Über Cisheten in LSBTQ*-Räumen

Joke hat drüben bei laufmoos mal wieder tolle Sachen geschrieben. Und ich bin darüber nicht nur schwerstens begeistert und möchte seine_ Texte mit zahlreichen <3 und !!! versehen dringendst weiterempfehlen, sondern ich bin deswegen jetzt auch inspiriert, nach ausgedehnter Schweigepause selber was zu schreiben. Und sogar mal wieder auf deutsch! (Wir können das also schon jetzt als kleines Wunder und Erfolg auf ganzer Linie verbuchen. \o/)

Zuerst mal die Links zu besagten Texten: Heteroküsse auf Queerpartys. Oder: Raumaneignungen. Und als Nachtrag (wegen Nachfragen): Wer wird wie gelesen im Raum? Gefühle vs. Wahrnehmung vs. Verhalten or what?

Und dann vielleicht dies: Ich war auf der gleichen Party wie Joke. Und auch mein Abend wurde von den aufdringlich mitten auf der Tanzfläche knutschenden Cisheten (und von den immer wieder um mich herumhüpfenden, aufmerksamkeitsheischenden Heterotypen) teilweise extrem beeinträchtigt. Ich teile also sowohl Jokes Wahrnehmung als auch seine_ Analyse im Speziellen und im Allgemeinen.

Ich finde Jokes Texte so umfassend und gründlich, dass mir außer begeisterter Zustimmung zu seiner_ Analyse dieser speziellen Party und seinen_ allgemeinen Gedanken über Cisheten in LSBTQ*-Räumen eigentlich nicht viel zu sagen bleibt. Ich schreibe hier also eher einen Ableger im Sinne einer thematischen Erweiterung dieses Themenfeldes aus meiner speziellen Perspektive als queere Femme, als eine direkte Antwort auf seine_ Texte. Ich werde dabei vermutlich den einen oder anderen Punkt wiederholen, den Joke bereits benannt hat. Es ist mir aber wichtig, dass mein Text hier auch ohne das Vertrautsein mit seinen_ Texten verständlich ist. Und bei vielen Dingen habe ich eh das Gefühl, sie sind kollektives queeres Wissen, das von unterschiedlichen Leuten immer wieder so oder ähnlich beobachtet, analysiert und formuliert wird, was das mit den Urheberschaftscredits grundsätzlich etwas schwierig macht…

Aber jetzt erstmal was zu anderen, früheren Partys. Auch queer/LSBTQ*, auch oft mit heterosexuellen Gästen.

Ich habe ja früher (heißt: von Mitte/Ende der 1990er bis Mitte/Ende der 2000er) jahrelang  solche Partys mitveranstaltet. Nicht so groß, nicht in dieser Stadt, aber auch in einem links-alternativ konnotierten Raum, der sonst (also an den anderen Abenden der Woche/des Monats) heterodominiert war, an dem Schwule/Lesben/Queers aber immer auch entscheidend am Schaffen der generellen Infrastruktur beteiligt waren. Auch zu diesen Partys kamen gern einzelne heterosexuelle Cis-Freund_innen, erstens, weil es einfach mal verdammt gute Partys waren, zweitens, weil wir einander kannten und gerne zusammen gefeiert haben, und drittens (und hier fanden sich die meisten nicht so direkt befreundeten heterosexuellen Cis-Menschen), weil sie den Raum kannten und sonst auch benutzt/besucht/mitgestaltet haben und sich deswegen auch bei dieser Party eingeladen fühlten. Und meistens war das auch überhaupt kein Problem, weil diesen heterosexuellen Cis-Menschen klar war, dass sie an diesem Abend nicht die Hauptpersonen sind, und weil sie sich entsprechend verhalten haben (also eben nicht ausgedehnt mitten auf der Tanzfläche eng umschlungen heterosexuell geknutscht haben).

Über die Jahre habe ich beobachtet, dass es umso schwieriger war, die Queerness des Raums spürbar als dominante Norm für den Abend aufrechtzuerhalten, je größer die Party war, je mehr cisheterosexuelles Stammpublikum die Partyorte hatten und je unregelmäßiger/seltener eine queere Übernahme der betreffenden Räumlichkeiten stattfand.

Meine These lautet also: Queere Räume und deren Regeln sind leichter zu vermitteln und aufrechtzuerhalten, wenn die Räume/Anwesendenzahlen kleiner sind und wenn sie regelmäßiger/öfter stattfinden. Wöchentliche Bar im Kleinstkneipenraum ist also einfacher als jährliche Soliparty mit Hunderten von Gästen in mehrstöckigem Kulturzentrum, wenn es um die Schaffung und Erhaltung der “Queerdominanz” in dem betreffenden Raum geht.

