Hochbegabt im Verein: Virtuell, homophil, pervers – aber unpolitisch! (Teil 2)

Dies ist der zweite Teil meines Rückblicks auf meine Zeit bei Mensa in Deutschland e.V. (hier ist der erste Teil, in dem ich von meinen Mensa-Stammtischbesuchen erzähle).

Als Mensamitglied (kurz: M) hatte ich natürlich auch Zugang zu den zahlreichen internen Mailinglisten, Wiki-Seiten und sonstigen mitgliedsspezifischen Virtualitäten. Hoffnungsfroh loggte ich mich also ein.

Im allgemeinen Mensa-Onlinebereich fand ich eine Newsgroup-Threadstruktur vor, die zum Im-Nachinein-lesen wirklich nicht benutzer*innenfreundlich war (wie das Newsgroups eben so an sich haben). Ich persönlich finde Webforen ja deutlich praktischer und war überrascht, dass trotz der legendär hohen IT-ler*innenquote bei Mensa noch niemand eine zugänglichere Technik implementiert hatte. Aber ich bin ja nicht so leicht abzuschrecken, also fing ich an zu lesen.

Hm. Irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt. Statt anregender Diskussionen über interessante Themen unter intelligenten und halbwegs freundlichen Menschen fand ich gehäuft Beiträge, bei denen es mehr ums Rechthaben und Überlegensein zu gehen schien, als um eine gemeinsamen Unterhaltung in respektvoll-netter Atmosphäre (nichts gegen Klugscheißen als solches, aber warum nicht in charmant/kooperativ?). Ganz zu schweigen von persönlichen Angriffen auf andere Ms, die jedoch stets derart insidermäßig formuliert waren, dass sich mir als Neu-M nur äußerst selten erschloss, was denn nun eigentlich das Problem der Beteiligten war und worauf genau hier angespielt wurde. Möglicherweise bin ich ansonsten zuviel in gut (d.h. moderat) moderierten Foren mit grundsätzlich kooperativer Gesprächsatmosphäre unterwegs und daher diesbezüglich verwöhnt und hohe Erwartungen habend.

Thematisch wurde ich aber ebenfalls enttäuscht, denn inhaltlich wurde es meist nur auf erstaunlich flachem Niveau. So fanden sich im Bereich “Sprache” nicht etwa linguistische Beobachtungen/Fragen, sondern vor allem “lustige” Buchstabendreher und andere Wortspiele, und “Spiritualität” wurde ungefähr so tiefgehend besprochen, wie man es aus der beliebten Zuckerwürfelastrologie (das sind die astrologischen Erkenntnisse, die auf Zuckerwürfeleinwickelpapier publiziert werden) kennt – wenn nicht gleich jegliche Form von Glauben pauschal als “eines intelligenten Menschen nicht würdig” abgetan wurde. Mag sein, dass die Diskussionen in naturwissenschaftlich-technischeren Bereichen des Newsgroup-Archivs erfreulicher war, aber so richtig glaube ich es nicht.

Der Fairness halber sei gesagt, dass mir durchaus klar ist, dass “fortgeschrittene” Diskussionen zu eher speziellen Fachthemen erst dann entstehen können, wenn mindestens zwei fachkundige Interessierte aufeinandertreffen – und das ist selbst bei 10.000 Mensa-Mitgliedern vielleicht einfach nicht so wahrscheinlich. Für derartige Austauschbedürfnisse gibt es also wahrscheinlich geeignetere Foren, und Internetdrama gibt es wahrlich nicht nur bei Mensa. Nichtsdestotrotz, auch die virtuellen “Stammtische” waren nicht so wirklich das, was ich mir erhofft hatte.

Aber es gibt ja noch mehr, was Mensa so im Netz macht. Ein besonderes Highlight des Entsetzens waren für mich daher die pseudowissenschaftlichen (und forschungsdesignkompetenzmäßig streckenweise wirklich sehr, sehr traurigen) Umfragen, in denen beispielsweise quantitativ erhoben werden sollte, welche unbekleideten Körpertypen Ms bei der PartnerInnenwahl (<- hier ist mit Absicht kein sprachlicher Platz für andere Gender als Mann und Frau) denn so präferieren. Im Ernst. Ich habe mich dabei öfter gefragt, wer hier eigentlich mit Vereinsgeldern gerade die “Forschung” für seine*ihre akademische Arbeit finanziert bzw. was um alles in der Welt der Zweck dieser Umfragen sein sollte, so jenseits persönlicher Neugier der Forschenden (nichts gegen die persönliche Neugier und zweckfreie Tätigkeiten an sich, aber meine Mitgliedsbeiträge sähe ich dann doch gern für Sinnvolleres ausgegeben).

