Kettensägen und Nähmaschinen

Kettensägen und Nähmaschinen

In einem (selbstverständlich lesenswerten) Text über Butches von Ivan E. Coyote fand ich heute diesen Satz:

There was a sign in the window of the garage saying they were a Husqvarna dealer — you know, the chainsaws and stuff. Well anyways, they are my favourite chainsaws, so I went in to look around.

Husqvarna?? *gnihi* Meine ungefähr 23 Jahre alte heißgeliebte Nähmaschine ist auch von Husqvarna. Und die alte Nähmaschine von meiner Mutter, auf der ich nähen gelernt habe, war auch von Husqvarna. Und deswegen denke ich bei der Marke auch immer nur an Nähmaschinen und nie an Kettensägen. Also eher “you know, the sewing machines and stuff.” Alles eine Frage der Perspektive.

Coyote erzählt jedenfalls weiter:

Standing next to the parts counter in the back with his back turned was a cat in mechanics’ overalls. Then she turned around. Tall drink of water, dirt under her nails. Almost worn out navy-blue coveralls with her name stitched on them.
[...]
We never really spoke much, just stuff about whether or not they had any Husqvarna T-shirts (they did, men’s medium, they did) and so I left with a $10 T-shirt and my heart in my throat a little, imagining her there, butch as the day is long for sure if I ever saw one, in that town in my rearview mirror.

Vielleicht sollte ich mir auch ein Husqvarna-T-Shirt kaufen. Vielleicht führt das zu interessanten Gesprächen mit Kettensägenconnoisseur*innen, die ja vielleicht nicht alle so schweigsam sind wie die Butch in dieser Geschichte.

(Und damit ich diesen Gesprächen auch klugscheißerisch gewachsen bin, habe ich mich jetzt gleich mal darüber informiert, dass Husqvarna zuerst Musketen, dann Nähmaschinen, dann Motorräder und dann Kettensägen und Mikrowellen hergestellt hat. Falls mir jemand mit “eigentlich ist das aber ‘ne Motorradmarke” oder so kommen sollte. Pff.)

Oder ich lerne dank meines neuen Husqvarna-T-Shirts andere Nähmaschinenbenutzer*innen kennen und kann mit ihnen ein femininitätsfreundliches und queerpositives Handarbeitskränzchen gründen. Da können wir uns dann über schweigsame und andere Butches unterhalten, fachkundige Tipps und Tricks aus dem Textilhand- und -kunstwerk austauschen und natürlich darüber sprechen, wieso es diesen Gürtel nicht mit dem Text “Husqvarna – SEWING MACHINES – since 1872″ gibt…

Hochbegabt im Verein: Unüberbrückbare Differenzen (Teil 4)

Hochbegabt im Verein: Unüberbrückbare Differenzen (Teil 4)

Dies ist der vierte und letzte Teil meines Rückblicks auf meine Zeit bei Mensa in Deutschland e.V. Die anderen Teile sind hier zu finden: Teil 1 (Stammtischbesuche), Teil 2 (Mensa im Netz, einige Special Interest Groups und die Sache mit der Politik), Teil 3 (Frauengruppen).

Trotzdem meine bisherigen Versuche, bei Mensa kompatiblen Anschluss zu finden, allesamt eher gescheitert waren, blieb ich hartnäckig und dachte, es liegt vielleicht am Modell des Stammtischs, der mir kommunikationstechnisch möglicherweise einfach nicht so liegt. Also sah ich mich im Veranstaltungskalender nach weiteren Möglichkeiten um und fand eine Mensa-Literaturgruppe. Ich kannte inzwischen ein paar Leute, die immer dorthin gingen, und die bereits längere Zeit versucht hatten, mich zu rekrutieren. So richtig war ich aber nicht zu begeistern, da die besprochenen Bücher nicht wirklich meinem Leseinteresse entsprachen.

Eines Tages wurde dann für den nächsten Literaturgruppentermin die Besprechung eines Buchs angekündigt, das ich erstens schon kannte, zweitens mochte und drittens auch gerne nochmals lesen wollte: Jasper Ffordes The Eyre Affair (dt. Der Fall Jane Eyre). Ich meldete mich also wohlgemut an und las auch motiviert das Buch nochmal durch – schließlich wollte ich beim Treffen nicht nur mit nebligen Erinnerungsfetzen aufwarten. Ich bereitete mich also mental darauf vor, auf Menschen zu treffen, deren Interessen zumindest nah an meinen ehemaligen Studienfächern (ich komme da ja aus dem Kultur- und Literaturbereich) waren, auch wenn sich unsere Bücherregale inhaltlich nicht stark überschnitten.

Ich kam am betreffenden Abend im betreffenden Privathaushalt an – und erlitt gleich einen Kulturschock. Ich weiß nicht, ob ich jemals schon in einer derart bilderbuchmäßig bildungsbürgerlichen Wohlstandswohnung gewesen bin! Es war wie in einem Museum. Darauf hatte mein Studium mich wahrhaftig nicht vorbereitet, egal wievielen Lesungen des universitären Literaturmagazins ich beigewohnt hatte. Ich saß also ein bisschen steif auf meinem gepolsterten Stuhl, kam nicht gut an meine Teetasse (mit Untertasse!) auf dem kleinen Beistelltischchen mit den hochwertigen Knabbereien heran, und fühlte mich in meinem billigen Kapuzenpulli von C&A fehl am Platz. Aber ich wollte ja nicht vorschnell urteilen, und wer weiß schon, was sich hinter der gediegenen Fassade verbirgt? Wohlstand an sich ist ja noch kein Charakterfehler.

Irgendwann begann das Gespräch über das Buch, und als erstes tat die Gastgeberin(?) dramatisch kund, sie habe es blöd gefunden und daher gar nicht wirklich gelesen. Ah ja. Offenbar hatte ich das Prinzip Literaturgruppe von Anfang an falsch verstanden: das eigentliche Lesen des Buches war entgegen aller Ankündigungen gar nicht Voraussetzung für die Teilnahme am kritischen Gespräch über eben jenes Buch!

Auch sonst schien das Werk aber auf eher wenig Begeisterung zu stoßen, also versuchte ich, eine Lanze dafür zu brechen. Ich sprach von der Kulturtechnik des Sampelns und Collagierens (ich habe sogar Dada und Punk erwähnt, um dem Ganzen etwas kunsthistorischen Hintergrund zu geben), von Ironie, die gleichzeitig Hommage ist, und von meinem ganz persönlichen Fan-Entzücken, Shakespeares Richard III im Stil der Rocky Horror Picture Show aufgeführt beschrieben zu sehen. Aber es war hoffnungslos. Diese Menschen bewohnten ganz offensichtlich eine komplett andere literarische Galaxie als ich und konnten daher nicht verstehen, warum man diesem Buch irgendeinen ernsthaften Wert beimessen konnte. Selbst die Frau, die das Buch ursprünglich vorgeschlagen hatte, spielte es am Ende zu einem “leichten Unterhaltungsroman” herunter, so als ob literarischer Wert erst dann entstehen kann, wenn das Lesen eines Buchs harte, intellektuelle Arbeit erfordert. Und auch der neu-mensanische junge Mann, der offensichtlich nicht aus gutem, bildungsbürgerlichen Hause kam, aber sagte, ihm habe das Buch Spaß gemacht und jetzt sei er neugierig auf Jane Eyre im Original geworden, konnte die Literaturgruppenhauptbeteiligten trotz ihres quasi-missionarischen Erfolgs nicht überzeugen.

Ich beschloss dann, dass ich keinen zweiten Eindruck von dieser Literaturgruppe brauchte, die derart beschränkte Vorstellungen von “würdiger” Literatur hatte. Das war wirklich unter meinem kulturellen Niveau.

Nach all diesen hartnäckigen Expeditionen in die Mensawelt musste ich also eines Tages einsehen, dass die Mitgliedschaft in diesem Verein für mich in der Tat weder interessant noch von Nutzen war. Ganz abgesehen von meiner Befremdung über die offizielle Mission des Vereinsvorstands, möglichst schnell möglichst viele neue Mitglieder zu bekommen, um endlich 10.000 Ms (Mensa-Mitglieder) beisammen zu haben und so – neben den USA und Großbritannien – endlich auch Sitz und Stimme im ExComm (Executive Committee) von MInt (Mensa International) zu erlangen (zu welchem Zweck eigentlich, jenseits von der vagen Rede von “mehr Einfluss”?). In jedem Fall bin ich offenbar doch nicht die Zielgruppe von Mensa in Deutschland e.V., zumindest nicht von dem, was ich hier an lokaler Mensakultur mitbekommen habe. Also bin ich zum nächstmöglichen Zeitpunkt wieder ausgetreten.