An dieser Stelle vielleicht ein paar Worte zur “Queerdominanz”, die hier wahrscheinlich besser als “LSBTQ*/FLT*-Dominanz” benannt ist. Damit meine ich ein gewisses Repertoire an kulturellen und sozialen Grundannahmen und Verhaltensweisen, die von den meisten Anwesenden als gültige Normen für diese Räume (seien sie nun eher “virtuell” oder von anfassbaren Wänden umgeben) akzeptiert werden. Zum Beispiel: Das gültige Gender einer Person ist nicht zwingend das, was ich meine zu sehen, sondern immer das, was sie selbst benennt. Aus dem erkennbaren und/oder benannten Gender einer Person lassen sich keine automatischen Schlüsse auf ihr Begehren ziehen, weder in Bezug auf das_die von ihr begehrte_n Gender, noch auf die von ihr bevorzugten sexuellen Praktiken oder erotischen Rollen. Und aus all dem lassen sich wiederum keine automatischen Schlüsse auf die geschlechtliche oder sexuelle Identität der betreffenden Person ziehen. Oder: Ein Konsens darüber, dass andere Menschen nicht einfach so angefasst werden können und sollten, dass erotische Interaktionen stets die Einvernehmlichkeit aller Beteiligten erfordern und insgesamt eine höhere Sensibilität für persönliche Grenzen und Körperlichkeiten als in Mainstream-Räumen. Oder: Das Wissen darum, dass an diesem Ort Nicht-Heter@sein das “Normale” ist und auch bleiben soll. Dass diese “Umkehrung” der Mainstream-Norm die Ursache dafür ist, dass hier ein Grad an Entspannung für LSBTQ*/FLT*-Menschen möglich ist, der in anderen öffentlichen Räumen eben nicht so ohne weiteres geht. Und ganz besonders: Das Wissen darum, dass dieser Raum mit diesen Normen genau deswegen (leider) eine Ausnahme und etwas Besonderes ist, das schützens- und erhaltenswert ist, weil es nämlich fast überall anders eben nicht so ist.

Und jetzt muss ich natürlich sofort disclaimern, dass diese Normen natürlich nicht kategorisch verhindern, dass LSBTQ*/FLT*-Menschen sich grenzüberschreitend gegenüber anderen LSBTQ*/FLT*-Menschen verhalten. Und dass sie ebenfalls nicht verhindern, dass Räumen mit “LSBTQ*/FLT*-Norm” andere Machtverhältnisse (z.B. Rassismus, Ableismus, Klassismus, Dickenfeindlichkeit) weiterhin existieren und damit den Zugang zu diesen LSBTQ*/FLT*-Räumen für viele LSBTQ*/FLT*-Menschen schwierig bis unmöglich machen. Sie verhindern noch nichtmal, dass es in LSBTQ*/FLT*-Räumen Sexismus, Femininitätsfeindlichkeit, Bifeindlichkeit und Trans(frauen)feindlichkeit gibt, was auch wiederum die Entspannungsmöglichkeit und das Auftankenkönnen vieler LSBTQ*/FLT*-Menschen in diesen Räumen einschränkt. In diesem Text geht es mir aber vor allem um die Leute, die schon da sind und um die Konflikte, die die Anwesenheit von Cisheten in LSBTQ*-Partyräumen erzeugt. Und im Zweifelsfall sind die androgynen Lesben, die misstrauisch das feminin-stylishe Erscheinungsbild einer Femme beäugen und deshalb einen Mangel an Feminismus, ein nur halb geglücktes Out-Sein als Lesbe oder fehlende Solidarität mit Andersgegenderten vermuten, immer noch mehr “Community” als die rücksichtslos knutschenden Cisheten oder die aufdringlichen Cistypen, die die Femme als stinknormale Hetera vereinnahmen und daraus entsprechende “Zugriffsrechte” ableiten. So erfahrungsgemäß.

A propos meine eigenen Erfahrungen: Ich erzähle nochmal weiter von früher.