In der QueerSIG (ein Mailverteiler für die Schwulen, Lesben, Bisexuelle und “Friends”; SIG steht für Special Interest Group) der ich natürlich ebenfalls sofort und hoffnungsfroh beitrat, traf ich zwar zwei Menschen wieder, die ich bereits aus anderen Queerkontexten kannte, keine*r der beiden war jedoch irgendwie aktiv bei Mensa im Allgemeinen oder der QueerSIG im Besonderen. Ansonsten tat sich dieser Mailverteiler vor allem durch nahezu konsequente Inaktivität hervor. Es gab zwar hier und da eine Ankündigung zu einem lokalen Treffen, aber die fanden stets anderswo statt. In Erinnerung geblieben ist mir außerdem eine Diskussion über den Sinn und Unsinn einer Selbstpräsentation der QueerSIG bei einem “Tag der Intelligenz” (jährliche Mensa-Werbe- und Infoveranstaltung), in der offenbar wurde, dass ich nicht die einzige war, die Mensa nicht eben als homofreundlich erlebte (ganz zu schweigen von anderen Formen von Queerness). Da die QueerSIG laut Mitgliedsliste übrigens deutlich männlich dominiert ist, wurde wohl kurz vor meinem Austritt noch die LesSIG für lesbische und bisexuelle Frauen gegründet. Die KlapSIG (BDSMer*innen und Interessierte) war – soweit für mich erkennbar – massiv überwiegend hetero mit ein paar heteroflexiblen und schwulen Einsprengseln und schien aus lauter Leuten zu bestehen, die sich alle bereits persönlich kannten und die auch hier sehr beliebten Insideranspielungen verstanden. Inhaltlich passierte hier zwar deutlich mehr als bei der QueerSIG, aber dennoch relativ wenig, was meiner persönlichen Interessenslage entsprochen hätte. Kleinere Versuche, mich hier oder dort inhaltlich zu positionieren, um so ggf. auf etwas spezieller Gleichgesinnte zu stoßen, hatten leider nicht die gewünschte Konsequenz. Aber irgendwann wird ja das Finden von so vielen Devianzüberschneidungen allein rechnerisch eher unwahrscheinlich, denn auch sexuelle Normabweichungen sind ja in gewisser Weise ein Fachgebiet mit speziellen Unterthemen.

Als M bekam ich weiterhin alle zwei Monate das bereits erwähnte MinD Mag zugesandt, eine Zeitschrift, die zwar professionell aufgemacht ist, sich inhaltlich aber durchschnittlich eher so auf Schülerzeitungsniveau bewegt – denn “Mensa hat keine Meinung”, also darf im MinD Mag als offizieller Vereinszeitschrift auch kein M eine Meinung haben, die über ganz persönliche Vorlieben für bestimmte Reiseländer, Speisen und Getränke, Spiele oder Bücher hinausgeht. Das Magazin landete jedenfalls in diesem Haushalt immer schnell beim Lesestoff neben dem Klo, da wo auch die anderen weniger anspruchsvollen Presseerzeugnisse landen, in die man doch mal kurz reingucken will, bevor man sie ins Altpapier tut.

Überhaupt, das mit der Politik ist offenbar sowieso nicht so einfach. Mensa will sich nämlich schon manchmal gern zum Thema Hochbegabung und Hochbegabungsförderung öffentlich äußern, darf das aber satzungsmäßig (Mensa-Satzung [pdf]) eigentlich nicht (“Der Verein darf nicht zu politischen oder religiösen Themen Stellung nehmen.”). Also wird ein Teil der oben erwähnten Umfragen dazu genutzt, ein Meinungsbild der Mitgliedermehrheit zu erhalten, um dann “wissenschaftlich fundiert” im Namen der Mitgliedergesamtheit (na, wo ist hier der Denkfehler?) zum Beispiel sagen zu können, dass Hochbegabte sich öfter mal unverstanden fühlen (denn: “Die Veröffentlichung der Ergebnisse von Mitgliederumfragen gilt nicht als Stellungnahme des Vereins.”).

