Hochbegabt im Verein – ein Rückblick auf meine Zeit bei Mensa e.V. (Teil 1)

Seit vorgestern bin ich offiziell kein Mitglied mehr im Hochbegabtenverein Mensa in Deutschland e.V. Dabei hatte alles so vielversprechend angefangen.

Ich weiß ja schon seit einigen Jahren, dass ein Teil meiner eigenen Seltsamkeit mit dem Begriff Hochbegabung durchaus treffend beschrieben ist (was genau das für mich bedeutet, erzähle ich mal an anderer Stelle). Mindestens genauso lange weiß ich auch, dass es Mensa gibt, hatte aber lange Zeit irgendwie nie das Gefühl, dass das der richtige Ort für mich ist. Schließlich bin ich überhaupt nicht so, wie man sich so “typische Hochbegabte” vorstellt: Weder spiele ich Schach oder Geige, noch war ich herausragend gut in der Schule (meine Abinote ist 2,5), noch interessiere ich mich besonders für “typisch hochbegabte” Themen wie Astrophysik, Quantenmechanik, Dinosaurier oder Programmiersprachen. Ich kann keine Telefonbücher oder Zugfahrpläne auswendig und schaudere allein beim Gedanken daran, mit sowas meine kostbare Zeit zu vergeuden, hatte in Mathe zwischendurch auch mal eine Fünf, habe kein Spezialwissen zu einem obskuren Interessensgebiet angehäuft (na gut, mit Ausnahme von Femme-Geschichte vielleicht) und finde mich auch nicht auffallend sozial inkompetent. Und intelligente Freund*innen hatte ich eh schon. Was sollte ich also bei Mensa?

Nach einem Umzug und meinem Studienabschluss hatte ich eines Tages jedoch das Gefühl, dass mir ein paar neue soziale Kontakte nicht schaden würden, und überlegte, wo ich wohl interessante Leute kennenlernen könnte. Unter anderem fiel mir dabei wieder Mensa ein. Nach längerem Überlegen entschied ich schließlich, dass ich mir am besten selbst ein Bild von den dort versammelten Hochbegabten machen sollte, anstatt an blöde Hochbegabtenklischees zu glauben, denen ich ja noch nichtmal selber entsprach. Ich schrieb also eine Mail an den damals zuständigen LocSec (wie es sich für einen anständigen Verein gehört, gibt es bei Mensa diverse Ämter, die mit kryptischen Abkürzungen benannt sind – “LocSec” bedeutet zum Beispiel “Local Secretary”, also in etwa “Regionalverantwortliche*r”), um herauszufinden, ob ich einfach so mal zu einem Stammtisch dazukommen konnte. Ich konnte.

Also machte ich mich an einem Frühjahrsabend vor etwa zweieinhalb Jahren mit Rückendeckung durch eine vertraute Begleitung auf den Weg, traf im Stammtischlokal aber nur die etwas klägliche Anzahl von zwei männlichen Ms (der/die/das M ist ein abgekürztes Mensa-Mitglied, Mehrzahl: die Ms) an, einer davon besagter LocSec. Nun ja, es war um Ostern herum, und mir wurde glaubwürdig versichert, dass sonst deutlich mehr Personen kämen. Man war neugierig auf mich, ebenso wie ich auf Mensa, so dass sich schnell eine angeregte und durchaus amüsante Unterhaltung entwickelte. Außerhalb von Mensa hätte ich mit diesen Menschen vermutlich nie Kontakt gefunden, geschweige denn so nett geredet. Das fand ich einen Pluspunkt.

Ich hörte an diesem Abend lauter Geschichten über die bunte Vielfalt an Menschen, die es bei Mensa so gäbe. So wurde mir explizit von der QueerSIG (eine schwullesbische Special Interest Group bei Mensa), der KlapSIG (BDSMer*innen und Interessierte bei Mensa) sowie von einer Transfrau aus dieser Stadt erzählt, die ebenfalls bei Mensa sei. Ich fühlte mich also in bester Gesellschaft. (Bis heute ist mir übrigens nicht so ganz klar, warum trotz diesbezüglicher Nicht-Verortung meinerseits ausgerechnet all diese queer(verwandt)en Themen als Vielfaltsbelege herangezogen wurden…) Bis hin zum mehrfach zitierten Leitsatz “Mensa ist, was ihr draus macht”, der mein DIY-Herz natürlich erfreute, klang jedenfalls erstmal alles ganz toll. So viele Möglichkeiten!

