Derailing “Romeos”?

Der Film Romeos dreht sich um den jungen schwulen Transmann Lukas (Rick Okon), der sich mit seiner besten lesbischen Freundin Ine (Liv Lisa Fries) durch den Alltag als Neu-Zivi und die Kölner Partyszene schlägt und versucht, dabei als trans* möglichst ungeoutet zu bleiben. Auf einer gemischten, heterodominierten WG-Party trifft Lukas den attraktiven, selbstbewussten, machoesken und sexuell aggressiven “Italiener” Fabio (Maximilian Befort), der Lukas’ Männlichkeitsideal verkörpert, und verliebt sich in ihn. Daraus folgen diverse Konflikte um Identitäten, Körper, sexuelle Orientierungen, Vertrauen, Abenteuerlust, und so weiter. Der ganz normale Teenie-/Jungerwachsenenwahnsinn also, mit dem auffallenden Unterschied, dass er zu größeren Teilen in schwullesbischem Kontext stattfindet. Was vor allem deswegen so auffällt, weil man die völlig normale Präsenz schwullesbischer Kontexte im Leben schwuler, lesbischer, bisexueller und weiß-nicht-so-genauer Menschen aus der Mainstreammedienlandschaft schlicht nicht kennt.

Ich habe diesen Film mit sehr gemischten Gefühlen dieses Jahr bei den Lesbisch-Schwulen Filmtagen (LSF) in Hamburg gesehen. Vor kurzem lag er nun bei der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) zur Altersfreigabe vor. Beantragt war eine Freigabe ab 12 Jahren, beschlossen wurde eine Freigabe ab 16 Jahren. Die Begründung der FSK [pdf] landete bereits vor einiger Zeit in meinem Postfach, ich habe mich kurz aufgeregt über die konzeptionell verwirrten und insgesamt extrem heteronormativen Formulierungen und das Ding dann als “war wohl nicht anders zu erwarten” ins Archiv verschoben.

Heute fand ich nun aber bei Joke von laufmoos eine umfassendere Analyse der Begründung der FSK und eine sich daran anschließende interessante Diskussion über Lesarten des Films, Definitionen von queer und verwandte Themen. Neu war mir, dass die FSK offenbar nach Protesten eine neue Begründung ihrer Einschätzung (via) formuliert hat, an der Einstufung “ab 16” aber festhält. Eigentlich wollte ich auch nur einen Kommentar bei laufmoos hinterlassen, aber als ich so ins Schreiben kam, wurde alles wieder sehr lang, und erschien mir besser in einem eigenen Blogbeitrag aufgehoben.

Zunächst noch ein paar mehr Worte zum Film selbst:

Der Film spielt v.a. in einer Gruppe Teenies/Jungerwachsener in Köln, die meisten erstmals außerhalb des Elternhauses und in der Großstadt wohnend und mit entsprechendem Freiheitsauslebenwollensdrang. Es gibt als Orte zum Ausgehen (und zur Thematisierung von Sexualität) heterodominierte WG-Partys, schwule Discos und eine heterodominierte Billardkneipe. Es geht insgesamt viel um Begehren, Sex und die Suche nach dem*der “Richtigen”, Langzeitbeziehungen sind mir nicht in Erinnerung geblieben. Aber ganz ehrlich: ich erinnere mich auch nicht an viele heterosexuelle Langzeitbeziehungen um mich herum, als ich so zwischen 16 und 20 war. Mir scheint der sogenannte “häufige Wechsel von Partner*innen” (welche Häufigkeit hier auch immer die “normale” Vergleichsgröße bilden mag…) daher eher als ein Phänomen, das typisch für eine bestimmte Lebensphase ist, als eine spezifisch homosexuelle Angelegenheit.

Wie mittendrin in dieser ohnehin schon recht achterbahnmäßig emotional aufgeladenen Szenerie nun auch noch ein Transmann vorkommt, fand ich eigentlich sehr deprimierend realistisch umgesetzt. Ich war jedenfalls mal wieder extrem froh, mich inzwischen deutlich jenseits dieses Alters und dieser Lebenswelt zu befinden, die auch für mich als Nicht-Trans*mann eher keine unkomplizierte Lebenszeit war.

Ich habe an der einen oder anderen Stelle im Kino zwar sehr genervt über die vielen sexuellen, geschlechtlichen und ethnisierten Stereotype mit den Augen gerollt, aber so im Nachhinein muss ich das Genervtsein zumindest ein bisschen zurücknehmen, denn viele der Stereotype werden dann doch wieder irgendwie gebrochen. Zum Beispiel knutscht die extrem stereotyp großäugig-naive Die-kann-nur-hetero-sein-Blondine Jacqueline (Juliane Knoppek), mit der der stereotyp mackerige “Italiener” Fabio eine Zeitlang liiert ist, später mit der lesbischen besten Freundin von Lukas, dem bezüglich seiner Männlichkeitsideale vollkommen stereotypen Transmann. Das mit den vermeintlich klaren Kategorien der sexuellen Orientierung bringt der Film an vielen Stellen also wirklich angenehm vieldeutig durcheinander. Man könnte das vielleicht auch als pseudo-unpolitische Beliebigkeit abtun, aber ich empfinde es als durchaus passend für die dargestellte Welt. Als “eigentlich hetero”, wie in der Diskussionbei laufmoos aufkam, ist Fabio für mich jedenfalls nicht so ohne weiteres zu lesen.

