.ä. und alle ihre anderssprachigen Nicht-ganz-Äquivalente) historisch noch nie ausschließlich Menschen beinhaltet hat, die sich ungebrochen als Frauen identifiziert haben. Das ist also definitiv kein “Phänomen, das in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren zunehmend virulent geworden ist”, sondern das war schon um die vorletzte Jahrhundertwende so. Also ab dem späten 19. Jahrhundert bis in die 1930er, dann brach zumindest hierzulande die Geschichte nationalsozialismusbedingt erstmal ab, ging aber z.B. in Nordamerika in den 1940er-60er Jahren erst so richtig los, was sich z.B. in den autobiographischen Texten der butchliebenden und feministischen Fem(me)s Joan Nestle (ganz besonders hier) und Amber Hollibaugh nachlesen lässt – oder, fiktionalisiert, in Leslie Feinbergs Stone Butch Blues (dt. Träume in den erwachenden Morgen). Und nur weil es in den 1970ern eine kurze Weile gendertheoretisch quasi nur “Männer” und “Frauen” gab (was ja für viele feministische Analysen auch temporär durchaus ein sinnvolles Denkmodell war), oder weil sich manche Butches mangels alternativer Begriffe und Identifikationsmodelle dann eben doch “Frau” genannt haben (und vielleicht auch, weil das zumindest im Kontext der frühen Sexismusanalysen der 1970er sinnvoll war), heißt das trotzdem nicht, dass all die Butches, die Roedig im Zuge von Transitionsprozessen “verloren” gehen sieht, vorher auch wirklich “Frauen” waren. Oder dass alle Butches, die hormonelle und/oder chirurgische Maßnahmen aus dem Trans-Katalog ergreifen, am Ende zu “waschechten Typen” werden, die “teils zart, teils massiv mit behaarter Brust, Bierbauch und rüden Manieren als Kerle auftreten.” Wobei das mit den “Männern” und “Frauen” und nichts anderem selbst für die 1970er Jahre nicht stimmt. Denn die Feministin Monique Wittig schrieb zum Beispiel 1978, “‘Frau’ hat nur Bedeutung im heterosexuellen System des Denkens und in heterosexuellen ökonomischen Systemen. Lesben sind keine Frauen.” Befänden wir uns in einem fiktionalen Universum, wäre das, was Roedig hier tut, jedenfalls ein klarer Fall von retconning zum Zwecke der Untermauerung ihres geradlinigen Narrativs vom “Verschwinden der Butches” in die Transmännlichkeit.

Mal ganz abgesehen davon, dass ich persönlich rüde Manieren und gruselige Femininitätsfeindlichkeit durchaus auch bei cisweiblichen Butches erlebt habe – und ausgesprochen respektvolles und un-sexistisches Verhalten bei allerlei Transmaskulinitäten. Und dass sowieso nichts falsch an Bier- und anderen Bäuchen ist und Roedig diese beiläufige Dickenfeindlichkeit und den impliziten Klassismus im Bild vom bierbäuchigen, brustbehaarten Kerl mit den schlechten Manieren auch einfach mal hätte weglassen können. Und dass ich beim besten Willen nicht weiß, was Roedig meint, wenn sie sich beim “Umgang der Transmänner untereinander” eher “an die offensivere schwule Subkultur” erinnert fühlt “als an die lesbische”. Soll das heißen, Transmänner gebärden sich miteinander zu offensiv begehrlich-sexuell? Denn um zu viel Tuntigkeit bzw. männliche Femininität unter Transtypen geht es ja wohl kaum… Und welche lesbische Subkultur ist hier gemeint? Die Dykes on Bikes? BDSM-Butches/Lesben, die auf andere BDSM-Butches/Lesben stehen? Mir fallen jedenfalls gleich mehrere lesbische Subkulturen ein, die für mich nicht viel anders aussehen, als das, was ich so zwischen mehr oder weniger schwulen Transmännern mitkriege…

Aber ich will gar nicht leugnen, dass es tatsächlich inzwischen weniger Menschen gibt, die sich als “Butch” identifizieren, als noch vor zehn, fünfzehn Jahren. Und mehr (nicht nur) bei der Geburt als “weiblich” zugewiesene Menschen, die sich als “Transmann”, “transmaskulin”, “trans”, “genderqueer”, “genderfluid” oder “nonbinary” identifizieren. Ich stimme Roedig in dieser Beobachtung also durchaus zu. Ich glaube bloß, dass die Sache im echten Leben deutlich vielschichtiger ist, als Roedig es dargestellt hat.

