Über Cisheten in LSBTQ*-Räumen

Joke hat drüben bei laufmoos mal wieder tolle Sachen geschrieben. Und ich bin darüber nicht nur schwerstens begeistert und möchte seine_ Texte mit zahlreichen <3 und !!! versehen dringendst weiterempfehlen, sondern ich bin deswegen jetzt auch inspiriert, nach ausgedehnter Schweigepause selber was zu schreiben. Und sogar mal wieder auf deutsch! (Wir können das also schon jetzt als kleines Wunder und Erfolg auf ganzer Linie verbuchen. \o/)

Zuerst mal die Links zu besagten Texten: Heteroküsse auf Queerpartys. Oder: Raumaneignungen. Und als Nachtrag (wegen Nachfragen): Wer wird wie gelesen im Raum? Gefühle vs. Wahrnehmung vs. Verhalten or what?

Und dann vielleicht dies: Ich war auf der gleichen Party wie Joke. Und auch mein Abend wurde von den aufdringlich mitten auf der Tanzfläche knutschenden Cisheten (und von den immer wieder um mich herumhüpfenden, aufmerksamkeitsheischenden Heterotypen) teilweise extrem beeinträchtigt. Ich teile also sowohl Jokes Wahrnehmung als auch seine_ Analyse im Speziellen und im Allgemeinen.

Ich finde Jokes Texte so umfassend und gründlich, dass mir außer begeisterter Zustimmung zu seiner_ Analyse dieser speziellen Party und seinen_ allgemeinen Gedanken über Cisheten in LSBTQ*-Räumen eigentlich nicht viel zu sagen bleibt. Ich schreibe hier also eher einen Ableger im Sinne einer thematischen Erweiterung dieses Themenfeldes aus meiner speziellen Perspektive als queere Femme, als eine direkte Antwort auf seine_ Texte. Ich werde dabei vermutlich den einen oder anderen Punkt wiederholen, den Joke bereits benannt hat. Es ist mir aber wichtig, dass mein Text hier auch ohne das Vertrautsein mit seinen_ Texten verständlich ist. Und bei vielen Dingen habe ich eh das Gefühl, sie sind kollektives queeres Wissen, das von unterschiedlichen Leuten immer wieder so oder ähnlich beobachtet, analysiert und formuliert wird, was das mit den Urheberschaftscredits grundsätzlich etwas schwierig macht…

Aber jetzt erstmal was zu anderen, früheren Partys. Auch queer/LSBTQ*, auch oft mit heterosexuellen Gästen.

Ich habe ja früher (heißt: von Mitte/Ende der 1990er bis Mitte/Ende der 2000er) jahrelang  solche Partys mitveranstaltet. Nicht so groß, nicht in dieser Stadt, aber auch in einem links-alternativ konnotierten Raum, der sonst (also an den anderen Abenden der Woche/des Monats) heterodominiert war, an dem Schwule/Lesben/Queers aber immer auch entscheidend am Schaffen der generellen Infrastruktur beteiligt waren. Auch zu diesen Partys kamen gern einzelne heterosexuelle Cis-Freund_innen, erstens, weil es einfach mal verdammt gute Partys waren, zweitens, weil wir einander kannten und gerne zusammen gefeiert haben, und drittens (und hier fanden sich die meisten nicht so direkt befreundeten heterosexuellen Cis-Menschen), weil sie den Raum kannten und sonst auch benutzt/besucht/mitgestaltet haben und sich deswegen auch bei dieser Party eingeladen fühlten. Und meistens war das auch überhaupt kein Problem, weil diesen heterosexuellen Cis-Menschen klar war, dass sie an diesem Abend nicht die Hauptpersonen sind, und weil sie sich entsprechend verhalten haben (also eben nicht ausgedehnt mitten auf der Tanzfläche eng umschlungen heterosexuell geknutscht haben).

Über die Jahre habe ich beobachtet, dass es umso schwieriger war, die Queerness des Raums spürbar als dominante Norm für den Abend aufrechtzuerhalten, je größer die Party war, je mehr cisheterosexuelles Stammpublikum die Partyorte hatten und je unregelmäßiger/seltener eine queere Übernahme der betreffenden Räumlichkeiten stattfand.

Meine These lautet also: Queere Räume und deren Regeln sind leichter zu vermitteln und aufrechtzuerhalten, wenn die Räume/Anwesendenzahlen kleiner sind und wenn sie regelmäßiger/öfter stattfinden. Wöchentliche Bar im Kleinstkneipenraum ist also einfacher als jährliche Soliparty mit Hunderten von Gästen in mehrstöckigem Kulturzentrum, wenn es um die Schaffung und Erhaltung der “Queerdominanz” in dem betreffenden Raum geht.

An dieser Stelle vielleicht ein paar Worte zur “Queerdominanz”, die hier wahrscheinlich besser als “LSBTQ*/FLT*-Dominanz” benannt ist. Damit meine ich ein gewisses Repertoire an kulturellen und sozialen Grundannahmen und Verhaltensweisen, die von den meisten Anwesenden als gültige Normen für diese Räume (seien sie nun eher “virtuell” oder von anfassbaren Wänden umgeben) akzeptiert werden. Zum Beispiel: Das gültige Gender einer Person ist nicht zwingend das, was ich meine zu sehen, sondern immer das, was sie selbst benennt. Aus dem erkennbaren und/oder benannten Gender einer Person lassen sich keine automatischen Schlüsse auf ihr Begehren ziehen, weder in Bezug auf das_die von ihr begehrte_n Gender, noch auf die von ihr bevorzugten sexuellen Praktiken oder erotischen Rollen. Und aus all dem lassen sich wiederum keine automatischen Schlüsse auf die geschlechtliche oder sexuelle Identität der betreffenden Person ziehen. Oder: Ein Konsens darüber, dass andere Menschen nicht einfach so angefasst werden können und sollten, dass erotische Interaktionen stets die Einvernehmlichkeit aller Beteiligten erfordern und insgesamt eine höhere Sensibilität für persönliche Grenzen und Körperlichkeiten als in Mainstream-Räumen. Oder: Das Wissen darum, dass an diesem Ort Nicht-Heter@sein das “Normale” ist und auch bleiben soll. Dass diese “Umkehrung” der Mainstream-Norm die Ursache dafür ist, dass hier ein Grad an Entspannung für LSBTQ*/FLT*-Menschen möglich ist, der in anderen öffentlichen Räumen eben nicht so ohne weiteres geht. Und ganz besonders: Das Wissen darum, dass dieser Raum mit diesen Normen genau deswegen (leider) eine Ausnahme und etwas Besonderes ist, das schützens- und erhaltenswert ist, weil es nämlich fast überall anders eben nicht so ist.

