Hochbegabt im Verein: Allein unter Frauen (Teil 3)

Dies ist Teil 3 meines Rückblicks auf meine Zeit bei Mensa in Deutschland e.V. (hier sind Teil 1 zu Mensa-Stammtischen und Teil 2 zu Mensa im Netz, einigen Special Interest Groups [SIGs] und der Frage nach der Politik in diesem Verein).

Von meinen Besuchen bei den allgemein offenen Stammtischen hatte ich ja bereits im ersten Teil dieses Rückblicks berichtet. Als ich bei Mensa eintrat, gab es aber noch einen weiteren Stammtisch – nämlich ein monatliches Mensanerinnen-Treffen ohne Männer. Hurra, dachte ich, Spuren von Feminismus! Vielleicht treffe ich dort gar Lesben oder andere weibliche Queers?

Sehr gespannt ging ich also zu meinem ersten Mensa-Frauenstammtisch. Hier dominierten nun Mütter, die vor allem über die Hochbegabung ihrer Kinder sprechen wollten. Tatsächlich war nur eine außer mir ebenfalls kinderlos und unverheiratet. Später erfuhr ich, dass der Frauenstammtisch in der Tat aus einer Müttergruppe einer anderen Hochbegabtenorganisation entstanden war – das erklärte mir einiges.

Ebenfalls später zeigte mir jemand die erste schriftliche Ankündigung des Frauenstammtischs, und dann war mir auch klar, warum diese Gruppe ansonsten gern belächelt und offenbar nie allgemein als notwendig erachtet wurde. Es stellte sich nämlich heraus, dass männliche Ms ursprünglich auf die Idee gekommen waren, dass es doch mal einen Frauenstammtisch bei Mensa geben sollte (warum, blieb mir allerdings verborgen). Und die Frauen, die das Ganze dann tatsächlich organisierten, kündigten das erste Treffen dann derart entschuldigend an, als seien sie sich selbst nicht so sicher, ob sie wirklich einen ganzen Abend ohne Männer auskommen können dürfen. Aua.

Naja, es war nach anfänglichem Fremdeln dann doch irgendwie ganz nett beim Frauenstammtisch, auch wenn mein Gesprächsverhalten (ich neige zu interessierten Einwürfen von der Seite) offenbar eher irritierend gefunden wurde. Und auch wenn sich von den Organisatorinnen zu meiner großen Irritation darüber gesorgt wurde, ob denn der Ort des Treffens (ein Frauencafé) nicht vielleicht abschreckend auf Interessierte wirken könnte, wegen der Lesbenkonnotation und so. Ich war dann ein paar Monate danach nochmal mit einer Freundin da, aber so richtig warm wurde ich mit dem Frauenstammtisch nicht im Ernst. Kurze Zeit später löste er sich dann auch auf, so dass ich vielleicht einfach seine Blütezeit verpasst hatte.

Ich habe dann sogar kurz darüber nachgedacht, ob ich nicht einen neuen Frauenstammtisch ins Leben rufen soll, der weniger mütterzentriert, weniger entschuldigend, explizit lesbenfreundlicher und überhaupt irgendwie toller sein sollte. Aber am Ende konnte ich mich dann doch nicht davon überzeugen, dass lauter interessierte Mensanerinnen sehnsüchtig in ihren Wohnungen sitzen und darauf warten, dass jemand genau so einen Stammtisch ohne Männer gründet. Mal ganz abgesehen davon, dass die Frage nach den Grenzen der Kategorie “Frau” ja ohnehin keine ganz so einfache ist.

Es hat dann eine andere Frau die Initiative ergriffen und eine neue Frauengruppe bei Mensa gegründet. Diesmal eine “Arbeitsgruppe” zu Frauen und Hochbegabung. Wiederum war ich interessiert – vielleicht waren thematisch zentrierte Treffen ja eher mein Ding? Also begab ich mich an einem Wochenende in ein Hotelcafé zu einem der Termine. Zwar fand ich die Preise dort ganz schön hoch (und das implizite Nichtbedenken von Frauen mit geringem Einkommen problematisch), aber ich persönlich konnte es mir trotzdem leisten hinzugehen. Da saß ich also in einer erstaunlich großen Runde, und es sollte um hochbegabte Frauen im Arbeitsleben gehen. Wir wurden aufgefordert, uns in Arbeitsgruppen zusammenzutun, dort reihum eine Liste von (ziemlich suggestiven) Fragen von einem Zettel zu beantworten, und unbedingt ein Protokoll zu schreiben, das wir der Leiterin des Treffens am Ende zukommen lassen sollten. Ich konnte mich leider des Eindrucks nicht erwehren, dass wir gerade kostenlose Forschungssubjekte für die nächste Veröffentlichung der Leiterin sein sollten, denn von “die Ergebnisse gehen dann an alle” war irgendwie nie die Rede. Ich war also eher trotzig gestimmt.