Und jetzt treffe ich mich wieder mit den (vermutlich) hochbegabten Menschen, mit denen ich auch sonst noch was gemeinsam habe. Einen aufmerksamen Blick auf Machtverhältnisse zum Beispiel. Oder ein Interesse daran, die eigenen Privilegien kritisch zu betrachten. Oder auch einfach nur einen ähnlichen (sub)kulturellen Geschmack.

Hochbegabt im Verein: Allein unter Frauen (Teil 3)

Hochbegabt im Verein: Allein unter Frauen (Teil 3)

Dies ist Teil 3 meines Rückblicks auf meine Zeit bei Mensa in Deutschland e.V. (hier sind Teil 1 zu Mensa-Stammtischen und Teil 2 zu Mensa im Netz, einigen Special Interest Groups [SIGs] und der Frage nach der Politik in diesem Verein).

Von meinen Besuchen bei den allgemein offenen Stammtischen hatte ich ja bereits im ersten Teil dieses Rückblicks berichtet. Als ich bei Mensa eintrat, gab es aber noch einen weiteren Stammtisch – nämlich ein monatliches Mensanerinnen-Treffen ohne Männer. Hurra, dachte ich, Spuren von Feminismus! Vielleicht treffe ich dort gar Lesben oder andere weibliche Queers?

Sehr gespannt ging ich also zu meinem ersten Mensa-Frauenstammtisch. Hier dominierten nun Mütter, die vor allem über die Hochbegabung ihrer Kinder sprechen wollten. Tatsächlich war nur eine außer mir ebenfalls kinderlos und unverheiratet. Später erfuhr ich, dass der Frauenstammtisch in der Tat aus einer Müttergruppe einer anderen Hochbegabtenorganisation entstanden war – das erklärte mir einiges.

Ebenfalls später zeigte mir jemand die erste schriftliche Ankündigung des Frauenstammtischs, und dann war mir auch klar, warum diese Gruppe ansonsten gern belächelt und offenbar nie allgemein als notwendig erachtet wurde. Es stellte sich nämlich heraus, dass männliche Ms ursprünglich auf die Idee gekommen waren, dass es doch mal einen Frauenstammtisch bei Mensa geben sollte (warum, blieb mir allerdings verborgen). Und die Frauen, die das Ganze dann tatsächlich organisierten, kündigten das erste Treffen dann derart entschuldigend an, als seien sie sich selbst nicht so sicher, ob sie wirklich einen ganzen Abend ohne Männer auskommen können dürfen. Aua.

Naja, es war nach anfänglichem Fremdeln dann doch irgendwie ganz nett beim Frauenstammtisch, auch wenn mein Gesprächsverhalten (ich neige zu interessierten Einwürfen von der Seite) offenbar eher irritierend gefunden wurde. Und auch wenn sich von den Organisatorinnen zu meiner großen Irritation darüber gesorgt wurde, ob denn der Ort des Treffens (ein Frauencafé) nicht vielleicht abschreckend auf Interessierte wirken könnte, wegen der Lesbenkonnotation und so. Ich war dann ein paar Monate danach nochmal mit einer Freundin da, aber so richtig warm wurde ich mit dem Frauenstammtisch nicht im Ernst. Kurze Zeit später löste er sich dann auch auf, so dass ich vielleicht einfach seine Blütezeit verpasst hatte.

Ich habe dann sogar kurz darüber nachgedacht, ob ich nicht einen neuen Frauenstammtisch ins Leben rufen soll, der weniger mütterzentriert, weniger entschuldigend, explizit lesbenfreundlicher und überhaupt irgendwie toller sein sollte. Aber am Ende konnte ich mich dann doch nicht davon überzeugen, dass lauter interessierte Mensanerinnen sehnsüchtig in ihren Wohnungen sitzen und darauf warten, dass jemand genau so einen Stammtisch ohne Männer gründet. Mal ganz abgesehen davon, dass die Frage nach den Grenzen der Kategorie “Frau” ja ohnehin keine ganz so einfache ist.

Es hat dann eine andere Frau die Initiative ergriffen und eine neue Frauengruppe bei Mensa gegründet. Diesmal eine “Arbeitsgruppe” zu Frauen und Hochbegabung. Wiederum war ich interessiert – vielleicht waren thematisch zentrierte Treffen ja eher mein Ding? Also begab ich mich an einem Wochenende in ein Hotelcafé zu einem der Termine. Zwar fand ich die Preise dort ganz schön hoch (und das implizite Nichtbedenken von Frauen mit geringem Einkommen problematisch), aber ich persönlich konnte es mir trotzdem leisten hinzugehen. Da saß ich also in einer erstaunlich großen Runde, und es sollte um hochbegabte Frauen im Arbeitsleben gehen. Wir wurden aufgefordert, uns in Arbeitsgruppen zusammenzutun, dort reihum eine Liste von (ziemlich suggestiven) Fragen von einem Zettel zu beantworten, und unbedingt ein Protokoll zu schreiben, das wir der Leiterin des Treffens am Ende zukommen lassen sollten. Ich konnte mich leider des Eindrucks nicht erwehren, dass wir gerade kostenlose Forschungssubjekte für die nächste Veröffentlichung der Leiterin sein sollten, denn von “die Ergebnisse gehen dann an alle” war irgendwie nie die Rede. Ich war also eher trotzig gestimmt.

Das Gespräch war dann so mittelinteressant. Die Frauen an sich und ihre vielen unterschiedlichen Hintergründe fand ich tatsächlich recht spannend, aber wir haben trotzdem nicht so richtig zueinandergefunden. Nichtsdestotrotz war es schön, mal nicht die einzige zu sein, die immer mal wieder Probleme mit männlichen Vorgesetzten hat, wenn diese sich wegen “hochbegabten” Verhaltens meinerseits in ihrer Autorität angegriffen fühlen. Ich treffe jedenfalls häufiger auf Chefs, dies es nicht so mögen, wenn ich Sachen schneller begreife und komplexer denke als sie, egal wie freundlich, respektvoll und kooperativ ich dann ihre Wissens- und Denklücken zu befüllen versuche.

Mir wurde aber auch mal wieder klar, dass das reibungslose Eingliedern in einen kapitalistischen Arbeitsalltag bei mir nicht nur an der Hochbegabung scheitert, sondern auch an meiner Weigerung, bestimmte Konventionen einfach so mitzumachen. Ich kann nämlich zum Beispiel Charme nicht immer und überall als Kompetenz zur Verfügung stellen. Und ich habe ausgesprochen wenig Lust, mich stets chefkompatibel zu kleiden, nur weil ich mir damit vielleicht ein paar andere Freiräume erkaufen könnte. Ganz abgesehen davon, dass mir die bei diesem Treffen geäußerte Kritik an der Arbeitswelt so wie sie ist, schlicht nicht weit genug ging – ich jedenfalls möchte meine Intelligenz nicht nur dazu benutzen, mir einen möglichst komfortablen und anerkannten Platz im System zu erobern.

Außerdem war ich bei diesem Treffen wohl zu genervt von der naiven Idee einer Teilnehmerin, man könne “unterprivilegierte” potenzielle Ms doch hervorragend und hinreichend dadurch rekrutieren, indem man ihnen Gutscheine für den Gruppen-IQ-Test von Mensa spendet. Meine Anmerkung, dass Ausschlüsse von Hochbegabten, die nicht der Mittelschicht angehören und/oder die migrantische Hintergründe haben, auf ganz anderen und viel ausschlaggebenderen Ebenen funktionieren als nun ausgerechnet dem vergleichsweise günstigen IQ-Test bei Mensa, wollte sie jedenfalls nicht hören.

Aber das war ja bei den gemischten Stammtischen auch nicht anders gewesen: Wann immer es um den oft geäußerten Wunsch ging, Mensa solle doch noch viel “bunter” werden (also: mehr Frauen, mehr Nicht-Mehrheitsdeutsche, mehr Lesben/Schwule/etc., mehr Leute aus “bildungsfernen Schichten” und so weiter), war die einzige Antwort, “die” hätten wohl kein Interesse, sonst könnten sie ja eintreten – Mensa sei schließlich, was “ihr” daraus macht. Dabei lernt man inzwischen in jeder blöden Marketingschulung, dass man seine gewünschten Kunden da abholen muss, wo sie sind, mit ihnen in einer Sprache reden muss, die sie anspricht, und dass man ihnen – ganz wichtig – etwas bieten muss, was sie interessiert und wovon sie einen Vorteil haben!