Und jetzt muss ich natürlich sofort disclaimern, dass diese Normen natürlich nicht kategorisch verhindern, dass LSBTQ*/FLT*-Menschen sich grenzüberschreitend gegenüber anderen LSBTQ*/FLT*-Menschen verhalten. Und dass sie ebenfalls nicht verhindern, dass Räumen mit “LSBTQ*/FLT*-Norm” andere Machtverhältnisse (z.B. Rassismus, Ableismus, Klassismus, Dickenfeindlichkeit) weiterhin existieren und damit den Zugang zu diesen LSBTQ*/FLT*-Räumen für viele LSBTQ*/FLT*-Menschen schwierig bis unmöglich machen. Sie verhindern noch nichtmal, dass es in LSBTQ*/FLT*-Räumen Sexismus, Femininitätsfeindlichkeit, Bifeindlichkeit und Trans(frauen)feindlichkeit gibt, was auch wiederum die Entspannungsmöglichkeit und das Auftankenkönnen vieler LSBTQ*/FLT*-Menschen in diesen Räumen einschränkt. In diesem Text geht es mir aber vor allem um die Leute, die schon da sind und um die Konflikte, die die Anwesenheit von Cisheten in LSBTQ*-Partyräumen erzeugt. Und im Zweifelsfall sind die androgynen Lesben, die misstrauisch das feminin-stylishe Erscheinungsbild einer Femme beäugen und deshalb einen Mangel an Feminismus, ein nur halb geglücktes Out-Sein als Lesbe oder fehlende Solidarität mit Andersgegenderten vermuten, immer noch mehr “Community” als die rücksichtslos knutschenden Cisheten oder die aufdringlichen Cistypen, die die Femme als stinknormale Hetera vereinnahmen und daraus entsprechende “Zugriffsrechte” ableiten. So erfahrungsgemäß.

A propos meine eigenen Erfahrungen: Ich erzähle nochmal weiter von früher.

Ich habe meine ersten Schritte als selbstidentifizierte Femme in überwiegend kleinen LSBTQ*- und FLT*-Räumen gemacht. Dabei habe ich mich stets darauf verlassen können, dass der Raum mich als queer definiert, so dass das, was ich darin getan (und getragen) habe, damit automatisch und erkennbar in einem queeren Kontext stattfand. Das hat mir ganz unglaublich viel Raum zum Ausprobieren und Erkunden von Femininität und Femmeness eröffnet, den ich nirgendwo sonst so hätte haben können. Und ich bin für diese Räume und diese Möglichkeiten und Erfahrungen auch 15+ Jahre immer noch immens dankbar. Auch wenn nicht alle meine Erfahrungen rundum angenehm und kuschelig gewesen sind (s.o., Stichworte Femininitätsfeindlichkeit und Sexismus, was ich an anderer Stelle bereits ausführlich analysiert und kritisiert habe).

Mit den Jahren stellte ich aber fest, dass diese LSBTQ*-Räume sich verändert haben und dass diese Veränderungen sich negativ auf meine Möglichkeiten in ihnen ausgewirkt haben. Auch hier galt: je größer die Party, desto Problem.

Zuerst fiel mir auf, dass ich auf lesbisch-schwulen Partys (mit minimalem BTQ*-Anteil unter den Gästen) nicht mehr als Lesbe gelesen wurde, sondern als “Gabi”, also als genderkonforme Cishetera, deren hauptsächliche Verbindung zur LSBTQ*-Community die Freundschaft mit einem schwulen Cismann ist und deren Motivation für den LSBTQ*-Partybesuch ist, dass man ja mit Schwulen sooo gut feiern kann! (Und weil Schwule die (vermeintlich) “sichereren” Cismänner sind, kann hetera mit denen deshalb hemmungslos auf der Tanzfläche sexuelle Handlungen simulieren/ausführen, ohne “richtige” Übergriffe befürchten zu müssen – aber, ähm, das ist ein anderes komplexes Thema und ein anderer Text…).

Dieser Wahrnehmung versuchte ich entgegenzuwirken, indem ich mich in diesen Räumen verstärkt explizit auf Frauen bezog. Aber im Zusammenhang mit der Tatsache, dass die Butches in meinem Leben gerne auch mal von Schwulen als Schwule gelesen wurden, war das keine besonders erfolgreiche Strategie, weil ich dann eben doch nicht “lesbisch” genug aussah, als dass mir ein eigenständiges Zugehörigkeitsrecht in diesen Räumen zugestanden worden wäre. Also schraubte ich meine Erwartungen an diese Räume und meine Lesbarkeitsmöglichkeiten herunter. Und versuchte mich mit dem Verlust meines Zuhausegefühls in diesen Räumen abzufinden, das offenbar die Konsequenz aus meinem Genderausdruck und meinem Begehren für (zumindest teilweise als cismännlich gelesene) Butches/Transbutches war.

Als nächstes stellte ich fest, dass die Anwesenheit von nicht-schwulen Cismännern es auch in LSBTQ*-Räumen notwendig machte, vehement meinen Mangel an Interesse an erotischer Interaktion mit ihnen zu demonstrieren, was sehr direkt zur Folge hatte, dass ich mein Begehren für Butches, Transbutches und manche Transmännlichkeiten kaum noch ausdrücken konnte. Um die Cistypen auf Abstand zu halten, musste ich sehr viel Energie darauf verwenden, Grenzen zu setzen und aufrechtzuerhalten. Dass das schlecht mit körperlicher Annäherung, emotionaler Öffnung und allgemeinem Sichverletzlichmachen zu Flirtzwecken in Richtung anderer Leute zusammengeht, ist vielleicht vorstellbar?

Im Grunde herrschten auf der queeren Party also jetzt fast die gleichen Dynamiken wie in jedem anderen Raum auch: Die Queerness meines Genders wurde nicht mehr wahrgenommen, die Queerness meines Begehrens konnte nicht mehr ausgedrückt werden (wobei Gender und Begehren für mich persönlich außerdem auch noch so eng miteinander verflochten sind, dass sie sich eh nicht sinnvoll voneinander trennen lassen), und verschwand auch die Anerkennung meiner Zugehörigkeit zu der jeweiligen LSBTQ*-Community über eine reine Ally-Position hinaus.