Das Gespräch war dann so mittelinteressant. Die Frauen an sich und ihre vielen unterschiedlichen Hintergründe fand ich tatsächlich recht spannend, aber wir haben trotzdem nicht so richtig zueinandergefunden. Nichtsdestotrotz war es schön, mal nicht die einzige zu sein, die immer mal wieder Probleme mit männlichen Vorgesetzten hat, wenn diese sich wegen “hochbegabten” Verhaltens meinerseits in ihrer Autorität angegriffen fühlen. Ich treffe jedenfalls häufiger auf Chefs, dies es nicht so mögen, wenn ich Sachen schneller begreife und komplexer denke als sie, egal wie freundlich, respektvoll und kooperativ ich dann ihre Wissens- und Denklücken zu befüllen versuche.

Mir wurde aber auch mal wieder klar, dass das reibungslose Eingliedern in einen kapitalistischen Arbeitsalltag bei mir nicht nur an der Hochbegabung scheitert, sondern auch an meiner Weigerung, bestimmte Konventionen einfach so mitzumachen. Ich kann nämlich zum Beispiel Charme nicht immer und überall als Kompetenz zur Verfügung stellen. Und ich habe ausgesprochen wenig Lust, mich stets chefkompatibel zu kleiden, nur weil ich mir damit vielleicht ein paar andere Freiräume erkaufen könnte. Ganz abgesehen davon, dass mir die bei diesem Treffen geäußerte Kritik an der Arbeitswelt so wie sie ist, schlicht nicht weit genug ging – ich jedenfalls möchte meine Intelligenz nicht nur dazu benutzen, mir einen möglichst komfortablen und anerkannten Platz im System zu erobern.

Außerdem war ich bei diesem Treffen wohl zu genervt von der naiven Idee einer Teilnehmerin, man könne “unterprivilegierte” potenzielle Ms doch hervorragend und hinreichend dadurch rekrutieren, indem man ihnen Gutscheine für den Gruppen-IQ-Test von Mensa spendet. Meine Anmerkung, dass Ausschlüsse von Hochbegabten, die nicht der Mittelschicht angehören und/oder die migrantische Hintergründe haben, auf ganz anderen und viel ausschlaggebenderen Ebenen funktionieren als nun ausgerechnet dem vergleichsweise günstigen IQ-Test bei Mensa, wollte sie jedenfalls nicht hören.

Aber das war ja bei den gemischten Stammtischen auch nicht anders gewesen: Wann immer es um den oft geäußerten Wunsch ging, Mensa solle doch noch viel “bunter” werden (also: mehr Frauen, mehr Nicht-Mehrheitsdeutsche, mehr Lesben/Schwule/etc., mehr Leute aus “bildungsfernen Schichten” und so weiter), war die einzige Antwort, “die” hätten wohl kein Interesse, sonst könnten sie ja eintreten – Mensa sei schließlich, was “ihr” daraus macht. Dabei lernt man inzwischen in jeder blöden Marketingschulung, dass man seine gewünschten Kunden da abholen muss, wo sie sind, mit ihnen in einer Sprache reden muss, die sie anspricht, und dass man ihnen – ganz wichtig – etwas bieten muss, was sie interessiert und wovon sie einen Vorteil haben!

Oh, und erwähnte ich, dass ich es ganz extrem anstrengend fand, dass in dieser “Arbeitsgruppe” das Zusammentreffen von Frausein und Hochbegabung quasi von vorneherein als doppeltes Problem konzipiert wurde? Nicht, dass ich diesem Konzept nicht in vielen Punkten sogar folgen könnte oder ab und zu Bedarf hätte, über das Schwierige an der Hochbegabung zu sprechen – aber diese Art der Problemfokussierung war mir dann doch ein bisschen zu einseitig. Aber zu einem schändlich vernachlässigten “weiblichen” Problem ist halt schneller mal ein Buchvertrag geschlossen als zu einer erstmal wertneutralen Besonderheit einer kleinen Minderheit unter den Frauen der nordwestlichen Kultursphäre…

Es dürfte inzwischen für alle Lesenden offensichtlich sein: Mensa und ich waren nicht so die kompatibelste Kombination. Es hat aber noch ein bisschen gedauert, bis ich mir das so vollständig eingestehen konnte (wie gesagt, da war diese Hoffnung, dass mit mehr Intelligenz auch mehr Übereinstimmung in anderen Punkten verbunden sein könnte…). Ich sah mich also weiter um, was Mensa in meiner Stadt sonst noch so an Veranstaltungen anbot. Was dabei herauskam, berichte ich dann im vierten und letzten Teil dieser Serie.

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