Ich trat also nach dieser personalisierten Werbeveranstaltung (denn seien wir ehrlich: der LocSec muss natürlich stets die Mensa-Version in seinem Zuständigkeitsgebiet repräsentieren und schönreden) und 1-2 weiteren netten Treffen kurzentschlossen bei Mensa ein und ging munter weiter zu den örtlichen Stammtischterminen. Nach nicht allzu langer Zeit kristallisierten sich hier jedoch einige höchst unerfreuliche Gesprächsmuster heraus, die zwar allesamt bestimmt nicht mensaspezifisch sind, aber denen ich außerhalb von Erwerbsarbeitskontexten seit vielen Jahren erfolgreich aus dem Weg gehen konnte. Umso erstaunter war ich, sie in dieser Ballungsform ausgerechnet in einem Verein voll geprüft überdurchschnittlich intelligenter Menschen anzutreffen (ich hegte da offenbar die eine oder andere Illusion, dass Hochbegabte auch in diesem Punkt nicht normal seien).

Erstens. Weibliche Ms gibt es ja sowieso nicht so viele (gesamtmensanisch hat es etwa ein Drittel Frauen), und bei den Stammtischen noch viel weniger (ich schätze im Schnitt der von mir besuchten Treffen waren es so um die 10%). Umso gefragter sind weibliche Ms daher bei den scheinbar fast ausschließlich heterosexuellen männlichen Ms, die gern intelligent liiert wären. Dieses Schicksal wurde auch mir zuteil. Streckenweise performte ich meine Gesprächsbeiträge als einzige verbliebene Frau des Abends für bis zu fünf männliche Ms, die mir allesamt ein gebanntes Publikum waren. Meiner inneren Miss Piggy tat die ungeteilte Aufmerksamkeit zuweilen zwar ganz wohl, bloß dass ich leider schnell begann, mich wie ein Zirkusschwein zu fühlen, das von den anwesenden Herren ob seiner Seltenheit fasziniert betrachtet wurde. Das Klischee vom sozial nicht immer brillianten männlichen M bestätigte sich leider insofern, als dass es tendenziell mir-als-Frau zufiel, mich um die stetige Zufuhr weiterer Gesprächsthemen und eine allgemein freundliche Atmosphäre am Tisch zu kümmern. Zwischendurch bemühten sich einzelne männliche Ms, mich-als-Frau zu beeindrucken, gern, indem sie andere männliche Ms intelligenziell zu übertrumpfen versuchten – was leider konträr zu meinen Bemühungen um eine angenehme Stimmung lief. Ich ignorierte jedenfalls geflissentlich und desinteressiert den flirtenden Subtext dieser Gespräche. Sobald ich mich jedoch zu einer expliziteren Bekundung meines Desinteresses gezwungen sah, wurde die zuvor – trotz der unnötigen Beeindruckungsversuche – oft durchaus nette Gesprächsatmosphäre stets etwas verkrampft. Vielleicht hätte ich mich früher und öfter als queer outen sollen?

Zweitens. Bemerkungen mit auch nur vage feministischem oder antirassistischem Inhalt meinerseits zogen unweigerlich “scherzhafte” Provokationsversuche anderer (und stets männlicher) Ms nach sich. Je nach Tagesform habe ich die entweder “scherzhaft” bis augenrollend gekontert und dann das Thema gewechselt, oder mir die Mühe gemacht, meinen Standpunkt näher zu erläutern bzw. mit geeigneten Argumenten/Daten zu untermauern. Gebracht hat beides für mich allerdings in etwa denselben Frust darüber, dass Intelligenz offenbar keineswegs vor Privilegienleugnung oder anderen gruppenspezifischen Menschenfeindlichkeiten schützt. Und einen nennenswerten Erkenntnisgewinn bei meinen Gesprächspartner*innen konnte ich als Resultat meiner Bemühungen auch nicht feststellen. Offenbar ist mein Optimismus in Bezug auf das M als solches aber auch einfach ein wenig unangebracht gewesen…

Drittens. Gespräche mit weiblichen Ms fanden leider äußerst selten statt, denn (wegen des bereits erwähnten real existierenden Geschlechtermissverhältnisses bei Mensa im Allgemeinen und den Stammtischen im Besonderen ergab es sich äußerst selten, dass ich überhaupt mal neben/gegenüber einer Frau zu sitzen kam. Wenn sie doch einmal zustande kamen, fand ich hier leider die gleichen Leugnungen gesellschaftlicher Machtverhältnisse vor (z.B. von Frauen in technischen Berufen, die mir allen Ernstes weismachen wollten, sie seien in ihrem Beruf noch nie als Frauen diskriminiert worden). Im Zweifelsfall waren meine Analysen gesellschaftlicher Mehrheitsverhältnisse daher reine “Ansichtssache” und/oder eine Folge meiner individuellen Persönlichkeitsstruktur, aber keinesfalls ein Problem des Systems.