Und weil ich als Einzelperson solche Dynamiken nun mal nicht ändern kann, zog ich mich gefühlsmäßig in der Konsequenz mehr und mehr aus diesen Räumen zurück, die dennoch weiterhin behaupteten, “meine Community” zu sein. Ich landete dabei in einem merkwürdigen Nichts, denn die Mainstreamwelt war ja genauso wie vorher auch kein Ort, an dem ich mich zuhause oder auch nur halbwegs entspannt gefühlt hätte. Und auch wenn ich an dem einen oder anderen Küchentisch oder auf dem einen oder anderen Sofa in den Wohnungen befreundeter queerer Menschen trotzdem noch vorkam, so war die Welt, in der ich mich und mein queeres Gender und Begehren wahrgenommen fühlte, doch plötzlich sehr, sehr klein geworden.

Man möge mir also nachsehen, dass ich zuweilen nostalgisch (und manchmal auch romantisierend) den guten alten Zeiten nachtrauere, als alles™ noch so einfach war. Und dass ich hin und wieder betrübt feststelle, dass Die Jugend Von Heute™ meine Erfahrungen und die daraus resultierenden Gefühle nicht immer versteht und/oder relevant findet. So ist das eben manchmal mit uns Menschen über 40.

Deswegen sind LSBTQ*-Räume inzwischen trotzdem anders, als sie damals™ waren. Und an ganz vielen Stellen ist das auch echt richtig gut (z.B. begrüße ich die langsame Verschiebung von Identitäten weg zu Verhaltensweisen als Zulassungs-/Zugehörigkeitskriterium aufs Ausdrücklichste!).

Mein persönliches Dilemma in diesen Räumen bleibt trotzdem vorerst bestehen, weil mir nach wie vor unklar ist, wie die benannten Konflikte sich individuell und kollektiv lösen lassen, damit so viele LSBTQ*-Menschen wie möglich in LSBTQ*-Räumen (und gerne auch jenseits davon, aber das ist auch wieder ein anderer Text) so viel Spaß, Stärkung und Entspannung finden wie möglich.

Es werden weiterhin genderkonforme Cisheten ganz selbstverständlich auf LSBTQ*-Partys rumknutschen und noch nichtmal wahrnehmen, dass sie damit fundamentale Regeln queerer Räume verletzen und gesellschaftliche Machtverhältnisse aktiv aufrechterhalten, weil sie queere Räume nicht von sonstigen linksalternativen Räumen unterscheiden können/wollen/müssen (danke an ihdl für den Kommentar bei laufmoos, ohne den ich diesen Aspekt nicht so deutlich hätte sehen können).

Wie Joke schon schrieb:

Dies ist ein queerer, ein lesbischer, ein schwuler, ein bi, manchmal ein trans*, manchmal ein inter, ein bisschen ein poly, jedenfalls ein subkultureller Raum. Im Verhältnis zum hegemonialen Raum ist dieser Raum pervers, er ist anders und er folgt anderen Regeln. Die Regeln, denen er folgt, müssen innerhalb der Subkultur gelernt werden, das geht nicht über Queer-101-VHS-Kurse, sondern erfolgt subtil, gebunden an die Freund_innenschaften, die politischen Zusammenhänge, die Aktionsgruppen, zu denen eins sich zugehörig fühlt und Zugang hat.

Ich füge hinzu: Und das braucht Zeit. Und Arbeit. Dieses Wissen gibt es nämlich nicht für ein paar Euros Soli-Eintritt automatisch am Party-Eingang dazu. Und wer als Cisheter@ diesen Preis nicht bezahlen will, wer als Cisheter@ diese Zeit und Arbeit nicht investieren möchte, hat in meinen Augen auch nicht das Recht, irgendwelche Forderungen an den betreffenden queeren Raum und die darin anwesenden LSBTQ*/FLT*-Menschen zu stellen. Und das meine ich jetzt wirklich mal ganz einfach und ohne Einschränkung genau so.

Hier schließe ich mich deshalb dem dringenden Wunsch danach an, es möge sich doch bitte eine umfassende Praxis der Critical Hetness etablieren, damit nicht ausgerechnet auf den Partys, die explizit zur Stärkung und Unterstützung von LSBTQ*/FLT*-Menschen und -Communitys gedacht sind (oder was dachtet ihr, was Soli-Party bedeutet?!), heteronormative Kackscheiße reproduziert wird. Ganz “unschuldig” natürlich, denn wer (außer intoleranten Quasi-Diktator_innen) kann schon was gegen romantische Zuneigungsbekundungen unter verliebten Erwachsenen haben?! Lernen wir nicht auf jedem CSD, dass “Liebe kein Geschlecht kennt”?! (Ihr merkt schon: ich habe so meine Probleme mit dieser Form von les(bi)schwuler Politik… Aber auch dieser Rant soll nicht hier und heute fortgeführt werden.)

Es werden – nicht zuletzt als Reaktion auf die Anwesenheit besagter knutschender Cisheten – weiterhin Menschen, die auf den ersten Blick für ebensolche Cisheten gehalten werden, aber ganz definitiv keine sind, mit einer gewissen Ablehnung in LSBTQ*/FLT*-Räumen behandelt werden (siehe auch der Kommentar von Frl. Urban bei laufmoos). Hierzu plane ich in absehbarer Zukunft noch einen längeren Text zum Thema Passing, der auf diesen Punkt nochmal genauer eingeht. Heute nur soviel: Als Cis/Heter@ gelesen werden ist nicht das gleiche wie Cis-/Heter@-Sein. Hier wünsche ich mir gerade in LSBTQ*/FLT*-Räumen differenziertere Diskussionen und mehr Komplexitätsanerkennung. (Bis besagter Text geschrieben ist, verweise ich vorerst auf mein “passing”-Tag drüben bei Tumblr, unter dem Vereinzeltes und Vermischtes zu diesem Themenkomplex versammelt ist.)

Und es wird auch weiterhin nicht helfen, wenn wir uns in dieser Diskussion auf Identitäten (und vermeintliche Identitäten) konzentrieren, anstatt über konkrete, spürbare und beschreibbare Verhaltensweisen zu sprechen (zu denen das äußere Erscheinungsbild m.E. ausdrücklich dazugehört, aber eben nicht als einzige/wichtigste Komponente).

Nochmal Joke:

Das Äußere an sich kann m.E. hier keine klare und gültige Aussage über die Zugehörigkeit oder die Positionierung im Raum machen, weshalb ich es ja an Praxen kopple.

Gleichzeitig finde ich es schwierig, bei sehr heteronormativem, grenzüberschreitendem Verhalten zunächst mal zu diskutieren, ob Leute unpassenderweise als hetero gelesen werden oder nicht.

