Jeans statt Hormone!

Mit der richtigen Jeans ist ja alles so einfach. Man zieht sie an, guckt in den Spiegel und sieht genau den Körper, den man sehen möchte.

Man spart sich den Gang zu Gutachter*innen, Ärzt*innen, Therapeut*innen, Krankenkassen, Gerichtsterminen, Behörden, etc. Kein Arbeitsausfall wegen Krankenhausaufenthalten. Kein vermutlich erhöhtes Leberkrebsrisiko wegen Testosteroneinnahme. Keine Narben. Keine Pickel. Kein Stimmbruch. Kein mühseliges Bodybuilding. Man spart sich sogar den Friseurbesuch!

Danke, Salsa.

Jetzt würde ich nur gern noch die Anzeige für die umgekehrte Richtung sehen. Aber “Männer”, die sich im Spiegel als Frauen sehen, sind wohl doch noch ein wenig zu gewagt für die hippe Modewelt.

(Bild gefunden in einem Onlineshop)

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Es gibt etwa 33 bis 454 Geschlechter…

Bei einer meiner Erkundungstouren durch Teile des Internets bin ich irgendwann auch auf der Website der Antidiskriminierungsstelle des Bundes gelandet. Dort findet sich eine Meldung zu einer aktuellen Plakatkampagne mit dem Slogan “Kein Mensch passt in eine Schublade!” (die ganze Reihe der Motive findet sich hier zum Anschauen). Illustriert mit dem stets gleichen Foto eines nostalgischen Kartenkatalog-Schubladenschranks (für die jüngeren Lesenden: sowas Schickes gab’s in jeder schnöden Stadtteilbibliothek bevor die Büchersuche digitalisiert wurde) werden hier die unterschiedlichen Diskriminierungsthemen des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) thematisiert: Herkunft, Geschlecht, Religion, Behinderung, Alter und sexuelle Identität.

Es finden sich daher auf den Schubladen lauter kleine Label mit Bezeichnungen wie: uralt, jung, alt; blind, gehörlos, lernbehindert, chronisch krank; Türken, Roma, Russen, Italiener; Muslime, Christen, Juden. Weitere Schubladenschilder sind zwar beschriftet, aber zu verschwommen um lesbar zu sein (jedenfalls auf der online verfügbaren Größe des Plakats). Ich könnte jetzt noch weiter fragen, warum die jeweils erstgenannten Begriffe jeweils auf der halb offenen Schublade im Mittelpunkt des Bildes stehen (handelt es sich dabei um besonders beliebte Diskriminierungsziele? besonders große “Minderheiten”?), warum es bei “Herkunft” keine Deutschen gibt (weil Deutschsein hierzulande die Norm und daher unsichtbar ist?), warum nichtbehindert auf keinem der Label steht (weil Schubladisierung nur dann ein Problem ist, wenn man deshalb diskriminiert wird?), und so weiter. Aber das alles soll heute nicht mein Thema sein. Halten wir für heute fest, dass eine Anzahl von mehr als drei Ausprägungen bei Kategorien wie “Herkunft” oder “Religion” vermutlich den meisten Menschen nicht ungewöhnlich erscheint.

Plakatkampagne "Kein Mensch passt in eine Schublade" - Motiv Sexuelle IdentitätAber dann gibt es da auch die Plakate zu Geschlecht und Sexualität. Lesen kann man: lesbisch, schwul, hetero, bisexuell bzw. Frau, Mann, Trans, intersexuell. Normalerweise ist ja allerspätestens nach diesen vier Begriffen Schluss mit dem vorhandenem Vokabular und Gedankenmodell. Nicht so auf diesem Plakat. Der Schubladenschrank hat nämlich ungefähr 33 sichtbare Schubladen. Und die Nummerierung derselben spricht gar von Zahlen im Bereich von 283 (Sexualität) und 454 (Geschlecht). Selbst wenn wir annehmen, dass jede Diskriminierungskategorie schön ordentlich ihren eigenen 100er-Nummernblock hat (die Fotos legen es nahe), so lässt das doch auf eine ungewohnt große Menge an möglichen und eigentlich sogar vorgesehenen Schubladen bzw. Identitätsbezeichnungen schließen – Platz dafür ist ja.

Plakatkampagne "Kein Mensch passt in eine Schublade!" - Motiv GeschlechtUnd ich muss schon sagen, es erfreut mein subversives Herz wirklich sehr, dass die Botschaft von den vielen, vielen Schubladen pro Kategorie jetzt so ganz unterschwellig und mit offiziell-behördlichem Stempel in die Öffentlichkeit getragen wird. Am allerschönsten finde ich aber die leeren Schilder (links im Bild) zum Selbstbeschriften, falls die vorgeschlagenen Label für die zufriedenstellende Selbstdefinition nicht ausreichen. Falls auch das nicht genug ist, können wir uns ja auf den guten alten analogen Verweis besinnen und auf unseren Karten in den Schubladen unserer Wahl kleine Hinweisnotizen zu unseren anderen Karten in den anderen Schubladen eintragen. Das ist dann auch schon fast wie Internet, wenn nicht (wegen des Mitmachfaktors) gar wie Web 2.0.