Ich teile die Einschätzung, dass es einen Mangel an vernünftiger Forschung zu Hochbegabung und Hochbegabten (insbesondere im Erwachsenenalter) gibt. Ich verstehe auch, dass der Vereinszweck laut Satzung “die Förderung von Wissenschaft und Forschung auf dem Gebiet der menschlichen Intelligenz sowie von Bildung und Erziehung” ist, und dass Mensa diesen Zweck u.a. durch “die Durchführung und Unterstützung wissenschaftlicher Veranstaltungen [und] Forschungsvorhaben” verwirklicht. Bloß dass ich die erwähnten Umfragen nicht im Ernst als “wissenschaftlich” bezeichnen würde. Und dass ein solcher Zweck eine*n unweigerlich in äußerst politische Gefilde führt. Ich glaube nämlich auf gar keinen Fall, dass sich durch das Unterlassen von Stellungnahmen zu politischen oder religiösen Themen verhindern lässt, als Verein “unpolitisch” zu bleiben und “keine Meinung” zu vertreten. Im Gegenteil. Selbst wenn Mensa sich stumpf auf die Förderung von Hochbegabungsforschung an öffentlichen Universitäten konzentrieren würde, stellt sich dennoch die Frage, welche wissenschaftlichen Fragestellungen hier unterstützt werden, in welchen Fachbereichen sie angesiedelt sind und welche Wissenschaftler*innen mit welcher Agenda die Forschung durchführen (und jetzt komme mir bitte niemand mit dem Mythos, Wissenschaft, v.a. Naturwissenschaft, sei objektiv!). Und welche Intelligenz ist überhaupt gemeint? Die, die ein standardisierter IQ-Test misst? Ist das denn ein kulturell neutraler Test, der außerdem wirklich nichts mit dem bisherigen Zugang einer Person zu Bildung und Anregung zu tun hat (der IQ-Test, den ich damals gemacht habe, fällt nämlich nicht in diese Kategorie – aber auch das ist eine Geschichte für einen anderen Tag)? Und so weiter. In anderen Worten, genauso, wie man nach Paul Watzlawick nicht nicht kommunizieren kann, kann man meiner Meinung nach nämlich nicht nicht politisch Stellung beziehen.

Nun gut. Es war deutlich: Mensa virtuell war also weder im Allgemeinen noch im Speziellen mein Tanzbereich. Und auch die Vereinspolitik als solche fand ich weder logisch noch großartig. Aber gut, das war ja nicht so schlimm, denn ich brauchte eh nicht so dringend noch einen Onlinespielplatz, noch mehr gedruckten Lesestoff oder gar eine Politgruppe, sondern ich wollte ja vor allem offline ein paar nette und intelligente Menschen kennenlernen. Ich sah mich also weiter unter “mensanischen Minderheiten” um…

Aber davon dann mehr im nächsten Teil.

2 thoughts on “Hochbegabt im Verein: Virtuell, homophil, pervers – aber unpolitisch! (Teil 2)

  1. Die Umfragen sind unsäglich und insbesondere auf dem Mist eines einzelnen damaligen Vorstandsmitglieds gewachsen; mit der letzten Chronotyp-Studie wurde zumindest mal etwas fachlich Fundierteres gemacht. Es gibt einen Beisitz für Hochbegabtenforschung; allerdings kann diese Person auch nur dann eingreifen, wenn sie über solche Vorhaben in Kenntnis gesetzt wird (wann das nötig ist, entscheidet aber wiederum das zuständige Vorstandsmitglied, das sich in dem Fall der Umfragen anscheinend hinreichend kompetent fühlte, komplexe Befragungen in einem fachfremden Bereich gestalten zu können).

    Das, was letzten Endes an Ergebnissen im Mag veröffentlicht wurde, beinhaltete – das nur der Vollständigkeit halber – schon einiges an Schadensbegrenzung; unter anderem den Disclaimer, dass die Ergebnisse eben NICHT repräsentativ für Hochbegabte sind. Mit dem, was Du schreibst, ist genau das eingetreten, was ich immer geunkt habe: dass die Ergebnisse eben nicht als “spaßiger Zeitvertreib ohne wissenschaftlichen Anspruch” aufgefasst werden, sondern so, als sei das tatsächlich wissenschaftlich fundiert. Und das ist es nun wirklich nicht.

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