Mein einer Chef liebt es, wenn Frauen Schuhe mit hohen Absätzen tragen. Er guckt Frauen, die in sein Büro kommen, auch jedes Mal auf die Füße, gern auch während eines fachlichen Gesprächs. Manchmal kommentiert er auch anerkennend das Schuhwerk der einen oder anderen Mitarbeiterin und bemerkt sogar, wenn eine ihren Schuhbestand erweitert oder verändert.
Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich gönne ihm sein Vergnügen an Frauenfüßen in hochhackigen Schuhen wirklich von Herzen und hoffe für ihn, dass seine Frau ihrerseits große Freude am High-Heels-Tragen hat.
Wenn da nur nicht sein Hang zu abwertenden Äußerungen über alle anderen Frauenfußbekleidungen wäre, die dem ganzen für mich einen üblen Beigeschmack gibt… Die Bandbreite reicht da von seinem bereitwillig kundgetanen Eindruck, dass Frauen in flachen Schuhe “wie Enten” gehen bis hin zu geringschätzigen Beschreibungen von Frauen in dem, was er für “Herrenschuhe” hält.
Nun bin ich eine dieser Frauen, die zur Arbeit konsequent flache Schuhe trägt, noch dazu in Größe 40 (also eher am oberen Ende dessen, was für Frauenfüße als “normal” gilt). Ich tue das nicht, weil ich keine Absätze mag – im Gegenteil. Ich tue das auch nicht, weil ich regelmäßig irgendwelchen Bussen oder Bahnen hinterher renne und das in flachen Schuhen einfach besser geht. Aber in dem Moment, als ich von der Vorliebe meines Chefs erfahren habe, war mir klar, dass ich in seiner Gegenwart keine hohen Absätze tragen würde. Ich wollte auf keinen Fall, dass er mir begehrlich auf die Füße guckt, anstatt seine Aufmerksamkeit auf meine inhaltlichen Kompetenz zu lenken. Diesen Entschluss habe ich jetzt etwa drei Jahre ziemlich konsequent umgesetzt (mit der Ausnahme von 2-3 besonders heißen Sommertagen in Sandalen mit klobigen Wedge-Absätzen, die insgesamt definitiv nicht seinem Idealbild von femininem Schuhwerk entsprechen).
Trotz mehrerer Hinweise meinerseits, dass ich genau solche Schuhe trage, wie er gerade als unattraktiv und “unweiblich” klassifiziert hat, äußert er seine Präferenzen übrigens weiterhin recht ungehemmt. Was bestenfalls einfach total unsensibel und unhöflich ist, und schlimmstenfalls als absichtliche Versuche, mich zu verletzen (und zum Ändern meiner Schuhbekleidung zu bewegen?) verstanden werden kann. Nun habe ich persönlich ja ein relativ dickes Fell, was die Meinungen anderer Leute über meine Outfits angeht, und neige eher zu Trotzreaktion à la “wenn er das so unattraktiv findet, mache ich es extra oft”. Aber es hat mir auch schon eine Kollegin im Vertrauen gesagt, dass sie sich auch fragt, ob er wohl denkt, sie trüge ihre geliebten hochhackigen Schuhe, um ihm zu gefallen – dass sie sich aber gleichzeitig solch verletzenden Bemerkungen nicht aussetzen möchte und daher keine flachen Schuhe zur Arbeit anzieht. Ich bin mir sicher, unser Chef hat sich noch nie darüber Gedanken gemacht, wie seine Äußerungen bei uns ankommen – und wenn doch, hofft er wahrscheinlich, dass wir ihm eines Tages kollektiv zustimmen und nur noch die Art Schuhe tragen, die er für das Ultimative am Frauenfuß als solchem hält.
Aber das nur am Rande. Mit meiner Absatzverweigerung ging jedenfalls eher unabsichtlich auch eine fast gänzliche Rockvermeidung einher, einfach deshalb, weil ich eher im Sommer (kürzere) Röcke trage und mir an mir dazu meist Schuhe mit Absatz besser gefallen. Da ich außerdem seltenst größere Ausschnitte zur Arbeit trage, da ich meine dortigen Tattoos in diesem Kontext ungern herzeige, entwickelte sich mit der Zeit eine Arbeitsgarderobe, die im Vergleich zu den meisten meiner Arbeitskolleginnen deutlich auf der unfemininen Seite angesiedelt ist: praktische Hosen (meist aus der “Männerabteilung”, gern mit Seitentaschen), eher hochgeschlossene Oberteile, flache Schuhe, keine Schminke. Daran ändern auch meine langen Haare und (meistens) lackierten Fingernägel nichts. In anderen Worten: ich bin eine der beiden unfemininsten Frauen in der Firma. Ich würde jetzt nicht behaupten, ich sei maskulin, aber in meinem Arbeitsumfeld scheint zwischen “unfeminin” und “maskulin” kaum ein Unterschied zu bestehen.
Nun bin ich aber auch Femme, und spätestens da wird es jetzt kompliziert.
Als Femme fühle ich mich in meinen hochhackigen Schuhen meistens sehr machtvoll – nicht zuletzt, weil ich darin oft leichter Zugang zu einer Kraft finde, die mit “sich sexy fühlen” nur sehr ungenügend beschrieben ist.

Das sind sie: meine Stiefel. Selbstgezeichnet.