Zuerst muss da nämlich erwähnt werden, dass Mitte/Ende der 1990er die selbstidentifizierte “Butch” ganz und gar nicht das allgemeine lesbisch-feministische Wunschmodell war. Die Butch als solche galt damals nämlich als viel zu “männlich” identifiziert, viel zu “mackerig” und vielleicht gar viel zu “prollig”. Kurz, sie überschritt die Grenzen der lesbisch-feministischen Gender-Schicklichkeit in Bereiche von Maskulinität, die irgendwie “zu viel” waren. Karohemden, maskulin konnotierte Sportlichkeit (also jetzt nicht etwa Ballettkompetenzen) und handwerkliche Begabung waren zwar unter Lesben hoch angesehen, ebenso wie androgyn-jungenhafte Züge in Gesichtern und Körpern. Aber wehe, es wollte eine im Ernst regelmäßig Anzüge tragen. Oder ihre Freundinnen/Affären nur mit Dildo vögeln. Und natürlich wurde nicht öffentlich darüber gesprochen, dass die eine oder andere nicht nur wegen ihrer EMMA-feministisch begründeten Ablehnung von “Reizwäsche” zwei Nummern zu kleine Sport-BHs trug, sondern auch, weil diese die eigenen Brüste eben nicht hoben und teilten, sondern im Gegenteil plattdrückten und anlegten, was irgendwie ein besseres (weil weniger “weibliches”) Körpergefühl machte. Und wenn so eine “zu männliche” Butch dann auch noch auf Femmes stand, wurde sie übrigens gerne obendrein noch der “Reproduktion von Heterosexualität” beschuldigt. Und zwar von lesbischen Feministinnen bzw. feministischen Lesben exakt der Generation, die Roedig in ihrem Text als “klassisch sozialisierte Homos” bzw. als “mehr feministisch als queer geprägt” bezeichnet. Die Butch war also keineswegs das vorherrschende Lesbenideal, jedenfalls nicht in den feministisch-lesbischen Kontexten, in denen ich mich Mitte/Ende der 1990er so tummelte. Im Gegenteil, die Butch (zusammen mit der Femme) war das, wovon wir uns vehement abgegrenzt haben. Wegen ihrer “Männlichkeit” (bzw. Femininität). Und ihrer “Heterosexualität”.

Das gleiche Misstrauen gegenüber “zu viel Männlichkeit” in lesbischen/queeren Räumen gibt es heute auch noch, wie sich unkompliziert bei Roedig nachlesen lässt. Bloß jetzt wird es eben meistens stereotyp nicht mehr von Butches verkörpert, sondern von Transmännern. Heißt, das, was sich tatsächlich verschoben hat, ist das Label, mit dem diejenigen bezeichnet werden, die die magische Grenze von “Weiblichkeit” bzw. “Frausein” bzw. “Lesbischsein”/”Homosexualität” in deren Jenseits überschreiten. Und ein bisschen die Orte, wo genau nun diese Grenzen gezogen werden. Damit ist “Butch” jetzt das altmodische, lesbische Auslaufmodell, das plötzlich viel ungebrochener “weiblich” dargestellt wird (und zwar sowohl von welchen wie Roedig, die Butches toll finden, als auch von welchen, die sich von ihnen abgrenzen wollen, weil sie Butches nicht maskulin/männlich genug finden), als es im echten Leben je gewesen ist. Und “Transmann”, “Genderqueer” und “Nonbinary” sind jetzt – je nachdem, wer spricht – entweder die jungen, hippen, coolen, queeren Modelle für geschlechtliche Avantgarde, die sich von all dem lesbischen Biologismus (und den altmodischen, lesbischen Butches) befreit haben, oder die jungen, hippen, uncoolen, queeren Modelle für geschlechtliche Avantgarde, die sich von all dem (lesbischen) Feminismus (und den altmodischen, lesbischen Butches) entsolidarisiert haben. Die Kultur- und Genderwissenschaftlerin in mir würde daher also zusammenfassend sagen: Es gab da eine Diskursverschiebung.