Ich habe meine ersten Schritte als selbstidentifizierte Femme in überwiegend kleinen LSBTQ*- und FLT*-Räumen gemacht. Dabei habe ich mich stets darauf verlassen können, dass der Raum mich als queer definiert, so dass das, was ich darin getan (und getragen) habe, damit automatisch und erkennbar in einem queeren Kontext stattfand. Das hat mir ganz unglaublich viel Raum zum Ausprobieren und Erkunden von Femininität und Femmeness eröffnet, den ich nirgendwo sonst so hätte haben können. Und ich bin für diese Räume und diese Möglichkeiten und Erfahrungen auch 15+ Jahre immer noch immens dankbar. Auch wenn nicht alle meine Erfahrungen rundum angenehm und kuschelig gewesen sind (s.o., Stichworte Femininitätsfeindlichkeit und Sexismus, was ich an anderer Stelle bereits ausführlich analysiert und kritisiert habe).

Mit den Jahren stellte ich aber fest, dass diese LSBTQ*-Räume sich verändert haben und dass diese Veränderungen sich negativ auf meine Möglichkeiten in ihnen ausgewirkt haben. Auch hier galt: je größer die Party, desto Problem.

Zuerst fiel mir auf, dass ich auf lesbisch-schwulen Partys (mit minimalem BTQ*-Anteil unter den Gästen) nicht mehr als Lesbe gelesen wurde, sondern als “Gabi”, also als genderkonforme Cishetera, deren hauptsächliche Verbindung zur LSBTQ*-Community die Freundschaft mit einem schwulen Cismann ist und deren Motivation für den LSBTQ*-Partybesuch ist, dass man ja mit Schwulen sooo gut feiern kann! (Und weil Schwule die (vermeintlich) “sichereren” Cismänner sind, kann hetera mit denen deshalb hemmungslos auf der Tanzfläche sexuelle Handlungen simulieren/ausführen, ohne “richtige” Übergriffe befürchten zu müssen – aber, ähm, das ist ein anderes komplexes Thema und ein anderer Text…).

Dieser Wahrnehmung versuchte ich entgegenzuwirken, indem ich mich in diesen Räumen verstärkt explizit auf Frauen bezog. Aber im Zusammenhang mit der Tatsache, dass die Butches in meinem Leben gerne auch mal von Schwulen als Schwule gelesen wurden, war das keine besonders erfolgreiche Strategie, weil ich dann eben doch nicht “lesbisch” genug aussah, als dass mir ein eigenständiges Zugehörigkeitsrecht in diesen Räumen zugestanden worden wäre. Also schraubte ich meine Erwartungen an diese Räume und meine Lesbarkeitsmöglichkeiten herunter. Und versuchte mich mit dem Verlust meines Zuhausegefühls in diesen Räumen abzufinden, das offenbar die Konsequenz aus meinem Genderausdruck und meinem Begehren für (zumindest teilweise als cismännlich gelesene) Butches/Transbutches war.

Als nächstes stellte ich fest, dass die Anwesenheit von nicht-schwulen Cismännern es auch in LSBTQ*-Räumen notwendig machte, vehement meinen Mangel an Interesse an erotischer Interaktion mit ihnen zu demonstrieren, was sehr direkt zur Folge hatte, dass ich mein Begehren für Butches, Transbutches und manche Transmännlichkeiten kaum noch ausdrücken konnte. Um die Cistypen auf Abstand zu halten, musste ich sehr viel Energie darauf verwenden, Grenzen zu setzen und aufrechtzuerhalten. Dass das schlecht mit körperlicher Annäherung, emotionaler Öffnung und allgemeinem Sichverletzlichmachen zu Flirtzwecken in Richtung anderer Leute zusammengeht, ist vielleicht vorstellbar?

Im Grunde herrschten auf der queeren Party also jetzt fast die gleichen Dynamiken wie in jedem anderen Raum auch: Die Queerness meines Genders wurde nicht mehr wahrgenommen, die Queerness meines Begehrens konnte nicht mehr ausgedrückt werden (wobei Gender und Begehren für mich persönlich außerdem auch noch so eng miteinander verflochten sind, dass sie sich eh nicht sinnvoll voneinander trennen lassen), und verschwand auch die Anerkennung meiner Zugehörigkeit zu der jeweiligen LSBTQ*-Community über eine reine Ally-Position hinaus.

Und weil ich als Einzelperson solche Dynamiken nun mal nicht ändern kann, zog ich mich gefühlsmäßig in der Konsequenz mehr und mehr aus diesen Räumen zurück, die dennoch weiterhin behaupteten, “meine Community” zu sein. Ich landete dabei in einem merkwürdigen Nichts, denn die Mainstreamwelt war ja genauso wie vorher auch kein Ort, an dem ich mich zuhause oder auch nur halbwegs entspannt gefühlt hätte. Und auch wenn ich an dem einen oder anderen Küchentisch oder auf dem einen oder anderen Sofa in den Wohnungen befreundeter queerer Menschen trotzdem noch vorkam, so war die Welt, in der ich mich und mein queeres Gender und Begehren wahrgenommen fühlte, doch plötzlich sehr, sehr klein geworden.