Viertens. Sie war auch bei Mensa, die stets und überall vorherrschende Grundannahme: “‘Wir’ sind alle cisgeschlechtlich, heterosexuell, (relativ) monogam und präferieren Sex ohne Zubehör. Ausnahmen finden sich in den oben genannten Special Interest Groups, aber nicht beim ‘normalen’ Mensa-Stammtisch. Außerdem gehören wir alle der Mittelschicht an, sind mehrheitsdeutsch und nichtbehindert. Ausnahmen ziehen wir gern zur Illustration der mensanischen Vielfalt heran, ignorieren sie und ihre Belange ansonsten aber konsequent.” Ach ja, und da meine Mensazeit in ein WM-Jahr fiel: “‘Wir’ interessieren uns alle für Herrenfußball und sind bei Nationalspielen selbstverständlich immer für Deutschland.” Und so weiter.

In anderen Worten: Hatte man mir Mensaveranstaltungen anfangs noch als einen Ort verkauft, an dem man unter Ähnlichbegabten endlich mal geistig Vollgas geben, entspannt drauflos spinnen und die damit verbundenen Erholung vom oftmals etwas unverstandenen Leben unter “Normalbegabten” genießen könne, so wurde mir rapide klar, dass dies für mich offensichtlich leider nicht galt.

Meine Stammtischbesuche entwickelten sich somit viel zu schnell zu bloß einem weiteren Ort, an dem ich die stetige Ausnahme vieler Regeln war und ich mich ständig entweder in der Rolle der charmant-brückenbauenden Erklärbärin (an guten Tagen) oder des exotischen bzw. einfach-nicht-vorkommenden Sonderfalls (an nicht so guten Tagen) wiederfand. Kurz: es war wie überall anders auch, bloß noch frustrierender, weil ich mir den Mangel an Einsicht in gewisse Problematiken bei Mensa wirklich nicht mit einem Mangel an Intelligenz erklären konnte. Im Unterschied zu meinem Erwerbsarbeitsumfeld gab es bei Mensa ja noch nichtmal Geld für meine Anwesenheit, das mich vielleicht teilweise für die Abgründe entschädigt hätte, vor denen ich mich dort regelmäßig wiederfand.

Aber ich hatte ja gerade erst angefangen und war wild entschlossen, Mensa eine weitere Chance zu geben. Welche weiteren Bereiche von Mensa ich dann erkundet habe, und wie es mir dort ergangen ist, folgt dann alsbald in weiteren Beiträgen (voraussichtlich vier an der Zahl)…

Ergänzung: Hier geht es zum zweiten Teil.

6 thoughts on “Hochbegabt im Verein – ein Rückblick auf meine Zeit bei Mensa e.V. (Teil 1)

  1. Vielleicht bist du mit zu hochgesteckten Erwartungen Mitglied geworden?

    Auch ich bin unlängst Mitglied bei Mensa geworden, allerdings verspreche ich mir davon nicht, nun Teil einer kleinen Clique von Erleuchteten zu sein. Ein IQ von 130 ist nämlich nun wirklich nichts Außergewöhnliches. Einer von 50? 2 % der Bevölkerung? Mal ehrlich, das gibt es an jeder Straßenecke…

    Interessant wird es, wenn die Aufnahmekriterien etwas restriktiver sind… 0,1 % der Bevölkerung etwa. Was drüber ist, lässt sich ohnehin kaum noch zuverlässig bestimmen… es gibt einfach zu wenig geeignete Probanden, um entsprechende Tests zu entwickeln…

    Nur darf ich versichern, dass das Vereinsleben in solchen Vereinigungen dann NOCH dürftiger ausfällt. Der Frauenanteil ist NOCH geringer und die wenigen Mitglieder sind über die ganze Welt verstreut.

    Zu Mensa gibt es also kaum eine Alternative. Es sei denn, man will sich gar nicht vernetzen.

    Und übrigens: Intelligenten Menschen sollte man besser nicht mit ausgerechnet Feminismus kommen, das KANN nur ins Auge gehen. :)

    Feminisimus und seine Ableger (Gender usw.) sind Ideologien, die nicht auf Tatsachen beruhen und keiner Logik folgen.