Oh, und erwähnte ich, dass ich es ganz extrem anstrengend fand, dass in dieser “Arbeitsgruppe” das Zusammentreffen von Frausein und Hochbegabung quasi von vorneherein als doppeltes Problem konzipiert wurde? Nicht, dass ich diesem Konzept nicht in vielen Punkten sogar folgen könnte oder ab und zu Bedarf hätte, über das Schwierige an der Hochbegabung zu sprechen – aber diese Art der Problemfokussierung war mir dann doch ein bisschen zu einseitig. Aber zu einem schändlich vernachlässigten “weiblichen” Problem ist halt schneller mal ein Buchvertrag geschlossen als zu einer erstmal wertneutrale Besonderheit einer kleinen Minderheit unter den Frauen der nordwestlichen Kultursphäre…

Es dürfte inzwischen für alle Lesenden offensichtlich sein: Mensa und ich waren nicht so die kompatibelste Kombination. Es hat aber noch ein bisschen gedauert, bis ich mir das so vollständig eingestehen konnte (wie gesagt, da war diese Hoffnung, dass mit mehr Intelligenz auch mehr Übereinstimmung in anderen Punkten verbunden sein könnte…). Ich sah mich also weiter um, was Mensa in meiner Stadt sonst noch so an Veranstaltungen anbot. Was dabei herauskam, berichte ich dann im vierten und letzten Teil dieser Serie.

Hochbegabt im Verein: Virtuell, homophil, pervers – aber unpolitisch! (Teil 2)

Hochbegabt im Verein: Virtuell, homophil, pervers – aber unpolitisch! (Teil 2)

Dies ist der zweite Teil meines Rückblicks auf meine Zeit bei Mensa in Deutschland e.V. (hier ist der erste Teil, in dem ich von meinen Mensa-Stammtischbesuchen erzähle).

Als Mensamitglied (kurz: M) hatte ich natürlich auch Zugang zu den zahlreichen internen Mailinglisten, Wiki-Seiten und sonstigen mitgliedsspezifischen Virtualitäten. Hoffnungsfroh loggte ich mich also ein.

Im allgemeinen Mensa-Onlinebereich fand ich eine Newsgroup-Threadstruktur vor, die zum Im-Nachinein-lesen wirklich nicht benutzer*innenfreundlich war (wie das Newsgroups eben so an sich haben). Ich persönlich finde Webforen ja deutlich praktischer und war überrascht, dass trotz der legendär hohen IT-ler*innenquote bei Mensa noch niemand eine zugänglichere Technik implementiert hatte. Aber ich bin ja nicht so leicht abzuschrecken, also fing ich an zu lesen.

Hm. Irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt. Statt anregender Diskussionen über interessante Themen unter intelligenten und halbwegs freundlichen Menschen fand ich gehäuft Beiträge, bei denen es mehr ums Rechthaben und Überlegensein zu gehen schien, als um eine gemeinsamen Unterhaltung in respektvoll-netter Atmosphäre (nichts gegen Klugscheißen als solches, aber warum nicht in charmant/kooperativ?). Ganz zu schweigen von persönlichen Angriffen auf andere Ms, die jedoch stets derart insidermäßig formuliert waren, dass sich mir als Neu-M nur äußerst selten erschloss, was denn nun eigentlich das Problem der Beteiligten war und worauf genau hier angespielt wurde. Möglicherweise bin ich ansonsten zuviel in gut (d.h. moderat) moderierten Foren mit grundsätzlich kooperativer Gesprächsatmosphäre unterwegs und daher diesbezüglich verwöhnt und hohe Erwartungen habend.

Thematisch wurde ich aber ebenfalls enttäuscht, denn inhaltlich wurde es meist nur auf erstaunlich flachem Niveau. So fanden sich im Bereich “Sprache” nicht etwa linguistische Beobachtungen/Fragen, sondern vor allem “lustige” Buchstabendreher und andere Wortspiele, und “Spiritualität” wurde ungefähr so tiefgehend besprochen, wie man es aus der beliebten Zuckerwürfelastrologie (das sind die astrologischen Erkenntnisse, die auf Zuckerwürfeleinwickelpapier publiziert werden) kennt – wenn nicht gleich jegliche Form von Glauben pauschal als “eines intelligenten Menschen nicht würdig” abgetan wurde. Mag sein, dass die Diskussionen in naturwissenschaftlich-technischeren Bereichen des Newsgroup-Archivs erfreulicher war, aber so richtig glaube ich es nicht.

Der Fairness halber sei gesagt, dass mir durchaus klar ist, dass “fortgeschrittene” Diskussionen zu eher speziellen Fachthemen erst dann entstehen können, wenn mindestens zwei fachkundige Interessierte aufeinandertreffen – und das ist selbst bei 10.000 Mensa-Mitgliedern vielleicht einfach nicht so wahrscheinlich. Für derartige Austauschbedürfnisse gibt es also wahrscheinlich geeignetere Foren, und Internetdrama gibt es wahrlich nicht nur bei Mensa. Nichtsdestotrotz, auch die virtuellen “Stammtische” waren nicht so wirklich das, was ich mir erhofft hatte.

Aber es gibt ja noch mehr, was Mensa so im Netz macht. Ein besonderes Highlight des Entsetzens waren für mich daher die pseudowissenschaftlichen (und forschungsdesignkompetenzmäßig streckenweise wirklich sehr, sehr traurigen) Umfragen, in denen beispielsweise quantitativ erhoben werden sollte, welche unbekleideten Körpertypen Ms bei der PartnerInnenwahl (<- hier ist mit Absicht kein sprachlicher Platz für andere Gender als Mann und Frau) denn so präferieren. Im Ernst. Ich habe mich dabei öfter gefragt, wer hier eigentlich mit Vereinsgeldern gerade die “Forschung” für seine*ihre akademische Arbeit finanziert bzw. was um alles in der Welt der Zweck dieser Umfragen sein sollte, so jenseits persönlicher Neugier der Forschenden (nichts gegen die persönliche Neugier und zweckfreie Tätigkeiten an sich, aber meine Mitgliedsbeiträge sähe ich dann doch gern für Sinnvolleres ausgegeben).

In der QueerSIG (ein Mailverteiler für die Schwulen, Lesben, Bisexuelle und “Friends”; SIG steht für Special Interest Group) der ich natürlich ebenfalls sofort und hoffnungsfroh beitrat, traf ich zwar zwei Menschen wieder, die ich bereits aus anderen Queerkontexten kannte, keine*r der beiden war jedoch irgendwie aktiv bei Mensa im Allgemeinen oder der QueerSIG im Besonderen. Ansonsten tat sich dieser Mailverteiler vor allem durch nahezu konsequente Inaktivität hervor. Es gab zwar hier und da eine Ankündigung zu einem lokalen Treffen, aber die fanden stets anderswo statt. In Erinnerung geblieben ist mir außerdem eine Diskussion über den Sinn und Unsinn einer Selbstpräsentation der QueerSIG bei einem “Tag der Intelligenz” (jährliche Mensa-Werbe- und Infoveranstaltung), in der offenbar wurde, dass ich nicht die einzige war, die Mensa nicht eben als homofreundlich erlebte (ganz zu schweigen von anderen Formen von Queerness). Da die QueerSIG laut Mitgliedsliste übrigens deutlich männlich dominiert ist, wurde wohl kurz vor meinem Austritt noch die LesSIG für lesbische und bisexuelle Frauen gegründet. Die KlapSIG (BDSMer*innen und Interessierte) war – soweit für mich erkennbar – massiv überwiegend hetero mit ein paar heteroflexiblen und schwulen Einsprengseln und schien aus lauter Leuten zu bestehen, die sich alle bereits persönlich kannten und die auch hier sehr beliebten Insideranspielungen verstanden. Inhaltlich passierte hier zwar deutlich mehr als bei der QueerSIG, aber dennoch relativ wenig, was meiner persönlichen Interessenslage entsprochen hätte. Kleinere Versuche, mich hier oder dort inhaltlich zu positionieren, um so ggf. auf etwas spezieller Gleichgesinnte zu stoßen, hatten leider nicht die gewünschte Konsequenz. Aber irgendwann wird ja das Finden von so vielen Devianzüberschneidungen allein rechnerisch eher unwahrscheinlich, denn auch sexuelle Normabweichungen sind ja in gewisser Weise ein Fachgebiet mit speziellen Unterthemen.

Als M bekam ich weiterhin alle zwei Monate das bereits erwähnte MinD Mag zugesandt, eine Zeitschrift, die zwar professionell aufgemacht ist, sich inhaltlich aber durchschnittlich eher so auf Schülerzeitungsniveau bewegt – denn “Mensa hat keine Meinung”, also darf im MinD Mag als offizieller Vereinszeitschrift auch kein M eine Meinung haben, die über ganz persönliche Vorlieben für bestimmte Reiseländer, Speisen und Getränke, Spiele oder Bücher hinausgeht. Das Magazin landete jedenfalls in diesem Haushalt immer schnell beim Lesestoff neben dem Klo, da wo auch die anderen weniger anspruchsvollen Presseerzeugnisse landen, in die man doch mal kurz reingucken will, bevor man sie ins Altpapier tut.

