Hochbegabt im Verein: Unüberbrückbare Differenzen (Teil 4)

Dies ist der vierte und letzte Teil meines Rückblicks auf meine Zeit bei Mensa in Deutschland e.V. Die anderen Teile sind hier zu finden: Teil 1 (Stammtischbesuche), Teil 2 (Mensa im Netz, einige Special Interest Groups und die Sache mit der Politik), Teil 3 (Frauengruppen).

Trotzdem meine bisherigen Versuche, bei Mensa kompatiblen Anschluss zu finden, allesamt eher gescheitert waren, blieb ich hartnäckig und dachte, es liegt vielleicht am Modell des Stammtischs, der mir kommunikationstechnisch möglicherweise einfach nicht so liegt. Also sah ich mich im Veranstaltungskalender nach weiteren Möglichkeiten um und fand eine Mensa-Literaturgruppe. Ich kannte inzwischen ein paar Leute, die immer dorthin gingen, und die bereits längere Zeit versucht hatten, mich zu rekrutieren. So richtig war ich aber nicht zu begeistern, da die besprochenen Bücher nicht wirklich meinem Leseinteresse entsprachen.

Eines Tages wurde dann für den nächsten Literaturgruppentermin die Besprechung eines Buchs angekündigt, das ich erstens schon kannte, zweitens mochte und drittens auch gerne nochmals lesen wollte: Jasper Ffordes The Eyre Affair (dt. Der Fall Jane Eyre). Ich meldete mich also wohlgemut an und las auch motiviert das Buch nochmal durch – schließlich wollte ich beim Treffen nicht nur mit nebligen Erinnerungsfetzen aufwarten. Ich bereitete mich also mental darauf vor, auf Menschen zu treffen, deren Interessen zumindest nah an meinen ehemaligen Studienfächern (ich komme da ja aus dem Kultur- und Literaturbereich) waren, auch wenn sich unsere Bücherregale inhaltlich nicht stark überschnitten.

Ich kam am betreffenden Abend im betreffenden Privathaushalt an – und erlitt gleich einen Kulturschock. Ich weiß nicht, ob ich jemals schon in einer derart bilderbuchmäßig bildungsbürgerlichen Wohlstandswohnung gewesen bin! Es war wie in einem Museum. Darauf hatte mein Studium mich wahrhaftig nicht vorbereitet, egal wievielen Lesungen des universitären Literaturmagazins ich beigewohnt hatte. Ich saß also ein bisschen steif auf meinem gepolsterten Stuhl, kam nicht gut an meine Teetasse (mit Untertasse!) auf dem kleinen Beistelltischchen mit den hochwertigen Knabbereien heran, und fühlte mich in meinem billigen Kapuzenpulli von C&A fehl am Platz. Aber ich wollte ja nicht vorschnell urteilen, und wer weiß schon, was sich hinter der gediegenen Fassade verbirgt? Wohlstand an sich ist ja noch kein Charakterfehler.

Irgendwann begann das Gespräch über das Buch, und als erstes tat die Gastgeberin(?) dramatisch kund, sie habe es blöd gefunden und daher gar nicht wirklich gelesen. Ah ja. Offenbar hatte ich das Prinzip Literaturgruppe von Anfang an falsch verstanden: das eigentliche Lesen des Buches war entgegen aller Ankündigungen gar nicht Voraussetzung für die Teilnahme am kritischen Gespräch über eben jenes Buch!