Das dürfte allein die von Roedig ja erwähnte Tatsache deutlich machen, dass Patrick Califia (der übrigens nicht nur “den Lesbensex-Klassiker Sapphistry schrieb”, sondern unter anderem auch schwule BDSM-Pornos verfasste und nie ein Hehl daraus machte, dass er als Leather Dyke durchaus auch zuweilen Sex mit schwulen, cismännlichen Lederkerlen hatte) es irgendwann trotz allem Feminismus eben nicht mehr stimmig für sich fand, als Leather Dyke durch die Welt zu gehen. Und auch Jack Halberstam hat übrigens in Female Masculinity bereits deutlich gemacht, dass es für ihn auch als Judith Halberstam schon keine unkomplizierte Identifikation als Frau gab. Ganz zu schweigen von Leslie Feinberg, die_der sowieso nie die Frau war, als die sie_er gerne in lesbischen Kreisen vereinnahmt wurde (aber eben auch nie der Transmann, als der sie_er in transmännlichen Kreisen ebenfalls gerne vereinnahmt wurde). All diese gebrochenen Identifikationen mit der Kategorie “Frau” wurden aber nicht durch “die Medizin” möglich gemacht. “Die Medizin” erlaubt es höchstens, diesen gebrochenen Identifikationen auch körperlich Ausdruck zu verleihen, falls eins das tun möchte.

[Und kann ich kurz was dazu sagen, wie absurd die Formulierung vom “Trend zu Trans” bzw. der “Trans-Mode” ist? Ich stelle mir dazu jedenfalls vergleichsweise vor, vom “Trend zum HIV-Infektions-Langzeitüberleben” zu sprechen, nur weil es heutzutage medizinische Verfahren gibt, die eine HIV-Infektion nicht mehr so unmittelbar tödlich machen, wie in den 1980ern. Was in den letzten zwanzig, dreißig Jahren fraglos immense soziale Veränderungen u.a. von schwulen Sexualkulturen nach sich gezogen hat. Es gibt im Leben halt immer wieder medizinische, technische und juristische Entwicklungslinien (= Trends!), und die bringen manchmal auch soziale Veränderungen mit sich. Das macht sie aber nicht zu bloßen “Moden”, die eins implizit nicht wirklich ernst nehmen müsste, weil sie eh bald wieder vorbei sind.]

Nochmal mit Gefühl: Real existierende Verlusterfahrungen (am eigenen Beispiel)

Aber wie das so ist mit Labeln und Subkulturen und all dem Herzblut, mit dem wir da dran- und drinhängen, ist es mit der kulturwissenschaftlichen Analyse allein natürlich nicht getan. Weil da ja trotzdem Leute sind, die diese Veränderungen als bedauernswerten Verlust empfinden. Und weil es für diese Verlustgefühle erstmal irrelevant ist, dass ihr inneres Bild von Butches als Frauen (und sonst nichts) nie wirklich der Realität entsprochen hat.