Überhaupt, das mit der Politik ist offenbar sowieso nicht so einfach. Mensa will sich nämlich schon manchmal gern zum Thema Hochbegabung und Hochbegabungsförderung öffentlich äußern, darf das aber satzungsmäßig (Mensa-Satzung [pdf]) eigentlich nicht (“Der Verein darf nicht zu politischen oder religiösen Themen Stellung nehmen.”). Also wird ein Teil der oben erwähnten Umfragen dazu genutzt, ein Meinungsbild der Mitgliedermehrheit zu erhalten, um dann “wissenschaftlich fundiert” im Namen der Mitgliedergesamtheit (na, wo ist hier der Denkfehler?) zum Beispiel sagen zu können, dass Hochbegabte sich öfter mal unverstanden fühlen (denn: “Die Veröffentlichung der Ergebnisse von Mitgliederumfragen gilt nicht als Stellungnahme des Vereins.”).

Ich teile die Einschätzung, dass es einen Mangel an vernünftiger Forschung zu Hochbegabung und Hochbegabten (insbesondere im Erwachsenenalter) gibt. Ich verstehe auch, dass der Vereinszweck laut Satzung “die Förderung von Wissenschaft und Forschung auf dem Gebiet der menschlichen Intelligenz sowie von Bildung und Erziehung” ist, und dass Mensa diesen Zweck u.a. durch “die Durchführung und Unterstützung wissenschaftlicher Veranstaltungen [und] Forschungsvorhaben” verwirklicht. Bloß dass ich die erwähnten Umfragen nicht im Ernst als “wissenschaftlich” bezeichnen würde. Und dass ein solcher Zweck eine*n unweigerlich in äußerst politische Gefilde führt. Ich glaube nämlich auf gar keinen Fall, dass sich durch das Unterlassen von Stellungnahmen zu politischen oder religiösen Themen verhindern lässt, als Verein “unpolitisch” zu bleiben und “keine Meinung” zu vertreten. Im Gegenteil. Selbst wenn Mensa sich stumpf auf die Förderung von Hochbegabungsforschung an öffentlichen Universitäten konzentrieren würde, stellt sich dennoch die Frage, welche wissenschaftlichen Fragestellungen hier unterstützt werden, in welchen Fachbereichen sie angesiedelt sind und welche Wissenschaftler*innen mit welcher Agenda die Forschung durchführen (und jetzt komme mir bitte niemand mit dem Mythos, Wissenschaft, v.a. Naturwissenschaft, sei objektiv!). Und welche Intelligenz ist überhaupt gemeint? Die, die ein standardisierter IQ-Test misst? Ist das denn ein kulturell neutraler Test, der außerdem wirklich nichts mit dem bisherigen Zugang einer Person zu Bildung und Anregung zu tun hat (der IQ-Test, den ich damals gemacht habe, fällt nämlich nicht in diese Kategorie – aber auch das ist eine Geschichte für einen anderen Tag)? Und so weiter. In anderen Worten, genauso, wie man nach Paul Watzlawick nicht nicht kommunizieren kann, kann man meiner Meinung nach nämlich nicht nicht politisch Stellung beziehen.

Nun gut. Es war deutlich: Mensa virtuell war also weder im Allgemeinen noch im Speziellen mein Tanzbereich. Und auch die Vereinspolitik als solche fand ich weder logisch noch großartig. Aber gut, das war ja nicht so schlimm, denn ich brauchte eh nicht so dringend noch einen Onlinespielplatz, noch mehr gedruckten Lesestoff oder gar eine Politgruppe, sondern ich wollte ja vor allem offline ein paar nette und intelligente Menschen kennenlernen. Ich sah mich also weiter unter “mensanischen Minderheiten” um…

Aber davon dann mehr im nächsten Teil.

Hochbegabt im Verein – ein Rückblick auf meine Zeit bei Mensa e.V. (Teil 1)

Hochbegabt im Verein – ein Rückblick auf meine Zeit bei Mensa e.V. (Teil 1)

Seit vorgestern bin ich offiziell kein Mitglied mehr im Hochbegabtenverein Mensa in Deutschland e.V. Dabei hatte alles so vielversprechend angefangen.

Ich weiß ja schon seit einigen Jahren, dass ein Teil meiner eigenen Seltsamkeit mit dem Begriff Hochbegabung durchaus treffend beschrieben ist (was genau das für mich bedeutet, erzähle ich mal an anderer Stelle). Mindestens genauso lange weiß ich auch, dass es Mensa gibt, hatte aber lange Zeit irgendwie nie das Gefühl, dass das der richtige Ort für mich ist. Schließlich bin ich überhaupt nicht so, wie man sich so “typische Hochbegabte” vorstellt: Weder spiele ich Schach oder Geige, noch war ich herausragend gut in der Schule (meine Abinote ist 2,5), noch interessiere ich mich besonders für “typisch hochbegabte” Themen wie Astrophysik, Quantenmechanik, Dinosaurier oder Programmiersprachen. Ich kann keine Telefonbücher oder Zugfahrpläne auswendig und schaudere allein beim Gedanken daran, mit sowas meine kostbare Zeit zu vergeuden, hatte in Mathe zwischendurch auch mal eine Fünf, habe kein Spezialwissen zu einem obskuren Interessensgebiet angehäuft (na gut, mit Ausnahme von Femme-Geschichte vielleicht) und finde mich auch nicht auffallend sozial inkompetent. Und intelligente Freund*innen hatte ich eh schon. Was sollte ich also bei Mensa?

Nach einem Umzug und meinem Studienabschluss hatte ich eines Tages jedoch das Gefühl, dass mir ein paar neue soziale Kontakte nicht schaden würden, und überlegte, wo ich wohl interessante Leute kennenlernen könnte. Unter anderem fiel mir dabei wieder Mensa ein. Nach längerem Überlegen entschied ich schließlich, dass ich mir am besten selbst ein Bild von den dort versammelten Hochbegabten machen sollte, anstatt an blöde Hochbegabtenklischees zu glauben, denen ich ja noch nichtmal selber entsprach. Ich schrieb also eine Mail an den damals zuständigen LocSec (wie es sich für einen anständigen Verein gehört, gibt es bei Mensa diverse Ämter, die mit kryptischen Abkürzungen benannt sind – “LocSec” bedeutet zum Beispiel “Local Secretary”, also in etwa “Regionalverantwortliche*r”), um herauszufinden, ob ich einfach so mal zu einem Stammtisch dazukommen konnte. Ich konnte.

Also machte ich mich an einem Frühjahrsabend vor etwa zweieinhalb Jahren mit Rückendeckung durch eine vertraute Begleitung auf den Weg, traf im Stammtischlokal aber nur die etwas klägliche Anzahl von zwei männlichen Ms (der/die/das M ist ein abgekürztes Mensa-Mitglied, Mehrzahl: die Ms) an, einer davon besagter LocSec. Nun ja, es war um Ostern herum, und mir wurde glaubwürdig versichert, dass sonst deutlich mehr Personen kämen. Man war neugierig auf mich, ebenso wie ich auf Mensa, so dass sich schnell eine angeregte und durchaus amüsante Unterhaltung entwickelte. Außerhalb von Mensa hätte ich mit diesen Menschen vermutlich nie Kontakt gefunden, geschweige denn so nett geredet. Das fand ich einen Pluspunkt.

Ich hörte an diesem Abend lauter Geschichten über die bunte Vielfalt an Menschen, die es bei Mensa so gäbe. So wurde mir explizit von der QueerSIG (eine schwullesbische Special Interest Group bei Mensa), der KlapSIG (BDSMer*innen und Interessierte bei Mensa) sowie von einer Transfrau aus dieser Stadt erzählt, die ebenfalls bei Mensa sei. Ich fühlte mich also in bester Gesellschaft. (Bis heute ist mir übrigens nicht so ganz klar, warum trotz diesbezüglicher Nicht-Verortung meinerseits ausgerechnet all diese queer(verwandt)en Themen als Vielfaltsbelege herangezogen wurden…) Bis hin zum mehrfach zitierten Leitsatz “Mensa ist, was ihr draus macht”, der mehrfach zitiert wurde, und der mein DIY-Herz natürlich erfreute, klang jedenfalls erstmal alles ganz toll. So viele Möglichkeiten!