Auch sonst schien das Werk aber auf eher wenig Begeisterung zu stoßen, also versuchte ich, eine Lanze dafür zu brechen. Ich sprach von der Kulturtechnik des Sampelns und Collagierens (ich habe sogar Dada und Punk erwähnt, um dem Ganzen etwas kunsthistorischen Hintergrund zu geben), von Ironie, die gleichzeitig Hommage ist, und von meinem ganz persönlichen Fan-Entzücken, Shakespeares Richard III im Stil der Rocky Horror Picture Show aufgeführt beschrieben zu sehen. Aber es war hoffnungslos. Diese Menschen bewohnten ganz offensichtlich eine komplett andere literarische Galaxie als ich und konnten daher nicht verstehen, warum man diesem Buch irgendeinen ernsthaften Wert beimessen konnte. Selbst die Frau, die das Buch ursprünglich vorgeschlagen hatte, spielte es am Ende zu einem “leichten Unterhaltungsroman” herunter, so als ob literarischer Wert erst dann entstehen kann, wenn das Lesen eines Buchs harte, intellektuelle Arbeit erfordert. Und auch der neu-mensanische junge Mann, der offensichtlich nicht aus gutem, bildungsbürgerlichen Hause kam, aber sagte, ihm habe das Buch Spaß gemacht und jetzt sei er neugierig auf Jane Eyre im Original geworden, konnte die Literaturgruppenhauptbeteiligten trotz ihres quasi-missionarischen Erfolgs nicht überzeugen.

Ich beschloss dann, dass ich keinen zweiten Eindruck von dieser Literaturgruppe brauchte, die derart beschränkte Vorstellungen von “würdiger” Literatur hatte. Das war wirklich unter meinem kulturellen Niveau.

Nach all diesen hartnäckigen Expeditionen in die Mensawelt musste ich also eines Tages einsehen, dass die Mitgliedschaft in diesem Verein für mich in der Tat weder interessant noch von Nutzen war. Ganz abgesehen von meiner Befremdung über die offizielle Mission des Vereinsvorstands, möglichst schnell möglichst viele neue Mitglieder zu bekommen, um endlich 10.000 Ms (Mensa-Mitglieder) beisammen zu haben und so – neben den USA und Großbritannien – endlich auch Sitz und Stimme im ExComm (Executive Committee) von MInt (Mensa International) zu erlangen (zu welchem Zweck eigentlich, jenseits von der vagen Rede von “mehr Einfluss”?). In jedem Fall bin ich offenbar doch nicht die Zielgruppe von Mensa in Deutschland e.V., zumindest nicht von dem, was ich hier an lokaler Mensakultur mitbekommen habe. Also bin ich zum nächstmöglichen Zeitpunkt wieder ausgetreten.

Und jetzt treffe ich mich wieder mit den (vermutlich) hochbegabten Menschen, mit denen ich auch sonst noch was gemeinsam habe. Einen aufmerksamen Blick auf Machtverhältnisse zum Beispiel. Oder ein Interesse daran, die eigenen Privilegien kritisch zu betrachten. Oder auch einfach nur einen ähnlichen (sub)kulturellen Geschmack.

17 thoughts on “Hochbegabt im Verein: Unüberbrückbare Differenzen (Teil 4)

  1. In einigen Punkten sprichst du mir wirklich aus der Seele. Ich bin Mensa mit der gleichen Erwartung beigetreten und habe ähnliche Erfahrungen gemacht. Die internationalen Veranstaltungen reißen es wieder ein bisschen raus, ebenso die MinD-Akademie und der MBI-Roundtable. Auch die SIGs sieht man mit anderen Augen, wenn man die Mitglieder wirklich persönlich kennenlernt (beispielsweise auf eben genannten Events) als nur über die Mailingslisten (die zugegeben auf “Außenstehende” recht befremdlich wirken müssen. Alles in allem habe ich mir auch oft überlegt wieder auszutreten, bin aber immer noch mit gemischten Gefühlen Mitglied.