Man möge mir also nachsehen, dass ich zuweilen nostalgisch (und manchmal auch romantisierend) den guten alten Zeiten nachtrauere, als alles™ noch so einfach war. Und dass ich hin und wieder betrübt feststelle, dass Die Jugend Von Heute™ meine Erfahrungen und die daraus resultierenden Gefühle nicht immer versteht und/oder relevant findet. So ist das eben manchmal mit uns Menschen über 40.

Deswegen sind LSBTQ*-Räume inzwischen trotzdem anders, als sie damals™ waren. Und an ganz vielen Stellen ist das auch echt richtig gut (z.B. begrüße ich die langsame Verschiebung von Identitäten weg zu Verhaltensweisen als Zulassungs-/Zugehörigkeitskriterium aufs Ausdrücklichste!).

Mein persönliches Dilemma in diesen Räumen bleibt trotzdem vorerst bestehen, weil mir nach wie vor unklar ist, wie die benannten Konflikte sich individuell und kollektiv lösen lassen, damit so viele LSBTQ*-Menschen wie möglich in LSBTQ*-Räumen (und gerne auch jenseits davon, aber das ist auch wieder ein anderer Text) so viel Spaß, Stärkung und Entspannung finden wie möglich.

Es werden weiterhin genderkonforme Cisheten ganz selbstverständlich auf LSBTQ*-Partys rumknutschen und noch nichtmal wahrnehmen, dass sie damit fundamentale Regeln queerer Räume verletzen und gesellschaftliche Machtverhältnisse aktiv aufrechterhalten, weil sie queere Räume nicht von sonstigen linksalternativen Räumen unterscheiden können/wollen/müssen (danke an ihdl für den Kommentar bei laufmoos, ohne den ich diesen Aspekt nicht so deutlich hätte sehen können).

Wie Joke schon schrieb:

Dies ist ein queerer, ein lesbischer, ein schwuler, ein bi, manchmal ein trans*, manchmal ein inter, ein bisschen ein poly, jedenfalls ein subkultureller Raum. Im Verhältnis zum hegemonialen Raum ist dieser Raum pervers, er ist anders und er folgt anderen Regeln. Die Regeln, denen er folgt, müssen innerhalb der Subkultur gelernt werden, das geht nicht über Queer-101-VHS-Kurse, sondern erfolgt subtil, gebunden an die Freund_innenschaften, die politischen Zusammenhänge, die Aktionsgruppen, zu denen eins sich zugehörig fühlt und Zugang hat.

Ich füge hinzu: Und das braucht Zeit. Und Arbeit. Dieses Wissen gibt es nämlich nicht für ein paar Euros Soli-Eintritt automatisch am Party-Eingang dazu. Und wer als Cisheter@ diesen Preis nicht bezahlen will, wer als Cisheter@ diese Zeit und Arbeit nicht investieren möchte, hat in meinen Augen auch nicht das Recht, irgendwelche Forderungen an den betreffenden queeren Raum und die darin anwesenden LSBTQ*/FLT*-Menschen zu stellen. Und das meine ich jetzt wirklich mal ganz einfach und ohne Einschränkung genau so.

Hier schließe ich mich deshalb dem dringenden Wunsch danach an, es möge sich doch bitte eine umfassende Praxis der Critical Hetness etablieren, damit nicht ausgerechnet auf den Partys, die explizit zur Stärkung und Unterstützung von LSBTQ*/FLT*-Menschen und -Communitys gedacht sind (oder was dachtet ihr, was Soli-Party bedeutet?!), heteronormative Kackscheiße reproduziert wird. Ganz “unschuldig” natürlich, denn wer (außer intoleranten Quasi-Diktator_innen) kann schon was gegen romantische Zuneigungsbekundungen unter verliebten Erwachsenen haben?! Lernen wir nicht auf jedem CSD, dass “Liebe kein Geschlecht kennt”?! (Ihr merkt schon: ich habe so meine Probleme mit dieser Form von les(bi)schwuler Politik… Aber auch dieser Rant soll nicht hier und heute fortgeführt werden.)