Da ergibt sich dann für mich eine Problematik queerer Räume: Wenn die Definition des Raumes an dem Punkt anhält, an dem ich “vom Aussehen nicht auf das Begehren von Leuten schließen darf” (und das ist eine häufige Antwort, die ich auf Argumentationen wie die oben oder die im letzten Text höre), dann ist sie verkürzt und betreibt viel mehr Identitätspolitik als die Suche nach einem Verhaltenskodex auf queeren Partys. Mit der m.E. verkürzten – aber immer wieder gehörten – Argumentation, dass ich niemanden auf einer Queerparty einfach so (siehe dazu meinen Text oben) als heter@ labeln darf, verunmögliche ich die Diskussion über heteronormatives Verhalten und das offensichtliche momentane Scheitern einer Türpolitik auf Queerpartys.

Was für mich auch bedeutet, dass dies keine Diskussion ist, die sinnvoll und erschöpfend an einem Nachmittag auf Twitter (oder auf Facebook oder meinetwegen auch bei Tumblr) geführt werden kann, oder die gut auf griffige Slogans in durchschnittlicher Transpi-Länge komprimiert werden kann. Denn es ist eben nicht einfach, sondern hochgradig komplex, weil an der Frage nach queeren/LSBTQ*/FLT*-Räumen und ihrer Offenheit/Geschlossenheit nun mal eine jahrzehntelange vielschichtige Geschichte dranhängt, die auch durchs Ignorieren nicht einfach aufhört zu existieren. Und weil sich in diesen Räumen lauter LSBTQ*/FLT*-Menschen mit komplexen und sehr verschiedenen Identitäten und Erfahrungen versammeln, die alle gehört und respektiert werden wollen. Und auch, weil Cisheter@ nicht gleich Cisheter@ ist. Und weil wir uns nicht alle das Gleiche unter sinnvoller Bündnispolitik vorstellen. Und weil Intersektionalität ein Ding ist. Und deswegen sind auch alle Handlungsempfehlungen, die mit “man kann/muss doch einfach nur…” anfangen, und alle Politikverständnisse, die mit “Liebe ist Liebe!” aufhören, in meinen Augen schon von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Oder jedenfalls sind sie nicht die Form von Politik und Community, an der ich teilnehmen möchte und die mit meiner Zustimmung in meinem Namen passiert.

Nehmen wir uns also die Zeit und machen wir uns die Arbeit, in langen Texten über komplexe Sachverhalte (und gerne auch über komplexe Gefühle!) zu sprechen und finden dabei (hoffentlich) brauchbare Handlungsansätze, die dieser Komplexität gerecht werden. Daran würde ich mich jedenfalls gerne beteiligen.

9 thoughts on “Über Cisheten in LSBTQ*-Räumen

  1. Toller Text, danke dafür. Habe ganz viel gelernt und versuche noch mehr mitzunehmen.

  2. Danke für den schönen Text – ich habe den Punkt hier glaube ich besser verstanden als bei Joke, oder er war einfach eine gute Ergänzung dessen.

    Eine Sache verstehe ich allerdings auch nach all den Texten noch immer nicht: dass dauernd von “Hetero-Küssen” gesprochen wird. Anscheinend ist damit etwas anderes gemeint als der Kuss von heterosexuellen Menschen? Ich verstehe sehr gut, was du mit einem cishetero-Verhalten meinst und inwiefern dieses den queeren Räumen schädigt. Sicherlich gibt es eine ganze Menge Verhaltensweisen, die auf queeren Partys unangebracht sind und wo bestimmte gesellschaftliche Annahmen eben an solchen Orten und Verantaltung aufgelöst werden können – wodurch sich das alles endlich mal *frei* anfühlt. Das Gefühl kenne ich zu genüge.

    Aber ein Kuss – wie kann ein Kuss oder auch ein miteinander rummachen zwischen zwei Leuten die das wollen, inwiefern ist das schlimmer wenn es sich um zwei cisheten handelt? Ich bin nun nicht erst seit gestern pansexuell und habe schon häufiger queere Räume besucht, aber das hab ich einfach noch nie verstanden. Das Problem ist ja offenbar wie ich dich verstehe eben *nicht* die gelesene Verschiedengeschlechtlichkeit. Ich kann schließlich nicht wissen, ob die beiden rummachenden Personen cisheten sind oder nicht. Also ist es nicht sinnvoll, anhand meines subjektiven Empfindens/Lesens dieses Küssen unterschiedlich zu bewerten.

    Oder geht es darum, dass die Personen erstmal in dem queeren Raum die ungeschriebenen Regeln verletzt haben, sich damit also als cisheten “outen”, und DANN on top of that noch rummachen und damit Raum einnehmen? Das erscheint mir irgendwie als die einzige Lesart, die ansatzweise Sinn ergibt… Aber auch dann finde ich, dass wir nicht dauernd die “Heteroküsse” in den Vordergrund rücken oder sie problematisieren sollten. Das verletzen der Regeln *vorher* ist das eigentliche Problem. Nicht die ausgetauschte Zärtlichkeit, die sich dann als so einnehmend anfühlt. Also wozu problematisieren wir ausgerechnet den Kuss? Der vielleicht bloß der letzte Tropfen ist, der das Fass zum überlaufen brachte?

    Anderes Beispiel: wenn zwei Heten-Allys da sind, die sich an den Verhaltenskodex halten, was machen dann ihre Zärtlichkeiten für ein Problem, bitteschön? Wer das problematisiert, scheint mir damit auch im selben Atemzug, anderen als verschiedengeschlecht gelesene Menschen das Rummachen abzusprechen. Für mich dürfen solche Allys auf einer queeren Party genauso intensiv miteinander rummachen wie zwei schwule Männer

    Eine These: Wer meint erkennen zu können ob jemand queer ist oder nicht, tut das auf Basis eigener Erwartungen dessen, wie jemand der queer ist sich verhält und kleidet und schminkt und bewegt und spricht. Das schafft wieder in unserer queeren Subkultur Erwartungen an Performances von Gender und Orientierung. Und ich dachte unser Ziel wäre es, das ein für alle Mal loszuwerden.

  3. @ Natanji: Danke für den ausführlichen Kommentar! Ich versuche mal, noch deutlicher zu machen, was ich meine.

    Wie du richtig feststellst, ist die Verschiedengeschlechtlichkeit knutschender Cismenschen an sich nicht das Problem (wie so richtig bemerkt, können das ja durchaus auch Personen aus dem LSBQ*-Spektrum sein, z.B. Bisexuelle). Auch die starke Genderkonformität dieser Menschen allein ist nicht das Problem (hier kann es sich – wie ebenfalls richtig bemerkt – ja z.B. um Femmes oder um als cis gelesene Trans*menschen handeln). Es ist noch nichtmal allein das nervige grüppchenweise Rumstehen mitten auf der Tanzfläche (was selbstverständlich unabhängig von der Identität der knutschenden Tanzblockierer_innen nervt), was mir so den Abend versaut.