  2. @ Äbbelsche: Danke für deinen Kommentar! Es ist doch immer wieder gut zu wissen, dass ich auch hier nicht komplett die einzige bin. Ich glaube gern, dass es bei Mensa auch ausgesprochen nette Menschen und Veranstaltungen gibt – wären meine ersten praktischen Mensa-Erfahrungen so schlimm gewesen, wäre ich schließlich nie eingetreten! Zu einem der überregionalen Events habe ich es leider nie geschafft, auch wenn ich wirklich gute Dinge über die MinD-Akademie gehört habe. Allerdings bin ich eh nicht so der Typ für solche Großveranstaltungen, von daher weiß ich nicht, ob es mir dort wirklich besser gegangen wäre. Insgesamt kann ich natürlich nur über das sprechen, was und wie ich es persönlich erlebt habe, ohne Anspruch auf Repräsentativität (weswegen das hier ja auch persönliche Blogeinträge sind und keine Artikel mit journalistischem oder wissenschaftlichem Anspruch).

  3. Hey,
    es hat für Dich halt nicht gepaßt.
    Ich kenne viele, die erst durch Zufall die “richtigen” Leute bei Mensa getroffen.
    “Hannover scheint aber auch wirklich ein guter Ort für mensanisches Leben zu sein!”, um mal ein Forums-Zitat zu nennen.
    Vielleicht hatte ich also einfach mehr Glück :)

  4. @ hannoveraner: Auch wenn es natürlich stimmt, dass Mensa für mich “halt nicht gepasst” hat, sind die Gründe für dieses Nicht-Passen keine reine Geschmackssache, sondern illustrieren bestimmte Machtverhältnisse und Normierungsstrukturen (nicht nur) bei Mensa. Und damit habe ich insbesondere vor dem Hintergrund des Slogans “Mensa ist, was ihr draus macht” ein Problem, weil dieser Slogan suggeriert, dass Mensa offen für alle und alles oberhalb eines IQs von 130 ist. Die Praxis (so wie ich sie erlebt habe) zeigt jedoch, dass Mensa aufgrund dieser Strukturen für einige (z.B. weiße, männliche, technisch interessierte und/oder heterosexuelle) Menschen deutlich offener ist als für andere (ich empfehle an dieser Stelle immer wieder gern den Text von John Scalzi, der diese “Offenheitsprivilegien” mit der niedrigsten Schwierigkeitsstufe beim Computerspielen vergleicht).

  5. Ich kann vieles von dem, was du über den Verein schreibst, nachvollziehen. Vor allem das selbstverständliche Nichtreflektieren gesellschaftlicher Machtstukturen und Privilegien bei Menschen, die qua IQ eigentlich zur Reflexion in der Lage sein müssten, geht mir gehörig auf den Senkel. Nach einem Umzug bin ich bei Mensa eingetreten, damals um vor Ort Menschen kennenzulernen, die – wie ich hoffte – ähnlich ticken wie ich. Die Erwartung Kennenlernen hat sich erfüllt, die Erwartung “ähnlich ticken” erstmal nicht. Im Gegenteil: ich habe keinen anderen sozialen Kreis, in dem die Leute so unterschiedlich sind, in dem ich auch mit so vielen für mich manchmal nur schwer ertragbaren Ansichten konfrontiert werde (bis hin zu Sexismus und Homophobie) und in dem ich – im Mittel – so schlecht über anspruchsvolle Literatur reden kann. In Umkehrung davon aber auch: ich habe keinen anderen sozialen Kreis, in dem ich mit so vielen für mich unerwartbaren Meinungen konfrontiert werde, und in der Auseinandersetzung wachse. Nach einem zeitweisen Rückzug aus den Vereinsaktivitäten habe ich jetzt für mich die Möglichkeiten gefunden, die mir zusagen und versuche, das Störende (wie z.B. diese unsägliche Umfrage, die du erwähnst) zu benennen oder zu ignorieren.