Was ich eigentlich meine ist dies:
An einem Sommertag vor vielen Jahren ging ich in meiner geliebten abgeschnittenen BW-Hose, einem schwarzen Rippen-T-Shirt und meinen alten, runtergerockten Pseudo-Docs in einen gothic-technoesk angehauchten Klamottenladen um die Ecke meiner damaligen WG. In diesem Laden habe ich normalerweise immer sofort Minderwertigkeitskomplexe bekommen, weil wirklich alle anderen Menschen, die dieses Geschäft frequentiert haben, um Längen sorgfältiger und besser gestylt waren als ich. An diesem Sommertag sah ich jedoch ein Paar fast kniehohe schwarze Stiefel mit runder Spitze und dicken Plateauabsätzen, die ich aus unerfindlichem Grund unbedingt anprobieren wollte. Und das war ein wirklich bemerkenswerter Moment. Ich stand da in diesen Stiefeln, die wirklich übel mit dem Rest meines Outfits clashten, und fühlte mich groß, stark, machtvoll und genau richtig. Von Minderwertigkeitskomplexen konnte überhaupt nicht mehr die Rede sein. Selbstverständlich habe ich die Stiefel (und damit mein erstes Paar mit Absätzen überhaupt) gekauft.
Bis heute ist jedes Mal, wenn ich sie anziehe, dieses Gefühl wieder da. Es sind Stiefel, in denen ich viele Nächte durchgetanzt habe, in denen ich CSD-Strecken von Anfang bis Ende mitgelaufen bin, in denen ich Bierkisten geschleppt habe und in denen ich Sex hatte. Es sind Stiefel, die immer ein bisschen zu klobig, zu unelegant, zu auffällig, zu “billig” waren. Es sind Stiefel, die inzwischen gnadenlos aus der Mode gekommen sind. Es sind Stiefel, die mich körperhöhentechnisch in einen Bereich bringen, in dem sonst sehr mehrheitlich Männer zu finden sind – was mich zu der Erkenntnis brachte, dass es für viele von denen offenbar eine ungewohnte Erfahrung ist, sowas wie mich auf ihrer Augenhöhe vorzufinden. Es sind Stiefel, die manchmal ein mobiles Podest sind, auf das ich mich für die eine oder andere Butch begebe. Es sind Stiefel, die ich immer noch sehr liebe.
Es sind Stiefel, die ich nicht zur Arbeit trage. Sie sind einfach zu sex-konnotiert und zu queer dafür.
Inzwischen frage ich mich allerdings immer öfter, warum mir Sex und Arbeit eigentlich so unvereinbar erscheinen. Warum glaube ich, dass meine fachliche Kompetenz nur dann richtig zur Geltung kommt, wenn ich sie in erotik-neutralem Outfit demonstriere? Natürlich ist das eigentlich eine rhetorische Frage. Ich weiß ja, wie unterschiedlich die gleiche Gruppe Menschen auf mich und meine inhaltlichen Aussagen reagiert, je nachdem, ob ich tiefe Ausschnitte, kurze Röcke und Stiefel mit Absätzen trage oder ob ich Jeans und Kapuzi anhabe. Ich weiß ja, dass “zu viel” weibliche Sexiness im Mainstream-Berufsleben als unseriös und daher inkompetent gilt. Und ich weiß, dass ich es ablehne, mit den heterosexuellen Cis-Männern in meinem Arbeitsumfeld so umzugehen, als seien sie Butches – d.h. ihre Maskulinität/Männlichkeit im Kontrast zu meiner Femininität zu bestätigen und wertzuschätzen. Ich finde nämlich nicht, dass sie das verdient haben, weil sie umgekehrt meine Femininität nämlich nicht auf die richtige Art wertschätzen und bestätigen. Das wäre nur Perlen vor die Säue (und ich meine da nicht Miss Piggy!). Abgesehen davon bin ich zu viel Feministin, um diese systembestärkenden Geschlechter”spielchen” guten Gewissens ungebrochen mitmachen zu können.
Trotzdem ist es ganz schön absurd und manchmal auch ernsthaft tragisch, dass ich mir eine so wirksame Kraftquelle ausgerechnet da verweigere, wo ich sie eigentlich wirklich gut gebrauchen könnte. Denn so wie es jetzt ist, ist meine Queerness vor allem als Femininitätsverweigerung sichtbar – was meine Femmeness quasi komplett aus der Wahrnehmung verschwinden lässt, und zwar nicht nur für meine Chefs und Arbeitskolleg*innen, sondern oft auch für mich selbst. Es ist, als ob ein großer Teil meiner Femmeness gerade brach liegt und mir dadurch jede Menge bestärkende Ressourcen fehlen. Nicht schön.
Vielleicht muss ich das also mal im Ernst zu meinem Alltagsforschungsprojekt machen: herausfinden, wie Femininität, erotische Kraft und fachliche Kompetenz zusammengehen, ohne, dass ich dafür mit Respektverlust bezahlen muss. Wie meine Femmeness und meine damit verbundene lustvolle Freude an der einen oder anderen Femininität im Arbeitsalltag deutlicher spürbar und wahrnehmbar sein kann. Denn ich möchte Femme wirklich nicht als etwas denken, das nur in queeren Kontexten auftauchen kann – und da ja auch nur sehr bedingt und keineswegs konfliktfrei (aber das ist ein anderer Text…).
Liebe Lesende: Kennt ihr solche Konflikte zwischen Kompetenz/Respekt und Erotik? Habt ihr Ideen, wie queere Femininität und erotische Kraft in heterodominierten Arbeitskontexten präsent sein können, ohne als inkompetent wahrgenommen zu werden?