    Wie so oft, kommt auch in diesen Situationen mehreres zusammen, was am Ende dafür sorgt, dass bei mir die roten Lämpchen angehen und anzeigen, dass eine Grenze des für mich Akzeptablen überschritten wurde. Und meistens ist das dann eben nicht nur meine ganz persönliche Empfindlichkeitsgrenze, sondern sie deckt sich mit der Grenze mehrerer anderer Anwesender (Joke hat das hier schon beschrieben). Ich wünsche mir auch manchmal, dass immer vollkommen glasklar ist, was/wann/wo genau die Grenzüberschreitung bewirkt, aber so funktioniert das mit diesen Machtverhältnissen und der Alltagspraxis nun mal nicht. Denn im realen Alltag sind auch wir Kritisierenden erstmal in Feierlaune auf der Party, wo es extrem laut ist, wo Hunderte Menschen um uns herum sind, wo wir uns gerade über ein tolles Lied gefreut oder über den unebenen Tanzboden geärgert haben (oder beides), kurz: wo unsere Aufmerksamkeit jetzt erstmal nicht messerscharf auf jedes andere anwesende Individuum und dessen potenzielle Lebensgeschichte fokussiert ist.

    Insofern hast du Recht: Es muss erstmal etwas getan werden, was überhaupt unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht, weil es in dem gegebenen Raum LSBTQ*-Party gegen die implizit geltenden Regeln und Erwartungen verstößt. In diesem Falle sind das vier Dinge, die gleichzeitig passieren, und die ich wahrscheinlich in dieser Reihenfolge wahrnehme: 1. dauerhaftes Rumstehen mitten auf der Tanzfläche, 2. als eng umschlungenes verschiedengeschlechtlich knutschendes Paar, 3. mit einem sehr genderkonformen Aussehen, 4. auch für das geschulte queere Auge ohne jeden Anhaltspunkt, dass die betreffenden Personen etwas anderes als cis sind.

    Würden da zwei androgyne Cisfrauen knutschen, würde ich mir zwar immer noch wünschen, dass sie damit nicht die Tanzenden blockieren. Aber es wäre halt “einfach nur” nerviges Verhalten anderer Partygäste, und nicht eine schmerzhafte Erinnerung daran, dass außerhalb dieses Raums eine krasse und gewaltsame Zweigeschlechtlichkeits-, Cis- und Heteronorm herrscht, von der ich mich in diesem Raum gerade gerne erholen möchte. Und die knutschenden Cisfrauen machen außerdem nicht spürbar, dass dieser (sowieso nur zwei(!) Mal im Jahr stattfindende) LSBTQ*-Raum offenbar so instabil ist, dass scheinbar jedes x-beliebige Hetenpaar sich ihn aneignen kann, wohlgemerkt zusätzlich zu all den Räumen, die sowieso schon heterodominiert sind.

    Und wenn die genderkonformen Cisheten an deutlich weniger exponierter Stelle knutschen würden, würde ich sie erstens vermutlich gar nicht bemerken (denn ich bin ja mit Tanzen zu lauter Musik auf unebenem Boden und mit meinen Freund_innen beschäftigt), und zweitens (wenn ich sie dann doch bemerke) würden sie mich nicht so massiv stören, weil ich das Gefühl hätte, sie respektieren den Raum und reflektieren, dass sie heute mal nicht die Norm sind und sich in diesem Raum deshalb vielleicht eher am Rand aufhalten sollten. Deshalb: nein, Cisheten haben in LSBTQ*-Räumen m.E. nicht das gleiche Recht, miteinander rumzuknutschen wie z.B. zwei Cismänner.

    Was mich zu meinem letzten Punkt bringt, nämlich unserem unterschiedlichen Verständnis von “queer”, das mir einer der zentralen Knackpunkte in dieser Diskussion (hier, drüben bei laufmoos und generell) zu sein scheint. Ich habe hier absichtlich (fast) durchgehend von “LSBTQ*” und nicht von “queer” gesprochen, weil ich der Deutung von “queer” als “alle dürfen (einvernehmlich) alles” gerne etwas entgegensetzen möchte. Für mich impliziert “queer” nämlich eine herrschaftskritische Haltung, die ganz ausdrücklich die Reflektion eigener Privilegien einschließt (und hoffentlich Konsequenzen im Handeln nach sich zieht). Heißt, die Leute, die eh schon ganz schön viel Freiraum haben (z.B. weiße, genderkonforme Cisbisexuelle in verschiedengeschlechtlicher Knutschkonstellation…), sind aufgefordert, sich zugunsten anderer in queeren/LSBTQ*-Räumen (und gerne auch sonst!) mal zurückzunehmen, damit diese Anderen mehr Raum bekommen.

    Deswegen bleiben Bifeindlichkeit (oder Femmefeindlichkeit oder andere queere Aussehensnormen) trotzdem reale Probleme in LSBTQ*-Kontexten, gegen die wir dringend mehr brauchbare Handlungsstrategien brauchen. Und ja, ich finde auch, es sollten nicht nur androgyn-maskuline, alternativ gestylte dünne weiße Menschen unter 30 repräsentieren, wie “queer” aussieht. Ebenso finde ich, dass wir in queeren/LSBTQ*-Kontexten insgesamt differenzierter über Privilegien und über freiwilliges und unfreiwilliges Passing reden müssen (einen längeren Post dazu habe ich gerade in Arbeit).

    Trotzdem finde ich, dass “queer” nicht heißen sollte, dass sich alle jederzeit und überall frei fühlen sollten, mit wem auch immer (einvernehmlich) zu knutschen. Weil wir eben den Wunschzustand von “alle Gender, Begehren und Sexualitäten werden überall als gleichwertig respektiert” momentan nicht haben. Und deswegen ist es m.E. sinnvoll, im Zuge einer Critical Hetness zu bedenken, was das eigene Geknutsche in einem bestimmten Raum für Konsquenzen hat, insbesondere für Leute, die weniger Raum/Privilegien haben als ich.