  6. @ Tigerlilly: Was du über die unerwartbaren Meinungen und das Wachsen an der Auseinandersetzung damit schreibst, habe ich zu Anfang meiner Mensazeit so ähnlich empfunden. Mit der Zeit stellte ich aber fest, dass ich nach einem langen Tag in einem auch nicht gerade unsexistischen, antirassistischen und queerfreundlichen Arbeitsumfeld nach Feierabend nicht mehr die Energie aufwenden wollte, ebensolche Ansichten bei Mensaveranstaltungen zu ertragen, während die anderen Teilnehmer*innen sich entweder den Luxus des Nichtreflektieren-Müssens gönnten und/oder es offenbar amüsant fanden, mich zu den genannten Themen trollmäßig zu provozieren. Und im Ignorieren von Dingen, die ich unerträglich finde, war ich noch nie besonders gut, weshalb meine Konsequenz dann eben der Austritt aus dem Verein war. Aber es beruhigt mich sehr, dass es Menschen gibt, die die bestehenden Verhältnisse vereinsintern benennen/kritisieren und (hoffentlich!) irgendwann ändern!

  7. Sie erwarten Toleranz und Akzeptanz Ihrer Person,
    aber sie gewähren sie anderen nicht, sondern sortieren
    nach dem ersten Blick aus;

  8. @ pauka: Ich glaube nicht, dass ein Vereinsaustritt nach zwei Jahren Mitgliedschaft mit aktiver Teilnahme an diversen lokalen Veranstaltungen und virtuellen Gesprächen als “Aussortieren nach dem ersten Blick” gilt.
    Davon abgesehen: Richtig, ich habe definitiv nicht die Absicht, Sexismus, Rassismus, Homophobie und andere gruppenbezogene Menschenfeindlichkeiten zu tolerieren oder zu akzeptieren.

  9. Ich bin seit etwas über zehn Jahren bei Mensa. Als sexistisch, rassistisch, homophob oder sonstwie feindlich gegenüber Andersartigen habe ich den Verein niemals erlebt. Im Gegenteil: Selten habe ich ein so offenes Umfeld genießen dürfen.

    Natürlich gibt es Ms, die sexistisch, rassistisch, homophob sind. Und, was vielleicht für manchen schwer zu schlucken ist: Deren Ansichten werden vom Verein ebenso toleriert wie andere. Der Grundsatz lautet nun mal “Mensa itself holds no opinion” – und “no opinion” ist nun mal “no opinion” und nicht “the right opinion”.

    In der Vereinszeitschrift wurden (in dieser Reihenfolge) folgende Porträts von Mitgliedern veröffentlicht:

    – ein Anwalt mit rechtsradikalen Ansichten
    – ein Mann, der mit einer Puppe zusammenlebt
    – ein Filmregisseur
    – ein Comedian
    – eine Domina
    – ein Versicherungsmakler
    – ein jüdischer Bildhauer

    Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeiten? Nicht wirklich.

    Der Erwartung, bei Mensa die besseren Menschen zu finden, die aufgrund ihrer Intelligenz die richtigen Ansichten haben (nämlich Deine), liegt eine falsche Vorstellung von Intelligenz zugrunde. Intelligenz sagt nur, wie schnell der Rechner läuft. Nicht, was für ein Programm drauf installiert ist. Es gibt intelligente Massenmörder, Diktatoren, Rechtsradikale, Linksradikale, Sexisten, Homophobe, Homophile, Gläubige, Atheisten, Perverse, Konservative, Revolutionäre. Und jeder von denen darf Mitglied bei Mensa werden. Ohne jede Anschau von Geschlecht, Religion, Rasse, politischer Überzeugung, sexueller Ausrichtung …

  10. Seit längerem trage ich den Gedanken, Mensa beizutreten. Aus Gründen die sich in deinen spiegeln (Interessen und interessante Menschen zu finden, horrizonterweitern und nicht alles erklärend irrwitzige Dispute vom Zaun brechen…)
    Gut zu lesen, dass sich auch ‘da’ die Strukturen der Alltagswelt ‘ganz normal zutragen’, da kann ich ja mit einer etwas feiner justierten Einstellung herangehen °!°
    Danke für deine Worte und vielsten Spaß im Lebensweg!
    Ich finde den Ton zwischen deinen Zeilen gut, es ist so vielen Wohlstandsverblendeten nicht bewusst in welchem Protektorat der ‘Norm’ (aka ‘die Insel der Glückseeligen’) sie sich befinden…
    Nicht entmutigen lassen, bleib dir treu! :)
    Nicht nur, dass du irgendwann mal irgendwen zum nachdenken oder kritischen hinterfragen anregen könntest, du machst dies bereits!
    Vielleicht stimmt “Mensa ist was ihr draus macht” in unserer Gesellschaft einfach nur zu gut!
    Von einem Geist der unkonventionellen, unvoreingenommenen vielschichtigen Reflexion ist unser ach so deutsches Land nicht gerade durchflutet.