Ich trat also nach dieser personalisierten Werbeveranstaltung (denn seien wir ehrlich: der LocSec muss natürlich stets die Mensa-Version in seinem Zuständigkeitsgebiet repräsentieren und schönreden) und 1-2 weiteren netten Treffen kurzentschlossen bei Mensa ein und ging munter weiter zu den örtlichen Stammtischterminen. Nach nicht allzu langer Zeit kristallisierten sich hier jedoch einige höchst unerfreuliche Gesprächsmuster heraus, die zwar allesamt bestimmt nicht mensaspezifisch sind, aber denen ich außerhalb von Erwerbsarbeitskontexten seit vielen Jahren erfolgreich aus dem Weg gehen konnte. Umso erstaunter war ich, sie in dieser Ballungsform ausgerechnet in einem Verein voll geprüft überdurchschnittlich intelligenter Menschen anzutreffen (ich hegte da offenbar die eine oder andere Illusion, dass Hochbegabte auch in diesem Punkt nicht normal seien).

Erstens. Weibliche Ms gibt es ja sowieso nicht so viele (gesamtmensanisch hat es etwa ein Drittel Frauen), und bei den Stammtischen noch viel weniger (ich schätze im Schnitt der von mir besuchten Treffen waren es so um die 10%). Umso gefragter sind weibliche Ms daher bei den scheinbar fast ausschließlich heterosexuellen männlichen Ms, die gern intelligent liiert wären. Dieses Schicksal wurde auch mir zuteil. Streckenweise performte ich meine Gesprächsbeiträge als einzige verbliebene Frau des Abends für bis zu fünf männliche Ms, die mir allesamt ein gebanntes Publikum waren. Meiner inneren Miss Piggy tat die ungeteilte Aufmerksamkeit zuweilen zwar ganz wohl, bloß dass ich leider schnell begann, mich wie ein Zirkusschwein zu fühlen, das von den anwesenden Herren ob seiner Seltenheit fasziniert betrachtet wurde. Das Klischee vom sozial nicht immer brillianten männlichen M bestätigte sich leider insofern, als dass es tendenziell mir-als-Frau zufiel, mich um die stetige Zufuhr weiterer Gesprächsthemen und eine allgemein freundliche Atmosphäre am Tisch zu kümmern. Zwischendurch bemühten sich einzelne männliche Ms, mich-als-Frau zu beeindrucken, gern, indem sie andere männliche Ms intelligenziell zu übertrumpfen versuchten – was leider konträr zu meinen Bemühungen um eine angenehme Stimmung lief. Ich ignorierte jedenfalls geflissentlich und desinteressiert den flirtenden Subtext dieser Gespräche. Sobald ich mich jedoch zu einer expliziteren Bekundung meines Desinteresses gezwungen sah, wurde die zuvor – trotz der unnötigen Beeindruckungsversuche – oft durchaus nette Gesprächsatmosphäre stets etwas verkrampft. Vielleicht hätte ich mich früher und öfter als queer outen sollen?

Zweitens. Bemerkungen mit auch nur vage feministischem oder antirassistischem Inhalt meinerseits zogen unweigerlich “scherzhafte” Provokationsversuche anderer (und stets männlicher) Ms nach sich. Je nach Tagesform habe ich die entweder “scherzhaft” bis augenrollend gekontert und dann das Thema gewechselt, oder mir die Mühe gemacht, meinen Standpunkt näher zu erläutern bzw. mit geeigneten Argumenten/Daten zu untermauern. Gebracht hat beides für mich allerdings in etwa denselben Frust darüber, dass Intelligenz offenbar keineswegs vor Privilegienleugnung oder anderen gruppenspezifischen Menschenfeindlichkeiten schützt. Und einen nennenswerten Erkenntnisgewinn bei meinen Gesprächspartner*innen konnte ich als Resultat meiner Bemühungen auch nicht feststellen. Offenbar ist mein Optimismus in Bezug auf das M als solches aber auch einfach ein wenig unangebracht gewesen…

Drittens. Gespräche mit weiblichen Ms fanden leider äußerst selten statt, denn (wegen des bereits erwähnten real existierenden Geschlechtermissverhältnisses bei Mensa im Allgemeinen und den Stammtischen im Besonderen ergab es sich äußerst selten, dass ich überhaupt mal neben/gegenüber einer Frau zu sitzen kam. Wenn sie doch einmal zustande kamen, fand ich hier leider die gleichen Leugnungen gesellschaftlicher Machtverhältnisse vor (z.B. von Frauen in technischen Berufen, die mir allen Ernstes weismachen wollten, sie seien in ihrem Beruf noch nie als Frauen diskriminiert worden). Im Zweifelsfall waren meine Analysen gesellschaftlicher Mehrheitsverhältnisse daher reine “Ansichtssache” und/oder eine Folge meiner individuellen Persönlichkeitsstruktur, aber keinesfalls ein Problem des Systems.

Viertens. Sie war auch bei Mensa, die stets und überall vorherrschende Grundannahme: “‘Wir’ sind alle cisgeschlechtlich, heterosexuell, (relativ) monogam und präferieren Sex ohne Zubehör. Ausnahmen finden sich in den oben genannten Special Interest Groups, aber nicht beim ‘normalen’ Mensa-Stammtisch. Außerdem gehören wir alle der Mittelschicht an, sind mehrheitsdeutsch und nichtbehindert. Ausnahmen ziehen wir gern zur Illustration der mensanischen Vielfalt heran, ignorieren sie und ihre Belange ansonsten aber konsequent.” Ach ja, und da meine Mensazeit in ein WM-Jahr fiel: “‘Wir’ interessieren uns alle für Herrenfußball und sind bei Nationalspielen selbstverständlich immer für Deutschland.” Und so weiter.

In anderen Worten: Hatte man mir Mensaveranstaltungen anfangs noch als einen Ort verkauft, an dem man unter Ähnlichbegabten endlich mal geistig Vollgas geben, entspannt drauflos spinnen und die damit verbundenen Erholung vom oftmals etwas unverstandenen Leben unter “Normalbegabten” genießen könne, so wurde mir rapide klar, dass dies für mich offensichtlich leider nicht galt.

Meine Stammtischbesuche entwickelten sich somit viel zu schnell zu bloß einem weiteren Ort, an dem ich die stetige Ausnahme vieler Regeln war und ich mich ständig entweder in der Rolle der charmant-brückenbauenden Erklärbärin (an guten Tagen) oder des exotischen bzw. einfach-nicht-vorkommenden Sonderfalls (an nicht so guten Tagen) wiederfand. Kurz: es war wie überall anders auch, bloß noch frustrierender, weil ich mir den Mangel an Einsicht in gewisse Problematiken bei Mensa wirklich nicht mit einem Mangel an Intelligenz erklären konnte. Im Unterschied zu meinem Erwerbsarbeitsumfeld gab es bei Mensa ja noch nichtmal Geld für meine Anwesenheit, das mich vielleicht teilweise für die Abgründe entschädigt hätte, vor denen ich mich dort regelmäßig wiederfand.

Aber ich hatte ja gerade erst angefangen und war wild entschlossen, Mensa eine weitere Chance zu geben. Welche weiteren Bereiche von Mensa ich dann erkundet habe, und wie es mir dort ergangen ist, folgt dann alsbald in weiteren Beiträgen (voraussichtlich vier an der Zahl)…

Schuhe, Chefs und mein Arbeitsalltag als Femme

Schuhe, Chefs und mein Arbeitsalltag als Femme

Mein einer Chef liebt es, wenn Frauen Schuhe mit hohen Absätzen tragen. Er guckt Frauen, die in sein Büro kommen, auch jedes Mal auf die Füße, gern auch während eines fachlichen Gesprächs. Manchmal kommentiert er auch anerkennend das Schuhwerk der einen oder anderen Mitarbeiterin und bemerkt sogar, wenn eine ihren Schuhbestand erweitert oder verändert.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich gönne ihm sein Vergnügen an Frauenfüßen in hochhackigen Schuhen wirklich von Herzen und hoffe für ihn, dass seine Frau ihrerseits große Freude am High-Heels-Tragen hat.

Wenn da nur nicht sein Hang zu abwertenden Äußerungen über alle anderen Frauenfußbekleidungen wäre, die dem ganzen für mich einen üblen Beigeschmack gibt… Die Bandbreite reicht da von seinem bereitwillig kundgetanen Eindruck, dass Frauen in flachen Schuhe “wie Enten” gehen bis hin zu geringschätzigen Beschreibungen von Frauen in dem, was er für “Herrenschuhe” hält.