    Für mich als Femme bedeutet das z.B., dass ich mir Mühe gebe, durch mein Verhalten in LSBQT*-Räumen erkennbar zu machen, dass ich deren Regeln kenne und respektiere, und so meine Zugehörigkeit zu ihnen demonstriere. Und vielleicht gleiche ich das Knutschen mit einem cis-lesbaren Transmann dann mit einem gut sichtbaren “queer femme”-Button ausg, den man bei meinem nächsten Gang zur Bar oder zur Tanzfläche angucken kann. Oder ich verbinde mein auf den ersten Blick genderkonformes Aussehen mit tatkräftig-unterstützendem Bierkistenschleppen, Klopapierauffüllen oder sonstigen infrastrukturschaffende Hilfstätigkeiten. Oder ich beziehe mich explizit auch wertschätzend auf unperfekt-feminine Transfrauen oder dicke Cismänner oder unstylishe Altlesben (und nicht nur auf genau die Sorte(n) Butches, die ich am allerattraktivsten finde), um deutlich zu machen, dass meine inner-queere Ally-Politik nicht an meinen eigenen Begehrensgrenzen aufhört. Es gibt jedenfalls viele Möglichkeiten, sich in einem LSBTQ*-Raum im Verlauf eines Abends unterstützend zu verorten, und meine Entscheidung, wen ich wo küsse, ist nur eine davon. Auch hier gilt allerdings: je größer die Party, desto schwieriger ist das mit der für alle erkennbaren Positionierung, weil kein Mensch alle Hunderte von Gästen im Blick behalten kann und deswegen trotzdem weiterhin Fehlzuschreibungen passieren werden. Aber dann klappts vielleicht auf der nächsten Party? Oder anderswo, in einem kleineren LSBTQ*-Raum, mit mehr Zeit zum Reden?

    Insofern: Für Methodenvielfalt bei der Positionierung und das nötige Durchhaltevermögen! Und für (noch) mehr Sensibilität gegenüber denen, die (so globalgalaktisch gesehen) weniger privilegiert oder vielleicht auch nur anders benachteiligt sind als man selbst.

  4. Danke für deine Antwort. Mir fällt zu vielem noch was ein, aber ich versuche es mal kurz zu halten und gehe nur hierauf ein: “Heißt, die Leute, die eh schon ganz schön viel Freiraum haben (z.B. weiße, genderkonforme Cisbisexuelle in verschiedengeschlechtlicher Knutschkonstellation…), sind aufgefordert, sich zugunsten anderer in queeren/LSBTQ*-Räumen (und gerne auch sonst!) mal zurückzunehmen, damit diese Anderen mehr Raum bekommen.”

    Für mich klingt das nach oppression olympics. Bisexuelle sind eine diskriminierte Gruppe und sie werden (anders als z.B. Schwule, würde ich subjektiv sagen) selbst in LSBTQ*-Kontexten noch diskriminiert. Ihre Identität zählt anscheinend weniger, genau wie bei Femmes manchmals: es ist als wenn es da so eine Hierarchie gäbe wo sie ziemlich weit unten stehen, besonders wenn sie zu der queeren Identität kein Szene-konformes Aussehen an den Tag legen. Denn dann kann man sie wunderbar in die Heten-Schublade stecken und so tun, als wäre ihre Diskriminierung weniger schlimm.

    Es macht keinen Sinn, die eine Diskriminierung mit der anderen aufzuwiegen, oder? Aber das scheint mir dauernd zu passieren. Und ich finde es sollte irrelevant sein wie die Person aussieht, mit der ich auf ne Party komme. Insbesondere sollte das Aussehen nix besser oder schlechter machen, wenn es um die Beurteilung von Verhalten geht. Und das ist ja der eigentliche Knackpunkt.

    Ich wünsche mir auch da sehr sehr viel mehr Rücksicht im Diskurs. Mensch darf sich gerne mal aufregen, aber nicht so, dass andere diskriminierte Gruppen (wie Bisexuelle) dabei mal eben mit den Heten über einen Kamm geschoren werden (was du nicht getan hast, aber was andere oft tun). Alleine das abfällige Gerede von “Heteroküssen” (was immer das sein mag) dauernd… Ich kenne Bisexuelle, die sich durch diesen Diskurs *schämen*, mit einem verschiedengeschlechtlichen Partner zusammen auf eine LSBTQ*-Party zu gehen. Entweder wird man argwönisch betrachtet, oder man muss so tun als sei man nicht zusammen sondern maximal miteinander befreundet. Jede noch so kleine Zärtlichkeit (wie Küsse es nun mal sind) wirkt wie etwas, was dort einem nicht erlaubt ist, bei dieser feindlichen Betrachtung. Also gehen die Menschen nicht mehr hin. Sowas sehe ich als Ausgrenzung.

    Darum empfinde ich auch dieses “nehmt euch zurück, ihr habt es doch sonst so gut!” dann eben als eine gewisse Zumutung. Meinst du wirklich, dass Bisexuelle es quasi “besser haben” und darum weniger dürfen sollten? Wenn sie immer gezwungen sind einen Teil ihres Begehrens zu verstecken, egal in welchem Kontext sie sich aufhalten?

    Ich bin sehr für kritische Dekonstruktion dieser ganzen Kackscheiße. Es scheint nur, als wenn einem sehr stark vorgegeben wird, wie das zu erfolgen hat und insbesondere, dass man als Bisexuelle*r da irgendwie mit den Heten in einen Topf geworfen wird. Insbesondere, wenn man den LSBTQ*-Style-Standard nicht befolgt.

    (Sorry, das ist nun doch länger geworden als gedacht und eigentlich will ich dich nicht zuspammen. Wir müssen das auch nicht unbedingt weiter hier diskutieren, insbesondere weiß ich nicht ob das alles nicht gerade viel zu gefrustet rüberkommt. Ich danke dir für jegliches Feedback.)

  5. @ Natanji: Was mich gerade etwas nervt, ist, dass du dir (schon wieder) einen einzigen Satz/Aspekt aus meinem Text rauspickst, und den so auslegst, wie er gerade zu deiner Argumentation passt (und den Rest meiner Aussagen unkommentiert lässt). Ich erzähle dir ausführlich von aktiver, verantwortlicher Positionierung in LSBTQ*-Räumen (aus meiner Perspektive von einer, die sehr genau weiß, wie es ist, dort als Cishete gelesen zu werden!), und du beharrst weiterhin darauf, dass ausschließlich die anderen dafür zuständig sind, dich (und andere Cisbisexuelle, die in LSBTQ*-Räumen verschiedengeschlechtlich knutschen) korrekt zu lesen, und dass du überhaupt nichts tun musst, weil du ja schließlich bereits das richtige Identitätslabel hast, und das muss doch nun wirklich genug sein.

