Es gibt etwa 33 bis 454 Geschlechter…

Bei einer meiner Erkundungstouren durch Teile des Internets bin ich irgendwann auch auf der Website der Antidiskriminierungsstelle des Bundes gelandet. Dort findet sich eine Meldung zu einer aktuellen Plakatkampagne mit dem Slogan “Kein Mensch passt in eine Schublade!” (die ganze Reihe der Motive findet sich hier zum Anschauen). Illustriert mit dem stets gleichen Foto eines nostalgischen Kartenkatalog-Schubladenschranks (für die jüngeren Lesenden: sowas Schickes gab’s in jeder schnöden Stadtteilbibliothek bevor die Büchersuche digitalisiert wurde) werden hier die unterschiedlichen Diskriminierungsthemen des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) thematisiert: Herkunft, Geschlecht, Religion, Behinderung, Alter und sexuelle Identität.

Es finden sich daher auf den Schubladen lauter kleine Label mit Bezeichnungen wie: uralt, jung, alt; blind, gehörlos, lernbehindert, chronisch krank; Türken, Roma, Russen, Italiener; Muslime, Christen, Juden. Weitere Schubladenschilder sind zwar beschriftet, aber zu verschwommen um lesbar zu sein (jedenfalls auf der online verfügbaren Größe des Plakats). Ich könnte jetzt noch weiter fragen, warum die jeweils erstgenannten Begriffe jeweils auf der halb offenen Schublade im Mittelpunkt des Bildes stehen (handelt es sich dabei um besonders beliebte Diskriminierungsziele? besonders große “Minderheiten”?), warum es bei “Herkunft” keine Deutschen gibt (weil Deutschsein hierzulande die Norm und daher unsichtbar ist?), warum nichtbehindert auf keinem der Label steht (weil Schubladisierung nur dann ein Problem ist, wenn man deshalb diskriminiert wird?), und so weiter. Aber das alles soll heute nicht mein Thema sein. Halten wir für heute fest, dass eine Anzahl von mehr als drei Ausprägungen bei Kategorien wie “Herkunft” oder “Religion” vermutlich den meisten Menschen nicht ungewöhnlich erscheint.

Plakatkampagne "Kein Mensch passt in eine Schublade" - Motiv Sexuelle IdentitätAber dann gibt es da auch die Plakate zu Geschlecht und Sexualität. Lesen kann man: lesbisch, schwul, hetero, bisexuell bzw. Frau, Mann, Trans, intersexuell. Normalerweise ist ja allerspätestens nach diesen vier Begriffen Schluss mit dem vorhandenem Vokabular und Gedankenmodell. Nicht so auf diesem Plakat. Der Schubladenschrank hat nämlich ungefähr 33 sichtbare Schubladen. Und die Nummerierung derselben spricht gar von Zahlen im Bereich von 283 (Sexualität) und 454 (Geschlecht). Selbst wenn wir annehmen, dass jede Diskriminierungskategorie schön ordentlich ihren eigenen 100er-Nummernblock hat (die Fotos legen es nahe), so lässt das doch auf eine ungewohnt große Menge an möglichen und eigentlich sogar vorgesehenen Schubladen bzw. Identitätsbezeichnungen schließen – Platz dafür ist ja.

Plakatkampagne "Kein Mensch passt in eine Schublade!" - Motiv GeschlechtUnd ich muss schon sagen, es erfreut mein subversives Herz wirklich sehr, dass die Botschaft von den vielen, vielen Schubladen pro Kategorie jetzt so ganz unterschwellig und mit offiziell-behördlichem Stempel in die Öffentlichkeit getragen wird. Am allerschönsten finde ich aber die leeren Schilder (links im Bild) zum Selbstbeschriften, falls die vorgeschlagenen Label für die zufriedenstellende Selbstdefinition nicht ausreichen. Falls auch das nicht genug ist, können wir uns ja auf den guten alten analogen Verweis besinnen und auf unseren Karten in den Schubladen unserer Wahl kleine Hinweisnotizen zu unseren anderen Karten in den anderen Schubladen eintragen. Das ist dann auch schon fast wie Internet, wenn nicht (wegen des Mitmachfaktors) gar wie Web 2.0.

Weiterhin erfreue ich mich an Phantasien von kreativ ergänzten Plakaten dieser Kampagne im öffentlichen Raum (Tipp für die legale Variante dessen: man kann die Plakate demnächst kostenlos bestellen). Hach, so machen mir Identitätsschubladen wirklich Freude! Das war zwar jetzt nicht direkt die Botschaft der Plakatkampagne, aber da nehme ich mir doch gerne die Freiheit der eigenen Lesart.

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