Nun bin ich eine dieser Frauen, die zur Arbeit konsequent flache Schuhe trägt, noch dazu in Größe 40 (also eher am oberen Ende dessen, was für Frauenfüße als “normal” gilt). Ich tue das nicht, weil ich keine Absätze mag – im Gegenteil. Ich tue das auch nicht, weil ich regelmäßig irgendwelchen Bussen oder Bahnen hinterher renne und das in flachen Schuhen einfach besser geht. Aber in dem Moment, als ich von der Vorliebe meines Chefs erfahren habe, war mir klar, dass ich in seiner Gegenwart keine hohen Absätze tragen würde. Ich wollte auf keinen Fall, dass er mir begehrlich auf die Füße guckt, anstatt seine Aufmerksamkeit auf meine inhaltlichen Kompetenz zu lenken. Diesen Entschluss habe ich jetzt etwa drei Jahre ziemlich konsequent umgesetzt (mit der Ausnahme von 2-3 besonders heißen Sommertagen in Sandalen mit klobigen Wedge-Absätzen, die insgesamt definitiv nicht seinem Idealbild von femininem Schuhwerk entsprechen).

Trotz mehrerer Hinweise meinerseits, dass ich genau solche Schuhe trage, wie er gerade als unattraktiv und “unweiblich” klassifiziert hat, äußert er seine Präferenzen übrigens weiterhin recht ungehemmt. Was bestenfalls einfach total unsensibel und unhöflich ist, und schlimmstenfalls als absichtliche Versuche, mich zu verletzen (und zum Ändern meiner Schuhbekleidung zu bewegen?) verstanden werden kann. Nun habe ich persönlich ja ein relativ dickes Fell, was die Meinungen anderer Leute über meine Outfits angeht, und neige eher zu Trotzreaktion à la “wenn er das so unattraktiv findet, mache ich es extra oft”. Aber es hat mir auch schon eine Kollegin im Vertrauen gesagt, dass sie sich auch fragt, ob er wohl denkt, sie trüge ihre geliebten hochhackigen Schuhe, um ihm zu gefallen – dass sie sich aber gleichzeitig solch verletzenden Bemerkungen nicht aussetzen möchte und daher keine flachen Schuhe zur Arbeit anzieht. Ich bin mir sicher, unser Chef hat sich noch nie darüber Gedanken gemacht, wie seine Äußerungen bei uns ankommen – und wenn doch, hofft er wahrscheinlich, dass wir ihm eines Tages kollektiv zustimmen und nur noch die Art Schuhe tragen, die er für das Ultimative am Frauenfuß als solchem hält.

Aber das nur am Rande. Mit meiner Absatzverweigerung ging jedenfalls eher unabsichtlich auch eine fast gänzliche Rockvermeidung einher, einfach deshalb, weil ich eher im Sommer (kürzere) Röcke trage und mir an mir dazu meist Schuhe mit Absatz besser gefallen. Da ich außerdem seltenst größere Ausschnitte zur Arbeit trage, da ich meine dortigen Tattoos in diesem Kontext ungern herzeige, entwickelte sich mit der Zeit eine Arbeitsgarderobe, die im Vergleich zu den meisten meiner Arbeitskolleginnen deutlich auf der unfemininen Seite angesiedelt ist: praktische Hosen (meist aus der “Männerabteilung”, gern mit Seitentaschen), eher hochgeschlossene Oberteile, flache Schuhe, keine Schminke. Daran ändern auch meine langen Haare und (meistens) lackierten Fingernägel nichts. In anderen Worten: ich bin eine der beiden unfemininsten Frauen in der Firma. Ich würde jetzt nicht behaupten, ich sei maskulin, aber in meinem Arbeitsumfeld scheint zwischen “unfeminin” und “maskulin” kaum ein Unterschied zu bestehen.

Nun bin ich aber auch Femme, und spätestens da wird es jetzt kompliziert.

Als Femme fühle ich mich in meinen hochhackigen Schuhen meistens sehr machtvoll – nicht zuletzt, weil ich darin oft leichter Zugang zu einer Kraft finde, die mit “sich sexy fühlen” nur sehr ungenügend beschrieben ist.

Das sind sie: meine Stiefel. Selbstgezeichnet.

Was ich eigentlich meine ist dies:

An einem Sommertag vor vielen Jahren ging ich in meiner geliebten abgeschnittenen BW-Hose, einem schwarzen Rippen-T-Shirt und meinen alten, runtergerockten Pseudo-Docs in einen gothic-technoesk angehauchten Klamottenladen um die Ecke meiner damaligen WG. In diesem Laden habe ich normalerweise immer sofort Minderwertigkeitskomplexe bekommen, weil wirklich alle anderen Menschen, die dieses Geschäft frequentiert haben, um Längen sorgfältiger und besser gestylt waren als ich. An diesem Sommertag sah ich jedoch ein Paar fast kniehohe schwarze Stiefel mit runder Spitze und dicken Plateauabsätzen, die ich aus unerfindlichem Grund unbedingt anprobieren wollte. Und das war ein wirklich bemerkenswerter Moment. Ich stand da in diesen Stiefeln, die wirklich übel mit dem Rest meines Outfits clashten, und fühlte mich groß, stark, machtvoll und genau richtig. Von Minderwertigkeitskomplexen konnte überhaupt nicht mehr die Rede sein. Selbstverständlich habe ich die Stiefel (und damit mein erstes Paar mit Absätzen überhaupt) gekauft.

Bis heute ist jedes Mal, wenn ich sie anziehe, dieses Gefühl wieder da. Es sind Stiefel, in denen ich viele Nächte durchgetanzt habe, in denen ich CSD-Strecken von Anfang bis Ende mitgelaufen bin, in denen ich Bierkisten geschleppt habe und in denen ich Sex hatte. Es sind Stiefel, die immer ein bisschen zu klobig, zu unelegant, zu auffällig, zu “billig” waren. Es sind Stiefel, die inzwischen gnadenlos aus der Mode gekommen sind. Es sind Stiefel, die mich körperhöhentechnisch in einen Bereich bringen, in dem sonst sehr mehrheitlich Männer zu finden sind – was mich zu der Erkenntnis brachte, dass es für viele von denen offenbar eine ungewohnte Erfahrung ist, sowas wie mich auf ihrer Augenhöhe vorzufinden. Es sind Stiefel, die manchmal ein mobiles Podest sind, auf das ich mich für die eine oder andere Butch begebe. Es sind Stiefel, die ich immer noch sehr liebe.

Es sind Stiefel, die ich nicht zur Arbeit trage. Sie sind einfach zu sex-konnotiert und zu queer dafür.

Inzwischen frage ich mich allerdings immer öfter, warum mir Sex und Arbeit eigentlich so unvereinbar erscheinen. Warum glaube ich, dass meine fachliche Kompetenz nur dann richtig zur Geltung kommt, wenn ich sie in erotik-neutralem Outfit demonstriere? Natürlich ist das eigentlich eine rhetorische Frage. Ich weiß ja, wie unterschiedlich die gleiche Gruppe Menschen auf mich und meine inhaltlichen Aussagen reagiert, je nachdem, ob ich tiefe Ausschnitte, kurze Röcke und Stiefel mit Absätzen trage oder ob ich Jeans und Kapuzi anhabe. Ich weiß ja, dass “zu viel” weibliche Sexiness im Mainstream-Berufsleben als unseriös und daher inkompetent gilt. Und ich weiß, dass ich es ablehne, mit den heterosexuellen Cis-Männern in meinem Arbeitsumfeld so umzugehen, als seien sie Butches  – d.h. ihre Maskulinität/Männlichkeit im Kontrast zu meiner Femininität zu bestätigen und wertzuschätzen. Ich finde nämlich nicht, dass sie das verdient haben, weil sie umgekehrt meine Femininität nämlich nicht auf die richtige Art wertschätzen und bestätigen. Das wäre nur Perlen vor die Säue (und ich meine da nicht Miss Piggy!). Abgesehen davon bin ich zu viel Feministin, um diese systembestärkenden Geschlechter”spielchen” guten Gewissens ungebrochen mitmachen zu können.

Trotzdem ist es ganz schön absurd und manchmal auch ernsthaft tragisch, dass ich mir eine so wirksame Kraftquelle ausgerechnet da verweigere, wo ich sie eigentlich wirklich gut gebrauchen könnte. Denn so wie es jetzt ist, ist meine Queerness vor allem als Femininitätsverweigerung sichtbar – was meine Femmeness quasi komplett aus der Wahrnehmung verschwinden lässt, und zwar nicht nur für meine Chefs und Arbeitskolleg*innen, sondern oft auch für mich selbst. Es ist, als ob ein großer Teil meiner Femmeness gerade brach liegt und mir dadurch jede Menge bestärkende Ressourcen fehlen. Nicht schön.