Weiterhin erfreue ich mich an Phantasien von kreativ ergänzten Plakaten dieser Kampagne im öffentlichen Raum (Tipp für die legale Variante dessen: man kann die Plakate demnächst kostenlos bestellen). Hach, so machen mir Identitätsschubladen wirklich Freude! Das war zwar jetzt nicht direkt die Botschaft der Plakatkampagne, aber da nehme ich mir doch gerne die Freiheit der eigenen Lesart.

Der Plan.

Also, Bloggen will ich ja schon lange. Ich habe in den letzten Jahren bestimmt auch schon zehn Blogs eingerichtet und begonnen, sie mit Inhalt zu füllen. Und fast genauso viele habe ich nach einer Weile wieder gelöscht, gesperrt oder einfach einschlafen lassen.

Es gibt natürlich diverse Gründe, weshalb ich immer wieder mit den Blogs aufgehört habe.

Nachdem ich einen thematischen Blog begonnen hatte, folgte über kurz oder lang eine Phase, in der das Thema des Blogs einen extremen Randplatz in meinem Leben eingenommen hat (so dass ich nichts dazu zu sagen hatte und der Blog ewig lang unaktualisiert brach lag). So ist das bei mir eben manchmal mit den Themen: sie beschäftigen mich eine Weile sehr intensiv (und manchmal auch etwas obsessiv), dann entdecke ich ein neues Interesse oder grabe ein altes Thema wieder aus und wende meine Aufmerksamkeit anderswo hin. Und wer folgt schon einem Blog, der manchmal monatelang nicht aktualisiert wird, weil seine Inhaberin gerade in einem anderen Projekt steckt und dort eifrig Texte, Veranstaltungen oder Kleidungsstücke produziert?

Bei Blogs, die thematisch offen waren, stieß ich immer wieder an die Grenzen dessen, was ich über mich, meine Leben, meine Interessen und meine Netzwerke frei zugänglich ins Internet stellen wollte. Ich bin nämlich alt genug, um das Verschwinden privater Räume on- und offline nicht vollkommen selbstverständlich und ganz großartig zu finden. Und seit ich nicht mehr studiere, sondern “hauptberuflich” in einem doch sehr mainstreamigen Umfeld arbeite, ist mir zugegebenerweise auch nicht mehr ganz so egal, wer was über mich erfährt. Die engeren Freund*innen und die ganz Fremden sind dabei ja nie so das Problem. Bloß diese ganzen Menschen, die man so ein bisschen kennt. Und es auch gern dabei belassen möchte. Will ich wirklich riskieren, dass all die sorgfältig getrennt gehaltenen Teile des Ganzen hier einfach unkontrolliert ineinander fließen?

Und schließlich wusste ich nie so richtig, ob ich nun auf deutsch (die Sprache des Landes, in dem ich lebe) oder auf englisch (die Sprache der meisten Blogs, die ich lese und in deren Netzwerk ich mich gern einknüpfen wollte) schreiben sollte. Oder gleich zweisprachig? Aber dann müsste ich ja jeden Beitrag zweimal schreiben – lohnt das denn? Und hätte ich da im Ernst Lust drauf?

Was ist diesmal also anders als sonst?

Ich habe vor, über alles mögliche zu schreiben, was mir gerade interessant erscheint. Vermutlich wird es einige Themen geben, die öfter mal vorkommen, weil sie mich recht zuverlässig immer mal wieder beschäftigen. Zum Beispiel: Geschlecht/Gender, Sexualität, Transgender, queer, Butch/Femme, Medien, Hochbegabung, Arbeit…

Irgendwas davon ist eigentlich immer irgendwie Thema, so dass eventuelle längere Veröffentlichungspausen vermutlich eher mit Zeitmangel als mit Inspirationslosigkeit begründet sein werden. Und vielleicht interessieren sich ja auch andere Leute für mehr als eins dieser Themen und freuen sich, damit nicht die einzigen zu sein. Und andere freuen sich vielleicht über Blicke über den eigenen thematischen Tellerrand. Das hat ja mit den analogen Kopier- und Schnibbel-Zines, die ich früher produziert habe, auch immer wieder ganz hervorragend geklappt. Und nicht zuletzt lese ich solche wild gemischten Blogs selbst auch ziemlich gerne.

Ich lasse es mal drauf ankommen, ob sich jemand zusammenreimt, wer ich bin, und was daraus für Schlüsse gezogen werden. Meine Teile des Ganzen sind ja sowieso immer alle da, auch wenn ich einige davon an dem einen oder anderen Ort eher bedeckt halte. Aber das ist ja auf Dauer auch nix, jedenfalls nicht für mich. Also riskiere ich jetzt einfach mal, wieder etwas öffentlicher etwas weniger einseitig wahrnehmbar zu werden. Ich bin überzeugt, das wird insgesamt zu meinem Wohlbefinden beitragen.

Offensichtlich habe ich mich erstmal für deutsch als Hauptsprache des Blogs entschieden. Ich glaube, es wird Zeit, ein bisschen mehr in meiner Nähe zu gucken und zu denken und zu schreiben (und hoffentlich auch gelesen zu werden). Wenn ich aber nun eines Tages feststelle, dass ein bestimmter Text gern auf englisch geschrieben werden möchte, dann ist das eben so.

Ich bin jedenfalls sehr gespannt, wie es hier weitergeht.