    LG Dustin

  11. Hihi, ach, das ist ja super. Genau so erlebe ich den Verein auch. Spannend finde ich aber, dass ich immer wieder Menschen treffe, die das auch so sehen. Und deshalb gebe ich den Gedanken nicht auf, dass es bei Mensa ganz viele davon geben muss. Nur wie man die kennen lernen kann, das ist mir noch nicht klar. Und dann müssten noch die Standpunkte irgendwie passen und die jeweiligen Neurosen kompatibel sein etc., damit gute Beziehungen entstehen können… Vielleicht erwarte ich auch zu viel.
    Für mich ist Mensa jedenfalls immer das geblieben, was andere draus gemacht haben.
    (Mittlerweile gibt es ja diverse Foren und ein internes Facebook bzw. Parship. Aber das nützt ja auch nichts, wenn sich immer der gleiche Typ Mensch aktiv beteiligt.)
    LG.

  12. @ Jod: Also, ich persönlich habe an anderen Orten wesentlich leichter und deutlich mehr kompatible und ebenfalls hochbegabte Personen gefunden. Denn auch in anderen Gruppen (oder gar Vereinen) tummeln sich ja Hochbegabte, ob nun offiziell als solche “diagnostiziert” oder nicht.

    Und inzwischen denke ich ja öfter mal, dass so ein Verein, bei dem der einzige garantiert vorhandene gemeinsame Nenner eine intellektuelle Hochbegabung ist, vermutlich auch vor allem Leute anzieht, die genau das für einen enorm wichtigen Persönlichkeitsaspekt von sich halten. (War bei mir ja auch nicht anders als ich eintrat! Aber bei mir war es halt eher so eine Phase…) Und das mag vielleicht begünstigen, dass sich dort eben so eine bestimmte Sorte Leute ballt. Eben die, mit denen z.B. ich dann wiederum nicht wirklich gut kompatibel war. Und das ist dann eben nicht mein Verein.

    Dennoch viel Erfolg beim Finden der passenden Leute für dich, ob nun bei Mensa oder anderswo!

  13. Da hast Du sicher Recht, was den Persönlichkeitsaspekt angeht. Auch aus eigener Erfahrung, bei mir und bei anderen.
    Aber eigentlich wollte ich nur noch schnell “danke für die guten Wünsche” schreiben. Und Dir alles Gute wünschen.

  14. @ M: Nachdem dieser Kommentar jetzt 1,5 Jahre im Off herumlag, habe ich ihn jetzt doch freigeschaltet. Vor allem, weil auch er so anschaulich verdeutlicht, wieso Mensa nicht der richtige Ort für mich ist.

    Denn: die bloße Ansammlung von ach-so-seltsam-interessanten Personen, die dann zur Demonstration der eigenen “Toleranz” und “Bandbreite” im Vereinsmagazin zur Schau gestellt werden, ist kein Beweis dafür, dass der besagte Verein keine gruppenbezogenen Menschenfeidlichkeiten fortführt und zuweilen gar fördert. Im Gegenteil. Denn auch hier dient die Abweichung von der Norm (Nazis! Puppenliebhaber! Dominas!) vor allem dem Thrill der Normgerechteren.