Vielleicht muss ich das also mal im Ernst zu meinem Alltagsforschungsprojekt machen: herausfinden, wie Femininität, erotische Kraft und fachliche Kompetenz zusammengehen, ohne, dass ich dafür mit Respektverlust bezahlen muss. Wie meine Femmeness und meine damit verbundene lustvolle Freude an der einen oder anderen Femininität im Arbeitsalltag deutlicher spürbar und wahrnehmbar sein kann. Denn ich möchte Femme wirklich nicht als etwas denken, das nur in queeren Kontexten auftauchen kann – und da ja auch nur sehr bedingt und keineswegs konfliktfrei (aber das ist ein anderer Text…).

Liebe Lesende: Kennt ihr solche Konflikte zwischen Kompetenz/Respekt und Erotik? Habt ihr Ideen, wie queere Femininität und erotische Kraft in heterodominierten Arbeitskontexten präsent sein können, ohne als inkompetent wahrgenommen zu werden?

Derailing “Romeos”?

Derailing “Romeos”?

Der Film Romeos dreht sich um den jungen schwulen Transmann Lukas (Rick Okon), der sich mit seiner besten lesbischen Freundin Ine (Liv Lisa Fries) durch den Alltag als Neu-Zivi und die Kölner Partyszene schlägt und versucht, dabei als trans* möglichst ungeoutet zu bleiben. Auf einer gemischten, heterodominierten WG-Party trifft Lukas den attraktiven, selbstbewussten, machoesken und sexuell aggressiven “Italiener” Fabio (Maximilian Befort), der Lukas’ Männlichkeitsideal verkörpert, und verliebt sich in ihn. Daraus folgen diverse Konflikte um Identitäten, Körper, sexuelle Orientierungen, Vertrauen, Abenteuerlust, und so weiter. Der ganz normale Teenie-/Jungerwachsenenwahnsinn also, mit dem auffallenden Unterschied, dass er zu größeren Teilen in schwullesbischem Kontext stattfindet. Was vor allem deswegen so auffällt, weil man die völlig normale Präsenz schwullesbischer Kontexte im Leben schwuler, lesbischer, bisexueller und weiß-nicht-so-genauer Menschen aus der Mainstreammedienlandschaft schlicht nicht kennt.

Ich habe diesen Film mit sehr gemischten Gefühlen dieses Jahr bei den Lesbisch-Schwulen Filmtagen (LSF) in Hamburg gesehen. Vor kurzem lag er nun bei der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) zur Altersfreigabe vor. Beantragt war eine Freigabe ab 12 Jahren, beschlossen wurde eine Freigabe ab 16 Jahren. Die Begründung der FSK [pdf] landete bereits vor einiger Zeit in meinem Postfach, ich habe mich kurz aufgeregt über die konzeptionell verwirrten und insgesamt extrem heteronormativen Formulierungen und das Ding dann als “war wohl nicht anders zu erwarten” ins Archiv verschoben.

Heute fand ich nun aber bei Joke von laufmoos eine umfassendere Analyse der Begründung der FSK und eine sich daran anschließende interessante Diskussion über Lesarten des Films, Definitionen von queer und verwandte Themen. Neu war mir, dass die FSK offenbar nach Protesten eine neue Begründung ihrer Einschätzung (via) formuliert hat, an der Einstufung “ab 16″ aber festhält. Eigentlich wollte ich auch nur einen Kommentar bei laufmoos hinterlassen, aber als ich so ins Schreiben kam, wurde alles wieder sehr lang, und erschien mir besser in einem eigenen Blogbeitrag aufgehoben.

Zunächst noch ein paar mehr Worte zum Film selbst:

Der Film spielt v.a. in einer Gruppe Teenies/Jungerwachsener in Köln, die meisten erstmals außerhalb des Elternhauses und in der Großstadt wohnend und mit entsprechendem Freiheitsauslebenwollensdrang. Es gibt als Orte zum Ausgehen (und zur Thematisierung von Sexualität) heterodominierte WG-Partys, schwule Discos und eine heterodominierte Billardkneipe. Es geht insgesamt viel um Begehren, Sex und die Suche nach dem*der “Richtigen”, Langzeitbeziehungen sind mir nicht in Erinnerung geblieben. Aber ganz ehrlich: ich erinnere mich auch nicht an viele heterosexuelle Langzeitbeziehungen um mich herum, als ich so zwischen 16 und 20 war. Mir scheint der sogenannte “häufige Wechsel von Partner*innen” (welche Häufigkeit hier auch immer die “normale” Vergleichsgröße bilden mag…) daher eher als ein Phänomen, das typisch für eine bestimmte Lebensphase ist, als eine spezifisch homosexuelle Angelegenheit.

Wie mittendrin in dieser ohnehin schon recht achterbahnmäßig emotional aufgeladenen Szenerie nun auch noch ein Transmann vorkommt, fand ich eigentlich sehr deprimierend realistisch umgesetzt. Ich war jedenfalls mal wieder extrem froh, mich inzwischen deutlich jenseits dieses Alters und dieser Lebenswelt zu befinden, die auch für mich als Nicht-Trans*mann eher keine unkomplizierte Lebenszeit war.

Ich habe an der einen oder anderen Stelle im Kino zwar sehr genervt über die vielen sexuellen, geschlechtlichen und ethnisierten Stereotype mit den Augen gerollt, aber so im Nachhinein muss ich das Genervtsein zumindest ein bisschen zurücknehmen, denn viele der Stereotype werden dann doch wieder irgendwie gebrochen. Zum Beispiel knutscht die extrem stereotyp großäugig-naive Die-kann-nur-hetero-sein-Blondine Jacqueline (Juliane Knoppek), mit der der stereotyp mackerige “Italiener” Fabio eine Zeitlang liiert ist, später mit der lesbischen besten Freundin von Lukas, dem bezüglich seiner Männlichkeitsideale vollkommen stereotypen Transmann. Das mit den vermeintlich klaren Kategorien der sexuellen Orientierung bringt der Film an vielen Stellen also wirklich angenehm vieldeutig durcheinander. Man könnte das vielleicht auch als pseudo-unpolitische Beliebigkeit abtun, aber ich empfinde es als durchaus passend für die dargestellte Welt. Als “eigentlich hetero”, wie in der Diskussionbei laufmoos aufkam, ist Fabio für mich jedenfalls nicht so ohne weiteres zu lesen.

Es gibt natürlich auch insgesamt nicht nur eine “richtige” Lesart von Romeos. Im Gegenteil, gerade seine relative Intersektionalität (hier v.a. verkörpert durch den schwulen Transmann und den schwulen/bisexuellen “Italiener”) eröffnet deutlich mehr als einen Blick auf die gezeigten Situationen. Auch Szenen wie die, in der Ine Lukas vorwirft, er habe nur noch trans* im Kopf und sei für die Anliegen seiner besten Freundin überhaupt nicht mehr offen, fand ich sehr realistisch und gelungen un-einfach. Gleiches gilt für die Weigerung der Pflegedienstleiterin Annette (Silke Geertz), ihrem sexistischem Chef Herrn Boeken (Gilles Tschudi) gegenüber zugunsten von Lukas Kompromisse einzugehen, die ihr zum Nachteil wären. Insofern bin ich inzwischen durchaus geneigt, meine gemischten Gefühle als Erfolg des Films zu verbuchen, der zwar in vielen Punkten sehr trans*- und homofreundlich ist (insbesondere durch die Selbstverständlichkeit, mit der diese Identitäten und Verhaltensweisen portraitiert werden), aber es sich dennoch nicht so einfach macht, die Welt in saubere Schubladen von “Guten” und “Bösen” aufzuteilen.

Nun zur ersten Begründung der FSK (hier nochmal der Link [pdf]): Für mich liest die sich, als ob jemand Schwullesbisches bei der FSK arg besorgt über das schlechte und “einseitige” Bild von Lesben und Schwulen gewesen sei, weil im Film zu viel über häufig wechselnde Partner*innen von Nicht-Heterosexuellen und zu wenig über monogame Langzeitbeziehungen gesprochen wird. Um Transidentität geht es in der Begründung eigentlich überhaupt nicht (weswegen das Thema auch gar nicht unter dem Punkt “Inhalt”, sondern erst in der “Beurteilung” auftaucht). Wenn darin also irgendwas deutlich wird, ist es das völlige Unverständnis von Trans*sein seitens der Person, die diese Begründung verfasst hat.
Alles weitere haben Joke von laufmoos und andere bereits zur Genüge auseinandergenommen, so dass ich hierzu nichts weiter sagen werde (Links siehe unten).