Und irgendwo bei diesen Verlustgefühlen sitze ich dann auch mit am Tisch, wenn auch mit einem anderen Hintergrund und daher einer anderen Perspektive als Roedig. Aber ich weiß noch sehr gut, wie ich plötzlich von meiner lesbischwulqueeren lokalen Community, die ich in jahrelanger unbezahlter Arbeit mitgeschaffen und -gestaltet habe, an den Rand definiert wurde, als ich das erste Mal mit einer Transgender Butch ankam, die “er” genannt werden wollte (“bist du dann jetzt Hetera?”). Ich weiß noch sehr gut, wie zwiespältig es sich angefühlt hat, mit diesem Menschen auf der Straße als “Lesben!” angepöbelt zu werden, weil ich einerseits froh war, dass unsere gemeinsame Queerness offenbar nach wie vor sichtbar war, mich andererseits aber schlecht gefühlt habe, weil diese Wahrnehmung ja auf einer Fehlwahrnehmung meines damaligen Partners als “Frau” basierte. Ich weiß noch sehr gut, was es mich an Überwindung gekostet hat (und bis heute jedes einzelne Mal kostet), von meinem jetzigen Partner (wieder eine Transgender Butch, aber mit anderer Detailkonfiguration) gegenüber Leuten, die ihn nicht kennen, als “er” zu sprechen, ohne sofort hinterherzuschieben, dass er nonbinary trans ist und wir einzeln und zusammen queer sind (erfahrungsgemäß gibt es nämlich zahlreiche Situationen, in denen das einfach zu kompliziert für den Nebensatz ist, in dem ich ihn eben kurz erwähnen wollte – und ja, ich darf ihn überall als trans outen, wo es mir richtig und wichtig erscheint). Ich weiß noch sehr genau, wie schrecklich es sich angefühlt hat, bei mehreren Menschen in meinem näheren Umfeld den Verlust von liebgewonnenen Gesichtszügen zu erleben, als diese sich aufgrund von Testosteronzufuhr im Erwachsenenalter verändert haben – und dabei mehr als einmal Formen von Maskulinität annahmen, die ich persönlich einfach nicht mehr attraktiv fand (und es war und ist nun mal nicht so, als gäbe es an jeder Straßenecke Menschen, die ich rein gendermäßig überhaupt attraktiv finde – dieser Verlust fand also in einer sowieso schon sehr spärlich besiedelten Gendergegend statt). Ich weiß noch sehr genau, dass ich furchtbare Angst hatte, meine Butch, mit der mich mittlerweile schon längst eine langjährige, krisenerfahrene Beziehung verband, eines Tages schlicht und ergreifend nicht mehr riechen zu mögen, weil sich ihr Körpergeruch aufgrund von Testo verändern würde (denn Gerüche sind für mich nun mal eine Sache, bei der ich gänzlich irrationale Präferenzen und Abneigungen habe, die sich auch durch noch so logische Argumente, dass es ja trotzdem die gleiche Person bleibt, nicht beeinflussen lassen). Ich weiß noch sehr genau, dass ich zuweilen ausgesprochen genervt von der ganzen lesbitransqueeren Maskulinitätsabfeierei um mich herum war, die noch dazu oft auf Kosten von (meiner) Femininität konstruiert wurde (aber ich weiß eben auch noch sehr genau, dass die Trennlinie zwischen sexistischen Mackern und respektvoll-solidarischen Maskulinitäten definitiv nicht sauber zwischen Transmännern/Nicht-Frauen auf der einen Seite und Butches/Lesben/Frauen auf der anderen Seite verlief und auch heute nicht verläuft).