    Ja, nochmal, Bifeindlichkeit und Femmefeindlichkeit und queere Aussehensnormen existieren und sind kacke. Und ich fände es schön, wenn du zur Kenntnis nimmst, dass ich aus eigener Erfahrung weiß, wie sich das anfühlt. Ich weiß, wie es sich anfühlt, in jedem von mir genutzten Raum (ob nun Heterobüro oder Lesbenparty) für eine Hetera gehalten zu werden (als ausreichend genderkonforme Femme). Ich weiß, wie es sich anfühlt, sich weder in der Heterowelt, noch in LSBQ-Räumen mit dem eigenen Begehren und den dazugehörigen Partnerschaften willkommen oder gar zuhause zu fühlen (als feminine Partnerin eines als cis gelesenen Trans*menschens). Ich weiß, wie sich die Unsichtbarmachung von Begehren jenseits von homo und hetero anfühlt, in LST*-Räumen, in Fragebögen, in der Heterowelt, ach, eigentlich fast überall (als Femme in Beziehungen mit Butches, von denen einige weibliche und einige die männliche Pronomen benutzen/benutzt haben). Ich behaupte also, auch als Nicht-Bisexuelle (andere mögen mich als bisexuell definieren, und rein “technisch” wäre das je nach Definition auch korrekt, ich selbst benutze diesen Begriff für mich aber nicht) ausreichend Bifeindlichkeit abgekriegt zu haben, dass ich zumindest auf dem Schirm habe, dass sie wirklich, wirklich existiert, und dass ich zumindest einige ihrer Formen gut identifizieren kann. Auch bei mir selber. Womit ich vor allem sagen will: Ich verstehe deinen Frust. Wirklich.

    Aber ich beharre weiterhin darauf, dass genderkonforme Cisbisexuelle, die mitten in einem LSBTQ*-Raum verschiedengeschlechtlich knutschen (vor allem, wenn sie dabei auch noch weiß, jung und dünn sind), auf dem Schirm haben müssen, dass sie mit ihrem Erscheinungsbild (was nicht das gleiche ist, wie Identität!) bestimmte Normen reproduzieren und dass viele Leute in diesem Raum gute Gründe haben, sich dadurch weniger entspannt und sicher zu fühlen. Und dass es vielleicht notwendig ist, sich neben dem Geknutsche auch noch anders in diesen Räumen zu verorten, um deutlich zu machen, dass man ihre Regeln (und damit meine ich jetzt ausdrücklich nicht die Style-Normen) kennt und respektiert. Deswegen kann man ja an anderer Stelle trotzdem auch Bifeindlichkeit in LSBTQ*-Kontexten zum Thema machen.

    Und: Ich bedaure es, dass die Diskussion, die eigentlich das raumeinnehmende Verhalten von Cisheten in LSBTQ*-Räumen zum Thema hatte, und daran angelehnt nach sinnvollen Grenzen von queeren/LSBTQ*-Räumen und Durchsetzungsmöglichkeiten (sinnvoller) queerer Verhaltensnormen gefragt hat, sich in den Kommentaren jetzt eigentlich nur noch um Femme-Unsichtbarkeit und Bifeindlichkeit dreht. Nicht, weil das keine wichtigen Themen wären, die mehr besprochen werden sollten. Und nicht, weil ich nicht erkennen kann, warum es zu dieser thematischen Verschiebung kam. Sondern weil ich im Verlauf dieser Diskussion das Gefühl habe, dass alle möglichen Leute, die mit der ursprünglichen Kritik überhaupt nie gemeint waren, sich diesen Schuh aber trotzdem bereitwilligst anziehen (und dann lautstark darüber klagen, dass er ihnen nicht passt). Und diejenigen, die gemeint waren, eigentlich nur derailen und abblocken, weil es ihnen (Überraschung!) keinen Spaß macht, dass jemand zu Recht auf ihre Privilegien und ihr daraus resultierendes kritikwürdiges Verhalten hingewiesen hat und sie zum Ändern ihrer ach-so-bequemen Gewohnheiten aufgefordert hat. Welchen dieser Schuhe du dir jetzt anziehst und warum, überlasse ich dir.

  6. Hallo Teile des Ganzen,
    deine letzten Sätze sprechen etwas an, womit ich eigentlich immer bei solchen Diskussionen hadere: Bin ich mit der Kritik eigentlich potentiell gemeint oder nicht? Sollte ich mich zurücknehmen, weil jemand meine Zärtlichkeitsbekundungen als “hetero” und damit den LGBT/queeren Raum störend wahrnehmen könnte? Wo ich mir doch wünschen würde, dass gerade dort die Wahrnehmung von Menschen differenzierter passiert und vielleicht mal ansatzweise sichtbar wird, was unter heteronormativen Blicken unsichtbar und unverständlich bleiben muss? Diese doppelte Unsichtbarkeit tut weh.
    Nur dass es eben auch weh tut, wenn ein Freiraum durch dominant gelesenes Verhalten verwässert wird und dadurch doch wieder nur die Freiheit der dominanten Mehrheit regiert.

    Das Dilemma, das du ansprichst, dass es so schwer ist, dass sich möglichst viele LSBTQ*-Menschen in LSBTQ*-Räumen wohlfühlen, ist glaube ich höchstens über eine starke Reflexion der Teilnehmenden zu erreichen. Aber das braucht Kontexte, in denen überhaupt gemeinsam reflektiert werden kann.
    Ein weiterer Ansatz bei solchen Dilemmata ist ja, dass es verschiedene Räume für verschiedene Bedürfnisse geben muss. So wie sich Bedürfnisse wie Rauchen in einem Raum und frische Luft in einem Raum selten unter einen Hut bringen lassen, sollte es am besten verschiedene Partys mit verschiedenen Schwerpunkten und Atmosphären geben. Leider stößt dieses Prinzip an seine Grenzen, wenn es wenig Leute mit vielen verschiedenen Bedürfnissen gibt. Vor allem wenn die auch mal zusammen in einem Raum sein wollen.
    Ich befürchte, es müssen dann auch Kompromisse eingegangen werden. Nur dass diese wiederum ausgehandelt und reflektiert gehören, damit die Kompromisse nicht zu Ausschlüssen werden. Ich denke die Diskussion hier und bei laufmoos ist so ziemlich das – eine Reflexion der vorherrschenden Kompromisse. Und das finde ich grade ziemlich gut.

  7. Ich erkenne ausdrücklich an, dass du weißt, wie sich das anfühlt – das ist ja mit der Grund, warum ich das ausgerechnet hier auch thematisiert habe. Ich habe nämlich gleichzeitig gemerkt, dass du (trotz in diesen Punkten ähnlicher Situation) durchaus andere Schlüsse ziehst als ich. Dass du trotz deines Frustes nicht nur imstande bist dir zu überlegen, wie du im Gesamtkontext einer LSBTQ*-Veranstaltung sensibel mit Menschen umgehen kannst, welche dir teilweise diesen Frust ja erst erzeugen – sondern dann anscheinend auch noch Ideen hast, wie du dem falsch-Lesen mit aktiver und verantwortlicher Positionierung entgegenwirken kannst. Ich bewundere das!