Die zweite Begründung der FSK (hier nochmal) deckt sich inhaltlich mit dem, was ich im Film tatsächlich gesehen habe. Warum Zwölfjährige jetzt mit dem Dargestellten überfordert sein sollen, weiß ich allerdings auch nicht. Vor allem nicht, wenn man sich vergegenwärtigt, was sonst so alles als zumutbar und verkraftbar für diese Altersgruppe gilt (bei bisexualitaet.org und MoviePilot finden sich einige hübsche Vergleichsfälle).

Was ich an der ganzen Debatte mit am interessantesten finde, ist allerdings nicht der ganze Wirbel um die Homofeindlichkeit der ersten FSK-Begründung (und -Einstufung an sich). Sondern die Tatsache, dass hier die ganze Zeit über die Darstellung von Homosexualität geredet wird, obwohl die eigentliche Story sich zentral um die Transidentität des Protagonisten dreht, der halt außerdem schwul ist (das ist aber nie ein Problem im Film). Und nun frage ich mich, ob wir es hier nicht vor allem mit einem klassischen Fall von Derailing zu tun haben… Um mal das GeekFeminismWiki zu zitieren:

Derailment occurs when discussion of one issue is diverted into discussion of another issue, often by the group who were being called out about their bad behaviour in the first place. [...] Typically, derailing will instead centre the needs of the relatively privileged group and ask the activist to reframe the conversations or actions around members of that group.

In anderen Worten: die Debatte verschiebt sich hier zu den Anliegen der relativ privilegierteren Gruppe der Lesben und Schwulen, womit verhindert wird, dass a) Lesben und Schwule sich mit ihrer eigenen Trans*feindlichkeit auseinandersetzen müssen, b) der Film auf seine Darstellung von Transidentität und Trans*leben hin untersucht wird, c) überhaupt über Trans* geredet wird. Statt dessen reden wir wieder einmal über Lesben und Schwule (richtiger: Schwule und Lesben) und haben außerdem noch den Nebeneffekt, dass der schwullesbisch zentrierte Protest positiv mit Trans* assoziiert wird (denn der Film ist ja in den meisten Köpfen vermutlich trotzdem zuerst ein Trans*film), d.h. die Trans*feindlichkeit von Schwulen und Lesben wird doppelt verschleiert.

Dabei bietet der Film selbst durchaus interessante und brauchbare Anknüpfungspunkte, um genau an die Schnittstelle zu gucken, wo Transidentität und Homo-/Bisexualität aufeinandertreffen, sowohl in subkulturellen Gemeinschaften als auch in ein und demselben Menschen…

—-

Weitere Texte zur FSK-Einstufung:

*schnipp*

*schnipp*

…und hiermit sei dieser Blog nun auch offiziell eröffnet und allgemein zugänglich.

Hier und da noch ist es noch ein wenig karg eingerichtet oder es fehlt noch etwas Mobiliar. Aber das kommt schon noch mit der Zeit. Man muss ja nicht alle Umzugskartons an einem Tag auspacken. Hauptsache, der Internetanschluss funktioniert und der Name steht an der Klingel.

Herzlich willkommen.

Jeans statt Hormone!

Jeans statt Hormone!

Mit der richtigen Jeans ist ja alles so einfach. Man zieht sie an, guckt in den Spiegel und sieht genau den Körper, den man sehen möchte.

Man spart sich den Gang zu Gutachter*innen, Ärzt*innen, Therapeut*innen, Krankenkassen, Gerichtsterminen, Behörden, etc. Kein Arbeitsausfall wegen Krankenhausaufenthalten. Kein vermutlich erhöhtes Leberkrebsrisiko wegen Testosteroneinnahme. Keine Narben. Keine Pickel. Kein Stimmbruch. Kein mühseliges Bodybuilding. Man spart sich sogar den Friseurbesuch!

Danke, Salsa.

Jetzt würde ich nur gern noch die Anzeige für die umgekehrte Richtung sehen. Aber “Männer”, die sich im Spiegel als Frauen sehen, sind wohl doch noch ein wenig zu gewagt für die hippe Modewelt.

(Bild gefunden in einem Onlineshop)

Es gibt etwa 33 bis 454 Geschlechter…

Es gibt etwa 33 bis 454 Geschlechter…

Bei einer meiner Erkundungstouren durch Teile des Internets bin ich irgendwann auch auf der Website der Antidiskriminierungsstelle des Bundes gelandet. Dort findet sich eine Meldung zu einer aktuellen Plakatkampagne mit dem Slogan “Kein Mensch passt in eine Schublade!” (die ganze Reihe der Motive findet sich hier zum Anschauen). Illustriert mit dem stets gleichen Foto eines nostalgischen Kartenkatalog-Schubladenschranks (für die jüngeren Lesenden: sowas Schickes gab’s in jeder schnöden Stadtteilbibliothek bevor die Büchersuche digitalisiert wurde) werden hier die unterschiedlichen Diskriminierungsthemen des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) thematisiert: Herkunft, Geschlecht, Religion, Behinderung, Alter und sexuelle Identität.

Es finden sich daher auf den Schubladen lauter kleine Label mit Bezeichnungen wie: uralt, jung, alt; blind, gehörlos, lernbehindert, chronisch krank; Türken, Roma, Russen, Italiener; Muslime, Christen, Juden. Weitere Schubladenschilder sind zwar beschriftet, aber zu verschwommen um lesbar zu sein (jedenfalls auf der online verfügbaren Größe des Plakats). Ich könnte jetzt noch weiter fragen, warum die jeweils erstgenannten Begriffe jeweils auf der halb offenen Schublade im Mittelpunkt des Bildes stehen (handelt es sich dabei um besonders beliebte Diskriminierungsziele? besonders große “Minderheiten”?), warum es bei “Herkunft” keine Deutschen gibt (weil Deutschsein hierzulande die Norm und daher unsichtbar ist?), warum nichtbehindert auf keinem der Label steht (weil Schubladisierung nur dann ein Problem ist, wenn man deshalb diskriminiert wird?), und so weiter. Aber das alles soll heute nicht mein Thema sein. Halten wir für heute fest, dass eine Anzahl von mehr als drei Ausprägungen bei Kategorien wie “Herkunft” oder “Religion” vermutlich den meisten Menschen nicht ungewöhnlich erscheint.

Plakatkampagne "Kein Mensch passt in eine Schublade" - Motiv Sexuelle IdentitätAber dann gibt es da auch die Plakate zu Geschlecht und Sexualität. Lesen kann man: lesbisch, schwul, hetero, bisexuell; Frau, Mann, Trans, intersexuell. Normalerweise ist ja allerspätestens nach diesen vier Begriffen Schluss mit dem vorhandenem Vokabular und Gedankenmodell. Nicht so auf diesem Plakat. Der Schubladenschrank hat nämlich ungefähr 33 sichtbare Schubladen. Und die Nummerierung derselben spricht gar von Zahlen im Bereich von 283 (Sexualität) und 454 (Geschlecht). Selbst wenn wir annehmen, dass jede Diskriminierungskategorie schön ordentlich ihren eigenen 100er-Nummernblock hat (die Fotos legen es nahe), so lässt das doch auf eine ungewohnt große Menge an möglichen und eigentlich sogar vorgesehenen Schubladen bzw. Identitätsbezeichnungen schließen – Platz dafür ist ja.

Plakatkampagne "Kein Mensch passt in eine Schublade!" - Motiv GeschlechtUnd ich muss schon sagen, es erfreut mein subversives Herz wirklich sehr, dass die Botschaft von den vielen, vielen Schubladen pro Kategorie jetzt so ganz unterschwellig und mit offiziell-behördlichem Stempel in die Öffentlichkeit getragen wird. Am allerschönsten finde ich aber die leeren Schilder (links im Bild) zum Selbstbeschriften, falls die vorgeschlagenen Label für die zufriedenstellende Selbstdefinition nicht ausreichen. Falls auch das nicht genug ist, können wir uns ja auf den guten alten analogen Verweis besinnen und auf unseren Karten in den Schubladen unserer Wahl kleine Hinweisnotizen zu unseren anderen Karten in den anderen Schubladen eintragen. Das ist dann auch schon fast wie Internet, wenn nicht (wegen des Mitmachfaktors) gar wie Web 2.0.

Weiterhin erfreue ich mich an Phantasien von kreativ ergänzten Plakaten dieser Kampagne im öffentlichen Raum (Tipp für die legale Variante dessen: man kann die Plakate demnächst kostenlos bestellen). Hach, so machen mir Identitätsschubladen wirklich Freude! Das war zwar jetzt nicht direkt die Botschaft der Plakatkampagne, aber da nehme ich mir doch gerne die Freiheit der eigenen Lesart.