    Und wenn ich vor meinem Eintritt gewusst hätte, dass Mensa Rechtsradikalen ein öffentliches Forum bietet, in dem diese ihre Menschenfeindlichkeiten verbreiten können, hätte ich meine Mensa-Mitgliedsbeiträge doch lieber an eine antirassistische oder antifaschistische Organisation gespendet und wäre diesem Verein grundsätzlich ferngeblieben. Denn genau das ist ja mein Problem: dass bei/von Mensa geglaubt wird, es sei jede beliebige Art, durchs hochbegabte Leben zu gehen, gleich unterstützenswert und als hätten alle Mitglieder die gleichen Möglichkeiten zur freien Entfaltung in diesem Verein. Aber das stimmt eben nicht. Weil ein Verein, der Rechtsradikalen ein Forum gibt, damit gleichzeitig signalisiert, dass es ihm scheißegal ist, ob sich andere Menschen (z.B. People of Color, LSBTQ*-Menschen, Jüd_innen, Behinderte…) durch die Anwesenheit dieser Rechtsradikalen bedroht fühlen und deswegen den Verein bzw. seine Veranstaltungen meiden. In anderen Worten: Wenn “ohne Anschauung von Geschlecht, Religion, ‘Rasse’ und sexueller Orientierung” verstanden wird als “die an diese Merkmale geknüpften strukturell verankerten Machtverhältnisse und deren Auswirkungen werden ignoriert”, dann ist das eine Vereinspolitik, die ich nicht unterstützen will. Denn wenn nicht in Worten und Taten klar Stellung gegen bestimmte Unterdrückungsverhältnisse bezogen wird, wird schlicht und ergreifend der Ist-Zustand unterstützt – und das halte ich in der Tat für falsch.

    Und zwar nicht wegen meiner Intelligenz (die hilft mir nur dabei, das ganze in Worte zu fassen), sondern wegen meines grundsätzlichen Achtung meiner Mitmenschen und meiner politisch-ethischen Überzeugung, dass diese Welt mehr Gerechtigkeit braucht. Und das bedeutet für mich die Verringerung/Abschaffung von strukturell verankerten Machtverhältnissen wie Rassismus, Sexismus, Homo-/Transfeindlichkeit etc. Weil das eben keine letztlich konsequenzlosen “Meinungen” sind, analog zu “Pistazieneis ist leckerer als Zitroneneis!” oder “orange ist schöner als blau!” oder “Katzen sind toller als Hunde!”

    Und was meine früheren Erwartungen an Mensa angeht: die waren weder richtig noch falsch, sondern einfach sehr hoffnungsfroh und offensichtlich zu optimistisch. Denn selbstverständlich habe ich nicht erwartet, bei Mensa ausschließlich Leute zu treffen, die meine politischen und ethischen Ansichten teilen – und dann auch noch die gleichen Bücher und Filme gut finden wie ich. Was ich allerdings auch nicht erwartet habe, war, bei Mensa so viele Menschen zu treffen, die so viel unsägliche *istische Kackscheiße von sich geben, wie ich an sonst keinem Ort in meinem Leben vorfand. Nun ja, wie man in diesem Blog ausführlich nachlesen kann, wurde meine Hoffnung, bei Mensa eine kleine Handvoll kompatible Menschen und womöglich gar ein passendes Untergrüppchen zu finden, rundum enttäuscht. Und deswegen bin ich ja dann auch wieder ausgetreten und habe anderswo weitergesucht (und -gefunden). Und immerhin kann Mensa mich deswegen jetzt nicht mehr als “Beweis” für die eigene “Toleranz” benutzen…

  15. Danke für die Beiträge. Ein Stammtisch-Besuch vor 10 Jahren hat mich aus ähnlichen Gründen abgeschreckt und ich habe die hochbegabten Menschen woanders gesucht. Doch die Quellen gehen mir langsam aus, oder meine Toleranz für Fachidiotismus bzw. für das normale und Alltägliche lässt nach und ich spiele wieder mit dem Gedanken, Mensa noch eine Chance zu geben. Oder hast Du eine Idee für eine bessere Alternative??
    Liebe Grüße