Ich weiß auch noch sehr genau, wie schmerzhaft der Verlust von (nicht nur digitalen) Butch/Femme-Communities für mich gewesen ist, der im Zusammenhang mit dieser Diskursverschiebung stattgefunden hat. Weil ich diese Communities nämlich als gemeinsame Räume erlebt habe, in denen wir einander gegenseitig unterstützt haben und miteinander solidarisch gehandelt haben. Statt dessen soll(te) ich mich nun in Communities wiederfinden, die sich um Transmännlichkeiten gebildet hatten. Aber dort konnte ich bestenfalls eine liebevoll und bedingungslos unterstützende Angehörige sein, der nochmal ganz von vorne erklärt werden musste, wie das mit dem Trans alles so geht (egal, ob ich darüber schon viel länger nachgedacht und gelesen hatte als die Transbutch an meiner Seite) – und schlimmstenfalls eine transmannfetischisierende, transfeindliche Cisperson, die quasi die fleischgewordene geschlechtliche Normalität war. Für meinen Trauerprozess im Zuge der Transitionsschritte meiner (Ex-)Butches (es war und ist nämlich nicht alles toll, was der so kurz- und langfristig an Nebenwirkungen hatte, egal, wie sehr ich ihn dennoch gerne unterstützt habe), für mein konstantes, queeres Begehren nach Menschen, die (oft) weder Männer noch Frauen sind, und für meine eigene Genderkomplexität war in diesen transmannzentrierten Räumen jedoch absolut überhaupt kein Platz. Geschweige denn für die Idee, dass verschiedene Identitäten und Bedürfnisse im Rahmen einer bereits langjährig bestehenden Partnerschaft möglicherweise ausgehandelt werden können, weil da eben zwei Menschen zusammen sind und nicht nur zwei beliebige Repräsentant_innen gesellschaftlicher, binärer Kategorien. Und dass es im Rahmen dieser Idee und so einer Beziehung dann auch geht, sinngemäß zu sagen: “Kannst du deine Transitionsvorhaben vielleicht noch ein paar Monate verschieben, bis ich meinen Uniabschluss fertig habe und den Tod meines Vaters ein bisschen mehr verarbeitet habe?” Oder, ungefähr ein halbes Jahr später: “Können wir alle längerfristigen Zukunftspläne und alle Gespräche darüber bitte auf die Zeit nach dem letzten von mir geplanten Transitionsschritt vertagen?” Und dass es geht, dass beide Fragen nach sorgfältiger Abwägung mit “Ja” beantwortet werden und sich die Konsequenzen daraus dann auch wirklich nicht gegenseitig vorgeworfen werden. (Aber das ist eigentlich auch alles schon wieder ein anderer Text, weswegen ich das hier jetzt erstmal abbreche.)

Es ist also nicht so, als hätte ich selbst als butchliebende Femme bzw. als mehrfache Partnerin (und Freundin) von transmaskulinen Menschen nicht auch gewisse Verlustgefühle gespürt, die den von Roedig erwähnten in manchen Punkten ähneln. Es ist also nicht so, als würde ich ihr feministisches Misstrauen gegenüber einer Aufwertung von Maskulinität und Männlichkeit im Zusammenhang mit einer Abwertung von Femininität und Weiblichkeit in lesbischqueeren Kontexten nicht prinzipiell absolut teilen. (And I even have the print publications I wrote to prove it!)

Es ist mir bloß zu platt, von “ex-lesbischen” Transmännern, die weiterhin Frauen (und womöglich gar feminine!) begehren, pauschal anzunehmen, dass sie damit so ohne weiteres “wieder ins heterosexuelle Paradigma passen”. Vielleicht auf den ersten flüchtigen Blick. Der im Alltagsgebrauch bestimmt auch zuweilen zum Ausbleiben bestimmter Diskriminierungserfahrungen führt. Aber ich kann aus eigener Erfahrung bestätigen, dass mir und der Transbutch zwar heutzutage gerne mal Heterosexualität unterstellt wird, dass wir aber einzeln und zusammen trotzdem nicht so ohne weiteres ins heteronormative Bild passen. Im Gegenteil. Plötzlich wird der Butch (die ihren Arbeitsalltag mittlerweile als (Trans)”Mann” verbringt) nämlich andauernd signalisiert, dass sie nicht “Manns genug” ist. Weil ich den schwereren Koffer schleppe und den größeren Werkzeugkasten habe. Weil er immer noch über niedliche Tierbilder quietscht (und zwar auch im Büro “unter Männern”). Weil er zu wenig Interesse für stereotyp männliche/maskuline Lebensbereiche zeigt. Weil er bei jeder Gelegenheit kundtut, dass in seiner Gegenwart sexistische Kommentare gefälligst zu unterbleiben haben. Und so weiter. Wohlgemerkt, die passiert derselben Butch, die sich früher immer anhören musste, dass sie “zu männlich” ist. Aus einer “maskulinen Frau” (bzw. einem Menschen, der als solche gelesen wird) wird eben im Zuge einer Transition nicht unbedingt ein maskuliner Mann, sondern manchmal auch ein “femininer Mann” (bzw. eine Person, die als solcher gelesen wird). Während sich seine Selbstdefinition als Transgender Butch in all den Jahren übrigens nie geändert hat, auch wenn er heutzutage öfter mal ein erklärendes “nonbinary” dazusetzt, weil Begriffe wie “transgender” und “Butch” in den letzten zehn, fünfzehn Jahren eben ihre Bedeutung verändert haben. All das soll natürlich nicht leugnen, dass manchmal bei so Transitionsprozessen eben doch ein super-kerliger Kerl rauskommt. Aber es passiert eben nicht immer und schon gar nicht automatisch. Und vielleicht nichtmal überwiegend (jedenfalls, was die Transmänner, Genderqueers und Nonbinaries angeht, die sich auch nach hormonellen und/oder operativen Veränderungen weiterhin in FLIT-Zusammenhängen wohl und zuhause fühlen). Und das ist dann wieder diese komplexe Realität, die ich in solchen Texten gerne mitgedacht sähe.