    Selber kriege ich das bislang irgendwie schlecht hin… ich meine, ich weiß wirklich nicht, wie ich auf queeren Partys ankomme, wie ich gelesen werde, und was ich tun kann damit mich mir fremde Leute (also fast alle) nicht als Störfaktor empfinden – ohne gleichzeitig mich in ein enges Korsett zu stecken, in dem ich ganz viel grundsätzlich nicht “darf” und die Party dann auch nicht mehr genießen kann. Wenn man quatschen kann, klar, da lässt sich gut feststellen ob Leute sensibel für irgendwas sind – aber in einem großen, lauten Partyumfeld, wo hauptsächlich Blicke zählen, fehlt mir da einfach die Idee für. Mehr als nen Regenbogengürtel zu tragen war mir da irgendwie partybezogen noch nicht eingefallen.

    Kurzum: ich bin einfach riesig verunsichert, und da ist es dann natürlich viel leichter auf andere zu zeigen als weiterhin emphatisch gegenüber den anderen Menschen zu sein und auf ihre erlebte Diskriminierung dann Rücksicht zu nehmen, selbst wenn sie nur daran erinnert werden weil sie mich falsch lesen. Vielleicht hilft es mir, das weniger verkrampft und mehr auf best effort-Basis zu sehen: ich werde nicht restlos verhindern können, dass andere mich falsch lesen, und ich werde nicht immer die Kraft dazu haben mich aktiv zu positionieren, aber ich *will*. Ich will auch neue Wege suchen, das zu tun. Und wenn es nicht klappt: shit happens, right?

    Wenn das nur nicht so angsteinflößend wäre… ich habe eine tierische Angst davor, falsch rüberzukommen und dann eben als Eindringling oder zumindest als Outsider zu gelten. Abgewiesen zu werden. Nicht dazugehören zu dürfen. Ich denke, vielen Leuten geht es ähnlich, und darum ziehen sie sich auch so einen Schuh an. Es wirkt bedrohlich, und darum meine blöde Abwehrreaktion, wie im letzten Kommentar. Sorry. Das war nicht gut. Insbesondere, nachdem du wirklich viel beschrieben hast, wie so eine klarere Positionierung aussehen kann. Danke dafür.

    (PS: Ein weiteres Problem ist sicherlich, dass ich eine Hetero-Rummach-Szene auf einer queeren Party, wie ihr sie erleben musstet, dort selbst noch nie gesehen habe. Nicht dass ich das wollen würde, aber es würde wohl dabei helfen, dass ich mich nicht von der Kritik an Hetero-Performances “mitgemeint” fühlen)

  8. Moin, ich dachte ich gebe hier auch noch etwas Senf dazu :)
    Zuerst mal: Ich fand den Text super.
    Kurz zu mir: Ich bin eine heterosexuelle, “frustrierte” Cis-Emanze, die keine Lust auf die Frauenrolle hat, die ihr so zugedacht ist, und deshalb nicht genderkonform aussieht oder sich unbedingt so verhält.

    Heterosexuelle Raumeinnahme finde ich nicht nur problematisch, wenn sie queere Räume und deren Regeln missachtet. Sondern aus feministischer Sicht finde ich es auch wichtig, Heterosexualität an sich und ihr ganzes “verschrobenes Brauchtum” kritischer zu sehen:
    Heterosexualität ist zwar meine eigene sexuelle Orientierung, aber trotzdem und gerade deshalb ist es so, dass ich Räume haben möchte, in denen ich mich von dem ganzen sexistischen System erholen will, oder es eben mal erleben will, dass sich nicht automatisch alle nach seinen Vorgaben benehmen.

    unreflektierte Heterosexualität sollte in feministischen UND queeren Räumen deshalb zurückhaltend gezeigt werden, weil sie, wie ihr beide sagt, in allen anderen Räumen ja dominant ist.
    Und ich sage, sie sollte auch zurückhaltend praktiziert werden, weil sie nun mal scheisse ist! :P
    ich finde es wichtig, hier zu sehen, dass Rape Culture und Machtgefälle dafür sorgen, dass Heterosexualität für viele Cisheteras sehr anstrengend ist und viele damit irgendwie lernen müssen, fertig zu werden oder klar zu kommen.
    (Ich weiss, das eigentlich eh klar, ich hoffe es ist nicht zu daneben, das extra hier anzusprechen).

    Deswegen finde ich das vielleicht auch typisch, mit dem Absatz, wo du erzählt hast, du wurdest als eine “Gabi” gelesen. Während ich das einerseits auch eine krasse Struktur finde, wenn hetero Cisfrauen schwule Parties für sich ausnutzen, um “sicherer” feiern zu können, finde ich es auch eine krasse Struktur, dass es für Cisheteras überhaupt erstmal nötig ist, sich bei schwulen Cismännern von Übergriffen schützen zu müssen, die im heterosexuellen “Brauchtum” einfach systematisch inbegriffen sind. (Wo Konsenskultur erst so ganz langsam und vereinzelt gelernt und verbreitet wird).

    Ich würde mich auch fragen, ob es vielleicht auch “sicherer” für die männlichen* Cisheten auf Queerparties ist, ja nicht als “schwul” gelesen zu werden, und dass ihnen deshalb die Präsenz der Freundin* dazu dient, sich heterosexuell zu zeigen, damit sie ja kein anderer Mann* scharf anguckt.
    Aber das eher am Rande.

    Mein Punkt ist der, dass ich als Cishetera mich dem Anliegen nach weniger Cishetengeknutsche völlig anschliessen kann, da ich meine eigenen Gründe als feministische Hetera* habe, wieso ich es ablehne, und wieso ich auch Räume möchte, in denen ein Solches nicht ständig an jeder Ecke gefeiert wird. (Und ich mache da auch Unterschiede zwischen Cisheten und Menschen die keine sind, und bemühe mich auch, nicht nach Äusserlichkeiten zu gehen).

    Ein bisschen komme ich auch nicht zurecht damit, dass du am Anfang LSBTQ*/FLT* wie EIN Ding verwendest, und dann wieder wie zwei verschiedene Sachen, und am Schluss wieder, als wär’s ein Ding.
    Für mich ist das schon wichtig zu unterscheiden, weil ich mich in LSBTQ* Räumen als einen Gast betrachte. Bei FLT* Räumen nicht, und ich finde das auch voll wichtig, mich dort eben nicht als Gast anzusehen.. Für das Verhalten macht es für mich keinen Unterschied, da ich in LSBTQ* Räumen aus Solidarität auf eine Raumeinnahme verzichten wollen würde, und in FLT* Räumen fände ich es genauso unangebracht, auch wenn es “meine eigenen” Räume sind, aus oben genannten Gründen.

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