Es gibt natürlich auch insgesamt nicht nur eine “richtige” Lesart von Romeos. Im Gegenteil, gerade seine relative Intersektionalität (hier v.a. verkörpert durch den schwulen Transmann und den schwulen/bisexuellen “Italiener”) eröffnet deutlich mehr als einen Blick auf die gezeigten Situationen. Auch Szenen wie die, in der Ine Lukas vorwirft, er habe nur noch trans* im Kopf und sei für die Anliegen seiner besten Freundin überhaupt nicht mehr offen, fand ich sehr realistisch und gelungen un-einfach. Gleiches gilt für die Weigerung der Pflegedienstleiterin Annette (Silke Geertz), ihrem sexistischem Chef Herrn Boeken (Gilles Tschudi) gegenüber zugunsten von Lukas Kompromisse einzugehen, die ihr zum Nachteil wären. Insofern bin ich inzwischen durchaus geneigt, meine gemischten Gefühle als Erfolg des Films zu verbuchen, der zwar in vielen Punkten sehr trans*- und homofreundlich ist (insbesondere durch die Selbstverständlichkeit, mit der diese Identitäten und Verhaltensweisen portraitiert werden), aber es sich dennoch nicht so einfach macht, die Welt in saubere Schubladen von “Guten” und “Bösen” aufzuteilen.

Nun zur ersten Begründung der FSK (hier nochmal der Link [pdf]): Für mich liest die sich, als ob jemand Schwullesbisches bei der FSK arg besorgt über das schlechte und “einseitige” Bild von Lesben und Schwulen gewesen sei, weil im Film zu viel über häufig wechselnde Partner*innen von Nicht-Heterosexuellen und zu wenig über monogame Langzeitbeziehungen gesprochen wird. Um Transidentität geht es in der Begründung eigentlich überhaupt nicht (weswegen das Thema auch gar nicht unter dem Punkt “Inhalt”, sondern erst in der “Beurteilung” auftaucht). Wenn darin also irgendwas deutlich wird, ist es das völlige Unverständnis von Trans*sein seitens der Person, die diese Begründung verfasst hat.
Alles weitere haben Joke von laufmoos und andere bereits zur Genüge auseinandergenommen, so dass ich hierzu nichts weiter sagen werde (Links siehe unten).

Die zweite Begründung der FSK (hier nochmal) deckt sich inhaltlich mit dem, was ich im Film tatsächlich gesehen habe. Warum Zwölfjährige jetzt mit dem Dargestellten überfordert sein sollen, weiß ich allerdings auch nicht. Vor allem nicht, wenn man sich vergegenwärtigt, was sonst so alles als zumutbar und verkraftbar für diese Altersgruppe gilt (bei bisexualitaet.org und MoviePilot finden sich einige hübsche Vergleichsfälle).

Was ich an der ganzen Debatte mit am interessantesten finde, ist allerdings nicht der ganze Wirbel um die Homofeindlichkeit der ersten FSK-Begründung (und -Einstufung an sich). Sondern die Tatsache, dass hier die ganze Zeit über die Darstellung von Homosexualität geredet wird, obwohl die eigentliche Story sich zentral um die Transidentität des Protagonisten dreht, der halt außerdem schwul ist (das ist aber nie ein Problem im Film). Und nun frage ich mich, ob wir es hier nicht vor allem mit einem klassischen Fall von Derailing zu tun haben… Um mal das GeekFeminismWiki zu zitieren:

Derailment occurs when discussion of one issue is diverted into discussion of another issue, often by the group who were being called out about their bad behaviour in the first place. […] Typically, derailing will instead centre the needs of the relatively privileged group and ask the activist to reframe the conversations or actions around members of that group.

In anderen Worten: die Debatte verschiebt sich hier zu den Anliegen der relativ privilegierteren Gruppe der Lesben und Schwulen, womit verhindert wird, dass a) Lesben und Schwule sich mit ihrer eigenen Trans*feindlichkeit auseinandersetzen müssen, b) der Film auf seine Darstellung von Transidentität und Trans*leben hin untersucht wird, c) überhaupt über Trans* geredet wird. Statt dessen reden wir wieder einmal über Lesben und Schwule (richtiger: Schwule und Lesben) und haben außerdem noch den Nebeneffekt, dass der schwullesbisch zentrierte Protest positiv mit Trans* assoziiert wird (denn der Film ist ja in den meisten Köpfen vermutlich trotzdem zuerst ein Trans*film), d.h. die Trans*feindlichkeit von Schwulen und Lesben wird doppelt verschleiert.

Dabei bietet der Film selbst durchaus interessante und brauchbare Anknüpfungspunkte, um genau an die Schnittstelle zu gucken, wo Transidentität und Homo-/Bisexualität aufeinandertreffen, sowohl in subkulturellen Gemeinschaften als auch in ein und demselben Menschen…

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Weitere Texte zur FSK-Einstufung:

One thought on “Derailing “Romeos”?

  1. Pingback: Unbehagen der Geschlechter: Spiel der Stereotype in „Romeos“ | A New Eve

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