Mir liegt es (nicht nur) auf dem Hintergrund meiner eigenen Erfahrungen jedenfalls fern, Roedig oder ihren Bekannten das Recht auf ihre Verlustgefühle abzusprechen. Im Gegenteil, ich finde es wichtig, dass für diese Gefühle von Verlust und Trauer im Zusammenhang mit Transitionsprozessen in FLIT-/LGBTQ-Räumen Platz ist. Und zwar nicht nur bei denen, die als außenstehende “Angehörige” gedacht werden, die halt einfach nur endlich den Anschluss an den Transjubelzug kriegen müssen (oder sonst eben transfeindlich und scheiße bleiben). Und dass diese Gefühle nicht gleich plattgeschrieen werden, weil jemand in der Art, wie diese Gefühle geäußert werden, Transfeindlichkeit gefunden hat (was nicht heißt, dass die Transfeindlichkeit nicht trotzdem benannt werden sollte!). Denn es bringt uns alle nicht wirklich weiter, und schon gar nicht zusammen, wenn wir es vor lauter berechtigter Kritik an bescheuerten und/oder sachlich falschen Argumenten versäumen, dennoch das Recht anderer Menschen auf ihre eigenen Gefühle und die Äußerung derselben zu respektieren. Und es bringt uns übrigens auch nicht weiter, wenn wir vor lauter berechtigter Kritik an der Transfeindlichkeit in Roedigs Text nun (wieder einmal) lesbisches/queeres Begehren und lesbische/queere Sexualkulturen im Vergleich zur Geschlechtsidentität von Transmännern als irrelevant erklären. Das halte ich nämlich für eine gefährliche Argumentationsfigur, der ich mich definitiv nicht anschließen möchte. Begehren und Sexualität jenseits der Heteronormativität sind und bleiben nämlich hochpolitische Felder (und nicht etwa belanglose Privatsachen). Und ich finde, wir können und sollten es hinkriegen, sowohl nicht-heteronormatives Begehren als auch die Geschlechtsidentitäten von Transmännern (und natürlich auch die von Transfrauen und überhaupt allen geschlechtlich identifizierten Menschen) wichtig und ernst zu nehmen, anstatt das eine gegen das andere auszuspielen.

In diesem Sinne wünschte ich, wir könnten über diese Verlustgefühle in einer Form reden, in der wir nicht unsere Identitäten und Begehrenspräferenzen aufwerten, indem wir die anderer Leute abwerten (erst recht nicht, wenn das – wieder mal – entlang struktureller Machtunterschiede stattfindet). Und in einer Form, in der wir die Komplexität des echten Lebens anerkennen können, auch wenn sie unsere schönen geradlinigen und eindeutigen Narrative unmöglich macht bzw. ad absurdum führt und damit alles zuweilen echt “unübersichtlich” wird. Und in einer Form, in der wir nicht schon wieder binäre Kategorien aufmachen, als hätten wir immer noch nicht verstanden, dass wir damit niemals real existierenden Menschen und unseren komplexen Identitäten, Geschichten und Gemeinschaften gerecht werden können. Unter diesen Voraussetzungen setze ich mich dann auch gerne mit Andrea Roedig (und denen, die so ähnlich denken wie sie) an einen Tisch, um genau diese Gespräche zu führen.