  16. Tja, das seltsame ist, dass ich zwar via Geschlecht zu der von der Autorin angesprochenen Mehrheit der MinD-Mitglieder gehöre, sie mir aber dennoch aus der Seele gesprochen hat. Zwar sagt man ja auch, dass beim Tischler immer alle Tische wackeln und der Schuster die schlechtesten Schuhe an seinen Füßen trägt, aber das geballte Zusammentreffen von gefährlichem Halbwissen mir hoher Intelligenz und bös raushängender Besserwisserei ist enttäuschend gewesen. Ich hatte schlicht vorher angenommen, das Hochbegabte die Konsequenzen ihres Handelns und Nichthandels (auch in der mündlichen Rede, o. im schriftlichen Verkehr) verstetigt überschauen können. Statt desseen traf ich auf die Verkörperung der These, dass die Schwarmintelligenz sich immer reziprok zur Durchschnittsintelligenz der Mitglieder eines Schwarms verhält/ergibt. Also, viele dumme Ameisen ergeben eine große Gruppe, die mit Tannennadeln durchklimatisierte Städte für Millionen zu bauen vermag. Und viele schlaue Ameisen ergeben eine Gruppe, die auf unterem “Mittelschulniveau” die Erbsenzählerbesserwisserei kultiviert. Es war traurig und ich habe z.B. immer noch nicht verstanden, was sexuelle Präferenzen damit zu tun haben, hochbegabt zu sein? Oder Fußball? Die Probleme, die mit der Hochbegabung einhergehen und die damit verbundenen möglichen Lösungen zu diskutieren und der Gesellschaft außerhalb Mensas anzudienen, entfiel hingegen. Mensa ist eben in der Innenwirkung doch leider keine Interessenvertretung der Hochbegabung. Schade. Gruß, Stefan

  17. Hi!
    Ich habe deinen Blog gefunden, als ich (wieder einmal) mit dem Gedanken spielend Mensa beizutreten, im Netz nach Männer-/Frauenverhältnis gesucht habe.
    Danke erstmal für deine ehrliche und offene Meinung! Ich bin generell kein Vereinsmensch und überlege deshalb schon lange ob ich Mensa beitreten soll oder nicht.
    Deine Berichte haben mir allerdings in wirklich allen Facetten derartig aus der Seele gesprochen in Herangehensweise und Weltanschauung, dass ich fürchte, das Mensa auch mein Laden nicht sein wird.
    Den überbordenden Anteil an Männern finde ich gar nicht übel, da ich selbiges im Studium angenehm fand und inzwischen in einer absoluten Frauendomäne arbeite.
    Dass ich allerdings erwarten muss, das bei Mensa nicht nur die gewöhnliche unreflektierte Privilegiertheit fortgesetzt wird, sondern sogar Verachtung pflegenden Menschen (siehe rechtsradikale Ansichten, publiziert im Vereinsmagazin – und ein anbei: Wie wollt ihr euch da als unpolitisch bezeichnen?!) ein Forum geboten wird, finde ich abstoßend.
    Ich unterliege allerdings wohl auch immer wieder der Illusion, Hass und aus meiner Perspektive irrationale Ansichten wären nicht mit Intelligenz vereinbar. *seufz*
    Ich muss zugeben, dass ich trotz deiner mir aus dem Herzen sprechenden Berichterstattung geneigt wäre, meinen Ortsverein aus Gründen der Fairness und Neugier einmal unter die Lupe zu nehmen; der Beitrag von “M” macht das aber au meiner Perspektive entschieden unattraktiv!
    Und schließlich ist ein Teil meiner jahrelangen Zurückhaltung auch darin zu finden, dass ich froh bin, mich nicht mehr ausschließlich über meinen Intellekt zu definieren. Das war bei mir ebenfalls eine Phase; und es geht mir mit meinem Leben deutlich besser, seit diese vorbei ist.
    Ich danke dir nochmal für die ehrlichen und fairen Worte und wünsche alles Gute!
    :)
    Sol

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