Es werden – nicht zuletzt als Reaktion auf die Anwesenheit besagter knutschender Cisheten – weiterhin Menschen, die auf den ersten Blick für ebensolche Cisheten gehalten werden, aber ganz definitiv keine sind, mit einer gewissen Ablehnung in LSBTQ*/FLT*-Räumen behandelt werden (siehe auch der Kommentar von Frl. Urban bei laufmoos). Hierzu plane ich in absehbarer Zukunft noch einen längeren Text zum Thema Passing, der auf diesen Punkt nochmal genauer eingeht. Heute nur soviel: Als Cis/Heter@ gelesen werden ist nicht das gleiche wie Cis-/Heter@-Sein. Hier wünsche ich mir gerade in LSBTQ*/FLT*-Räumen differenziertere Diskussionen und mehr Komplexitätsanerkennung. (Bis besagter Text geschrieben ist, verweise ich vorerst auf mein “passing”-Tag drüben bei Tumblr, unter dem Vereinzeltes und Vermischtes zu diesem Themenkomplex versammelt ist.)

Und es wird auch weiterhin nicht helfen, wenn wir uns in dieser Diskussion auf Identitäten (und vermeintliche Identitäten) konzentrieren, anstatt über konkrete, spürbare und beschreibbare Verhaltensweisen zu sprechen (zu denen das äußere Erscheinungsbild m.E. ausdrücklich dazugehört, aber eben nicht als einzige/wichtigste Komponente).

Nochmal Joke:

Das Äußere an sich kann m.E. hier keine klare und gültige Aussage über die Zugehörigkeit oder die Positionierung im Raum machen, weshalb ich es ja an Praxen kopple.

Gleichzeitig finde ich es schwierig, bei sehr heteronormativem, grenzüberschreitendem Verhalten zunächst mal zu diskutieren, ob Leute unpassenderweise als hetero gelesen werden oder nicht.

Da ergibt sich dann für mich eine Problematik queerer Räume: Wenn die Definition des Raumes an dem Punkt anhält, an dem ich “vom Aussehen nicht auf das Begehren von Leuten schließen darf” (und das ist eine häufige Antwort, die ich auf Argumentationen wie die oben oder die im letzten Text höre), dann ist sie verkürzt und betreibt viel mehr Identitätspolitik als die Suche nach einem Verhaltenskodex auf queeren Partys. Mit der m.E. verkürzten – aber immer wieder gehörten – Argumentation, dass ich niemanden auf einer Queerparty einfach so (siehe dazu meinen Text oben) als heter@ labeln darf, verunmögliche ich die Diskussion über heteronormatives Verhalten und das offensichtliche momentane Scheitern einer Türpolitik auf Queerpartys.

Was für mich auch bedeutet, dass dies keine Diskussion ist, die sinnvoll und erschöpfend an einem Nachmittag auf Twitter (oder auf Facebook oder meinetwegen auch bei Tumblr) geführt werden kann, oder die gut auf griffige Slogans in durchschnittlicher Transpi-Länge komprimiert werden kann. Denn es ist eben nicht einfach, sondern hochgradig komplex, weil an der Frage nach queeren/LSBTQ*/FLT*-Räumen und ihrer Offenheit/Geschlossenheit nun mal eine jahrzehntelange vielschichtige Geschichte dranhängt, die auch durchs Ignorieren nicht einfach aufhört zu existieren. Und weil sich in diesen Räumen lauter LSBTQ*/FLT*-Menschen mit komplexen und sehr verschiedenen Identitäten und Erfahrungen versammeln, die alle gehört und respektiert werden wollen. Und auch, weil Cisheter@ nicht gleich Cisheter@ ist. Und weil wir uns nicht alle das Gleiche unter sinnvoller Bündnispolitik vorstellen. Und weil Intersektionalität ein Ding ist. Und deswegen sind auch alle Handlungsempfehlungen, die mit “man kann/muss doch einfach nur…” anfangen, und alle Politikverständnisse, die mit “Liebe ist Liebe!” aufhören, in meinen Augen schon von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Oder jedenfalls sind sie nicht die Form von Politik und Community, an der ich teilnehmen möchte und die mit meiner Zustimmung in meinem Namen passiert.

Nehmen wir uns also die Zeit und machen wir uns die Arbeit, in langen Texten über komplexe Sachverhalte (und gerne auch über komplexe Gefühle!) zu sprechen und finden dabei (hoffentlich) brauchbare Handlungsansätze, die dieser Komplexität gerecht werden. Daran würde ich mich jedenfalls gerne beteiligen.

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