Nachsätze

P.S. Das wollte ich eigentlich auch nochmal ausführlicher machen, aber jetzt bin ich müde und werde unkreativ. Daher nur kurz: “Feministisch” und “queer” sind – ebenso wie “Butch” und “transmännlich” – kein (zwingender) Widerspruch, sondern ergänzen sich oftmals ganz ausgesprochen gut. Manche Leute schreiben sogar Bücher darüber. Und manchmal sind sogar transmännliche Butches sowohl queer als auch feministisch. Die habe ich dann besonders gerne um mich herum. :)

P.P.S. Was ebenfalls heute nicht mehr von mir besprochen wird: der Phallus und seine “weibliche” Aneignung, die zu weit getriebene Homoerotik (was immer das sein soll) und das Missverständnis von Transsexualität als genereller “Subversion des Geschlechts”. Und die Frage, ob der “alte Feminismus” radikaler war als die “neue Queerness” oder umgekehrt oder ob die Antwort auch hier wieder “kommt drauf an, was du radikal findest” ist (Spoiler: letzteres).

P.P.P.S. Und wenn der Text von Roedig nicht an vielen Stellen einfach aneinandergereihte Behauptungen ohne jede argumentativ-logische Verknüpfung wäre, dann wäre es auch einfacher, argumentativ auf ihn einzugehen. Aber so habe ich auch nach knapp 5500 Wörtern immer noch das Gefühl, ich hätte bloß an der Oberfläche dessen gekratzt, was Roedig alles so frei assoziierend in ihren Artikel gestreut hat. Nun ja. Mögen andere an anderer Stelle weiter aufdröseln, was da alles so drinsteht und was davon Sinn ergibt und was nicht und was nur dann, wenn eins den Kopf schieflegt, ein Auge zukneift und mit dem anderen um die Ecke blinzelt.

Zum Schluss: Ihr dürft diesen Text alle sehr gerne kommentieren. Ich bin aber jetzt ein paar Tage nur sehr wenig online, es kann also mit dem Freischalten auch dann ein bisschen dauern, wenn mit eurem Kommentar alles in Ordnung ist.

8 thoughts on “Über Butches, Transmänner und (nicht nur) lesbische Verlustgefühle

  1. Sorry, aber dazu kann ich nur folgendes Kommentieren: *aufsteh und klatsch*. Grossartig auf ein sehr komplexes Thema eingegangen und reagiert.

    Danke!

  2. Herzlichen Dank!! (von einem queeren Transmann, der_die seine Transition lange Zeit nicht anzudenken gewagt hatte u.a. aus der Angst, dann plötzlich ein “Verräter” (des Feminismus) zu sein, dann plötzlich cismässig tun zu müssen oä…)

  3. Danke für diesen ausführlichen Text und die vielen Einblicke!

    Und danke speziell auch für den vorletzten Absatz. Das werde ich mir mal zu Herzen nehmen, denn ich glaube, was ich selbst in meinem Blog-Eintrag zu Andrea Roedigs Artikel in Bezug auf Begehren und Geschlechtsidentität geschrieben habe, kann durchaus so ankommen (und war vielleicht auch tatsächlich in meiner Wut ein bisschen so gemeint – darüber denke ich nun auch mal nach).

  4. Auch von mir vielen Dank für die ausführliche Auseinandersetzung mit dem Roedig-Beitrag auf ZEIT online. Vor allem freue ich mich, dass dabei eine queere Femme-Perspektive eingenommen wurde, denn bei Roedig werden Femmes nicht einmal erwähnt. Auch “Butch/Femme” als Differenzbegehren, das innerhalb lesbischer und auch feministischer Kontexte nicht wohlgelitten war und noch ist, wird nicht benannt, und damit auch die erotische und Gender-“Heimatlosigkeit” von *Butches und *Femmes unter “Lesben”. Eine ganz eklatante Leerstelle in Roedigs Text. Etwas Positives gibt es an diesem ärgerlich undifferenzierten Artikel dennoch: Er hat Diskussionen ausgelöst und Beiträge hervorgebracht, die ich sehr interessant und bereichernd finde.

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