    Damit kann man intelligente Menschen also recht schnell zur Weißglut bringen… schon ein gegenderter (und damit schlagartig unlogischer) Text vermag das. Wie Sand im Getriebe des Denkens…

  2. Weil da niemand was für Feminismus übrig hat oder wie?

    Gern geschehen. :)

    Und nochmals: Keine Ahnung, ob Mensa was taugt, bin grad erst beigetreten.

    Sieht mir ja eher nach einer großen Spaßveranstaltung aus, aber vielleicht haben sie ja eine gute Kicker-Mannschaft.

    Bin nicht anspruchsvoll…

  3. Wenn man keine Ahnung hat… ;-) Underlord demonstriert wohl gerade wirklich fantastisch das was im Text von TDG durchklang. Vielleicht ist es eine kleine Krankheit gewisser hochbegabter Menschen, zu glauben, dass man sich gar nicht erst über etwas informieren und über die Infos nachdenken muss.

    Wirklich schade das alles. Ich überlege auch gerade, Mensa beizutreten und hatte gehofft, dass man dort etwas mehr Sinn für Komplexität und Vielfalt hat.

    Schade, dass du ausgetreten bist TDG. Wenn alle queeren Leute, die gerne in Kapuzenpulli lästerfrei über gute Literatur quatschen wollen, letztendlich wieder austreten, wird das ja nie was…

    Ich bin übrigens gerade in der gleichen Situation wie du vor deinem Eintritt. Auch ich bin eben genau nicht diese “typische Hochbegabte” und habe dann wieder angefangen, mich für Mensa zu interessieren, als ich von der QueerSIG und der KlapSIG gehört habe.

    Ich wage es wahrscheinlich trotzdem. ;-)

  4. @ machtdannmalmit: Das ist keine Krankheit, sondern schlicht das unhinterfragte Privileg, von gewissen Machtstrukturen dieser Welt erheblich zu profitieren und sie deshalb nichtmal zur Kenntnis nehmen zu müssen. Solche Leute mögen es nie, wenn man sie darauf hinweist, auf wessen Kosten sie es gerade so gut haben… Und Als-irrational/unlogisch-erklären ist dann eine beliebte Derailing-Strategie (insbesondere unter Leuten, denen ihr Selbstbild als “intelligent” und “rational” wichtig ist).

    Mit deinem Argument, dass sich bei Mensa nichts ändert, wenn Leute wie ich dort gleich wieder austreten (oder gar nicht erst eintreten), hast du natürlich recht. Aber wenn ich mir meine begrenzte Lebenszeit so angucke, dann suche ich mir doch lieber Aktionsfelder, wo die anderen Anwesenden zumindest aktiv an Perspektiven wie meiner interessiert sind (und zwar nicht nur, damit sie hinterher mit ihrer “Toleranz” und “Vielfalt” angeben können). Oder welche, wo es um wichtigere Dinge im Leben als Hochbegabtenförderung und -vernetzung geht.

    Trotz meiner persönlichen Inkompatibilität mit und allgemeinen Kritik an Mensa will ich aber keine_n davon abhalten, dort beizutreten. Es haben ja erstens nicht alle den Luxus, anderweitig mit besser kompatiblen hochbegabten Menschen befreundet zu sein, und zweitens suchen ja auch nicht alle das Gleiche wie ich bei Mensa. Mal abgesehen davon, dass ich es Menschen gern selbst überlasse, sich ein Urteil zu bilden.

    Und vielleicht ist Mensa da, wo du bist, ja anders? Oder es hat sich in den letzten zwei Jahren Entscheidendes geändert? Ich wünsche dir jedenfalls bessere Erfahrungen, als ich sie gemacht habe!

  5. Darf ich fragen, an welchem Ort / LocSec du bei Mensa warst?
    Ich überlege selbst, Mensa beizutreten, und bin von den in deinem Beitrag geschilderten Einstellungen ziemlich abgeschreckt, auch wenn wahrscheinlich leider die Mehrheit der Bevölkerung so denkt…
    Ich freue mich immer, über queerfeministische und antinationalistische Themen diskutieren zu können, zwar ist ein Hochbegabtenverein dafür nicht unbedingt der geeignete Ort, nichtsdestotrotz würde ich zumindest Verständnis für den zugrundeliegenden Argumentationsgang erwarten.
    Sonst sind vermutlich andere Organisationen, die sich hauptsächlich mit diesen Themen beschäftigen, oder Parteien des linken Spektrums besser für die eigene Teilhabe geeignet.

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